"Jeder trägt Verantwortung"

Ludwig Eckinger, der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, ist für seine pointierten Stellungnahmen bekannt. Im Interview entwirft er seine Idealvorstellung von einer Ganztagsschule, macht aber auch auf die Voraussetzungen dafür aufmerksam: Eine Veränderung der Lehrerausbildung und des Selbstverständnisses der Lehrer.

Ludwig Eckinger

Online-Redaktion: Herr Eckinger, eine Forderung des Verbandes Bildung und Erziehung lautet: "Wo Ganztagsschule drauf steht, muss auch Ganztagsschule drin sein." Was verstehen Sie denn unter einer Ganztagsschule?

Eckinger: Eine Rhythmisierung von Erziehung und Unterricht, die sich über den ganzen Tag spannen kann. Der Unterricht wird entzerrt, und die Schule wird für die Kinder und Jugendlichen nicht nur bloß erträglicher, sondern auch abwechslungsreicher. Der Grundsatz, dass Schule nicht nur Lernen, sondern auch Leben bedeutet, wird hier besser umgesetzt.

Online-Redaktion: Liegt denn die Crux darin, dass derzeit die halben Tage zu komprimiert sind?

Eckinger: Mit Sicherheit. Der Unterricht läuft in den meisten Schulen, selbst den Grundschulen, meist noch im Stundentakt ab, was überhaupt nicht mehr zeitgemäß ist - wenn es das denn jemals war. Von einem Inhalt zum anderen zu springen, ist überholt. Das durch eine neue Zeitorganisation zu überwinden, wäre allein schon eine Begründung für die Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Wie erklären Sie sich diese deutsche Tradition des Halbtagsunterrichts, der in Europa die Ausnahme darstellt?

Eckinger: Da ist mit Sicherheit einiges schiefgelaufen - auch in der Konzeption der Lehrerausbildung. Bis heute ist es nicht gelungen, die Lehrerinnen und Lehrer weniger zu Einzelkämpfern als zu Teamfähigkeit auszubilden. Von daher ist es fast logisch, dass die Lehrer meist mit dem Halbtagskonzept der Schule zufrieden sind.

Online-Redaktion: Oft wird in der Lehrerausbildung auch die Praxisferne beklagt.

Eckinger: Die eigentliche Berufswissenschaft - also Schulpsychologie, Methodik, Didaktik - und die Fachdidaktik, die das Bindeglied zwischen Erziehungswissenschaft und Fachwissenschaft ist, spielen in der Ausbildung eine viel zu geringe Rolle. Insgesamt ist die Lehrerausbildung an den Universitäten das fünfte Rad am Wagen. Das kann nicht so bleiben. Damit einher geht eine Unterschätzung der Praxis, die in Deutschland als unwissenschaftlich eingestuft wird, was natürlich völlig falsch ist. Auf jeden Fall gibt es in der ersten Phase der universitären Ausbildung ein krasses Defizit, was die Praxis angeht.

Die Pädagogik als Sammelbegriff und eigentliche Berufswissenschaft für die Lehrerinnen und Lehrer ist in der Lehrerbildung aber eine praktische Wissenschaft. Man muss hier das Verhältnis von Theorie und Praxis verbessern. Das geht nur über Praktika und mit Hilfe von Kooperationsschulen. Es können Netze von Schulen entstehen, wo Betreuung im besten Sinne gewährleistet werden könnte und das Feedback von Theorie und Praxis gegeben wäre. Momentan gibt es da noch völlig unberechtigte Berührungsängste. Wir brauchen aber mehr Praxisnähe der Theorie, allerdings umgekehrt auch mehr Theorienähe der Praxis.

Online-Redaktion: Wie kann man in der Ausbildung umsteuern?

Eckinger: Es hilft nichts, in einem Jammertal zu versinken. Ich hoffe, dass jetzt zum Beispiel die Definition der Bildungsstandards in der Lehrerbildung, beginnend mit den Bildungswissenschaften und den designierten Unterrichtsfächern, zur Einsicht führt, dass man die Verbindung zur Praxis braucht, weil es sonst völlig inhaltsleer ist, was man da definiert. Man müsste nur anfangen, und ich bin sicher, viele Schulen würden sich als Kooperationsschulen für die Universitäten zur Verfügung stellen. Allerdings müsste diese Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe stattfinden, die Praxis gleichberechtigt mit der Theorie sein.

Online-Redaktion: Vorhin nannten Sie einen wichtigen Schwenk in der Lehrerausbildung hinsichtlich der Ganztagsschule: Weg vom Einzelkämpfer zum Teamarbeiter. Welche neuen Anforderungen werden noch auf Ganztagsschullehrerinnen und -lehrer zukommen?

Eckinger: Der Lehrerberuf erfordert natürlich fachwissenschaftliche Kompetenz. Vorrangig müssen aber die Kompetenzen in der Pädagogik, der Psychologie und der Methodik liegen. Die Zuwendung zum Kind muss höchste Bedeutung erlangen und die Entwicklungspsychologie eine größere Rolle spielen. Wenn man an PISA denkt, müssen auch die offensichtlich bestehenden Defizite in der Diagnosefähigkeit behoben werden.

Meiner Meinung nach sollte die Lehrerbildung aber auch hinsichtlich des Autoritätsverständnisses in eine ganz andere Richtung streben: Es ist völlig falsch, den Kindern zu vermitteln, dass man als Lehrer Autorität wegen des Amtes hat. Autorität muss man jeden Tag neu erwerben und sich zur Disposition stellen. Damit hängt die Bereitschaft zusammen, Rechenschaft auch gegenüber den Eltern abzulegen. Auch hier gibt es Defizite in der Lehrerausbildung, weil die Studenten darauf viel zu wenig vorbereitet werden. Eltern haben ein Recht auf Transparenz. Das heißt nicht, dass sich die Lehrer von ihnen verhören lassen müssen, aber dass sie auf gleicher Augenhöhe miteinander über gemeinsame Erziehung und Bildung reden.

Online-Redaktion: Wie kann man Eltern besser in die Schulen einbinden?

Eckinger: Wir müssen neue Wege gehen und Themen anbieten, die die Eltern wirklich interessieren. Wenn man sich manche Einladungen zu Elternabenden anschaut, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Eltern nicht kommen: Da steht dann so was wie "Wahl des Elternbeiratsvorsitzenden", aber nichts Thematisches. Dabei gibt es so viele interessante Themen wie zum Beispiel "Leselust statt Rechtschreibfrust". Mit Sachthemen sind die Eltern eher zu interessieren. Sie müssen den Eindruck gewinnen, dass es auch auf ihre Anstrengung ankommt. Es ist überfällig, die Eltern in gestufter Verantwortlichkeit am Schulleben und der Profilbildung der Schule zu beteiligen und nicht nur auf dem Schulfest Kuchen verkaufen zu lassen. Man kann sich so ja auch Expertenwissen von außen hereinholen. Damit meine ich nicht, dass Eltern Unterricht geben sollen - ich bin entschieden gegen die Auswüchse in manchen Ländern, wo Eltern als billige Aushilfslehrer missbraucht werden. Unterricht ist die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer. Aber zu Mitarbeit sind viele Eltern bereit und alle - ganz egal in welcher sozialen Situation sie sich befinden - sind an der Entwicklung ihres Kindes interessiert. Ich bin optimistisch, dass Elternhaus und Schule zum Wohle der Kinder und Jugendlichen viel besser zusammenarbeiten können.

Online-Redaktion: Ganztagsschulen bieten mehr Zeit zum Lernen, sie erfordern höheres Engagement und auch mehr Personal. Wie beurteilen Sie die Personalausstattung für diese Schulform?

Eckinger: Bildung hat in unserer Gesellschaft leider einen zu geringen Stellenwert und daher wird letzten Endes zu wenig investiert. Wenn ich eine richtige Ganztagsschule aufbaue, muss ich auch ein entsprechendes pädagogisches Konzept verwirklichen. Das kann nur mit einem Netzwerk von Personen gelingen, die unterrichten und erziehen. Bei der Erziehung wird die Autorität der Lehrerinnen und Lehrer in einer Ganztagsschule schnell brüchig. Man muss Hilfe von außen durch Sozialpädagogen, Sonderpädagogen und Sozialarbeiter zulassen. Dann entsteht ein Netzwerk, eine Gemeinschaft, die ich als kleine polis in der Schule bezeichne.

Online-Redaktion: Aber noch fließt zu wenig Geld ins System?

Eckinger: Eigentlich schon. Auch wenn Geld nicht alles ist, wäre eine andere Annahme blauäugig. Internationale Vergleiche zeigen, dass wir zu wenig für Bildung ausgeben, im Elementar- und Primarbereich sogar dramatisch zu wenig. Wenn man ein solches Konzept wie die Ganztagsschule aufs Papier bringt, muss man auch ehrlich fragen, wie viel die Gesellschaft dafür zu zahlen bereit ist. Die Länder können hier nicht nur vom Bundesbildungsministerium ein paar Millionen Euro abholen, sondern müssen auch bereit sein, selbst umzuschichten. Man darf nicht nur beim Aufbewahren der Kinder stehen bleiben, sondern muss zu einer echten Rhythmisierung des Unterrichts kommen.

Online-Redaktion: Wenn Ganztagsschulen, wie Sie es sich wünschen, ganztägig rhythmisiert werden, sollten dann auch alle Schülerinnen und Schüler daran teilnehmen?

Eckinger: Wenn in einer Region die Mehrheit für die Einführung der gebundenen Form gestimmt hat, dann müsste die Teilnahme auch für alle verpflichtend sein. Zurzeit kann man es nicht vorschreiben, und von einer flächendeckenden Einführung der gebundenen Form halte ich auch nichts. Aber wenn es gewünscht wird, sollte es keine Ausnahmen geben.

Online-Redaktion: Neben dem Halbtagsunterricht wird auch die Vielgliedrigkeit des Schulsystems von manchen für die Misere im deutschen Schulwesen verantwortlich gemacht. Beim PISA-Sieger Finnland lernen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam bis zur neunten Klasse. Gibt es auch hier Veränderungsbedarf?

Eckinger: Der Verband Bildung und Erziehung favorisiert ein zweigliedriges System: Nach einer sechsjährigen Grundschulzeit sollte es einen eher hochschulvorbereitenden Bildungsgang - das Gymnasium - und einen eher berufsvorbereitenden Bildungsgang - die Sekundarschule - geben, wobei die Durchlässigkeit gesichert sein muss. Aber ich glaube, dass es weniger auf die Struktur als auf die Philosophie des Schulsystems ankommt. Welchen Stellenwert räumt man Bildung in einer Gesellschaft ein? Welchen Stellenwert haben die Lehrerinnen und Lehrer? Wie kann man ihre Arbeitsbedingungen verbessern? Wie kann man dafür sorgen, dass keine Schüler mehr durch das Raster fallen? Wie kann ich das Bewusstsein schaffen, dass alle Schülerinnen und Schüler gleich wichtig sind? Jeder sollte dabei wissen, dass er - egal wie alt er ist - an seinem Platz Verantwortung trägt und sich dadurch auch Pflichten und nicht nur Rechte ergeben. Das gilt für Schüler, Lehrer und Eltern gleichermaßen. Die Strukturdebatte - wir werden sie nicht umgehen können - sehe ich eher als zweitrangig an, wenn beispielsweise die erhebliche Aufwertung des Bildungsauftrags in den Kindergärten und Kindertagesstätten gelingt.

Online-Redaktion: Sie sprachen von einer polis in der Ganztagsschule. Gibt es hier bessere Möglichkeiten, zivilgesellschaftliches Engagement zu vermitteln?

Eckinger: Ja, ich glaube schon. Naturphilosophisch betrachtet müssen zwei Phänomene umgesetzt werden, um das gemeinsame Leben in der Schule erfolgreich zu gestalten: Erstens Wohlwollen - also von der eigenen Meinung abzurücken, wenn man erkennt, dass der andere die besseren Argumente hat. Und zweitens Ideologieverzicht: Man blickt über den eigenen Gartenzaun hinaus. Eine kleine polis kann nur funktionieren, wenn man das Streiten, aber auch das Versöhnen lernt. Dieser Umgang wäre in einer Organisationsform wie der Ganztagsschule viel besser gewährleistet und damit ein bedeutender Beitrag für das Gemeinwohl und eine zivile demokratische Gesellschaft.

Ludwig Eckinger
geboren 1944. Ausbildung zum Volksschullehrer an der Pädagogischen Hochschule in Regensburg; nach dem zweiten Staatsexamen an der Hauptschule Kelheim wissenschaftlicher Assistent an der Universität Regensburg und nach einem Aufbaustudium Promotion in den Fächern Pädagogik und Politische Wissenschaften; von 1982 bis 1994 Leitung der Grundschule Saal an der Donau. Seit Ende 1993 Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE); seit 1996 Vorsitzender der Expertenkommission Schule, Bildung und Wissenschaft des Deutschen Beamtenbundes (dbb). Stellvertretender Vorsitzender im Vorstand der dbb Akademie; zugleich Vizepräsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV); seit mehreren Jahren als VBE-Bundesvorsitzender Mitglied der Europa-Vorstände des Europäischen Gewerkschaftskomitees für Bildung und Wissenschaft (EGBW) und der Bildungs-Internationale (Education International / EI) in Brüssel; Vertretung des VBE auch in der von EI und EGBW neu gegründeten Pan-Europa-Kommission.

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