"...dann wäre Ganztagsschule ein Torso"

Mehr Zeit für schulpolitisches Engagement - ein wesentliches Plus von Ganztagsschulen gegenüber Halbtagsschulen. Ein Interview mit Renate Hendricks, der Vorsitzenden des Bundeselternrates, über Chancen und Anforderungen der pädagogischen Ausgestaltung von Ganztagsschule.

Renate Hendricks

Online-Redaktion: Frau Hendricks, worin liegt das Plus von Ganztagsschulen gegenüber Halbtagsschulen?

Hendricks: Das Plus ist dann gegeben, wenn wir einen pädagogisch vernünftig organisierten Tag haben, die Möglichkeit, Kindern, auf der Schule eine umfassende Förderung und Bildung anzubieten. Mehr als das an der Halbtagsschule möglich ist. Ich hoffe, dass vor allem der kreative und musische Bereich, auch die Frage der Persönlichkeitsbildung, das Miteinander, mehr in den Vordergrund gerückt werden und mehr als Auftrag der Schule gesehen werden.

Online-Redaktion: Wie würden Sie Ihren Kindern die Ganztagsschule erklären?

Hendricks: Ich würde meinen Kindern sagen, dass sie am Nachmittag in der Ganztagsschule die Möglichkeit hätten, Hausaufgaben zu erledigen, Hilfe und Unterstützung beim Lernen zu erhalten und kompetente Ansprechpartner zu finden. Sie können das, was sie ohnehin gerne machen würden - Theater, Ballett, Trompete, Klavier, Malen und Zeichnen, Computer - in der Ganztagsschule gebündelt und bequem an einem Ort wahrnehmen. All dies erhält man sonst nur mühsam in der Addition der Angebote von Schule und Nachmittagsbetreuung.

Meine Tochter ist vor einigen Wochen nach Kanada geflogen. Dort wird sie die Ganztagsschule aus einem anderen Blickwinkel kennen lernen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich jetzt selbst mehr einbringen, ihre Fähigkeiten ausloten und selbst Kurse anbieten kann.

Online-Redaktion: Ganztagsschulen öffnen sich der Wirtschaft, Selbstständigen, Künstlern und anderen Partnern des gesellschaftlichen Lebens. Darüber wird bisweilen das Ziel der Demokratisierung von Schule vergessen. Was kann Ganztagsschule im Hinblick auf die Stärkung der Mitbestimmung und Eigenverantwortung leisten?

Hendricks: Je länger Schüler in der Schule sind, je mehr sie auch zusammenleben, umso mehr müsste das Selbstbestimmungsrecht bei der Gestaltung von Schule gestärkt werden. Sie müssten Verantwortungsbereiche in der Schule bekommen, sie müssen Selbstständigkeiten wirklich wahrnehmen können, sie müssen wirklich gehört werden und nicht nur, wie das häufig der Fall ist, an Alibiveranstaltungen teilnehmen. Wirklich demokratische Strukturen müssten eingeführt werden.

Während die Schülerinnen und Schüler in Kanada ad hoc per Lautsprecher eine Schülervollversammlung in die Mensa einberufen, wenn es ein Problem gibt, gehen die Kinder und Jugendlichen in Deutschland nachmittags nach Hause. In Deutschland kann man sich ein derartiges Engagement noch gar nicht richtig vorstellen.

Solche Instrumentarien lassen sich sicherlich besser praktizieren, wenn man zu bestimmten Zeiten Schüler an einem gemeinsamen Ort - nämlich in der Schule - zusammen hat und demokratische Meinungsbildungsprozesse herbeiführt.

Regelmäßige Klassenkonferenzen für mehr Teilhabe

Online-Redaktion: Sie wissen doch aus Erfahrung, dass es einen "harten Kern" an Schülerinnen und Schülern gibt, der sich politisch an der Schule engagiert. Sehen Sie Möglichkeiten, diesen Kreis an Ganztagsschulen auszuweiten?

Hendricks: Ich glaube schon, dass man den ausweiten kann. Wir haben heute einen hohen Anteil von Schülern, die gehen in die Schule, sitzen ihre Zeit ab, gehen wieder nach Hause und sagen: Schule war die größte Nebensache der Welt, jetzt aber fängt das Leben an.

Wenn ich aber als Ganztagsschüler feststelle, dass ich mit anderen zusammenleben muss, bekommt Schule eine andere Bedeutung. An Ganztagsschulen können neue Partizipationsmöglichkeiten eingeführt werden, angefangen von der Unterrichts- bis hin zur Raumgestaltung. Lehrer können persönlicher auf Schülerinnen und Schüler eingehen und sie auch individueller beraten. Wachsende Formen von Beteiligung sind denkbar, etwa in der Art, dass Schülerinnen und Schülern vermittelt wird, wie sie überhaupt mehr am Schulleben teilhaben können.

Doch dieses findet heute an Schulen kaum statt. Wann haben Sie etwa an der Schule gelernt, welche rechtlichen Möglichkeiten Sie haben, welche organisatorischen Möglichkeiten. Nur wenn es ein wirkliches Monitoring über Partizipation gibt, wenn regelmäßig Klassenkonferenzen stattfinden in dem Sinne, dass Schülerinnen und Schüler wirklich mitreden und Schülervollversammlungen zur Normalität werden, dann gibt es organisatorisch bessere Voraussetzungen und die Bereitschaft zur Teilhabe wächst.

Online-Redaktion: Die Länder sind angehalten, pädagogische Konzepte beim Ausbau der Ganztagsschulen vorzulegen. Können die Schulen darauf verzichten, im Konzept eine Aussage zu Mitentscheidung, Mitgestaltung und Mitverantwortung machen?

Hendricks: Das wird man meiner Meinung nach nicht können, dann wäre Ganztagsschule ein Torso. Schon in der Grundschule, die als Ganztagsschule läuft, muss es so sein, dass Kinderbeteiligung in ganz anderer Form durchgeführt wird. Es kann nicht sein, dass wir uns Gedanken über Kinderparlamente machen, aber in Institutionen, in denen Kinder parlamentarisches Verhalten lernen können, ihnen die Angebote vorenthalten, das wäre ein Widerspruch. Hier muss man sagen: Pädagogisches Programm, pädagogische Ausgestaltung, das geht nur mit den Beteiligten zusammen.

Renate Hendricks
geboren 1952 in Aachen, verheiratetet seit 1972 , fünf Kinder, studierte Sozialpädagogik und Psychologie. Seit Mai 1998 Vorsitzende des Bundeselternrates.

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