Auf einen Ganztags-Glühwein

Ein Jahr ohne Beispiel geht zu Ende. Welche Erfahrungen haben Ganztagsschulen in diesem Jahr gemacht, was lässt sich mitnehmen? Der „Digitale Ganztags-Glühwein“ des Ganztagsschulverbandes zog Bilanz.

Seit fast 30 Jahren ist Elisabeth Reinert Mitglied im Ganztagsschulverband. Für die ehemalige Ganztagskoordinatorin waren die dreitägigen Bundeskongresse, die normalerweise jedes Jahr in eine andere Stadt einladen, stets ein Höhepunkt: „Das war immer wie ein großes Klassentreffen.“

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In diesem Jahr hätte der Kongress im November in Bremen stattfinden sollen, aber an eine solche Großveranstaltung mit Teilnehmenden aus der ganzen Republik war natürlich nicht zu denken. „Wir haben den Kongress mit großem Bedauern abgesagt“, meint die Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes Eva Reiter. „Wir hoffen, uns nächstes Jahr analog wiederzusehen.“

Doch ganz „verstummen und ohne Kontakt bleiben, wollten wir in diesem Jahr auch nicht“, stellte sie klar. Und so organisierte der Vorstand einen kleinen virtuellen Ersatz: „Treffen wir uns auf einen Ganztags-Glühwein?“, fragte der Ganztagsschulverband, und am 11. Dezember 2020 folgten rund 40 Interessierte dieser launigen Einladung zu einem digitalen Treffen. Das Thema, um das sich die zweieinhalb Stunden in Kurzreferaten und im Austausch untereinander drehten, war das des Jahres: die Corona-Pandemie und deren Folgen für den Ganztagsschulalltag.

Sorge um vereinsamende Kinder

Christoph Bülau© Online-Redaktion

Christoph Bülau, der Co-Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen, moderierte die virtuelle Veranstaltung. Er eröffnete mit der Feststellung, dass „die Krise den Eltern – als sie auf einmal mit Hausaufgaben und dem Lernstoff konfrontiert gewesen sind – vor Augen geführt hat, welche Bedeutung die Schule, Ganztagsangebote und Horte haben“. Nun wolle man gemeinsam Bilanz ziehen: „Was lief gut? Und wo müssen wir etwas neu denken, um den Schülerinnen und Schülern erfolgreich Bildungsangebote zu machen?“

Für die Akademie für Ganztagsschulpädagogik resümierte Dr. Volker Titel zunächst erste Forschungsergebnisse und Umfragen, auch unter den insgesamt rund 150 Teilnehmenden einiger Online-Seminare der Akademie im Jahresverlauf. Die fehlenden Sozialkontakte und das fehlende soziale Lernen würden seitens der Pädagoginnen und Pädagogen als das größte Problem wahrgenommen. Manche Schülerinnen und Schüler hätten bis auf ein paar E-Mails monatelang keinen Kontakt mit der Schule gehabt, auch nicht zu Mitschülerinnen und Mitschülern. „Die Schulen sollten soziale Kontakte mehr unterstützen. Mit Online-Konferenzen ist so etwas möglich, wie Beispiele aus Ganztagsschulen gezeigt haben.“

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Petra Fischer, die im offenen Ganztag des Chiemgau-Gymnasiums im bayerischen Traunstein arbeitet, hat während der Schulschließungen beobachtet, dass „man sieht, wie manche Kinder vereinsamen. Das macht mir Sorgen.“ Für Almut Schülke, ehemalige Lehrerin an der Oberschule Findorff in Bremen, die seit zwei Jahren als Lesehelferin in Grundschulen ehrenamtlich arbeitet, war das Ende der Schulschließungen der schönste Moment. In der Austauschrunde meinte sie: „Es spricht doch für die Schulen, wenn die Kinder so gerne wiederkommen. Sie wollen ihre Freunde wiedertreffen, aber sie haben auch Spaß am Lernen.“ Beide waren sich daher einig: „Die Schulen sollten offen bleiben.“

Schnelle Routine

Hygienemaßnahmen bestimmen seit März den Alltag der Schulen, und so bildete dieses Thema einen der zwei Schwerpunkte der Online-Tagung. Dazu konnte eine Lehrerin zunächst positiv bilanzieren: „Die Kinder waren schnell in der Routine mit Händewaschen und Abstandsregeln. Da hatten wir mit eher mit manchen Eltern Probleme.“ Das Tragen der Mund-Nase-Bedeckungen sei allerdings für alle Beteiligten anstrengend.

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Dr. Anna Maria Seemann von der Akademie für Ganztagsschulpädagogik stellte in ihrem kurzen Impulsreferat die These zur Diskussion: „Offene Ganztagsschulen hatten es schwerer als gebundene, weil sich die Gruppen nicht mehr mischen durften und deshalb viele Angebote ausfallen mussten.“ An vielen Ganztagsschulen herrschte Unsicherheit, inwieweit Spiel- und Lernmaterialien geteilt und desinfiziert werden mussten. An manchen Schulen durften die Schülerinnen und Schüler keine Bücher mehr mit nach Hause nehmen, und die Bücher wurden desinfiziert. „Wir haben ein großes Schachbrett und Tischtennisplatten auf dem Schulhof‟, berichtete eine Lehrerin. „Da konnten die Kinder mit Abstand spielen, und alle Figuren und selbst die Tischtennisbälle wurden nach jeder Runde desinfiziert.“

Das Arbeiten sei auf jeden Fall anstrengender geworden, bestätigte eine Mitarbeiterin im offenen Ganztag. Wenn die Schülerinnen und Schüler in kleine parallele Gruppen aufgeteilt werden müssen, „rennt man eher zwischen den Räumen hin und her und lernt kein Kind so richtig kennen“. Ein richtiger Austausch zwischen den Lehrerinnen und Lehrern, wie sie ihn gewohnt war, finde zurzeit nicht statt, so ihr Eindruck.

„Beziehung vor Technik“

Die Digitalisierung ist das zweite Thema, das durch die Pandemie verstärkt in den Fokus geraten ist. Der „Ganztags-Glühwein“ widmete diesem Komplex die zweite Austauschrunde. Alexander Scheuerer, ehemaliger Schulleiter und nun Schul- und Organisationsberater „im Unruhestand“, betonte in seinem Eingangsreferat ganz grundsätzlich: „Digitalisierung ist ein Werkzeug.“ Und: „Beziehung geht vor Technik.“

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Jede Schule müsse ein Medienkonzept entwickeln und entscheiden, ob sie zum Beispiel mit schuleigenen Tablets arbeiten will oder ob Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Geräte mitbringen dürften. Regelmäßige Fortbildungen für die Lehrkräfte seien wichtig. Auch brauche es jemanden, der für die Wartung der Geräte zuständig ist. Schulen wie die Alemannenschule Wutöschingen zeigten, dass es möglich ist, gegebenenfalls den gesamten Unterricht digital zu gestalten. „Das Ziel muss sein, jeder Schülerin und jedem Schüler ihr oder sein eigenes digitales Lernumfeld zur Verfügung zu stellen.“ 

An der Oberschule Findorff, der ehemaligen Schule von Almut Schülke, fuhren die Lehrerinnen und Lehrer während des ersten Lockdowns noch umher, um den Eltern die Aufgaben zu bringen. Nach den Sommerferien arbeiteten die Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler dann verstärkt mit Video-Konferenzen, was laut der Pädagogin gut geklappt hat. In der Grundschule an der Stader Straße, an der sie als Lesehelferin arbeitet, wurden die Aufgaben in der Turnhalle an die Eltern ausgegeben und von den Eltern zurückgebracht.

Ganztagsschulkongress 2019: Herausforderung Digitalisierung© Online-Redaktion

„Schwierig“ findet Anna-Maria Seemann den oft ungeklärten Umgang mit Lizenzen von Videokonferenzen. Während beispielsweise an der Universität, an der sie auch tätig ist, Zoom-Konferenzen im Einsatz seien, seien diese für die Schulen aus Datenschutzgründen untersagt worden. Das Land Bayern habe Lizenzen eines Anbieters gekauft, doch nun sei es aus juristischen Gründen wieder offen, ob die Schulen die Video-Konferenzen wirklich nützen dürften. „Wir halten uns immer noch zu viel mit der technischen Ausstattung auf, statt uns pädagogischen Fragen zu widmen.“

Dörte Feiß ist Referentin für „Ganztägige Bildung im Sozialraum“ in der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung. Sie zeigte sich überzeugt, dass „die Digitalisierung, die wir in allen gesellschaftlichen Bereichen schon längst haben, auch in der Schule Einzug halten muss“. Doch der Einsatz digitaler Medien ist keineswegs Konsens in den Kollegien: „Bei uns ist es ein fünfjähriger Weg mit kontroversen Diskussionen über die Digitalisierung gewesen, bis wir dahin gekommen sind, dass alle Schülerinnen und Schüler mit einem Tablet lernen“, erzählte eine Lehrerin. „Das Thema kann man nicht einfach von oben verordnen.“ Manche Schulleitungen sperrten sich gegen Online-Unterricht, erzählte eine Lehrerin. Oft würden dann Datenschutzgründe genannt.

Neue Wertschätzung für die Schule

© Ganztagsschulverband e.V.

Was lässt sich mit ins neue Jahr nehmen, in dem die Herausforderungen absehbar bestehen bleiben werden? Für Susanne Johann, Ganztagskoordinatorin an der Gersprenzschule Reinheim im hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg, die sich vor einigen Jahren auf den Weg zur Ganztagsschule gemacht hat und seit 2015 Pilotschule im „Pakt für den Nachmittag ist, ist es die positive Erfahrung, dass „eine Schule mit Mut und Kreativität das Beste auch aus so schwierigen Lagen machen kann“.

Doris Mehringer vom Förderverein Nachmittagsbetreuung (FöN) am Gregor-Mendel-Gymnasium Amberg, der dort Träger der offenen Ganztagsschule ist, resümierte: „Es gibt eine neue Wertschätzung für die Schule. Jeder findet, dass alles besser ist als Distanzunterricht.“

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Eine überraschende Entdeckung konnte Silke Zimmermann, Schulleiterin der Grundschule an der Oderstraße in Bremen berichten: Viele Grundschulen hätten abstandshalber nicht eine große, sondern viele kleine Einschulungsfeiern organisiert – und wollen das in Zukunft beibehalten, da es „viel schöner, weil persönlicher und familiärer“ gewesen sei.

Verbandsvorsitzende Eva Reiter bestätigte das für ihre Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg, an der sie selbst Ganztagskoordinatorin ist: „Wir haben 14 Einschulungsfeiern und ungefähr die gleiche Anzahl an Abschlussfeiern organisiert. Ich möchte allen Mut machen, so viel Zeit und Mühe zu investieren: Wir waren von den Schülerinnen und Schüler weiter entfernt – und ihnen doch näher.“

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