Ganztägig leben und lernen in Niedersachsen

Ein Online-Seminar des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung bewies, wie Ganztagsschulen auch in widrigen Zeiten professionell und entschlossen an ihrer Schulentwicklung arbeiten.

Julia Grunewald, die Schulleiterin der IGS Südstadt, hatte eine klare Botschaft an die rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Online-Seminars „Ganztägig leben und lernen in Niedersachsen“: „Wir lassen uns den Ganztag von Corona nicht verbiiiieten!“. Und analog zur Überschrift des Seminars am 30. September 2020 konnte man auch feststellen: Das Niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) in Hildesheim lässt sich durch die widrigen Umstände auch nicht daran hindern, die Ganztagsschulinteressierten des Landes zusammenzubringen.

André Kolley, Claudia Maria Korte, Diana Satow und Angela Reimers© Redaktion

In Kooperation mit dem Kultusministerium und der Landesschulbehörde Niedersachsen hat das NLQ die erste digitale Fortbildungstagung zum Ganztag initiiert. „Für uns ist es eine Premiere“, begrüßte Claudia Maria Korte vom Fachbereich „Unterrichtsübergreifende Vorhaben“ die Teilnehmenden an den Bildschirmen. Eine Premiere, die glückte. Zwar hingen Referentinnen und Referenten im ersten von zwei Workshop-Durchgängen manchmal noch in der Luft, wenn Reaktionen des Publikums per Video oder Audio ausfielen, aber schon im zweiten Durchgang wurde die Chat-Funktion stärker genutzt, um Nachfragen zu stellen oder Dank zu sagen.

Für viele Beteiligte – Lehrkräfte, Schulleitungen, Beratende und Begleitende im System Ganztagsschule, Schulsozialarbeitsfachkräfte und andere Mitarbeitende im Ganztag oder außerschulische Kooperationspartner – war dieses Format noch etwas ungewohnt. Aber niemand ließ sich den Ganztagsaustausch davon vermiiiiesen.

Multiprofessionelle Schule = mehr Lösungskompetenz

Ganz sicher galt das für die frischgebackenen Gewinner des Deutschen Schulpreises: Für die Otfried-Preußler-Schule stellten Erzieherin Anja zum Bild und Ganztagskoordinatorin Jolanda Brückner vom Trägerverein Turn-Klubb zu Hannover in ihrem Workshop den „multiprofessionellen Alltag in einer gebundenen Ganztagsgrundschule“ vor und knüpften damit perfekt an das Thema des Eingangsvortrages an.

Grafik Digitale Medien
© NLQ

Hier hatte Prof. Karsten Speck von der Universität Oldenburg über „Multiprofessionelle Kooperation im Ganztag“ referiert. Der Erziehungswissenschaftler wies auf einen Satz im Koalitionsvertrag der Niedersächsischen Landesregierung hin: „Kooperationspartner sind und bleiben eine wichtige Bereicherung für die Ganztagsschulen. Schulen benötigen Karsten Speck zufolge andere Institutionen und Professionen, um auf gesellschaftliche Änderungen und politische Reformen zu reagieren.“ Dem hohen Aufwand für Abstimmung und Kooperation stünden der „Ausbau des Wissens und der Kompetenzen“, eine höhere „Lösungskompetenz für komplexe Problemlagen“ und eine „schnelle, abgestimmte und passende Beratung und Unterstützung“ gegenüber.

Unterstützung und Bereicherung für Ganztagsschulen bringen auch außerschulische Partner mit. Daher stellten sich die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Niedersachsen e. V. (LKJ) und die Regionale Bildungsstelle Nord des Instituts für angewandte Kulturforschung aus Göttingen mit Workshop-Runden vor. Landeskoordinatorin Anna Erichson berichtete über „Kulturelle Bildung im Ganztag – Kooperationen entwickeln und nachhaltig gestalten“ und hierbei insbesondere über das niedersächsische Landesprogramm „SCHULE:KULTUR!“. 

Globales Lernen und lokale Vernetzung

Radfahrprüfung an der Grundschule Bad Münder© Grundschule Bad Münder

Das 2014 vom Kultusministerium und vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur gestartete „SCHULE:KULTUR!“ will die kulturelle Schulentwicklung fest im schulischen Alltag von Kindern und Jugendlichen verankern und so kulturelle Teilhabe aktiv fördern. Inzwischen sind 58 Schulen durch qualifiziertes Personal aus Theatern, Theaterpädagogischen Zentren, Museen, Kunstvereinen, Filmeinrichtungen, sozio- und interkulturellen Einrichtungen, Bibliotheken, Einrichtungen der Denkmal- und Heimatpflege und aus Musik- und Kunstschulen begleitet worden. Für die Zusammenarbeit sind im Rahmen des Projekts finanzielle Ressourcen bereitgestellt worden. Die Ministerien koordinieren und entwickeln das Programm mit der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel, dem NLQ, der Landesschulbehörde und der LKJ kontinuierlich weiter.

Markus Hirschmann von der Bildungsstelle Nord in Göttingen erläuterte das Programm „Bildung trifft Entwicklung“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und den pädagogischen Ansatz des „Globalen Lernens“. Mit Bildungsveranstaltungen zu nachhaltiger Kleidung, einem Projekttag zum Fairen Handel oder einem Theaterprojekt zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen bringt „Bildung trifft Entwicklung“ Schülerinnen und Schülern verschiedene Themen des Globalen Lernens näher.

„Fachkräfte aus der Entwicklungszusammenarbeit, Freiwillige aus entwicklungspolitischen Freiwilligendiensten und erfahrene Bildungsreferentinnen und -referenten von Kooperationspartnern wie „Brot für die Welt“ oder der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit bringen Gegenstände, Geschichten, Spiele, Bilder und Eindrücke aus Ländern des Globalen Südens ein, ermöglichen authentische Einblicke in globale Zusammenhänge und fördern mit abwechslungsreichen Methoden die Auseinandersetzung mit der eigenen Position in einer globalisierten Welt“, erläuterte der Bildungsstellenleiter, der selbst in Afrika, Asien und Südamerika gearbeitet hat.

Qualitätsentwicklung in der Ganztagsschule

Grafik Gesundheit
© NLQ

Weitere Workshops stellten Landesaspekte und verschiedene Unterstützungssysteme in den Vordergrund. So berichtete André Kolley, Dezernent der Niedersächsischen Landesschulbehörde Hannover, von der „Planung, Durchführung und Schulentwicklung in der Ganztagsschule in Niedersachsen“. Sylvia Hartmann und Franziska Wohlberedt vom NLQ stellten die „Selbstevaluation der multiprofessionellen Zusammenarbeit“ als einen Ausgangspunkt auf dem Weg zur gezielten Schulentwicklung im Ganztag vor.

Julia Bicker und Andrea Reese, Koordinatorinnen in der Bildungsregion Südniedersachsen, präsentierten das Modellprojekt „QualitätsEntwicklung in der GanztagsSchule“ (QUEGS). Die Bildungsregion Südniedersachsen führt QUEGS in Zusammenarbeit mit dem Land Niedersachsen seit 2018/2019 bis zu diesem Schuljahr 2020/2021 in 19 Modellgrundschulen in der Region durch. Ziel ist es, innerhalb des Modellnetzwerkes die Qualitätsentwicklung der Ganztagsschulen zu unterstützen: eine Bestandsaufnahme vorzunehmen, Entwicklungsziele und Maßnahmenpläne zu erarbeiten und umzusetzen.

Grundschule Bad Münder: Schulradio und „Miteinander“-Podcast

Christoph Schieb© PH Zug

Aus Schulsicht berichtete Schulleiter Christoph Schieb von seiner Grundschule Bad Münder, wie der teilgebundene Ganztag an seiner Schule als Impulsgeber für eine demokratische Schulentwicklung gewirkt hat. An der Ganztagsgrundschule im Landkreis Hameln-Pyrmont lernen rund 300 Schülerinnen und Schüler unter dem Motto „Miteinander lernen, füreinander da sein“. 40 Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Kooperationspartner arbeiten mit den Kindern, wobei es, wie der Schulleiter einräumte, „in unserem ländlichen Raum nicht einfach ist, Partner zu finden.“

Die „Musikalische Grundschule“, Medien wie Film und Radio – mit einem eigenen Schulradio – sowie „Demokratie und Kinderrechte“ sind drei Säulen der Ganztagsgrundschule. Seit 2017 erstellen die Schülerinnen und Schüler Beiträge für das Schulradio, zuletzt Anfang des Monats eine Reportage über die Radfahrprüfung. „Das gemeinsame Produzieren und bewusste Hören der eigenen Beiträge fördern das Wissen über und den kreativen Umgang mit Medien“, berichtete der Schulleiter. 

Schülerinnen und Schüler präsentieren das Jahresthema
Schülerinnen und Schüler präsentieren das Jahresthema.© Grundschule Bad Münder

Die Schülerinnen und Schüler haben bereits viele Preise einheimsen können, so zum Beispiel drei Jahre hintereinander beim niedersachsenweiten Hörspielwettbewerb „Der Hörwurm“ oder 2018 und 2019 den Niedersächsischen Medienpreis für den besten Schul-Internetradio-Beitrag. „Besonders stolz sind wir auf den niedersächsischen Junioren-Presse-Preis 2019 in der Kategorie ‚Radio“, verriet Christoph Schieber.

Während der Schulschließungen im letzten Halbjahr hielt die Schulgemeinschaft auch Kontakt über den „Miteinander“-Podcast, der in der Notgruppenbetreuung mit den Kindern zusammen täglich produziert wurde. Da gab es Grußbotschaften, ein Interview mit dem Hausmeister, Rätsel und Geschichten vom Schulgespenst Wally. Die Podcasts erfreuten sich solcher Beliebtheit, dass sie nun fortgeführt werden. Ebenfalls im Schulradio gibt es die Podcast-Reihe „Demokratie für Kinder“.

Partizipation, Demokratie und Kinderrechte 

„Seit unserem Umzug in ein neues Schulgebäude und der Einführung des teilgebundenen Ganztags 2014 ist die Aufmerksamkeit für eine Verbesserung der Partizipation und für Kinderrechte, Diversität und Inklusion in unserer Schulentwicklung kontinuierlich gewachsen“, berichtete Christoph Schieber. „Die Schülerinnen und Schüler haben sich mit ihren Ideen in den Planungsprozess der neuen Schule eingebracht.“ Und: „Einmal im Jahr befragen wir die Schülerinnen und Schüler, zum Beispiel zum Thema Ganztagsschule.“

Kollegium der Grundschule Bad Münder© Grundschule Bad Münder

Das Mehr an Zeit im Ganztag und die dadurch ermöglichten demokratiepädagogischen Projekte –wie die „Demokratiepaten“, die ihren Mitschülerinnen und -schülern Wahlprozesse erklären, oder das Trainingsprojekt „Wir sind ein Klasse(n)-Team“ – tragen dazu bei, dass immer mehr Kinder an der Ganztagsgrundschule Verantwortung übernehmen. Im Rahmen der Projektwochen und Aktionstage zum Thema „Kinderrechte“ besuchten die Schülerinnen und Schüler andere Kinderrechte-Schulen wie die Schloss-Ardeck-Grundschule in Gau-Algesheim (Rheinland-Pfalz). 2018 hat die Schule das bundesweite Bündnis „Bildung für eine demokratische Gesellschaft“ mitbegründet und 2019 den bundesweiten „DemokratieErleben“-Preis für demokratische Schulentwicklung erhalten.

„Auch dem Kollegium hat die Ganztagsschule spürbare Veränderungen gebracht“, so der Schulleiter. „Es gibt einen intensiveren Austausch, das Projektmanagement hat sich verbessert, die Verknüpfung der Profilschwerpunkte hat sich verstärkt und die Veränderungsbereitschaft erhöht. Die Kinder sind dabei unser entscheidender Ideen- und Impulsgeber für die Schulentwicklung. Bei uns hat zum Beispiel der Schülerrat die Kompetenz, unser Jahresthema zu bestimmen, das sich auch in den Angeboten der Ganztagsschule wiederfindet.“ 

„Lernen plus“ in der IGS Südstadt

Klasse Team
Projekt „Wir sind ein Klasse(n) Team“© Grundschule Bad Münder

Schulleiterin Julia Grunewald von der IGS Südstadt in Hannover, in der sich das Kollegium von Corona nicht den Ganztag verbieten lässt, brach eine Lanze für Kooperationen: „Gleiche Ziele, veränderte Umsetzung, tolle Ergebnisse“, brachte sie es auf einen Nenner. An der gebundenen Ganztagsschule sind neben Lehrkräften auch Schulsozialarbeiterinnen und Beratungslehrkräfte, viele Sportvereine, die Stadtbibliothek und die Naturfreundejugend mit an Bord.

Ihr Ganztagsangebot hat die IGS Südstadt in diesem Schuljahr dennoch verändert. Das stets überreichliche AG-Angebot wurde zugunsten des neuen Fachs „Lernen plus“ reduziert, um die Defizite aus der Zeit der Schulschließungen aufholen. „Die Fachbereiche haben zusammengetragen, welche Kompetenzen nicht ausreichend aufgebaut werden konnten“ und ein entsprechendes Konzept erarbeitet. 

Und auch nicht alle Angebote des Ganztags können derzeit stattfinden. Das betrifft etwa die AGs Schulsanitäter und Streitschlichter, das Schülerfrühstück und „Schüler helfen Schülern“. „Aber auch da fällt uns etwas ein“, ist Julia Grunewald sicher. Diesen guten Geist des gemeinsamen Ermöglichens vermittelte das Online-Seminar „Ganztägig leben und lernen in Niedersachsen“ insgesamt.

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