Ganztagsschule mit „Verkehrskasper“

An Hamburgs Ganztagsgrundschulen ist die Verkehrserziehung fester Bestandteil des Lehrplans. Der Verkehrserziehungspodcast der Hamburger Polizei mit Puppenspielteam und Gitarre ist deutschlandweit einmalig.

Polizeiverkehrslehrer Patrick Ittrich gibt dem Verkehrskasper eine Stimme© Claudia Pittelkow

Genau gegenüber dem Gelände des „Hamburger Doms“ liegt die Verkehrsdirektion 6, kurz VD6, ein unscheinbares Gebäude, in dem 18 Polizeibeamtinnen und -beamte ihren Dienst tun. Allerdings jagen diese Polizisten nur Holzköpfe. „Das hier ist die Stammdienststelle der Handpuppenspieler“, erklärt Patrick Ittrich, Polizeiverkehrslehrer und Mitglied des siebenköpfigen Handpuppenspieler-Teams der Hamburger Polizei. 

Ob im kleinen Theater im Hof oder in der Schulaula – dank Kasper, Struppi und Co. lernen Schulkinder in Hamburg schon früh spielerisch die Verkehrsregeln. Im Laufe eines Jahres werden alle Ganztagsgrundschulen der Stadt bespielt, denn Verkehrserziehung ist fester Bestandteil des Lehrplans. Auf ihren Verkehrskasper müssen die Schülerinnen und Schüler auch jetzt, wo Corona so manche schulische Aktivität zum Erliegen gebracht hat, nicht verzichten: Ittrich und seine Kolleginnen und Kollegen erfanden kurzerhand ein Kasperltheater zum Zuhören: den Verkehrserziehungspodcast der Hamburger Polizei. 

© Polizei Hamburg

Der wird mittlerweile sogar in Übersee gehört. 38 Folgen der beliebten Hörspielreihe „Lachen und Lernen mit dem Verkehrskasper“ sind bereits seit Beginn der Pandemie entstanden. Die Geschichten denkt sich das Team der VD6 selbst aus, genau wie die Kaspertheaterstücke. Während die Bühnenstücke jeweils 30 bis 45 Minuten dauern, sind die Podcastfolgen kürzer gefasst. Je nach Thema dauert eine Episode zwischen acht und 20 Minuten. 

Verkehrserziehung mit Kreativität

Die Themen sind breit gefächert, sie erzählen mit viel Humor vom richtigen Überqueren der Fahrbahn (Folge 1), dem toten Winkel (Folge 6), dem Polizeihubschrauber (Folge 9), von Kasper bei der Reiterstaffel (Folge 18) oder vom Schulanfang (Folge 31). Die Zielgruppen sind – wie beim Puppentheater auf der Bühne – Vorschulkinder sowie Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 und 2. Auch die Erwachsenen erfahren viel Wissenswertes zur Verkehrserziehung ihrer Kinder. 

Polizeiverkehrslehrer André Peters im Aufnahmestudio© Claudia Pittelkow

Bevor es richtig losging mit der Produktion, musste erstmal neues Equipment für das Podcaststudio angeschafft werden, beispielsweise ein Computer mit passender Podcastsoftware und natürlich ein Mikrofon. Die Pilotfolge wurde der Polizeiführung vorgestellt, dort begeistert aufgenommen und dann, nachdem über die Medien ordentlich die Werbetrommel gerührt worden war, zügig veröffentlicht. Gleich die erste Folge fand rund 10.000 Zuhörerinnen und Zuhörer, wie an den Klicks im Internet (https://soundcloud.com/polizeihamburg) abzulesen war. 

Alle Podcastfolgen sind inzwischen kostenlos abrufbar. Zurzeit hat der Verkehrserziehungspodcast auch Zuhörende in Skandinavien, den USA und Südamerika, überall dort, wo es deutsche Schulen gibt. In den Hamburger Schulen verwenden die Polizeiverkehrslehrer die lustigen Folgen als Einstieg in den Verkehrsunterricht. Die Produktion der Podcasts ist zeitaufwendig, für die letzten beiden Folgen habe man fünf Tage gebraucht, erzählt Polizeiverkehrslehrer André Peters. Alleine schon das Ausdenken der Geschichten erfordere ein hohes Maß an Kreativität. 

Deutschlandweit einzigartig

Lernen mit der Polizei - von den Kindern respektiert und wertgeschätzt.© Claudia Pittelkow

„Die Geschichten spielen alle im Straßenverkehr, dafür müssen wir die passenden Geräusche finden, verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Stimmen aufnehmen und das Ganze dann noch mit Musik unterlegen“, erklärt Peters, der passenderweise selbst Gitarre spielt. „Alle Hörspiele sind Eigenproduktionen“, betont Ittrich. „Wir singen selbst, komponieren die Musik selbst und denken uns die Geschichten aus. Darauf sind wir stolz!“ Zu Recht, denn der Hand-made-Podcast der Hamburger Polizei ist deutschlandweit einzigartig.

Die Verkehrsdirektion 6 ist nicht nur Sitz der Handpuppenspieler, sondern vor allem auch Sitz der Fachaufsicht für aktuell 74 Polizeiverkehrslehrkräfte. „Bei allen fachlichen Fragen sind wir zuständig“, sagt Michael Jensen, stellvertretender Leiter der VD6 mit zehnjähriger Erfahrung als Polizeiverkehrslehrer. „In Hamburg ist die Verkehrserziehung der Polizei verbindlich im Sachkundeunterricht der Grundschulen verankert“, erklärt er. 

Das Team der VD6 im Aufnahmestudio© Polizei Hamburg

Der aktuelle Lehrplan wurde von Schulbehörde und Verkehrsbehörde gemeinsam erarbeitet, die Verkehrserziehung der Hamburger Polizei gibt es aber schon sehr viel länger. 1926 hielten im reformfreudigen Hamburg erstmals Polizeioffiziere zwei bis drei Vorträge im Jahr über Verkehrssicherheit in den Schulen. Ziel ist es heute, Kinder ihrer Entwicklung entsprechend zu eigenständigen Verkehrsteilnehmern zu machen. Pädagogisch wichtig dafür ist der unmittelbare kindgerechte Dialog zwischen Polizist und Kind. „Unsere Polizeilehrkräfte unterrichten gemeinsam mit den Grundschullehrern in der Klasse“, so Jensen. Jede Polizeiverkehrslehrkraft durchläuft dafür eine achtwöchige Ausbildung und ist im Schnitt für 100 bis 130 Klassen in 10 bis 15 Schulen zuständig. Jensen: „Wir sind sehr gut aufgestellt und stolz darauf!“

Mit dem „Verkehrsfuchs“ fit für den Schulweg

Die Handpuppen der Hamburger Polizei© Claudia Pittelkow

Die Verkehrserziehung startet bereits lange vor der Einschulung in den Kitas und Vorschulen. Seit 1969 bietet die Hamburger Polizei außerdem allen Kindern, die bald eingeschult werden, während der Sommerferien die „Aktion Verkehrsfuchs“ an, um die Kleinen fit für den Schulweg zu machen. Darauf wird dann in Klasse 1 aufgebaut: Im Vordergrund steht das Kind als Fußgänger mit allen Herausforderungen im Straßenverkehr. Schwerpunkt ist hier das Schulwegtraining inklusive Überquerung der Fahrbahn. 

In Klasse 2 folgen dann weitere Themen wie beispielsweise „Sehen und gesehen werden“ in der dunklen Jahreszeit. Der Polizeiverkehrskasper unterstützt den Unterricht mit einer Theateraufführung. Jensen: „Jedes Hamburger Kind zwischen fünf und sieben Jahren sollte den Kasper mindestens einmal gesehen haben.“ Ab der dritten Klasse kommt die Fahrradausbildung dazu. „Das ist ein umfangreiches theoretisches Programm mit Verkehrszeichen, Vorfahrtsregeln und besonderen Situationen sowie einem Praxisteil im Realverkehr mit Fahrgeschicklichkeitsübungen, wobei auch Schulterblick und links abbiegen geübt werden“, so Jensen. 

Polizeipensionäre am Nachmittag im Ganztag

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer war schon zu Gast im Podcast© Polizei Hamburg

Je nach Entwicklungsstand der Kinder müssten manche Übungen auch mal häufiger wiederholt werden. Jensen: „Die motorischen Voraussetzungen sind ganz unterschiedlich.“ Dort, wo Eltern und Erziehungsberechtigte sich frühzeitig um die Verkehrserziehung ihrer Kinder kümmern, seien die kleinen zukünftigen Verkehrsteilnehmer besser aufgestellt. Voraussetzung für die Teilnahme am Training in der dritten Klasse sei allerdings, dass die Kinder Fahrrad fahren können. Nach zahlreichen Stunden Unterricht in Klasse 4 bekommen dann alle erfolgreichen Schülerinnen und Schüler den „Radfahrpass“.  

Während die Verkehrserziehung an Hamburgs Ganztagsgrundschulen fester Bestandteil des Lehrplans ist und überwiegend vormittags stattfindet, gibt es auch zahlreiche Angebote im Rahmen des Ganztags am Nachmittag. „Zwischen der Schulbehörde und der Hamburger Polizei besteht eine enge Zusammenarbeit“, sagt Matthias Dehler, Referent für Mobilitäts- und Verkehrserziehung der Schulbehörde. 

Verkehrserziehung startet schon in Kitas und Vorschulen.© Claudia Pittelkow

So gibt es viele gemeinsame Projekte wie etwa die Schultütenaktion, den Zu-Fuß-zur-Schule-Tag, die Fahrradfreundliche Schule oder den jährlichen Plakatwettbewerb. Viele Schulen halten außerdem den Kontakt zu den Polizeiverkehrslehrkräften auch noch, wenn diese bereits im Ruhestand sind. „Diese Pensionäre stehen dann für Nachmittagskurse im Ganztag zur Verfügung und bieten beispielsweise eine Fahrradwerkstatt an“, so Dehler. „Die Zusammenarbeit funktioniert prima.“

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