An den Stärken ansetzen

Individuelle Förderung - oft assoziiert man mit diesem Begriff das Beheben von Leistungsdefiziten. Dabei sollte der Begriff viel umfassender verstanden werden: Bei jedem Kind kann Wertvolles ans Licht geholt werden, wenn Lehrkräfte und Erzieherinnen durch professionelles Beobachten, diagnostische Kompetenz und ressourcenorientiertes Herangehen die Schülerinnen und Schüler unterstützen. Die Methodenwerkstatt "Individuelle Förderung" am 28. und 29. Mai 2008 in Münster stellte verschiedene Ansätze und Methoden vor.

Große Worte zitierte Irmgard Grieshop-Sander vom Landesjugendamt des Landschaftsverbandes Westfallen-Lippe (LWL) zum Auftakt der Methodenwerkstatt "Individuelle Förderung" im Franz-Hitze-Haus in Münster vor 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern: "Jeder Mensch ist dazu bestimmt, ein Erfolg zu werden, und die Welt ist dazu bestimmt, ihm diesen Erfolg zu ermöglichen."

Die Welt, das ist in diesem Fall der Kosmos Schule. Keine andere Institution vermag es wie diese, alle Individuen einer Altersgruppe an einem Ort zu versammeln. Das bringt eine hohe Verantwortung für das Aufwachsen, die Entwicklung und das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler mit sich. Die Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer und die pädagogischen Partner steigen dabei nicht nur durch die sozialen Umstände oder die fehlende Erziehungstätigkeit in manchen Familien, sondern auch durch die gewachsenen Ansprüche im Bildungswesen selbst: So soll laut dem nordrhein-westfälischen Schulgesetz von 2006 in den offenen Ganztagsgrundschulen jede Schülerin und jeder Schüler individuell gefördert werden.

Das LWL-Landesjugendamt und die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen stelten mit der zweitägigen Methodenwerkstatt verschiedene Ansätze und Methoden der Diagnostik vor. Die Blickwinkel, aus denen dieses Thema betrachtet wurde, waren dabei nicht nur pädagogische. Dr. Uwe Kanning widmete sich in seinem Eröffnungsvortrag dem "Professionellen Beobachten und Bewerten als Grundlage individueller Förderung". Der Psychologe der Universität Münster konstatierte: "Ich muss diagnostisch tätig werden, um dann differenziert und gezielt fördern zu können." Dabei gelte es, systematische Fehler der Personenbeurteilung zu vermeiden.

Erfahrung kann den Blick verstellen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Übungen zur Erlebnispädagogik
Kommunikation und Zusammenarbeit waren bei den Übungen gefragt, die im Workshop zur Erlebnispädagogik praktiziert wurden

Kanning warnte die Pädagoginnen und Pädagogen beispielsweise davor, sich zu viel zuzumuten: "Man muss sich vom maßlos überzogenen Anspruch des ,ganzheitlichen Beobachtens' einer Gruppe von bis zu 30 Individuen verabschieden. Das ist überhaupt nicht leistbar." Stattdessen solle man sich für einen Schultag jeweils einzelne Schülerinnen und Schüler auswählen, die man gezielt beobachten könne. "Zur professionellen Diagnostik gehört die Fokussierung. Man muss im Voraus festlegen, was man beobachten und bewerten möchte. Dazu müssen mehrere, klar definierte Bewertungskriterien bestimmt werden." Bis zu drei Kriterien seien ausreichend, ansonsten führe es wieder zu einer Überforderung des Beobachters.

So wichtig Erfahrungswerte seien, müsse man doch kritisch hinterfragen, ob sie nicht zu selektiver Wahrnehmung und selbsterfüllenden Prophezeiungen führenkönnten. "Wenn man Kolleginnen und Kollegen zum Beobachten und Bewerten hinzuzieht, sollten die Vorabinformationen so gering wie möglich gehalten werden", riet Kanning. "Man sollte sich auch nicht zu früh miteinander austauschen, sondern Informationen erst einmal für sich verarbeiten." Denn die Interpretation der aufgenommenen Informationen muss klar vom Beobachten getrennt sein. Durch das sofortige Besprechen in einer Gruppe drohe das Replizieren einer Gruppennorm, in der sich die Eindrücke immer einander annähern. "Es empfiehlt sich, mit Beobachtungsskalen zu arbeiten, in welche man die gewonnenen Eindrücke eintragen kann. Dabei sollte man gemeinsam in der Schule festlegen, welche Bedeutung die Bewertungen haben."

Aus Sicht der Psychosomatik ging Dr. Eckhard Schiffer, Chefarzt der Abteilung für psychosomatische Medizin am Christlichen Krankenhaus im niedersächsischen Quakenbrück, auf "Schatzsuche im offenen Ganztag - Ressourcenorientierung und Lerngesundheit". Der Mediziner stellte neue Erkenntnisse der Hirnforschung vor: "Was in guter Pädagogik schon immer drin war, bestätigt heute die Neurobiologie." Das "Lernen mit Hirn, Herz und Hand fördert die Geistestätigkeit, die Gesundheit und das Wohlbefinden".

Ganztagsschulen als Orte der peer group

"Kinder suchen Orte, an denen sie sich entwickeln können, aber das kostet Zeit", plädierte Schiffer für die Ganztagsschule. Es sei bedauerlich, dass sich die Jugend heute teilweise freiwillig dem Stubenarrest unterziehe und so das Leben verpasse. Das Gehirn arbeite dann kreativ, wenn Schülerinnen und Schüler in einem "angstfreien Raum eigene Problemlösungen finden können". Dabei seien spielerisches Lernen und schöpferische Tätigkeiten unerlässlich: "Es geht um die leibhaftige Welterfahrung mit allen Sinnen."

Die peer groups geisterten durch die Literatur, in der Realität gebe es sie aber kaum noch. Statt dessen könten in der Ganztagsschule ein Gemeinschaftsgefühl und die Lust entstehen, etwas miteinander zu erreichen. Die Ganztagsschule habe Möglichkeiten, schöpferische Prozesse einzubauen. Entstehe dann in einer Klasse ein starkes Kohärenzgefühl, profitieren alle davon. Schiffer gab indes auch zu bedenken: "Eine Schule, die gelingen soll, setzt aber auch ein Kohärenzgefühl im Kollegium voraus."

Zeit zum Austausch im Kleingruppen im Garten des Franz-Hitze-Haus

Die Tanz- und Bewegungstherapeutin Viola Werner und der Gestaltungs- und Sozialtherapeut Armin Kaster plädierten für einen "Kreativen Umgang mit Vielfalt als Beitrag zur individuellen Förderung". Ohne Leistungsdruck, bei einer Vielfalt von Methoden und Freiwilligkeit würde die Freude am Lernen gefördert. "Mit der Kunst haben wir viele Chancen, Kinder zu erreichen, die wir vertun, wenn wir künstlerische Produkte nach richtig oder falsch benoten", erklärte Viola Werner aus eigener Erfahrung. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern stellten die beiden Therapeuten eine Vielzahl kreativer Übungen vor - so zum Beispiel, wie aus zwei im Raum gefundenen Gegenständen eine Art Dominospiel, eine darum rankende erfundene Geschichte und Bilder entstehen können, die Phantasie und Kreativität anregten.

Akteure des eigenen Lernens und der eigenen Entwicklung

Wie die Arbeit, die sich an "Respekt und Wertschätzung gegenüber den Kindern" orientiert, im Alltag aussehen kann, schilderte Petra Köster-Gießmann, Schulleiterin der Grundschule Borchshöhe in Bremen. "Bei der individuellen Förderung geht es nicht ums Therapieren, sondern darum, individuell angepasste Angebote zu entwickeln. Fördern und fordern gehören zusammen", erklärte sie. "Wir setzen an den Stärken an und gestalten lern- und entwicklungsfördernde Lebensräume für Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit. Alle lernen am gemeinsamen Inhalt, aber nicht zur selben Zeit und nicht mit den selben Aufgaben." Zeit, Umfang, Niveau, Hilfe und Einsatz der Medien würden alle differenziert eingesetzt.

"Jeder ist Akteur seines eigenen Lernens und seiner eigenen Entwicklung", beschrieb Petra Köster-Gießmann einen Grundsatz ihrer Grundschule. Die Mittel dazu sind die Arbeit mit dem Wochenplan, fächerübergreifender Unterricht, Stationenlernen, Freiarbeit und projektorientierter Unterricht. Dabei trainieren die Schülerinnen und Schüler auch Methoden und Arbeitstechniken des Lernens. Bei diesen selbstständig verantworteten Lernformen - dem Gegenteil eines uniformen Unterrichts - halten die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder durch Rückkopplung und Begleitung auf Kurs und beobachten den Lernprozess. Die Schülerinnen und Schüler kontrollieren sich anhand von vorbereiteten Kontroll- und Lösungsblättern selbst, sie reflektieren ihren Lernprozess kontinuierlich in einem Logbuch. In regelmäßigen Zeitabständen halten die Lehrerin oder der Lehrer den individuellen Lernfortschritt fest.

"Wir befinden uns auf dem Weg zu einer neuen Lehr- und Lernkultur, die eine Antwort auf die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ist", beschrieb Petra Köster-Gießmann den Prozess an ihrer gebundenen Ganztagsschule, der "viel Kraft kostet". Man arbeite in altersgemischten Gruppen in Lernhäusern. Lehrerinnen und Lehrer seien eher Anleiter und Berater und arbeiten im Team mit den Erzieherinnen und Erziehern zusammen.

Erforschen guter Zeiten und positiven Verhaltens

Dr. Eckhard Schiffer (l.) und Anne Valler-Lichtenberg
Dr. Eckhard Schiffer (l.) und Anne Valler-Lichtenberg

Nun sei der Ausbau der sechsjährigen Grundschule bis zur 10. Klasse geplant, was von den Eltern große Unterstützung erfahre, die sich ein höheres Maß an Kontinuität für ihre Kinder versprächen. Die bisherigen Rückmeldungen der weiterführenden Schulen über aufgenommene Abgänger von der notenfreien Grundschule Borchshöhe sind ermutigend: "Uns wird mitgeteilt, dass man noch keine Schülerinnen und Schüler mit solch ausgeprägten Sozialkompetenzen und Lernstrategien erlebt hat", berichtete Petra Köster-Gießmann.

Wertschätzung und Orientierung an Stärken waren zwei Punkte, die sich wie ein roter Faden durch die Beiträge der Methodenwerkstatt zogen. Der abschließende Beitrag "Einführung in die Methode lösungsorientierter Beratung" von Anne Valler-Lichtenberg, einer Kölner Supervisorin, rundete dieses Bild ab. Die Referentin erklärte: "Lösungs- und Ressourcenorientierung ist mehr als eine Methode, es ist eine Haltung."

Ressourcenorientierte Fragen seien dabei hilfreich: "Wann ist es in der Klasse ruhiger? Wann konnte sich der Schüler besser konzentrieren?" Durch das Erforschen besserer Zeiten und positiven Verhaltens, das Anknüpfen an positiv gelöste Probleme der Vergangenheit und das Formulieren von Zielen könne man gemeinsam Lösungen entwickeln. "Finde heraus, was gut funktioniert, und tue mehr davon", brachte die Supervisorin den Geist der Veranstaltung auf den abschließenden Punkt.

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