Expedition Beruf

Wenn es um die Berufswahl geht, haben Jugendliche häufig "keinen Plan". Ganztagsschulen können mit interessanten und stetigen Angeboten der Berufsorientierung die Schülerinnen und Schüler mit der Arbeitswelt in Kontakt bringen. Auf der Veranstaltung "Berufsorientierung an Ganztagsschulen - Möglichkeiten, Partner und Anregungen zur Konzeptionsentwicklung" der Regionalen Serviceagentur Sachsen-Anhalt am 22. November 2005 in Halle an der Saale tauschten sich Ganztagsschulen darüber aus.

Günter Haas richtet sich in seinem Stuhl auf und sagt sehr bestimmt: "Wir zeigen den Schülerinnen und Schülern diese Alternative gar nicht. Wir wollen sie alle in den Beruf bringen!" Die angesprochene Alternative: Keinen Ausbildungsplatz, keine Lehrstelle zu finden und sich arbeitslos zu melden. Der Schulleiter der Kooperativen Gesamtschule Ulrich von Hutten in Halle ist sich sicher, dass es immer einen Weg gibt, dies zu verhindern. Seine Ganztagsschule versucht schon während der Schulzeit mit diversen Berufsvorbereitungs- und Berufsorientierungsprojekten, die beruflichen Weichen für die Jugendlichen richtig zu stellen.

Sylvia Ruge, Tino Sorge und Silke Gerstenberger

Auf der Tagung "Berufsorientierung an Ganztagsschulen - Möglichkeiten, Partner und Anregungen zur Konzeptionsentwicklung" am 22. November 2005 im Kindermuseum in Halle an der Saale stellte Haas diese Projekte den rund 30 Lehrerinnen und Lehrern sowie zehn Schülerinnen und Schülern vor.

Die Serviceagentur Sachsen-Anhalt wollte mit dieser Veranstaltung Schulen zusammenbringen, damit sich diese kennen lernen und über im Land vorhandene Beispiele für erfolgversprechende Berufsorientierungsprojekte informieren konnten. "Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen den Partnern", erläuterte Sylvia Ruge, Leiterin der Regionalen Serviceagentur Sachsen-Anhalt. Sie formulierte die Ausgangslage: "Jugendliche haben laut eigenen Angaben oft keinen Plan, was sie nach der Schule beruflich machen möchten und ein eher diffuses Interesse an Berufsbildung. Was können Ganztagsschulen tun, um sie an die Arbeitswelt heranzuführen?" Sie fügte hinzu: "Die Gesellschaft besteht aber nicht nur aus Ökonomie, daher sollte für die Schülerinnen und Schüler auch die Frage im Vordergrund stehen: Was steckt in mir?" Silke Gerstenberger von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft ergänzte: "Den Jugendlichen soll auch Lebensorientierung mitgegeben werden."

Erzieherische Nebeneffekte durch Praktika

Mit einem einmaligen Besuch im Berufsinformationszentrum ist es nicht getan. Günter Haas berichtete eingangs von vier an seiner Schule bestehenden Projekten: Bei "Expedition Beruf" schnuppern die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen im Rahmen des schulspezifischen Wahlpflichtkurses bei einem großen Kunststoffproduzenten in Schkopau herein und erfahren etwas über die Ausbildungsberufe Energieelektroniker, Chemikant, Prozesselektroniker und Industriemechaniker. Sie arbeiten dabei mit den Auszubildenden zusammen und lernen in einem anschließenden Vertiefungskurs die vielfältigen Anforderungen eines Berufes kennen. Zum Abschluss des Betriebspraktikums gibt es eine Urkunde mit Firmensiegel, "mit der man unheimlich stark punkten kann und die viel Beachtung in der Wirtschaft findet", berichtete der Schulleiter.

"Das Entscheidende ist die Zusammenarbeit mit den Azubis", so Haas, "denn wenn die Azubis den Schülern etwas sagen, glauben sie denen das eher als uns Erwachsenen." Das Berufsprojekt habe auch erzieherische Nebeneffekte: "Pünktlichkeit und das Auftreten verbessern sich, was sich auch im Unterricht bemerkbar macht", so Haas. Diese Beobachtung hat Elisabeth Köhler von der Sekundarschule Wittekind ebenfalls gemacht: "Schülerpraktika sind am fruchtbarsten. Die Schülerinnen und Schüler kommen mit Werten wieder und verhalten sich auch anders."

Mit fertiger Bewerbungsmappe aus der Schule

In der Bootsbau-AG der KGS Ulrich von Hutten entstehen unter der Anleitung eines Tischlers aus der Jugendwerkstatt "Frohe Zukunft" seetüchtige Segelboote, die dann wiederum in der Segel-AG eingesetzt werden. Einmal in der Woche lernen die Schülerinnen und Schüler die Grundfertigkeiten des Tischlerhandwerkes wie Anreißen, Feilen, Raspeln, Laminieren, Kleben, Schleifen und Lackieren kennen. Für Jugendliche der 7. bis 10. Klassen, die eine handwerkliche Ausbildung anstreben, ist das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt ideal. In der Historischen Kleiderwerkstatt erlernen die Jugendlichen beim Herstellen von Kleidern das Schneiderhandwerk. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz besucht die Schulsanitäter-AG Krankenhäuser, spricht mit Ärzten und Krankenschwestern und erkundet eine Rettungseinsatzstelle. "Auch hier geht es darum, ein ganzes Berufsfeld kennen zu lernen", erzählte Günter Haas.

"Es hat lange gedauert, aber inzwischen hat die Landesregierung erkannt, dass in den Schulen erhebliche Defizite im Bereich der Berufsorientierung bestehen", berichtete der Schulleiter. Als eine von fünf sachsen-anhaltinischen Schulen nehme die KGS Ulrich von Hutten nun am Projekt "Berufswahlpass" teil, das im Rahmen des Bundesprogramms "Schule/Wirtschaft-Arbeitsleben" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds gefördert wurde. "Schülerinnen und Schüler können beginnend mit der 7. Klasse für vier Schuljahre freiwillig in einer professionell gestalteten Mappe übersichtlich alles sammeln, was mit ihrer Berufswahl zu tun hat. Wenn es dann in die Bewerbungsphase geht, haben sie schon eine Vorstellung über ihre Berufswahl und  eine fertige Mappe, die auch zum Bewerbungsgespräch mitgebracht werden kann", führte Haas aus.

Projekte wie an der Hallenser Ganztagsschule gibt es viele im Land. Das Bildungswerk der Unternehmerverbände Sachsen-Anhalt (BdU) möchte als Service für die Schulen alle bestehenden Projekte erfassen und bewerten: Wie erfolgreich sind sie? Wo gibt es Erfolgserlebnisse? Tino Sorge vom Bildungswerk sah den "Netzwerkaufbau, das Schaffen überschaubarer Strukturen, das Publizieren erfolgreicher Beispiele und die Vermittlung innovativer Konzepte" als weitere Aufgaben an: "Viele gute Sachen laufen nebeneinander her, und damit das Rad nicht zweimal erfunden werden muss, wollen wir diese bekannt machen."

Fachidioten mit zwei linken Händen

Gespräche auf der Tagung
Das Wichtigste am Rande: Gespräche untereinander

Um das Bekanntmachen von Berufsorientierungsprojekten ging es im Anschluss an die Vorstellungen der KGS Ulrich von Hutten und des Unternehmerverbandes auch in der im Kindermuseum versammelten Runde. Die Lehrerinnen und Lehrer stellten in knapper Form die Projekte vor, die jeweils an ihren Schulen laufen. Übereinstimmend wurde der Wunsch nach einem eigenen Fach Berufsorientierung in jeder Schulform geäußert. Im traditionellen Fachunterricht wie Wirtschaft fehle einfach die Zeit, das Thema angemessen zu behandeln. "Mir ist die Berufsorientierung so wichtig, dass ich es einfach im Unterricht aufgreife und dafür andere Inhalte wie Wirtschaftsordnung oder so weglasse", gestand eine Lehrerin.

"Im Fach Wirtschaft und Technik haben wir viel zu wenig Zeit für die Berufsorientierung", sagte Carola Lindner von der Sekundarschule Jessen-Nord. Günter Haas sah es ähnlich: "An Gymnasien können Schülerinnen und Schüler zum Abitur kommen, ohne jemals mit dem Fach Wirtschaft in Berührung gekommen zu sein. Kann sich ein Industrieland das leisten?" Am Gymnasium Stephaneum in Aschersleben, das gerade Ganztagsschule geworden ist, will man ebenfalls vermeiden, "Fachidioten mit zwei linken Händen" auszubilden und organisiert daher bereits ab der 7. Klasse Berufspraktika.

An der Ganztagsschule in Jessen bietet das Soziale Bildungswerk Räume für die Berufsorientierung an, die die Jugendlichen gut annehmen. Nach Betriebserkundungen stellten Schülerinnen und Schülern dann am folgenden Tag in Präsentationen ihren Mitschülern ihre Erlebnisse und Eindrücke vor. An der Freiherr-Spiegel-Sekundarschule in Halberstadt, einer Ganztagsschule im Aufbau, besuchen die Jugendlichen der 10. Klassen im Nachmittagsbereich zweimal in der Woche Firmen im Bereich Holz, Metall und Medizintechnik.

Manche Ganztagsschule klagte darüber, dass man keine Partner aus der Wirtschaft fände und im Nachmittagsbereich die Schülerresonanz oftmals zurückginge. Günter Haas wies darauf hin, dass "die Schulen nicht glauben dürfen, dass Firmen darauf brennen, unbedingt mit ihnen zu kooperieren. Es ist die Aufgabe der Schulleitung, Partner zu finden und die Kontakte zu pflegen. Man muss den Partnern aber auch im Gegenzug etwas bieten, vor allem aber persönlich bekannt sein. Bei uns läuft eine Zusammenarbeit mit einem Autohaus zum Beispiel so, dass die Schülerinnen und Schüler bei einer Modellpräsentation Musik machen oder beim Catering helfen."

Zur Berufsorientierung gehört auch das Bewerbungstraining

Aber wie können Ganztagsschulen die Zusammenarbeit mit freien Trägern finanzieren? Projektgelder seien nicht nur beim Kultusministerium vorhanden, gab Sylvia Ruge zu bedenken: "Auch im Wirtschafts-, Sozial-, Bau- und Landwirtschaftsministerium gibt es Mittel, die man abrufen kann." Günter Haas ergänzte: "Man sollte sich nicht nur auf gewerbliche Unternehmen versteifen. Und wenn es um Fahrtkosten geht, hat oft auch der Öffentliche Personennahverkehr Gelder zur Verfügung. Man muss nur deutlich machen, dass es um eine gute Sache geht - und die Unternehmen solche Auslagen ja auch steuerlich absetzen können."

Zur Berufswahlorientierung gehört nicht allein das Kennenlernen von Betrieben, sondern auch das Bewerbungstraining. Marita Wiedemann von der Sekundarschule Thomas Müntzer in Magdeburg berichtete von dem Projekt "Sprint", das das Bildungswerk der Wirtschaft Sachsen Anhalt durchführt. Hier werden die Schülerinnen und Schüler in Bewerbungsgesprächen gefilmt und Übungen rund ums Bewerben absolviert.

Beim Berufsförderungszentrum Weißenfels, einer Einrichtung des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland, war man laut der Personalbevollmächtigten Rita Bergner erstaunt, wie groß der Zuspruch der Schülerinnen und Schüler der gegenüber liegenden Sekundarschule Beuditzschule am Modul Bewerbung war. In den Herbstferien bildete man insgesamt 113 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in sieben Modulen aus: Neben Bewerbung waren das Bau, Holz, Metall, Grafik und Gestaltung, Büro und Betriebsexkursionen, von denen man drei kombinieren konnte. Für das Modul Bewerbung entschied sich mit 68 Jugendlichen die mit Abstand größte Gruppe. "Die Jugendlichen konnten hier auch lernen, wie man sich mit Hilfe eines selbst gestalteten Flyers bewirbt", berichtete Rita Bergner. "Manchen Schülerinnen und Schülern hat es solchen Spaß gemacht, dass sie freiwillig wieder gekommen sind, um Visitenkarten oder Briefpapier zu entwerfen."

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