"Und insofern ist es schon eine Großtat"

Weg von der Stressschule - das wünscht sich Stefan Appel. Allein das Mehr an Zeit für die Schüler spräche für die Ganztagsschule, meint Appel vor dem Bundeskongress "Ganztagsschule - erweiterter Schultag als pädagogische Herausforderung" des Ganztagsschulverbandes vom 5. - 7. November in Braunschweig. Der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes fordert aber auch klare Konzepte.

Stefan Appel

Online-Redaktion: Die Bundesregierung gibt vier Milliarden Euro für den Ausbau der Ganztagsschulen aus. Was versprechen Sie sich von dieser Initiative?

Appel: Vier Milliarden Euro sind nun wirklich kein Pappenstiel, und in der gesamten Geschichte der Bundesrepublik hat es eine solche Ausgabe des Bundes für Bildung nicht gegeben. Und insofern ist es schon eine Großtat. Nur ist der Grundgedanke der Ganztagsschule etwas verwässert worden, weil man die Kulturhoheit der Länder respektieren musste. Das könnte bedeuten, das es möglicherweise keine zehntausend neuen Ganztagsschulen geben wird, sondern ein Großteil des Geldes dann in Schulen mit ganztägigen Angeboten oder Nachmittagsangeboten investiert werden wird.

Online-Redaktion: Ganztagsschule ist nicht gleich Ganztagsschule. Es gibt die offene und die gebundene Form und Schulen, die einfach ein Nachmittagsprogramm dranhängen. Welches Modell wird sich durchsetzen?

Appel: Es war schon immer so, dass Schulen verschiedene Konzepte hatten. Und das war auch in Ordnung. Das Einzige, worauf man achten muss, ist, dass ein gutes Konzept dahinter steht und dass nicht an eine Halbtagsschule einfach etwas drangehängt wird. Die ursprüngliche Idee der Bundesregierung war ja auch, dass Schule über den Finanzschub von vier Milliarden und klaren Vorgaben verändert werden sollte. Leider ist die Milliardensumme in das Kreuzfeuer der politischen Diskussion über Bildung geraten, was die Gefahr birgt, dass sie nicht so gezielt eingesetzt werden wird wie ursprünglich geplant. Wie viel von einer guten Idee übrig bleibt, wird sich erst noch erweisen müssen.

Online-Redaktion: Nun startet die Bundesregierung die Informationskampagne für Ganztagsschulen mit dem Slogan "Zeit für mehr". Was halten Sie davon?

Appel: Eine Informationskampagne, um etwas bekannt zu machen, ist eine gute Sache. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch viel zu spät: Man kann nicht erst vier Milliarden Euro avisieren, um dann hinterher den Leuten zu erklären, für was Geld ausgegeben wird. Von der Logik her hätte es umgekehrt sein müssen.

Online-Redaktion: Die Ganztagsschule ist seit PISA in aller Munde. Wird sie sich jetzt endgültig durchsetzen?

Appel: Nein. Das wird sie nicht. Dafür ist der Betrag wieder nicht groß genug und außerdem beteiligen sich nicht genug Bundesländer mit ganzem Herzen. Da die Bundesregierung nur Geld für bauliche Maßnahmen und Sachausstattungen bereitstellen kann, haben die Länder ja das Riesenpaket der zusätzlichen Personalkosten zu schultern. Und das ist eine ganze Menge. Die Folge ist, dass sich Länder, die Ganztagsschulen nicht bildungspolitisch im Programm haben, mehr zieren als Länder wie Rheinland-Pfalz, denen das Geld der Bundesregierung sicher ganz genehm kommt.

Online-Redaktion: Eine Literaturstudie des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung stellt fest, dass es noch völlig unklar sei, was Ganztagsschulen bewirken können...

Appel: Das widerspricht meinen Erfahrungen. Aus der wissenschaftlichen Sicht stimmt es natürlich: Es gibt keine Kosten/Nutzen-Untersuchung, dass der verlängerte Tag ein Plus an Erziehung oder Bildung bringt. Doch auf der anderen Seite können Sie feststellen, dass gerade in den Ganztagsschulen wesentlich weniger über Erziehungsschwierigkeiten geklagt wird. Sie haben aber nicht nur in dieser Hinsicht Erfolge, sondern auch im Blick auf Leistung und individuelle Förderung. An meiner Schule gibt es beispielsweise über 150 Förderstunden, was deutlich über dem Durchschnitt liegt. Und ich finde schon, dass man davon ausgehen kann, dass den Kindern so gezielter geholfen wird. Wenn ich mit mehr Personal oder Geld ein vernünftiges Bildungsprogramm auf die Beine stelle, kommt unterm Strich natürlich ein Plus heraus. Das ist gar keine Frage. Und wenn das jemand untersuchen will, was sowieso auf der Hand liegt, dann soll er das tun.

Online-Redaktion: Ganztagsschule ist sicher kein Allheilmittel, aber wo könnte sie der deutschen Schule auf die Sprünge helfen?

Appel: Die Ganztagsschule hilft nur, wenn man den Unterricht gleichzeitig mit der Form ändert. Sonst lindert man nur das Betreuungsproblem und kommt den Bedürfnissen der Erwachsenen entgegen. Aber wenn man Schule wirklich verändern und damit auch gesellschaftliche Probleme lösen will, kann die Ganztagsschule von großem Nutzen sein. Mehr Zeit für Kinder und neue Unterrichtsmethoden - wie soll das eine Halbtagsschule leisten, die unter ihrem 45-Minuten-Rhythmus und Lehrermangel leidet? Die Chance liegt in der zusätzlichen Zeit für Kinder. Genauso lautet ja auch der Slogan der Bundesregierung: Zeit für mehr. Und das ist eben auch so.

Online-Redaktion: Einem Verband haftet immer der Makel des Lobbyismus an. Das liegt in der Natur der Sache. Würden Sie die Halbtagsschule abschaffen?

Appel: Ich würde nicht das Halbtagsschulsystem über Nacht ändern wollen, sondern ich würde an der Infrastruktur arbeiten, so dass für jeden eine Schule seiner Präferenz in Wohnortnähe zu erreichen ist. Dann sieht man, ob der Bedarf noch höher ist oder ob das Angebot ausreicht. Ganztagsschulen sind anderen Schulen zwangsläufig überlegen, wenn sie vernünftig gemacht sind. Und die Konzepte sollten auch mit Fachleuten gemacht werden - unser Verband und andere Praktiker werden von Schulen oft erst dann gerufen, wenn sie nach Jahren wieder bei den gleichen Problemen steckengeblieben sind, die andere Schulen in den Aufbaujahren bereits hatten. Man muss Fehler doch nicht unbedingt wiederholen. Wir haben genug Erfahrung in der Bundesrepublik, und das seit fünfzig Jahren.

Online-Redaktion: Beschreiben Sie die ideale Schule ohne Etiketten wie Ganztagsschule oder Halbtagsschule?

Appel: Ich wünsche mir eine harmonisierende Schule und keine Stress-Schule, die kinderfeindlich ist, weil man sechs Stunden hintereinander mit verschiedenen Lehrern auf die Kinder einhämmert, frontal, weil die Zeit zu knapp ist. Die Unterrichtsschule muss zu einer Erziehungsschule, einer Bildungsstätte für alle, einer Lebensschule ganzheitlicher Art werden. Wenn das geschieht, macht die deutsche Schule einen Riesenschritt nach vorn.

Stefan Appel
ist seit 1981 Vorstandsmitglied und seit 1985 Bundesvorsitzender des 1955 gegründeten Ganztagsschulverbandes. Er studierte an der Universität Göttingen Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Philosophie. Nach zehnjähriger Lehrertätigkeit an Kasseler Sekundarstufenschulen wurde er zum Leiter der Schule Hegelsberg, einer Ganztagsgesamtschule mit Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig. Seit 1978 zahlreiche Veröffentlichungen zu pädagogischen Fragen der Ganztagsschule.

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