"Bildung ist ein Versprechen auf Emanzipation": Prof. Max Fuchs

Zwölf Jahre war er Präsident des Deutschen Kulturrats. Jetzt hat er das Präsidentenamt an Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, übergeben. Die kulturelle Bildung in Ganztagsschulen verdankt Max Fuchs viel.

Porträtfoto Prof. Max Fuchs
Prof. Max Fuchs© Akademie Remscheid

Der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände, meldete Ende März 2013 die Wahl seines neuen Präsidiums. Sein langjähriger Präsident, Prof. Dr. Max Fuchs, hat nicht mehr kandidiert, da er im Dezember 2013 in den Ruhestand gehen wird: „Es waren 12 gestaltungsintensive und erfolgreiche Jahre, die mich selbst sehr bereichert haben. Ich bin froh, dass der bisherige Vizepräsident Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, nunmehr die Präsidentenaufgabe übernimmt. Zusammen mit Regine Möbius und Andreas Kämpf hat der Deutsche Kulturrat ein engagiertes und erfahrenes Präsidium, das die nun anstehenden Aufgaben beherzt angehen wird“ (Presse-Information).

Wenn sich 2013 der Start des Ganztagsschulprogramms zum zehnten Mal jährt, ist dies auch ein Anlass, auf das bisherige Wirken des Direktors der Akademie Remscheid für Kulturelle Bildung und Ehrenvorsitzenden der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) zurückzublicken. Es ist eine Rückschau „in eigener Sache“, denn www.ganztagsschulen.org hat die Aktivitäten in der kulturellen Bildung und die Kooperation von Ganztagsschulen mit Trägern der kulturellen Bildung von Anfang an engagiert begleitet.

Kulturelle Bildung als Emanzipation

Der Bildungsbericht 2012 stellt den Ganztagsschulen im Hinblick auf ihre kulturellen Aktivitäten ein hervorragendes Zeugnis aus, nicht nur, was Umfang und Vielfalt der Angebote oder die Kooperation mit externen Partnern angeht, sondern auch, was die Chancengerechtigkeit betrifft. Dass dafür inzwischen Qualitätsstandards der kulturellen Kinder- und Jugendbildung zur Verfügung stehen, verdankt sich auch dem Wirken von Prof. Max Fuchs. Sich auf die damals ersten Ergebnisse der „Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule – StEG berufend, hatte Fuchs 2007 auf der Tagung „Kultur macht Schule“ das Ganztagsschulprogramm als „größte Chance zur Verbesserung unseres Bildungssystems“, nicht zuletzt für Kulturkooperationen, hervorgehoben.

Einen Höhepunkt hatte die kulturelle Bildung im Ganztagsschulprogramm 2006 erlebt, als der britische Choreograf Royston Maldoom zu Gast beim 3. Ganztagsschulkongress war und sein Projekt mit Schülerinnen und Schülern der Heinz-Brandt-Schule Berlin und Sir Simon Rattle vorstellte: die Aufführung von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, dokumentiert in dem Film „RHYTHM IS IT!“. Schulleiterin Miriam Pech erinnerte sich später: „Die Kollegen haben mir den Vogel gezeigt, als ich ihnen sagte, dass wir in der Berliner Philharmonie mit Hauptschülern zu Strawinsky tanzen werden“ (Füller 2011). Mit seinem Motto „You can change your life in a dance class“ hatte Royston Maldoom treffend zusammengefasst, was kulturelle Bildung sein kann.

Schattenspiel
© Akademie Remscheid

Auch Max Fuchs betont die emanzipatorische Funktion kultureller Bildung. Er erinnert an die Bildungsideen Wilhelm von Humboldts und Friedrich Schillers – mit heutigen Worten ausgedrückt – Vorstellung von der Kunst als Erziehung zur Demokratie: „Bildung als wechselseitige Erschließung von Mensch und Welt, Bildung als ‚proportionierliche Entwicklung der Kräfte zu einem Ganzen’, Bildung als Disposition des selbstbewussten Bürgers. Wer heute über ‚Bildung’ spricht, übernimmt dieses Versprechen auf Freiheit und Emanzipation.“ (Fuchs 2012)

Für Fuchs ist kulturelle Bildung daher immer auch Teil politischer Bildung gewesen. „So befassen sich Jugendliche oder Erwachsene in Theaterprojekten natürlich mit existentiellen Problemen, die etwas mit dem Zustand unserer Gesellschaft zu tun haben: Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Gewalt, Einsamkeit, Armut. Oder es erkunden Kinder in einer spielpädagogischen Aktion die Angebote für Kinder in der Stadt, entwickeln eigene Gestaltungsvorschläge und präsentieren sie dem Stadtrat. Oder es finden Solidaritätskonzerte für unterdrückte Menschengruppen oder inhaftierte politische Aktivisten statt. ...Versteht man ‚Politik’ in einem solch weiten Sinn, dann fällt es schwer, Projekte zu finden, die nicht politisch sind.“ (Fuchs 2012)

Im vorigen Jahr ist sein Buch „Die Kulturschule“ (2012) erschienen, in dem er die kulturelle Bildung schul- und bildungstheoretisch verankert und sie als Teil der Schul- und Organisationsentwicklung sieht. „Kulturelle Schulentwicklung“ ist längst ein Stichwort geworden, das formale und informelle Bildung ebenso wie die Vernetzung im Sozialraum und die Kooperation, Qualitätsentwicklung und Qualifizierung des Personals einschließt.

Kulturelle Bildung für alle?

Bilder Musik und Rhythmik
© Akademie Remscheid

Auf dem Aachener Kongress des Deutschen Städtetages „Bildung in der Stadt - Kommunale Bildungsverantwortung in Zeiten gesellschaftlichen Wandels“ rückte Fuchs 2007 die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen am Kulturleben in den Mittelpunkt: Kulturelle Bildung sei aktuell wie seit 30 Jahren nicht mehr, sagte er damals. Er verwies wiederum auf die Ganztagsschule mit ihren erweiterten räumlichen und zeitlichen Möglichkeiten: „Schulaufsicht und Schulverwaltung müssen erkennen, welche Chancen in der Öffnung der Schulen zur Kultur hin liegen.“ „Kulturelle Bildung für alle: Schlüssel zur Integration?“ hieß  ein weiterer Vortrag. „Man muss für eine ständige, kontinuierliche Angebots- und Beteiligungsstruktur sorgen, damit man in (kultureller) Übung bleibt“, betonte er (Fuchs 2007).

Ein Vortrag von 2010 trug schließlich den Titel „Die Illusion der Chancengleichheit? Über die Produktion von Bildungsarmut und mögliche Auswege” und knüpfte damit an ein Schlüsselwerk des Kultursoziologen Pierre Bourdieu an. „Die Frage der sozialen Gerechtigkeit stellt sich massiv. Wenn es mit der Bildungsteilhabe nicht mehr stimmt, dann stimmt es auch nicht mehr mit der politischen Teilhabe“, so Fuchs auf der Bilanztagung von „Lebenskunst lernen“ in der Berlinischen Galerie in Berlin-Kreuzberg.

Dem entsprachen denn auch die 16 Bildungspartnerschaften von Kultureinrichtungen mit Haupt-, Förder- und Gesamtschulen im Modellprojekt „Lebenskunst lernen”. Sie standen unter dem Leitziel der Teilhabegerechtigkeit gerade für jene Kinder und Jugendlichen, die in benachteiligenden Lebenslagen aufwachsen. Vom „inclusive turn“ (Tom Braun) war in diesem Zusammenhang die Rede. Auf dem „1. Hamburger Ganztag“ (2010) betonte Fuchs schließlich das „gesunde Eigeninteresse der Lehrerinnen und Lehrer, etwas Gutes für sich und ihre Schüler zu tun“, wenn sie Kulturkooperationen eingingen. Mit der Kultur biete sich ein starker Partner für die Schulen an.

Qualität in der kulturellen Bildung

Im Rahmen der BKJ hat Fuchs die Qualität in der kulturellen Bildung stets zum Thema gemacht. Zu den Ergebnissen gehört unter anderem das Fachportal „Kultur macht Schule“, das sich die kontinuierliche Qualitätsentwicklung kultureller Bildungsangebote in, an und um Schulen auf die Fahnen geschrieben hat. Denn die Zusammenarbeit mit Schulen, darauf hat er in zahlreichen Veröffentlichungen hingewiesen, biete die Chance, eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen zu erreichen. Darauf aufbauen konnte der Qualitätsrahmen für Kulturkooperationen, der in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sowie der PwC-Stiftung entstand und deren Erfahrungen im Themenatelier „Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen“ resümierte.

Tanz
© Akademie Remscheid

Von Fuchs stammen die „Leitlinien einer kulturellen Schulentwicklung”, und er unterstützte die Entwicklung einer „Werkzeugbox kulturelle Schulentwicklung”. Er regte Fallstudien zu „Kulturschulen“ an. Dabei gehe es nicht darum, „eine Reihe idealtypischer Schulen vorzustellen, die in der Praxis nur eine abschreckende Wirkung erzielen würden, sondern wir suchen nach solchen Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben und zumindest in einzelnen Bereichen die Mühen der Ebenen beschritten haben“, wie es in Anspielung an ein bekanntes Brecht-Gedicht heißt.

Ein neues Verständnis von Ganztagsbildung

In den zwölf Jahren der Präsidentschaft von Max Fuchs habe sich der Deutsche Kulturrat als allseitig anerkannter Akteur in der Bundeskulturpolitik etabliert. Als Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung habe er auch die Erfahrungen der Akademie Remscheid in die Positionierungen des Kulturrates einbringen können, so die Presse-Information des Kulturrats. Für die Ganztagsbildung war dies folgenreich.

„Kulturelle Bildung ist nicht der Pausenclown der Ganztagsbildung“, hatte während einer Fachtagung 2006 pointiert Prof. Dr. Burkhard Hill von der Hochschule München gewarnt: „Ganztagsschule kann nicht heißen: Morgens büffeln, mittags Essen auf Rädern und nachmittags soziales Lernen beim Kulturpädagogen“.

Wenn das Verständnis von Ganztagschule und Ganztagsbildung sich verändert hat, dann auch durch das Wirken von Prof. Max Fuchs. Er wird die Entwicklung sicherlich in gewohnter Weise kritisch beobachten und begleiten.

 

Literatur und Quellen

Braun, T./Fuchs, M./Kelb, V./Schorn, B. (Hrsg.) (2013): Auf dem Weg zur Kulturschule II. Weitere Bausteine zu Theorie und Praxis der Kulturellen Schulentwicklung. München. 
Fuchs, M. (2012): Politische und kulturelle Bildung. (Zugriff am 24.03.2013).
Fuchs, M. (2010): Zur Konzeption der kulturellen Schulentwicklung. Werkstattpapier 3/2010. (Zugriff am 24.03.2013).
Fuchs, M. (2007): Kulturelle Bildung für alle? Überlegungen zur Bedeutung von Teilhabe. (Zugriff am 24.03.2013).
Füller, C. (2011): Bonnie und Clyde rocken eine Schule. In: tageszeitung vom 27.04.2011. (Zugriff am 24.03.2013)
Presse-Information der Akademie Remscheid vom 18.03.2013

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