Schleswig-Holstein: Ganztagsschule im Corona-Alltag

Eine aktuelle Umfrage bei den Mitgliedschulen des Ganztagsschulverbands Schleswig-Holstein zeigte, wie hoch engagiert die Ganztagsschulen mit der neuen Situation umgehen.

Die Angebote ganztägig arbeitender Schulen in Schleswig-Holstein sind ausgesprochen vielfältig, so gibt es im Schuljahr 2020/21 bereits 533 offene Ganztagsschulen sowie 154 allgemeinbildende Schulen, die Betreuungsangebote in der Primarstufe anbieten. Als gebundene Ganztagsschulen arbeiten 30 Schulen, davon neun an sozialen Brennpunkten mit hoher Migrationsquote. Bei insgesamt 792 Schulen in SH, davon 34 Berufsbildende Schulen und drei Halligschulen, ist das ein beachtliches Angebot an Ganztagsschulen.

In Bezug auf die Ganztagsgrundschulen verweist Bildungsministerin Karin Prien auf eine bereits hohe Quote von rund 93 Prozent von Ganztags- beziehungsweise Betreuungsangeboten im Land, und diese Entwicklung wird in den nächsten Jahren durch den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder weiter Fahrt aufnehmen. Die Bildungsministerin plädiert für einen „Ganztagsausbau nah am Bedarf“ und für einen „breiten Dialogprozess über Qualität“. So die Zukunftsperspektive.

  • Was aber macht einen „Guten Ganztag“ aktuell aus?
  • Was bleibt von abwechslungsreichen, inklusiven, partizipativen Ganztagskonzepten in Zeiten der Corona-Pandemie erhalten, was bleibt auf der Strecke?
  • Gibt es vielleicht auch positiv wirkende Anstöße durch die aktuellen Herausforderungen?

Eine im September 2020 durchgeführte Umfrage bei den GTSV-Mitgliedschulen in SH zeigte, wie hoch engagiert die Schulleitungen, Ganztagskoordinatoren/-koordinatorinnen, Lehrkräfte und Mitarbeiter*innen mit der neuen Situation umgingen, um für den Ganztag „zu retten, was zu retten ist.“ Pläne für multiple Raumnutzungen, Pausengestaltung ohne Vermischung der Kohorten, Einsatz von Lehrkräften und Mitarbeitenden, „Schnupfenpläne“ und Elternbriefe – das schluckte unzählige Verwaltungsstunden und Kraft.

Die berichtenden Mitgliedschulen fanden jeweils passend zu den eigenen Ausgangslagen Lösungen, allgemein übertragbare „Rezepte“ für den Ganztag in dieser besonderen Schulzeit lassen sich nicht ableiten, allerdings kam in allen Rückmeldungen zum Ausdruck, wie wichtig und hilfreich die Kommunikation in den Schulleitungsteams und mit den an der Gestaltung von Ganztag beteiligten Institutionen und Personen wirkte.

Für alle OGT-Schulen schien es wichtig, den Nachmittag so gut wie möglich zu gestalten. Besonders die bei den Schülern und Schülerinnen beliebten Angebote von Arbeitsgemeinschaften, Kursen oder „Offenen Werkstätten“ wurden in den meisten Schulen durch verminderte Angebote der Kooperationspartner, geringe Teilnehmerzahl oder auch durch das Kohorten-Prinzip deutlich eingeschränkt. Jüngere können nicht mehr von älteren lernen, ältere nicht mehr lehren und so ihr Wissen und ihre sozialen Kompetenzen stärken.

Partizipation und Inklusion sind die „Loser“, gemischte Gruppen aus unterschiedlichen Jahrgängen, Schülern und Schülerinnen aus DaZ-Gruppen oder aus höheren Klassenstufen, externe Experten arbeiten, lernen und spielen nicht mit, wenn sie nicht zu der festen Kohorte gehören.

Die Nachmittagsangebote der offenen Ganztagsschulen wurden vielfach auch reduziert, zum Beispiel 100 statt 150 Kinder dürfen teilnehmen, oder die Angebote enden um 16.00 Uhr statt wie gewohnt um 17.30 Uhr. Daraus ergeben sich natürlich Nachteile für die Familien, besonders für die Mütter, die dann in der Regel ihre Arbeitszeiten reduzieren müssen. Zudem fehlen in vielen Schulen Räume und Spielflächen für den Freizeitbereich, um den Kindern und Jugendlichen im Laufe des Tages ausreichend Bewegungsraum zu geben.

Die Pausen und Aufenthaltsorte der Kohorten sind zeitlich und räumlich getaktet, eingegrenzt und reduziert, um allen Gruppen bzw. Kohorten überhaupt einmal am Tag „Freiraum“ zu geben. Das freie Spielen und freundschaftliche Treffen mit Mitschülern und Mitschülerinnen anderer Kohorten – zum Beispiel Jahrgänge – fehlt, man ist in seiner festen Gruppe (Kohorte) sicher – aber auch gefangen. Zum Thema Hygiene beklagten einige Schulen auch die mangelhafte Situation der sanitären Anlagen und die fehlenden Hand-Waschbecken im Klassenraum.

Ein erhöhter Arbeitsaufwand wird auch vom Mensa-Personal gefordert, denn die Umsetzung der Hygiene-Vorgaben vor, während und nach der Essen-Ausgabe liegt in deren Händen. Zum Mittagessen werden verschiedene Modelle gefahren: Warmes Essen wird in mehreren Schichten gereicht, andere Schulen lassen Snack-Boxen verteilen oder beschränken die Essenausgabe auf die Schüler*innen der Orientierungsstufe und fakultativ für alle anderen Jugendlichen, aber zumeist wird versucht, allen Kindern täglich ein warmes Mittagessen anzubieten.

Für alle berichtenden Ganztagsschulen lässt sich zusammenfassend sagen: Ein höherer Personalbedarf, auch an pädagogischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und ein gesteigerter Verwaltungsaufwand sind notwendig, um den Ganztag überhaupt am Laufen zu halten. Von vielen Schulen wurden in diesem Zusammenhang die in kurzen Abständen folgenden Vorgaben des Ministeriums beklagt, die aufwändig und nur mit hoher Flexibilität aller Beteiligten umzusetzen waren.

Gibt es auch Positives zu bemerken?

Durchaus wurde es in einigen Schulen als erleichternd wahrgenommen, mit der sogenannten Kohorte eine feste Bezugsgruppe zu bilden, die mit verlässlichen Bezugspersonen, klaren Strukturen und Tagesabläufen leichter zu beaufsichtigen und zu leiten ist. Abläufe wurden vereinfacht und engere personelle Bindungen entstanden. Auch die Mitarbeitenden und Lehrkräfte profitierten in einigen Schulen vom Austausch in neu eingerichteten, freiwilligen und regelmäßigen Mitarbeitertreffen.

Die Arbeitszeiten und damit verbundene Kosten für die Mitarbeitenden des OGT erhöhten sich, konnten aber zumeist aufgefangen werden (keine genaueren Angaben vorhanden). Ebenso verbesserte sich offenbar die Zusammenarbeit zwischen den Schulleitungen, Ganztagskoordinatoren und den Trägern und Koordinatoren des Offenen Ganztags. Mehr Kommunikation führte hier, wenn es gut lief, zu mehr Übereinstimmung, Absprache, Verständnis und zur besseren Verzahnung zwischen Vor- und Nachmittag der offenen Ganztagsschulen. Nun bleibt die weitere Entwicklung nach den Herbstferien abzuwarten. Hoffen wir – auch für die Schulen in allen anderen Bundesländern – auf eine Entwicklung ohne Schulschließungen und Lockdown.

Elisabeth Reinert, Landesverband SH, im Oktober 2020

Quelle: Newsletter des Ganztagsschulverbandes „Ganztagsschule – Aktuell“ Nr. 5-2020 vom 27.10.2020

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