"Ganztagsschulen müssen Leuchttürme sein"

Zu lange hat Deutschland die Probleme im Bildungsbereich verdrängt. Neue Konzepte, neue Schulen müssen her. In ihrem Buch "Bilden statt Pauken" legt die Journalistin Jeanne Rubner von der "Süddeutschen Zeitung" dar, weshalb die Ganztagsschule ein geeignetes Mittel zur Überwindung der Misere ist. Wir sprachen mit ihr über die Rolle der Erziehung, Mutterkult und Ganztagsschulen als Leuchttürme.

Jeanne Rubner

Online-Redaktion: Frau Dr. Rubner, Sie sind Bildungsexpertin und Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. Hätten Sie auch ohne die PISA-Studie Defizite im deutschen Schulsystem festgestellt?

Rubner: Ja. Defizite erst mal in der Struktur der Schule, da ich - PISA hin oder her - der Meinung bin, dass eine Ganztagsschule besser geeignet ist, Kinder zu bilden und zu unterrichten. Zweitens finde ich, dass nicht die richtigen Dinge gelernt werden und versucht wird, zu viel Stoff rüberzubringen. Die deutsche Halbtagsschule ist viel zu komprimiert am Vormittag und lässt den Kindern nicht genügend Zeit zum Lernen. Das muss sich ändern.

Online-Redaktion: Ein Grundschullehrer meinte kürzlich, das ständige "Nach der Klassenarbeit ist vor der Klassenarbeit" sei völlig kontraproduktiv. Kommen die Kinder vor lauter Tests überhaupt zu etwas anderem als zum Lernen für das Kurzzeitgedächtnis?

Rubner: Ich glaube nicht, dass Klassenarbeiten per se ein Problem sind. Ich denke eher, dass es gut ist, die Kinder an Tests zu gewöhnen, weil diese ihnen eine Rückmeldung geben und die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Es kommt ja auch immer darauf an, welche Bedeutung man diesen Tests beimisst. Wenn Noten natürlich eine übergroße Bedeutung erlangen - wie in Bayern, wo nach der dritten Klasse nur noch auf die Noten geschielt wird - dann ist das ein Problem.

Online-Redaktion: Inwiefern hat PISA denn Ihre Meinung verstärkt, dass das Ganztags- dem Halbtagsschulmodell vorzuziehen ist?

Rubner: Eindeutig durch die schlechten Leistungen. Es ist wirklich dermaßen offensichtlich, dass wir weltweit hinterherhinken. Natürlich muss man immer die Frage nach den Ursachen stellen. Es gibt zwar keine einfachen Erklärungen für die PISA-Misere, aber wenn man nur mal schaut, was die anderen Länder haben, was wir nicht haben, sind zwei Charakteristika augenfällig: Es gibt Ganztagsschulen, wobei man zugeben muss, dass auch Länder wie Finnland dazugezählt werden, wo die Kinder auch nach dem Mittagessen nach Hause geschickt werden. Dort beginnt man aber gerade mit der Einrichtung von sehr viel mehr Ganztagsschulen als hier zu Lande. Das andere Merkmal ist die Gesamtschule im Gegensatz zu unserem gegliederten System. Die Diskussion um Gesamtschulen ist allerdings dermaßen ideologisch überfrachtet, dass ich die Befürchtung habe, es wird schwierig, von dieser Seite her in Deutschland etwas zu ändern. Ganztagsschulen lassen sich dagegen sowohl aus Leistungs- wie auch aus Chancengleichheitsgründen begründen.

Online-Redaktion: Rührt denn die Skepsis, die es in Teilen der Bevölkerung wie auch in der Politik über Ganztagsschulen gibt, wirklich aus der verinnerlichten Trennung zwischen Erziehung und Bildung?

Rubner: Ich denke schon, dass dies das Haupthindernis ist. Wir Deutschen haben ja ein recht sonderbares Verhältnis zu Familie und Müttern, die ihre Kinder erziehen müssen. Wir glauben ja auch, dass Kinder unter drei Jahren nicht aus dem Haus gelassen und von jemand anders als der eigenen Mutter erzogen werden dürfen. Und daher rührt unser Problem mit den Ganztagsschulen: Wir denken, Erziehung ist Sache der Familien - hauptsächlich der Mütter - und die Schule ist zum Lernen da. Das dies der Lebenswirklichkeit heute nicht mehr entspricht, ist noch nicht in die Köpfe vorgedrungen.

Online-Redaktion: In anderen europäischen Ländern ist diese Mentalität anders?

Rubner: Es gibt doch kein Land, das diesen Mutterkult betreibt, wie wir es tun. Das erklärt sich aus der Geschichte. Die Deutschen sind halt sehr geprägt von der Romantik, haben ein sehr romantisches Kindheitsbild und glauben, kleine Kinder müssten beschützt werden. Die Franzosen zum Beispiel gehen ganz anders mit kleinen Kindern um. Dort heißt es: Das sind Lebewesen, die was wollen, die sind anspruchsvoll, denen muss man was bieten, die muss man - das hört man in Frankreich immer wieder - durchaus auch zurechtstutzen. Dazu muss man sie auch früh in die Schule schicken. Der französische Staat hat ja auch den Anspruch, durch die Schule möglichst alle Kinder ab drei Jahren zu treuen Staatsbürgern zu erziehen. Dagegen gibt es bei uns natürlich auch diesen durch das Dritte Reich und die DDR historisch bedingten Vorbehalt, ein Misstrauen gegen einen sich zu tief in die Erziehung einmischenden Staat.

Online-Redaktion: Wie kann denn in Schulen erzogen werden?

Rubner: Es gibt schon sehr gute Ganztagsschulen und reformpädagogisch orientierte Schulen, die vormachen, wie so etwas ablaufen kann. Selbstverständlich wird auch schon mit dem normalen Unterricht eine Menge Erziehung vermittelt. Der Lehrer trichtert den Schülerinnen und Schülern ja nicht nur Wissen ein, und natürlich müssen die Pädagogen und die Kinder auch miteinander reden und miteinander auskommen. Aber zusätzliche Instrumente wie zum Beispiel der Morgenkreis für jüngere Kinder sind sinnvoll. Besonders am Morgen nach einem Wochenende können die Schülerinnen und Schüler erzählen und Revue passieren lassen, was am Wochenende geschehen ist und was sie in der anstehenden Woche vorhaben. Oder sie können reflektieren: Warum geht es mir gut? Warum geht es mir schlecht? Auch das gehört zur Erziehung.

Dann gibt es an manchen Schulen die so genannten Klassenleiterstunden, in denen nicht unterricht wird, sondern Probleme innerhalb des Klassenverbandes besprochen und gemeinsam Lösungen für Verbesserungen gesucht werden. Das sind im Grunde klassische Instrumente der Erziehung. Das lässt sich natürlich auch fortsetzen, indem ich das Angebot der Schule verbreitere. Die Lehrer können ihre Schüler zum Beispiel zu einem nahegelegenen Seniorenheim mitnehmen, wo diese den alten Menschen etwas vorlesen. Auch das ist Teil einer ganzheitlichen Erziehung, indem man im Grunde das Leben zurück in die Schulen holt. Es gibt genügend positive Beispiele, nur leider noch nicht an ausreichend vielen Schulen.

Online-Redaktion: Ein anderer weitverbreiteter Einwand gegen Ganztagsschulen lautet: Kinder haben keine Zeit zum Spielen mehr...

Rubner: Ich halte das für ein fadenscheiniges Argument. Eins ist zwar klar, und das kann man auch nicht bestreiten: Von dem Freiraum zu tun, was man will, geht etwas verloren. Aber mal andersherum gefragt: Wie viele Kinder vertrödeln den Nachmittag vor der Glotze oder hängen auf der Straße herum, wissen nichts mit sich anzufangen? Diese Kinder fängt man mit einem Programm in der Ganztagsschule auf. Natürlich darf man nicht den Fehler machen, die Ganztagsschule mit ununterbrochenem Unterricht von acht bis 17 Uhr zu gestalten. Eine gute Ganztagsschule zeichnet sich dadurch aus, dass sich in ihr Unterrichtszeiten mit sozialen Projekten oder Freizeitangeboten wie Kochen, Theaterspielen und Fahrradreparieren abwechseln, während jüngere Kinder natürlich auch Zeit zum eigentlichen Spielen bekommen.

Online-Redaktion: Muss man dann aber nicht für eine verpflichtende Ganztagsschule plädieren, weil bei freiwilligen Angeboten nur die Schülerinnen und Schüler in der Schule bleiben würden, deren Eltern keine Zeit oder Lust haben, sich mit ihnen zu beschäftigen?

Rubner: Ja, ich bin für die gebundene Form, weil sie allen das selbe Programm bietet, ohne gleichmacherisch sein zu wollen. Ich kann zum Beispiel Musikunterricht anbieten, und die Kinder können mit verschiedenen Instrumenten lernen. Es ist aber unrealistisch, von heute auf morgen die Ganztagsschule für alle einführen zu wollen. Wie Rheinland-Pfalz das macht, ist schon ein ganz guter Weg. Dort ist das Nachmittagsangebot nicht verpflichtend, aber man hofft darauf, dass es so überzeugend ist, dass selbst Elternteile, die nachmittags zu Hause sind, sagen: Mensch, das ist toll, was die da in der Schule nachmittags anbieten! Das ist der realistischere Weg, denke ich.

Online-Redaktion: Von Bundesland zu Bundesland variiert das Aufbautempo und das Konzept von Ganztagsschulen erheblich. Glauben Sie, dass es zu einer bundesweiten Vereinheitlichung kommen wird?

Rubner: Ich befürchte, nein. Schon jetzt sind einige Bundesländer aus verschiedenen Gründen - seien sie psychologisch oder finanziell - schon sehr viel weiter als andere. Länder wie Bayern oder Baden-Württemberg sind beispielsweise der Meinung, dass Ganztagsschulen nur etwas für soziale Brennpunkte sind, was ich für einen absoluten Fehler halte. Man muss aber auch die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sehen. Im Osten hat sich nun mal das Hortmodell durchgesetzt, und dort werden wohl nicht so schnell neue Ganztagsschulen etabliert werden. Da entsteht sicherlich ein ziemlicher Flickenteppich. Langfristig kann man nur darauf hoffen, dass sich durch den Druck der Eltern die Erkenntnis durchsetzt, dass Ganztagsschulen allen etwas nützen.

Online-Redaktion: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang das Programm "Zukunft Bildung und Betreuung" der Bundesregierung ein?

Rubner: Positiv, weil der Bund es durch dieses Förderprogramm tatsächlich geschafft hat, den Ländern einen Stoß zu geben. Das Vier Milliarden Euro-Programm hat immerhin bewirkt, dass sich alle Länder irgendwie Gedanken machen. Wie das Ergebnis dann aussehen wird, ist jetzt noch zu früh zu beurteilen.

Online-Redaktion: Was muss Ihrer Meinung nach denn als nächstes angepackt werden?

Rubner: Wichtig ist, überall gute Projekte zu beginnen und dass man dann viel über diese guten Projekte erfährt. Sie sollten sozusagen Leuchttürme sein, an denen man sich orientieren kann und von denen viele Eltern und Lehrer sagen: "Das sind tolle Schulen, da tut sich was! Das sind bessere Schulen als die herkömmlichen."

Unsere Rezension zu Jeanne Rubners Buch "Bilden statt Pauken" finden Sie im Archiv.

Jeanne Rubner
geboren 1961, ist Mutter von drei Kindern; zwei von ihnen sind im schulpflichtigen Alter. Als innenpolitische Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung" ist sie für Schul- und Bildungsthemen zuständig. Nach dem Studium der Physik promovierte sie über ein Thema der theoretischen Gehirnforschung. "Bilden statt Pauken", ihr Plädoyer für eine neue Schule, ist im April 2003 im Ullstein-Verlag erschienen.

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