Bücherwurm-Grundschule Grimma: "Bildung kann nur ganztägig gelingen"

Die Bücherwurm-Grundschule im sächsischen Grimma muss wie so viele Schulen unter erschwerten Bedingungen arbeiten: Während die Zahl der Kinder zunimmt, die unter Symptomen wie ADHS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden, fehlt es an Lehrerinnen und Lehrern. Mit hohem Engagement stellen sich Schulleitung und Kollegium den Herausforderungen, träumen von einer ganzheitlichen Bildung vom Kindergarten bis zum Studium und erwägen den Schritt von der offenen zur gebundenen Ganztagsschule.

Schulhaus Grimma-West

Das Ergebnis des Diktats der 4. Klasse der Bücherwurm-Grundschule Grimma-West macht das Dilemma auf den ersten Blick deutlich: Es gibt zwei "sehr gut", fünf "gut", ein "befriedigend", ein "ausreichend", vier "mangelhaft" und drei "ungenügend". Man könnte sagen, dass sich hier ein Trend abbildet, den Soziologen für die Gesellschaft und Ökonomen für die Wirtschaft bereits ausgemacht haben: Die Mitte bricht weg.

"Wir in den Schulen sind so etwas wie die Hellseher der Nation", meint Schulleiterin Uta Schiebold. Die Kinder sind die Zukunft des Landes, und ein wenig bang wird der erfahrenen Pädagogin, die soeben die Diktate an die Schülerinnen und Schüler verteilt hat, schon, wenn sie sieht, wie schwer sich immer mehr Kinder selbst mit einfachen Aufgaben tun. Sie kann einen direkten Vergleich ziehen, der das Nachlassen der Leistungen noch deutlicher macht: "Vor sechs Jahren habe ich dieses Diktat schon einmal schreiben lassen, und damals durften die Kinder kein Wörterbuch zur Unterstützung gebrauchen. Dennoch waren die Ergebnisse wesentlich besser." Zieht sie gar die Leistungen mancher der Eltern, die vor über 20 Jahren ihre Schulbank drückten und deren Kinder nun in ihrer Klasse sitzen, zum Vergleich heran, scheint die aktuelle Misere noch gravierender.

Jahr für Jahr werden immer häufiger Schülerinnen und Schüler in die Bücherwurm-Grundschule eingeschult, die unter Auffälligkeiten leiden: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen, Sprachstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Dyskalkulie. Im aktuellen Schuljahr hat die Schulleiterin sechs Förderschulanträge gestellt - so viel wie noch nie in einem Schuljahr in 30 Jahren Schuldienst. Dazu kommen noch drei anhängige Verfahren aus dem letzten Schuljahr. "Das ist schon enorm", meint Uta Schiebold.

Ein Schüler in ihrer Klasse sprach kein Wort, als er auf die Bücherwurm-Grundschule kam. "Wir wussten überhaupt nicht, was mit dem Kind los war", erinnert sich die Lehrerin. Mühsam gelang es, Vertrauen aufzubauen, den Jungen zum Sprechen zu animieren und Selbstvertrauen zu geben, so dass sich seine Leistungen verbesserten.

Neue Turnhalle nach Elternprotesten

Das sind kleine Erfolgserlebnisse im Alltag der Lehrerinnen und Lehrer, die Mut machen: Man kann etwas bewegen. Wenn Uta Schiebold an den erwähnten Jungen denkt, ist sie dennoch pessimistisch. Zum einen sorgt das Notensystem ihrer Meinung nach für eine permanente Entmutigung des Kindes. Die Leistungssteigerung auf niedrigem Niveau findet keine Entsprechung in besseren Noten: So sind zum Beispiel "nur" 15 Fehler statt wie im Diktat vorher 30 Fehler eine klare Verbesserung, doch das "ungenügend" steht weiterhin unter dem Geleisteten. Zum anderen sorgt sie sich um die Zukunft des Jungen, wenn er erst einmal auf eine weiterführende Schule kommt: "Ich weiß jetzt schon, dass er dort unter die Räder kommen wird. Es ist traurig. Da haben wir es endlich geschafft, dass er Fuß fasst, schon müssen wir ihn wieder abgeben. Die Kinder bereits nach vier Jahren wieder auf andere Schulen zu verteilen, kommt viel zu früh."

Derzeit besuchen 138 Schülerinnen und Schüler die am westlichen Stadtrand Grimmas gelegene zweizügige Grundschule. Über Platzmangel kann sich die Schule nicht beklagen, denn seit vor zwei Jahren das Gymnasium aus dem 1972 errichteten Gebäude ausgezogen ist, sind viele Klassenzimmer verwaist. Ab dem Schuljahr 2009/2010 wird es allerdings wieder enger, denn dann fusioniert die Bücherwurm-Grundschule mit einer anderen Grundschule und wird dreizügig. Beklagenswert ist allerdings der bauliche Zustand des Hauses, an dem seit drei Jahrzehnten im Innenbereich nichts geändert worden ist. Viele Rohre hängen bedrohlich locker über den Köpfen der Kinder und Erwachsenen, am Boden stolpert man über gelockerte Bodenbretter. Demnächst soll eine Innensanierung beginnen: Noch ist nicht klar, ob dies bei laufendem Betrieb geschehen kann oder die Schule ausquartiert werden muss.

Für den Herbst hofft die Schule auf die Eröffnung der neuen Turnhalle, die zurzeit im Rohbau steht. Die alte Halle befand sich in einem Zustand, den die Schulleiterin als "Sicherheitsrisiko" umschreibt: "Es regnete überall rein, in den Umkleidekabinen standen Eimer, um das Wasser aufzufangen, und die Sanitäranlagen waren nicht mehr zu benutzen." Erst nach großen Protesten und Demonstrationen der Eltern beschloss die Kommune den Abriss und Neubau der Halle, für die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes genutzt werden konnten.

Bunt gemischte Elternschaft

Das Einzugsgebiet der Schule spiegelt sich in einer gemischten Elternschaft: Hinter großen Hochhausblöcken, in denen viele sozial und finanziell benachteiligte Familien leben, sind Einfamilienhäuser entstanden. Die schwierige Situation vieler Kinder hängt häufig mit der beruflichen Perspektivlosigkeit der Eltern zusammen. Die Arbeitslosigkeit liegt in Grimma bei rund 20 Prozent, viele Ehen sind geschieden, manche Alleinerziehende sind überfordert. "Ich erschrecke oft, wie gering das Allgemeinwissen bei manchen Kindern ist", erklärt Uta Schiebold. "Sie kennen viele Begriffe nicht mehr, und man muss mit ihnen Dinge erarbeiten, die man eigentlich als selbstverständlich vorausgesetzt hat."

Nach der Rückgabe der Diktate setzt sich die Schulleiterin mit den Schülerinnen und Schülern zusammen, die ein "ausreichend" oder schwächere Noten erhalten haben. Sie sollen das Diktat noch einmal abschreiben oder berichtigen. Die anderen Kinder können in Freiarbeit mit Materialien arbeiten, mit denen sie ihre Leistungen selbst überprüfen können. Doch die Unterrichtsdifferenzierung stößt an ihre Grenzen: Eigentlich benötigte Uta Schiebold noch eine Kollegin, damit sie die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler gezielter vornehmen könnte. Als Einzelkämpferin wird sie permanent von Fragen aller Schülerinnen und Schüler bestürmt, so dass einige zu kurz kommen.

Schulleiterin Uta Schiebold

Die Personalsituation lässt - wie so häufig - zu wünschen übrig. Zwölf Lehrerinnen zählt das Kollegium, dessen Altersstruktur in Schieflage geraten ist. Von unten kommt kein Nachwuchs mehr - bis 2009 hat Sachsen einen Einstellungsstopp für Lehrerinnen und Lehrern verhängt. Die Situation wird sich in absehbarer Zeit also nicht verbessern, im Gegenteil. "Ich bin froh, dass ich so tolle Kolleginnen und Kollegen habe, die sich auch bei Krankheit in die Schule schleppen, weil sie wissen, dass die Arbeit sonst nicht zu schaffen ist", lobt Uta Schiebold das Engagement der Lehrerschaft. "Aber es wird für mich von Jahr zu Jahr schwieriger, sie bei Laune zu halten. Wir werden hier auf Verschleiß gefahren."

Bricht die Motivation weg?

Vom Kultusministerium sei keine Initiative zu erwarten, die Ganztagsschulen wie die Bücherwurm-Grundschule mit zusätzlichen Finanzen oder Personal auszustatten. Die Sächsische Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig, das für die Bücherwurm-Grundschule zuständige Schulamt, macht Uta Schiebold zufolge "keine weitsichtige Personalplanung". So fehlt der Schule eine Lehrerin für Lese-Rechtschreib-Schwäche, "obwohl seit zwei Jahren absehbar war, dass wir eine brauchen, und auch eine bekommen sollten", kritisiert die Schulleiterin. Eine LRS-Klasse gibt es an der Schule bereits, eine weitere müsste im kommenden Schuljahr eingerichtet werden - es liegen bereits jetzt 35 Anmeldungen vor. Nun müsse eine der Lehrerinnen einspringen, was zeitlich völlig illusorisch scheint. Im schlimmsten Fall erhalten die Kinder die ihnen angedachte und notwendige Förderung einfach nicht. "Wenn man gute Leute in unserem Beruf haben möchte, dann muss man auch etwas dafür tun", fordert Uta Schiebold. "Und es muss etwas passieren, damit bei uns die Motivation nicht wegbricht."

Die Bücherwurm-Grundschule ist eine offene Ganztagsschule - wie fast überall im Osten des Landes in der Kombination Grundschule und Hort. Von den 138 Kindern nehmen etwa 100 die Nachmittagsbetreuung in Anspruch. Träger des Horts ist die Kommune. Die sechs Erzieherinnen, die laut Uta Schiebold noch die - "vergessen sie mal den ganzen politischen Kram" - "hervorragende pädagogische Spezialausbildung in der DDR" erhalten haben, werden von der Stadt nach Tarif bezahlt. Die Zusammenarbeit des Lehrerinnenkollegiums mit den Erzieherinnen ist eng: Es gibt gemeinsame Besprechungen, gemeinsame Elternarbeit, wöchentliche Absprachen und einen gemeinsamen Schularbeitsplan.

Die Hortbeiträge belaufen sich auf monatlich 41 Euro. Wer sein Kind bereits ab sechs Uhr morgens in die Schule bringt und länger als bis 16 Uhr dort lässt, zahlt 46 Euro. Für Alleinerziehende gibt es eine Ermäßigung um etwa fünf Euro. Das Mittagessen, das ohne Wahlmöglichkeit von der Küche des benachbarten Krankenhauses geliefert wird, muss von allen Eltern bezahlt werden. Die Stadt subventioniert es allerdings mit 45 Cent pro Mahlzeit, so dass der Betrag bei nur 1,85 Euro liegt. Mit der Finanzierung des Mittagessens hat die Schule im Unterschied zu manch anderen Standorten deshalb auch keine Probleme.

Fortbildung mit allen Kooperationspartnern

Dank der Landesmittel aus dem Topf für Schulen mit ganztägigen Angeboten konnte die Bücherwurm-Grundschule Verträge mit einigen Kooperationspartnern abschließen: Die Caritas organisiert in jeder Klasse ein soziales Kompetenztraining. Eine Physiotherapeutin bietet Tanz- und Bewegungstherapie, eine Rückenschule und Konzentrationstraining. Die Musikschule bringt den Kindern Melodika- und Akkordeonspielen bei, das Kreisheimatmuseum lädt zu Veranstaltungen und das Gesundheitsamt informiert über gesundes Schulfrühstück, Drogenprävention und Sexualerziehung. Wenn im Herbst die Turnhalle fertiggestellt sein wird, wird der Sportverein TSV Einheit Grimma Hockey anbieten. "Es ist schön, dass die Schulen sich mit den Landesmitteln ihre Kooperationspartner nach ihren Bedürfnissen gezielt aussuchen können", lobt Uta Schiebold die GTA-Mittel.

Im März wird eine große Fortbildung mit sämtlichen Kooperationspartnern stattfinden, in der diskutiert werden soll, wie man eine Schulwoche gemeinsam rhythmisieren kann, welche Themen dort behandelt werden können und wie es mit dem sozialen Kompetenztraining weiter geht. Auch über personelle Fragen will die Schule beraten: "Ich hätte gerne von der Arbeitsagentur eine weitere Schulassistentin - eine Ein-Euro-Kraft -, die der Verein Sophia e.V. Leipzig beschäftigt und die man parallel im Unterricht einsetzen könnte", berichtet Uta Schiebold. "Außerdem fehlt uns jemand für Computerprogrammierungen."

Die Schulleiterin möchte darüber hinaus ein größeres Vorhaben anschieben: Ihre Schule soll sich zu einer gebundenen, ganztägig rhythmisierten Ganztagsschule entwickeln. Die Voraussetzungen dafür seien wegen der guten Schülerzahlen und des engagierten Kollegiums gut. "Bildung passiert nicht nur am Vormittag, sie kann nur ganztägig gelingen", ist die Pädagogin überzeugt. Man müsse heutzutage einfach mehr Zeit für das einzelne Kind haben. Lehrerinnen und Lehrer bräuchten dabei nicht alles alleine machen, für viele Bereiche könne man sich auch regelmäßig Spezialisten in die Schule holen - so wie an diesem Tag die Zahnärztin, die etwas über Zahngesundheit erzählt, oder der Kriminalbeamte, der mit den Eltern am Abend über Gewaltprävention spricht.

Enge Verzahnung gewünscht

Wie genau der Wechsel zur gebundenen Ganztagsschule personell und finanziell gelingen kann, steht noch in den Sternen. Der erfolgreiche Druck der Eltern beim Bau der Turnhalle hat Uta Schiebold aber gezeigt, dass man etwas erreichen kann, wenn man sich mit Entschiedenheit hinter ein Vorhaben stellt.

Sicherlich muss sie noch Überzeugungsarbeit bei Kolleginnen und Eltern leisten, aber die Schulleiterin hat in dieser Hinsicht bereits eine kleine Feuertaufe hinter sich: Als in Sachsen die "Verbesserte Schuleingangsphase" eingeführt wurde, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Kita und Grundschule bewirken sollte, galt es auch, zunächst Widerstände zu überwinden: "Es gab große Vorbehalte auf Seiten der Kita-Erzieherinnen, die glaubten, dass ihnen nun die ,Besserwisser-Lehrer' in ihren Beruf reinreden wollten", erinnert sich Uta Schiebold. Doch schließlich gelang es, einen Kooperationsvertrag zwischen der "Zwergenland"-Kita und der Bücherwurm-Grundschule zu schließen.

Eine enge Verzahnung wie zwischen Kita und Grundschule sollte es zwischen allen Bildungsinstitutionen geben, findet Uta Schiebold. Das Gefühl, ein Kind sehenden Auges in seine persönliche Bildungskatastrophe zu entlassen, muss der Vergangenheit angehören.

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