„Sport und Ganztagsschule müssen sich verbünden“

Passgenaue, qualitativ hochwertige Sportangebote wünscht sich Prof. Dr. Werner Schmidt, Herausgeber des aktuellen Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts. Denn: Kinder und Jugendliche bewegen sich im Alltag zu wenig.

Online-Redaktion: Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Erkenntnis des Vierten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichtes?

© Privat

Werner Schmidt: Kinder und Jugendliche bewegen sich im Alltag zu wenig. Die Mehrheit der Heranwachsenden in Deutschland erfüllt die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht. 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind nicht aktiv genug. Dies gilt übrigens in besonderem Maße für weibliche Jugendliche. Die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen ist heutzutage deutlich geringer als früher. Wir gehen davon aus, dass sie um rund zehn Prozent gesunken ist. Dies kann auch Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit haben. Nach jüngsten Erkenntnissen der DLRG, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, können zum Beispiel bis zu 50 Prozent der Zehnjährigen nicht schwimmen. 

Online-Redaktion: Zur gesellschaftlichen Entwicklung und Wahrheit gehört auch, dass sich Sportangebote in Ganztagsschulen größter Beliebtheit erfreuen. Zeigt das keine Wirkung?

© Britta Hüning

Schmidt: Sarkastisch könnte man antworten: Ohne diese Angebote sähe die Entwicklung wahrscheinlich noch schlechter aus. Zu den Fakten, die auch in unserem Bericht nachzulesen sind: Etwa 97 Prozent der Ganztagsschulen bieten eine Sport-AG an. Vor allem Kinder nutzen die sportorientierten Nachmittagsangebote häufig. Laut der Motorik-Modul-Längsschnittstudie, kurz: MoMo, im Rahmen der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts nehmen 25 Prozent der Grundschulkinder, 22 Prozent der 11- bis 13-Jährigen und 12 Prozent der 14- bis 17-Jährigen an einer Sport-AG in ihrer Schule teil.

Online-Redaktion: Je älter, desto weniger Sport? Wird in der Grundschule nicht ausreichend das Bewusstsein für die Bedeutung von Bewegung entwickelt?

© Britta Hüning

Schmidt: Ich glaube nicht, dass man von unzureichender Sensibilisierung sprechen kann. Aber wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass unsere Kinder immer früher und mehr Zeit in Institutionen verbringen. Ob dort immer Personal tätig ist, das die Förderung der Motorik dick auf seine Fahnen geschrieben hat, ist fraglich. Kinder und Jugendliche wachsen heute mit einem dynamisch wachsenden Angebot an digitalen Medien und Spielen auf. Wir haben das in unserem Bericht so ausgedrückt: Zwar steht die Erforschung der Auswirkungen auf den Kinder- und Jugendsport noch am Anfang. Doch scheinen insbesondere das mit dem Medienkonsum unmittelbar einhergehende Sitzverhalten und der daraus folgende geringe Energieumsatz problematisch.

Online-Redaktion: Vergleicht man die Freizeitaktivitäten der 8- bis 14-Jährigen von 2008 und 2018, haben laut der World-Vision-Kinderstudie konstant 59 Prozent Freude am Sport. Wie erklären Sie von Ihnen erwähnten Defizite etwa bei der Motorik trotzdem zutage treten?

Schmidt: Das Hauptproblem ist die Abnahme der Alltagsaktivitäten infolge der Sitzzeiten in den Institutionen.

© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie sollten Ganztagsschulen und Vereine reagieren?

Schmidt: Den Kampf um die Freizeit führen nicht nur Schule und Sportvereine. Da sind die vielfältigen Freizeitangebote jenseits des herkömmlichen vereinsgebundenen Sports, viele neue Trendsportarten, aber auch die kommerziellen Bewegungsangebote wie die von Fitnessstudios. Die Hoch-Zeit der Sportvereinsmitgliedschaften lag in den 1990er Jahren einschließlich der Jahrtausendwende. Die Sportvereinsaktivität verlagert sich aufgrund der erwähnten Konkurrenzangebote immer mehr in den Bereich der Kindheit, wohingegen die Jugendlichen zeitlich fixierten und angeleiteten Sportangeboten kritischer gegenüberstehen. Sport und Ganztagsschule müssen sich daher noch stärker verbünden. 

© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie können sie das leisten? Und wie müssten Sport- und Bewegungsangebote aussehen?

Schmidt: Zum einen ist es wichtig, dass Vor- und Nachmittag noch stärker verzahnt werden – personell, aber auch inhaltlich. Das Problem liegt wie so oft im Detail. Wir brauchen mehr passgenaue und qualitativ hochwertige Angebote. Nehmen sie beispielsweise die Fußball-AG. Sie wird zumeist besonders stark nachgefragt, mit der Folge, dass nicht alle einen Platz bekommen. Dann muss ein Kind zum Beispiel „Tanzen“ wählen – mit eventuell weitaus weniger Freude daran. Ältere Schülerinnen und Schüler kann man packen, indem man ihre Motivation für bestimmte Sportarten ernst nimmt und diese auch anbietet. Die intrinsische Motivation wird das langfristige Interesse fördern. Außerdem: Wir wissen zwar, dass die Sport-Arbeitsgemeinschaften sich besonderer Beliebtheit erfreuen, aber ihre Qualität wurde bislang nie erforscht.

Online-Redaktion: Was zeichnet gute Bewegungsangebote aus?

© Britta Hüning

Schmidt: Es gibt sicher noch ein Optimierungspotenzial, wenn es darum geht, Inhalte des Sportunterrichts und der Nachmittagsangebote zwischen Sportlehrkräften sowie Übungsleiterinnen und -leitern aufeinander abzustimmen. Darüber hinaus sollten sich Vereine für koordinative Angebote jenseits ihrer eigenen Sportart öffnen, Tätigkeiten anbieten, die nicht vereinsnah sind. Man sollte Kinder und Jugendliche mehr einfach spielen lassen. Das fördert Konzentration und Aufmerksamkeit und wirkt sich erwiesenermaßen auf die kognitiven Leistungen aus. Die Ganztagsschule bietet dafür einen perfekten Raum. Dort könnte man Pausen von 15 auf 30 Minuten ausdehnen.
 
Online-Redaktion: Wie sollten die Spiele aussehen?

© hofmann.

Schmidt: Je einfacher, desto besser. Jedes Kind muss mitspielen können. Bei komplizierteren Sportarten wie Volleyball oder Basketball fallen Koordinationsmängel sofort auf, das Kind wird möglicherweise frustriert. Bei einfachen Spielen wie etwa Floorball, einer Art Hallenhockey, kann sich jede und jeder einbringen. Deshalb sind alle motivierter, strengen sich mehr an. Eine ideale Voraussetzung fürs Lernen. 

Online-Redaktion: Gleichzeitig wird im Vierten Kinder- und Jugendsportbericht bedauert, dass der Leistungsgedanke an Bedeutung verliert, dass nur ein Drittel der Vereine Talente sucht und fördert. Ein Widerspruch?

Schmidt: Nein. Wenn einfache Spiele angeboten werden, wo alle mit- und gegeneinander spielen können, bleiben Motivation und Leistungsgedanke erhalten. 

Online-Redaktion: Fürchten Sie einen negativen Trend?

© Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung

Schmidt: Es besteht zumindest die Gefahr. In den meisten Bundesländern wurde die Pflichtstundenzahl für Sport der Klassen 1 bis 10 von drei auf zwei gekürzt. Immer häufiger wird Sport an der Grundschule fachfremd unterrichtet. Es fehlen Sportlehrer und Lehrkräfte insgesamt. Da ist es schon befremdlich, wenn ein Gutachten der Bertelsmann-Stiftung empfiehlt, die Lehrerstundenzahl sowie die Zahl der Schülerinnen und Schüler pro Klasse zu erhöhen und gleichzeitig die Unterrichtsstunden pro Woche zu reduzieren. In Großstädten zeigt jedes dritte Kind Koordinationsprobleme, jedes fünfte ist übergewichtig. Das allein ist ein Auftrag für Schulen und Sportvereine. Denn Bewegung ist die beste Medizin, und Bildung braucht Bewegung. 

 

Zur Person:

Prof. Dr. Werner Schmidt, Jg. 1949, gebürtiger Essener, ist Mitinitiator, Herausgeber und Koordinator des seit 2003 veröffentlichten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts. Er war von 1998 bis 2015 Professor für Sportwissenschaft und Sportpädagogik an der Universität Duisburg-Essen. Nach der Promotion an der Universität Essen wurde er 1979 Akademischer Rat für Sportpädagogik an der Universität Osnabrück-Vechta und dort 1983 Professor für Sportpädagogik. Von 1993 bis 1998 war er Professor für Sportpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 2011 bis 2015 leitete er u. a. das Projekt „spin – sport interkulturell. Spielend lernen: Soziales und interkulturelles Lernen durch Bewegung, Spiel und Sport fördern“ der Universität Duisburg-Essen in Kooperation mit der Mercator-Stiftung, der Heinz-Nixdorf-Stiftung und dem Landessportbund Nordrhein-Westfalen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Empirische Schulsportforschung, Sportspielforschung und Kindheitsforschung.
Von 1999 bis 2003 war er Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), deren Ehrenmitglied er seit 2013 ist. Er ist Herausgeber der Schriftreihe „Kinder – Jugend – Sport – Sozialforschung“. 

Veröffentlichungen u. a.:

Breuer, Christoph, Christine Joisten & Werner Schmidt (Hg.) (2020): Vierter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Gesundheit, Leistung und Gesellschaft. Schorndorf: Hofmann.

Schmidt, Werner (2019): Kinder- und Jugendsportkultur (1968-2018). Auf den Anfang kommt es an. (Kinder – Jugend – Sport – Sozialforschung, Bd. 8). Hamburg: Feldhaus.

Schmidt, Werner (2013): Die deutsche Gesundheits- und Bildungskatastrophe. Mehr Gerechtigkeit und Bewegung für alle Kinder. (Kinder – Jugend – Sport – Sozialforschung, Bd. 6). Hamburg: Feldhaus.

Süßenbach, Jessica & Werner Schmidt (2006): Der Sportunterricht – eine qualitative Analyse aus Sicht der beteiligten Akteure. In: DSB-SPRINT-Studie. Eine Untersuchung zur Situation des Schulsports in Deutschland.  Aachen: Meyer & Meyer, S. 220-243

Schmidt, Werner et al. (2006): Kindersport-Sozialbericht des Ruhrgebiets. (Kinder – Jugend – Sport – Sozialforschung, Bd. 4). Hamburg: Feldhaus.
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