Bildungsreise nach Hamburg - Teil 1: Gymnasium Marienthal

Als zweite von vier Stationen besuchte das länderübergreifende Thematische Netzwerk "Schulentwicklung" vom 5. bis 7. November 2008 Hamburg. Zwei sehr unterschiedliche Ganztagsschulen standen mit dem Gymnasium Marienthal und der Grund-, Haupt- und Realschule Schule am Eichtalpark auf dem Besuchsprogramm. Beide Schulen versuchen aus ihren unterschiedlichen Rahmenbedingungen das Beste zu machen.

Begrüßung und Moderationen lagen in den bewährten Händen von (v.l.) Björn Steffen, Susanne Hoffmann-Michel und Ines Stade

"Wie laufen Prozesse in Schulen ab? Wir schätzen diese Prozesse wert und interessieren uns dafür." Mit diesen Begrüßungsworten am 5. November 2008 eröffnete Björn Steffen, Leiter der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hamburg die zweite Hospitationsrunde des länderübergreifenden Thematischen Netzwerks "Schulentwicklung" im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen". Zugleich brachte Steffen damit die Idee auf den Punkt: Neugier und gegenseitige Wertschätzung sind die Triebfedern des Netzwerks, das aus Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bildungsverwaltungen sowie der Serviceagenturen "Ganztägig lernen" besteht. Die rund 50 Reisenden kommen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Der Austausch über die seit dem ersten Treffen im April 2008 in Mönchengladbach in den teilnehmenden Schulen stattgefundenen Veränderungen ist ein wichtiges Standbein in der Arbeit des Netzwerkes. Hier finden sich Lösungen und Anregungen - genauso wie in den Vorträgen über "Feedback-Regeln" und "Projekt-Management".

Doch die Kernidee besteht im Besuch der von den Serviceagenturen ausgewählten Ganztagsschulen, die oftmals in bestimmten Aspekten schon sehr weit entwickelt sind und in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer daher besonders viel mit den "Augen stehlen" können. So führten die Wege auf der dreitägigen Veranstaltung in zwei unterschiedliche Ganztagsschulen: In das Gymnasium Marienthal und in die Grund-, Haupt- und Realschule Schule am Eichtalpark.

Die Unterschiede zeigen sich schon in der Gebäudesubstanz: Die räumlichen Möglichkeiten des Gymnasiums kontrastierten mit dem bröckelnden Putz der GHRS am Eichtalpark. Das Gymnasium hat finanzielle Möglichkeiten, die der anderen Schule nicht in einem solchen Maße offen stehen: Das Gymnasium konnte die neue Aula vor fünf Jahren durch Sponsoren finanzieren.

Konstruktive und offene Schulleitung am Gymnasium Marienthal

Das Gymnasium wächst. Momentan lernen hier 800 Schülerinnen und Schüler, 60 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten hier. Die Schule arbeitet als teilgebundene Ganztagsschule: Es gibt mindestens zwei lange Tage mit acht Unterrichtsstunden - vier am Vor- und vier am Nachmittag, die durch eine 75-minütige Mittagspause getrennt werden. Am Nachmittag stehen noch offene Arbeitsgemeinschaften an, die freiwillig wählbar sind. 80 Prozent des Unterrichts wird in Doppelstunden organisiert, die Schulklingel ist abgeschafft. "Das bringt mehr Spielraum für andere Unterrichtsformen und mehr Freiheit für die Gestaltung des Tagesablaufs", erläuterte Christiane von Schachtmeyer.

Andreas Rudolph und Christiane von Schachtmeyer
Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer (r.) und ihr Stellvertreter Andreas Rudolph

Die Schulleiterin ist primus inter pares im erweiterten Schulleitungsteam, das neben ihr noch aus Schulleiter Udo Toetzke, dem stellvertretenden Schulleiter Andreas Rudolph und vier Koordinatoren für Ober-, Mittel- und Unterstufe besteht. "Das Gymnasium beeindruckt durch die konstruktive, offene Leitung der Schule", lobte Björn Steffen dieses funktionierende Konstrukt. Zum Denken und Mitreden wird in dieser Schule eindeutig aufgefordert.

Die verschiedenen Prozesse in der Schule werden durch Projektgruppen begleitet, in denen teilweise auch Schüler und Eltern sitzen. "Wir empfinden Schule als einen Ort ständiger Veränderung", meinte die Schulleiterin. So hat man die Unterrichtsentwicklung durch die Einführung von Studienzeiten, Sprachförderkonzepte, die Förderung des individualisierten und selbstständigen Lernens sowie ein neues Hausaufgabenkonzept vorangetrieben. "Aus unterschiedlichen Gründen ging das traditionelle Hausaufgabenkonzept nicht mehr auf", berichtete Andreas Rudolph. Stattdessen setze man auf den Dreiklang von "Üben, Wiederholen, Anwenden" innerhalb der Studienzeiten, für die die Kernfächer jeweils eine Wochenstunde abgeben.

Studienzeit: Ruhephase und Flüsterton

Von der 5. bis zur 8. Klasse sind mindestens zwei Wochenstunden für selbstständiges und individuelles Lernen in den Studienzeiten vorgesehen. Durchgeführt werden sie im Klassenverband oder auch in anderen, auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen abgestimmten Gruppenkonstellationen mit "binnendifferenzierten Ansätzen". Lehrerin Nina Christiansen, die seit vier Jahren das Konzept der Studienzeit begleitet, beschreibt: "Schülerinnen und Schüler sollen mit einer Art Wochenplan eigenständig üben und vergleichen, ob die Lösungen richtig sind." Nun plane man, Studienzeiten auch zur Vorbereitung zu nutzen.

Die Schülerinnen und Schüler haben für die Studienzeit einen eigenen Ordner, den sie nicht mit nach Hause nehmen. Die Aufgaben für die Woche müssen die Fachlehrer bis zum Freitag der Vorwoche zwölf Uhr im Computersystem eingetragen haben. Die Stunde teilt sich in 15 Minuten Ruhephase und eine Arbeitsphase auf, in der im Flüsterton gearbeitet werden muss und die von einem Fachlehrer begleitet wird. "Der Lehrer ist dabei mehr Beobachtender", schilderte Nina Christiansen. "Die Kinder sollen erst den Nachbarn fragen, wenn sie nicht weiterkommen, dann die Tischgruppe. Erst dann, wenn sie es immer noch nicht wissen, sollen sie den Lehrer fragen."

Obwohl das Feedback für die Schülerinnen und Schüler benotungsfrei ist, soll diese eine von vier oder fünf Unterrichtsstunden nicht folgenlos bleiben: "Wir sehen uns Stichproben der Arbeit der Kinder an. Es wird nicht immer jeder kontrolliert, das ist nicht leistbar", so die Lehrerin. "Wir wollen demnächst Selbstbewertungsbögen ausprobieren, in denen die Kinder in zehn Fragen beantworten, wie sie die Zeit genutzt haben. Auch die Sitznachbarn sollen eine Fremdeinschätzung geben."

Konzepte für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler

Die Lehrerschaft hat Visionen für die Weiterentwicklung der Studienzeit: So spielt man mit dem Gedanken, längere Zeiträume als eine Woche mit Kann- und Muss-Listen für die Aufgabenerfüllung abzudecken. Die Studienzeit könnte verlängert werden: "Andere Schulen arbeiten mit bis zu 135 Minuten", wusste Nina Christiansen zu berichten. Und man möchte die Studienzeit auch in der 9. Jahrgangsstufe einführen.

Eine Evaluation vor zwei Jahren ergab, dass man ab der 7. Klasse die Aufgaben umstellen muss, weil die anfängliche Begeisterung der Schülerinnen und Schüler nachlässt. "Ab Klasse 8 muss man dann die Arbeit in der Studienzeit richtig kontrollieren. Es liegt an den Aufgaben: Wie kann ich die Schülerinnen und Schüler interessieren? Das ist die entscheidende Frage", so Nina Christiansen.

Für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler entwickelt die Schule Konzepte, um sie zusätzlich zu fördern. Neben der Rhythmisierung und der Einführung neuer, kooperativer Lernformen dienen kollegiale Hospitationen mit anschließend gemeinsamer Unterrichtsreflexion der Weiterentwicklung von Unterricht, Personal und Organisation.

Steuer- und Projektgruppen koordinieren die Schulentwicklung

Die große Überschrift des Schullebens lautet "Mit Freude selbstständig werden" und ist zugleich auch die Zielformulierung des in diesem Jahr entwickelten Leitbildes. "Eine Persönlichkeit werden" steht im Vordergrund der Bemühungen von Schülerinnen und Schülern. Deshalb ist "Soziales Lernen" nach dem "Lions-Quest"-Programm "Erwachsen werden" verbindliches Unterrichtsfach in der Unterstufe. In einer Paten-AG kümmern sich Neunt- und Zehntklässler um die Fünft- und Sechstklässler und übernehmen Verantwortung für sie. Lernen im Team wird von Anfang an im Fachunterricht, in der AG "Theater und Medien", im naturwissenschaftlichen Praktikum und in den Neigungskursen von den Klassenlehrerteams gefördert.

Nina Christiansen zeigt die Studienzeit-Ordner (l.). Ingrid Österlein stellt KUR vor

"Wie bekommt man diese ganzen Veränderungen unter einen Hut?", fragte Christiane von Schachtmeyer. Um alle Veränderungen zu koordinieren und ins Gesamtkonzept einzupassen, hat das Gymnasium Marienthal unterhalb des Schulleitungsteams Steuergruppen und ihr zuarbeitende Projektgruppen gebildet.

Die Küche ist morgens ab 7.30 Uhr geöffnet. Das Frühstück ist umsonst. Das Mittagessen ist für die Schülerinnen und Schüler nicht verpflichtend. 170 bis 180 Kinder und Jugendliche nehmen an dem von einer Beschäftigungsgesellschaft vor Ort gekochten Essen ohne Voranmeldung und Essensmarken teil. Das Essen wird in der Aula serviert, der 7. Jahrgang hat jeweils Tischdienst. Das Essen kostet die Schülerinnen und Schüler jeweils zwei Euro, die Lehrerschaft zahlt drei Euro.

Neben dem Essen können die Schülerinnen und Schüler die Zeit in der Mittagspause auch für Neigungskurse nutzen, die von Honorarkräften betreut werden. Die Schulleitung stellt diese mit Arbeitsverträgen an. "Ich entwickele mich zum Kaufmann", meinte Rudolph dazu. Sport, Musik, Tanz, Sprachen, Kreatives Schreiben, Event Management und Instrumentalunterricht in Kooperation mit der Jugendmusikschule stehen zur Auswahl.

Kleine organisatorische Lösungen erleichtern den Alltag

Es sind aber auch die scheinbar kleinen organisatorischen Lösungen, welche das Schulleben erleichtern und die Besuchergruppe beeindruckten: Ein Computersystem mit LCD-Bildschirmen informiert Kollegium und Schülerschaft per Mausklick über Vertretungen und andere aktuelle Vorkommnisse. "Das erspart unglaublich viel Rumrennen", so der stellvertretende Schulleiter. Und da alles digital verfügbar sei, falle viel Papierkram weg.

Ein Schließsystem mit Alarmanlage und Pieper erspart den Hausmeister außerhalb der Schulzeiten und sorgt dafür, dass die Schule rund um die Uhr geöffnet ist. Kontakte, Vor- und Nachbereitung sind auch wegen der eingerichteten Lehrerarbeitsplätze problemlos möglich. "Der Lehrer alten Schlags wird in einer Ganztagsschule unglücklich werden", prophezeite Rudolph.

Mit diesem Schuljahr hat das Gymnasium Marienthal auch die Kollegiale Unterrichtsreflexion eingeführt. Im Rahmen einer Projektgruppe von bis zu 14 Kolleginnen und Kollegen reflektieren zwei bis vier Lehrerinnen und Lehrer ihre Arbeit auf der Grundlage gegenseitiger Unterrichtsbesuche. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich freiwillig zusammengefunden. Die Projektgruppe hat einen Sprecher bestellt, der den Kontakt zur Schulleitung, zur Steuergruppe und zu einem Moderatoren vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, das bei der Etablierung dieses Projekts geholfen hat, hält. So soll Öffentlichkeit hergestellt und verhindert werden, zu einer In Group zu werden.

Weniger Stress und mehr Ideen durch Kollegiale Unterrichtsreflexion

Die zwei Wochenstunden für das KUR (Kollegiale Unterrichtsreflexion)-Projekt kommen aus dem Fortbildungspool. Insgesamt stehen 30 Stunden pro Schuljahr zur Verfügung: 15 Stunden für die Hospitationen, neun Stunden für die Projektgruppe und sechs Stunden für weitere Anliegen.

"Die Begleitung durch externe Moderatoren und die Auftrags- und Rahmenklärung unter Einbeziehung der Schulleitung gehören zu den Gelingensbedingungen der KUR. Vertrauen und Vertraulichkeit, keine Show-Stunden, Freiwilligkeit und klares und konstruktives Feedback sind weitere Grundlagen", so Lehrerin Ingrid Österlein. "Ein geschärfter Blick auf den Unterricht, weniger Stress, neue Ideen und die Verbesserung des Lernklimas sind einige unserer erhofften Ziele durch die Unterrichtsreflexion."

Die Hospitationsgruppe zeigte sich von diesen Instrumenten der Schulentwicklung beeindruckt. Sie hob in ihrem abschließenden Feeback die "hohe Identifikation der Beteiligten mit den Aufgaben", die "hohe Fachkompetenz", die "Nachhaltigkeit der Projekte durch durchdachte Strukturen" und den "hohen Grad von Organisation und Verbindlichkeit" hervor.

Lesen Sie hier den 2. Teil der Berichterstattung über die Hospitationsreise nach Hamburg.

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