„Global denken, lokal handeln“ im Ganztag

Das Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz möchte den Interessen seiner Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Das Motto, das alles zusammenhält, ist: „Global denken, lokal handeln.“

Schulleiter OStD Dietmar Telge und die 17 Nachhaltigkeitsziele.© Online-Redaktion

Wenn Dietmar Telge zusammenfasst, was das Tilman-Riemenschneider-Gymnasium auszeichnet, bringt es der Schulleiter auf diesen Punkt: „Alles, was wir tun, tun wir für unsere Schülerinnen und Schüler.“ Und weil Schule heute „deutlich mehr umfassen muss als den Fachunterricht, auch wenn dieser am Gymnasium einen hohen Stellenwert hat“, sind Schüler- und Lehrerschaft des Ganztagsgymnasiums in Osterode am Harz gleichermaßen lokal und global engagiert.

Das wird schon sinnfällig, wenn man die Schule betritt und die 17 bunten „Nachhaltigkeitswürfel“ sieht. Bedruckt mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDG), wie sie die Agenda 2030 der Vereinten Nationen vorsieht, wurden die Würfel eigens von der Schule angeschafft. Als PASCH-Schule, Umweltschule und UNESCO- Projektschule und ausgezeichneter Lernort Bildung für Nachhaltige Entwicklung hat das Tilman-Riemenschneider-Gymnasium die Agenda 2030 in der Präambel des Schulprogramms festgeschrieben.

Klangspiel
Umweltschule in Europa: Klangspiel im Garten der Sinne.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

Die Agenda 2030 findet auch im Unterricht Beachtung, wenn zum Beispiel die 7. Klassen im Englischunterricht über „Climate Action“ und „No poverty“ diskutieren. Klimaschutz war schon lange vor Fridays for Future ein Thema am Tilman-Riemenschneider-Gymnasium, und derzeit läuft ein Projekt zum Thema „Ernährung und Globalisierung“. Auch bei jedem Schüleraustausch thematisieren die Schülerinnen und Schüler mindestens eines der 17 Nachhaltigkeitsziele.

Aktuell sind 25 Schülerinnen und Schüler als SDG-Botschafterinnen und -Botschafter im Einsatz – in der Schule und darüber hinaus wollen sie die 17 Ziele bekannt machen und anregen, im Sinne dieser Ziele zu leben und zu arbeiten. Sie bringen sich als Referentinnen und Referenten bei der Ideen-Expo, in Projekten wie „Lernfeld Kommune für Klimaschutz“ oder der Autostadt, als Klimabotschafter bei nationalen und internationalen Konferenzen wie im vergangenen Jahr bei „Connect for Change“ oder bei der Deutsch-Afrikanischen Jugendakademie ein.

Schülerinnen und Schüler als Akteure ernst nehmen

„Als kleineres Gymnasium im ländlichen und strukturschwachen Raum ist es uns wichtig, mit unseren Angeboten breit aufgestellt zu sein, um unseren Schülerinnen und Schülern mit ihren vielfältigen Interessen und Neigungen gerecht zu werden“, erläutert Dietmar Telge. „Unser Angebot wird von einem sehr gut durchdachten Schwerpunkt zusammengehalten: Think global, act local! – Global denken, lokal handeln.“

„Global denken, lokal handeln“ mit der Partnerschule.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

„Ein wesentlicher Teil unserer Schulkultur ist es, die Schülerinnen und Schüler als Akteure ernst zu nehmen. Sie nehmen an Tagungen teil und agieren sogar als Referentinnen und Referenten“, betont der Schulleiter. Dass die Schülerinnen und Schüler eigenständig eine multinationale Jugendkonferenz zu Nachhaltigkeitsthemen mit ihren polnischen und senegalesischen Partnerschulen planen, gefällt Dietmar Telge: „Verantwortung zu übertragen ist wichtig. Und Möglichkeiten dazu gibt es ohne Ende.“

Bilingualer Unterricht und die Chorklassen des Gymnasiums fördern Begabungen, aber sie stärken dem Schulleiter zufolge auch den Gemeinschaftsgedanken und tragen zur Persönlichkeitsentwicklung bei. „Die Auftritte der Chorklasse führen zu einer stärkeren Identifikation mit der Schule – gerade Musikerinnen und Musiker sind ja oft eine verschworene Truppe“, so Dietmar Telge. „Unser bilinguales Angebot sehen wir wiederum mehr als Beitrag zur Berufsorientierung.“ In den Klassen 8 bis 10 bekommt der bilinguale Unterricht eine Zusatzstunde, die halbjährlich auf die Sachfächer verteilt wird.

„Ein engagiertes Kollegium – nur so geht’s!“

Ziel des Tilman-Riemenschneider-Gymnasiums, kurz TRG genannt, ist es, die 740 Schülerinnen und Schüler zum Handeln zu ertüchtigen. „Sie sollen die Schule als Handelnde verlassen.“ Das wird auch wesentlich durch die Ganztagsangebote unterstützt. Der Fachunterricht sucht wiederum Anknüpfungspunkte zu den in Ganztagsangeboten bearbeiteten Themen. 200 Schülerinnen und Schüler nutzen die Angebote der offenen Ganztagsschule an allen fünf Wochentagen.

Müllsammelaktion am World Cleanup Day 2019.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

Diese teilen sich in die Bereiche „Hausaufgabenbetreuung“, „Schüler helfen Schüler“ und „Arbeitsgemeinschaften“ auf. Breite und Vielfalt der AGs sind beachtlich: Sie reichen vom Schulorchester über Chöre oder die Rhythmus-AG „TaktIn“ bis zur Schulband mit eigenen Kompositionen, von Bewegungsangeboten wie Karate, Tanz, Krafttraining und Parkour bis zur AG „Wetterballon“ im Bereich Naturwissenschaft und Technik oder der Schreibwerkstatt und der Bibliothek-AG. Im Bereich „Gesellschaft und Schule“ wirken außerdem Bus- und Bahn-Scouts, ein Schulsanitätsdienst, Streitschlichter und das 2015 gegründete „Café International“.

Für den Schulleiter wird die Schule durch den Ganztag immer mehr zum Lebensraum für die Schülerinnen und Schüler. „In den Arbeitsgemeinschaften können sich die Jugendlichen anders beweisen. Und in den Projekten spiegeln sich ihre Interessen wider.“ Getragen wird all das von den 64 Lehrerinnen und Lehrern und einem pädagogischen Mitarbeiter im Ganztag. „Ein engagiertes Kollegium – nur so geht’s!“, ist der Schulleiter stolz.

In den AGs können sich die Jugendlichen beweisen.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

Das Mittagessen stammt gewissermaßen ebenfalls aus Schülerhand. Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule Gastronomie der Beruflichen Schule II kochen in der Ausbildungsküche für neun Schulen im Landkreis – mit regionalen Produkten und nach dem Qualitätsstandard für die Schulverpflegung. „Unser Schulträger, der Landkreis Osterode am Harz, unterstützt das, wofür ich sehr dankbar bin“, berichtet Dietmar Telge. 40 Essen gehen im TRG täglich über die Theke, „was zur Kapazität unserer Mensa passt“.

„...ein zweites Augenpaar auf unsere Welt“

Zu einem Aushängeschild ist die Schulpartnerschaft mit dem Senegal geworden. Der Deutsch- und Französischlehrer Tobias Rusteberg hat die Kooperation mit der Region Kaolack und der Partnerschule Lycée Valdiodio NDiaye schon 2012 initiiert. In der Partnerschaft entstehen nachhaltige Projekte, die von den Juniorbotschafterinnen und -botschaftern beider Länder schulisch und außerschulisch multipliziert werden. Zehn Tage lang war zum Beispiel Leona mit in Kaolack und möchte „auf jeden Fall nochmal hinreisen‟. Die Elftklässlerin hat dort verschiedene Schulen kennengelernt, den „großen Unterschied zwischen Arm und Reich“ erlebt und dennoch „eine starke Herzlichkeit“, entspannt und spontan.

Neue Kletterinsel auf dem Schulhof für die 5. und 6. Klassen.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

Tobias Rusteberg, der inzwischen seine Erfahrung weitergibt und niedersächsische Schulen zu Schulpartnerschaften mit Afrika berät, ist von der nachhaltigen Wirkung der Kooperation überzeugt: „Ich kann aus tiefstem Herzen sagen, dass dieses Projekt mein Leben und das Leben vieler anderer, der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler, der Gastfamilien, der Kolleginnen und Kollegen, der kommunalen Akteure, der Zivilgesellschaft in Osterode und Kaolack, bereichert und positiv verändert hat. Wir alle haben ein zweites Augenpaar auf unsere Welt erhalten.“

Das TRG ist für sein soziales Engagement schon sechs Mal in Folge als „Humanitäre Schule“ ausgezeichnet worden. Das Jugendrotkreuz Niedersachsen vergibt das Zertifikat an Schulen, die das Planspiel „h.e.l.p“ durchführen und sich anschließend in einem selbst initiierten humanitären Projekt engagieren.

Zukunft und Erinnerung

Erinnerungsarbeit als Teil des Bildungsangebots.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

Nicht nur die Zukunft mit Fragen des Klimaschutzes sind Bestandteil des Bildungsangebots am TRG, sondern auch die Erinnerung. Fahrten nach Krakau mit Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und Besuche der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gehören ebenso zum festen Programm wie der Schüleraustausch mit Ostróda in Polen – einst „Osterode in Ostpreußen“, das im Mittelalter Osteroder aus dem Harz gründeten. Der Austausch thematisiert neben Besuchen von Gdańsk, Sopot oder Gdynia auch das historische deutsch-polnische Nachbarschaftsverhältnis.

Im Grenzlandmuseum Eichsfeld in Thüringen haben Schülerinnen und Schüler im letzten Jahr Zeitzeugen, die bis 1989 im Sperrgebiet östlich und im Grenzgebiet westlich der innerdeutschen Grenze lebten, interviewt. Daraus entstand die neunminütige Zeitzeugencollage „Im Schatten der Grenze“, die im September 2020 beim Thüringer Kurzfilmfestival FILMthuer mit dem Filmpreis der Jury in der Kategorie „Schülerfilme/Medienpädagogik“ ausgezeichnet wurde. 

600 Bäume für den Osteroder Stadtwald.© Tilman-Riemenschneider-Gymnasium

„Es ist toll zu sehen, wie engagiert die Schülerinnen und Schüler sind“, freut sich Dietmar Telge. Weniger schön ist, dass die für Juni 2020 geplante große Festwoche zum 600-jährigen Bestehen des Gymnasiums, das 1420 als erste städtische Schule von Osterode urkundlich erwähnt wurde – und wo Tilman Riemenschneider seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte –, erst einmal ausfallen musste. Doch eine andere Art der Verbindung von Zukunft und Erinnerung haben 13-Klässler ins Leben gerufen: Es sollen 600 Bäume im Osteroder Stadtwald gepflanzt werden.

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