Gemeinsam für jedes Kind

Nach Münster, Jena und Schwerin steuerte das Thematische Netzwerk der Serviceagenturen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen vom 30. Mai bis 1. Juni 2007 als viertes und zugleich letztes Ziel die Hansestadt an. Dort hospitierte man in zwei renommierten, langjährigen Ganztagsschulen: Dem Gymnasium Klosterschule und der Gesamtschule Mümmelmannsberg.

Das Gymnasium Klosterschule und die Gesamtschule Mümmelmannsberg gehören zu den renommiertesten Ganztagsschulen Hamburgs, die seit vielen Jahren erfolgreich mit ganztägigem Unterricht arbeiten und über die Hansestadt hinaus bekannt geworden sind. Kein Zufall also, dass Björn Steffen, Leiter der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hamburg, diese beiden Schulen für die Hospitationsgruppe des Thematischen Netzwerks der Serviceagenturen aussuchte.

Vom 30. Mai bis 1. Juni 2007 legten die Vertreterinnen und Vertreter der Regionalen Serviceagenturen, Schulleitungen sowie Lehrerinnen und Lehrer aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen ihre nach Münster, Jena und Schwerin vierte und letzte Station in der Hansestadt ein, um erneut durch Hospitationsbesuche in Schulen Ideen und Anregungen für den eigenen Schulalltag zu erhalten. Die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren neugierig auf Schulen in einer Millionenstadt.

Björn Steffen

"Die Klosterschule und die Gesamtschule Mümmelmannsberg sind etablierte Ganztagsschulen, die noch unter besseren Bedingungen als die anderen 81 Ganztagsschulen der Stadt arbeiten", führte Björn Steffen seine Besucher ein. "Allerdings müssen die alten Ganztagsschulen innerhalb der kommenden vier Jahre ihren Personalbestand abschmelzen, so dass sich schlussendlich alle Ganztagsschulen auf dem gleichen Stand befinden werden."

Die besseren Bedingungen beziehen sich auf die einstweilen noch bessere Personalausstattung und das - besonders in der Gesamtschule - großzügige Raumangebot, ansonsten müssen auch diese beiden Vorzeigeschulen mit erschwerten Rahmenbedingungen zurecht kommen. Die Klosterschule wäre vor 25 Jahren beinahe geschlossen worden, weil die Anmeldezahlen so gering waren. Das im Stadtzentrum St. Georg gelegene Gymnasium liegt recht weit von weiterer Wohnbebauung entfernt und muss daher in der weiteren Umgebung um die Kinder werben.

"Die 45-Minuten-Hetze ist abgeschafft"

Die Gesamtschule Mümmelmannsberg liegt im gleichnamigen Stadtteil, einer von 1970 bis 1979 errichteten Großraumsiedlung, die auf der grünen Wiese hochgezogen wurde. Heute ist der Migranten-, Arbeitslosen- und Sozialhilfeanteil in diesem Viertel überdurchschnittlich hoch, was sich auch in der Schule widerspiegelt: 35 Prozent der über 1.000 Schülerinnen und Schüler kommen aus 30 verschiedenen Nationen, weitere 35 Prozent sind Deutsche mit Migrationshintergrund, Gewalt und Schulschwänzen sind ein Thema. Im April 2006 gelangte die Schule zu unerfreulicher überregionaler Bekanntheit, nachdem publik wurde, dass eine Fernsehproduktionsgesellschaft Jugendliche der Gesamtschule bezahlt hatte, um Szenen nachzustellen, die Gewalt und Bandenkriminalität darstellten, um den Zuschauern ein Bild eines "Großstadtghettos" zu vermitteln.

Wenn diese Schulen mit ihren Schwierigkeiten fertig geworden sind, darin war sich die Hospitationsgruppe einig, ist das kein geringes Verdienst der jeweiligen Schulleiter. In der Klosterschule ist Ruben Herzberg nicht nur die treibende Kraft hinter den Veränderungen im pädagogischen Bereich, sondern auch in der Außendarstellung des Gymnasiums. "Von ihm könnte ich mir noch eine Menge abgucken, wie man seine Schule in der Öffentlichkeit präsentiert", meinte Jan Rambke, Schulleiter der Hamburger Schule am Eichtalpark.

Seit 15 Jahren ist die Klosterschule gebundene Ganztagsschule. Die so genannten Neigungskurse, in denen Angebote aus den Bereichen Sport, Kunst, Tanz, Musik und Handwerk gemacht werden, liegen auch am Vormittag. Der Tag besteht fast nur noch aus Doppelstunden; "die 45-Minuten-Hetze haben wir abgeschafft", berichtete der Schulleiter seinen Gästen. Die Doppelstunden werden durch eine halbstündige Pause von 9.30 bis 10.00 Uhr und die große Mittagspause von 11.30 bis 12.45 Uhr unterbrochen. In der Mittagszeit können die Schülerinnen und Schüler in der Mensa essen, in der jeden Tag frisch gekocht wird und die es in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Der Feinschmecker" geschafft hat. Am Nachmittag dauern dann der Unterricht oder die anderen Angebote wie Hausaufgabenbetreuung, Förderunterricht - in den 5. und 6. Klassen besonders die Leseförderung - und Neigungskurse bis 16 Uhr, unterbrochen von einer Viertelstunde Pause von 14.15 bis 14.30 Uhr. Drei Tage sind für die rund 800 Schülerinnen und Schüler verpflichtend bis in den Nachmittag.

Exemplarisches Lernen als richtiger Weg

"Uns kommt es auf die pädagogischen Veränderungen an", betonte Herzberg. So hat die Klosterschule vor drei Jahren die so genannte Studienzeit eingeführt. Hier beschäftigen sich die Kinder und Jugendlichen in der 6. Schulstunde selbstständig mit bereits erlerntem Stoff. Das im Unterricht Erarbeitete wird unter Lehreraufsicht geübt und angewandt, es gibt Zeit für Recherche und Arbeit an individuell zugeschnittenen, differenzierten Aufgaben. Die Studienzeit wird gewonnen, indem Deutsch, Englisch und Mathematik auf je eine ihrer Wochenstunden verzichtet haben. "So etwas verursacht keine Mehrkosten, es ist nur ein Umdenken nötig", betonte Herzberg. Die Aufgaben für die Studienzeit werden in den Jahrgangsteams besprochen, in denen jeweils die Klassenlehrerinnen und -lehrer eines Jahrgangs sitzen. "Bei den Schülern bleibt nur was hängen, wenn man den Stoff vertieft. Das exemplarische Lernen ist der richtige Weg. Da muss man den Mut haben, auch mal was wegzulassen", meinte Lehrer Jens Eggert. Die Studienzeit leistet noch etwas: "Das Wort Hausaufgaben haben wir aus unserem Wortschatz gestrichen", erklärte Lehrerin Ute Busch. "Diese Aufgaben werden nun in der Studienzeit erledigt."

Die Hospitationsgruppe bei der Begrüßung in der Klosterschule

Ein weiteres wichtiges pädagogisches Element an der Klosterschule ist das Offene Lernen. In dieser "Zeit für gemeinschaftliche Aufgaben" bereiten die Schülerinnen und Schüler Präsentationen, Praktika oder Klassenfahrten vor, üben in Kleingruppen oder haben Medienerziehung, Sexual-, Gesundheits- oder Verkehrskunde. Diese Stunden rekurriert die Schule aus den ihr zustehenden zusätzlichen Ganztagsschulstunden.

Solche Entscheidungen muss an der Klosterschule niemand für sich alleine fällen. Seit 2004 spielt sich die pädagogische Vorarbeit in den Jahrgangsteams ab. Eine Lehrerin oder ein Lehrer begleitet eine Klasse als Klassenlehrerin beziehungsweise Klassenlehrer kontinuierlich von der 5. bis zur 10. Jahrgangsstufe. Die Klassenlehrer eines Jahrgangs bilden das Jahrgangsteam, das sich einmal die Woche zur Besprechung in der Mittagspause im Teamzimmer trifft. Dieses Teamzimmer liegt auf dem Flur, auf dem jeweils alle Klassen eines Jahrgangs ihren Raum haben.

Entlastung durch Jahrgangsteams

"Zu Beginn der Einführung der Jahrgangsteams haben wir alle Kolleginnen und Kollegen, die in einem Jahrgang unterrichten, zu Jahrgangsteams zusammengefasst", berichtete Lehrer Mirko Czarnetzki. "Wir haben aber schnell gemerkt, dass das nicht funktionierte. Heute besteht das Team daher nur noch aus den Klassenlehrern und wechselnden Fachlehrern, die nach Bedarf dazukommen." Das Teamzimmer ist gleichzeitig auch das Lehrerarbeitszimmer.

Die Teams wählen einen Sprecher, der einmal im Monat in die Besprechung mit der Schulleitung geht. "Es ist eine große Entlastung, wenn nicht alle immer alles mitentscheiden müssen", berichtet Czarnetzki. "Wir sprechen hier alle viel miteinander. Es ist mehr Arbeit, aber durch die Zusammenarbeit mit den Kollegen dennoch entlastend." Von Anfang an müsse man für klare Strukturen in den Teams sorgen und bei wichtigen Entscheidungen auch ein kurzes Protokoll führen. Sollte es doch mal Reibereien in den Teams geben, sucht man sich externe Begleiter - "was aber natürlich auch eine Kostenfrage ist", wie Czarnetzki einschränkte.

Ein Problem kennt auch das Gymnasium Klosterschule: Während in den 5. und 6. Klassen die Angebote in den Neigungskursen - aktuell sind es im 2. Halbjahr dieses Schuljahres 26 verschiedene von den Schulsanitätern über Segeln bis zum Tanzen - sehr gut angenommen werden, lässt die Attraktivität ab Klasse 7 nach. Ob das an den für die älteren Semester weniger geeigneten Angeboten liegt, wie Marina Farrensteiner-Adams von der Schule am Eichtalpark kritisch anmerkte und dafür Zustimmung von Schülern erhielt, oder der natürliche Lauf der Jugenddinge ist - für die Hospitanten, die selbst unter diesem Problem leiden, war interessant zu erfahren, wie die Klosterschule bei diesen "Schulschwänzern", die ja eigentlich keine sind, da die Angebote nicht verbindlich sind, verfahren. Lehrer Rainer Tannert, zuständig für die Planung der Neigungskurse, erklärte: "Wir führen Anwesenheitslisten. Wenn jemand zweimal unentschuldigt fehlt, nehmen wir Kontakt zu den Eltern auf. Im Zeugnis weisen wir auf die Teilnahme an den Kursen als ,erfolgreich teilgenommen' oder einfach nur ,teilgenommen' hin." Inzwischen plane man allerdings, auch die Neigungskurse verbindlich zu machen.

Regelmäßiger Austausch mit den Grundschulen

Nach der Besichtigung der Klosterschule machte sich die Hospitationsgruppe in den Osten Hamburgs zur Gesamtschule Mümmelmannsberg auf, einem Riesenkomplex, der 1973 für 2.400 Schülerinnen und Schüler geplant war. Von 1988 bis 1996 wurde die Schule komplett saniert, so dass man ihr das Alter nicht ansieht. Bei der Sanierung fällte die Schulleitung eine Entscheidung, "deren Tragweite uns damals gar nicht bewusst gewesen ist, die aber eine der besten war, die wir je getroffen haben", wie sich Schulleiter Klaus Reinsch erinnerte: Die Flure der Schule sind mit Teppich ausgekleidet. "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel weniger Lärm und Aggression das bringt", so Reinsch.

An der Gesamtschule Mümmelmannsberg wird Pflichtunterricht an vier Tagen bis 16.10 Uhr erteilt. Nach fünf Unterrichtsstunden am Vormittag folgt eine 90 Minuten lange Mittagspause, in der die Kinder und Jugendlichen in der schuleigenen Mensa essen können. In den Jahrgängen 5 bis 7 liegt ein Schwerpunkt auf der Sprachförderung. Für Diagnostik, Koordination und die Förderung steht ein extra Lehrer zur Verfügung. Für Reinsch macht sich die Förderung bezahlt: "Jeder Dritte macht bei uns sein Abitur, auch wenn nur jeder Zehnte mit einer Gymnasialempfehlung zu uns gekommen ist."

Dazu trägt auch der enge Austausch mit den beiden Grundschulen im Stadtteil bei, der beim Ausbau der Kenntnisse und Standards der Schülerinnen und Schüler bei deren Übergang in die Gesamtschule hilft. Es gibt einen regelmäßigen Austausch der Leitungsgruppen, gegenseitige Hospitationen, gemeinsame Fachkonferenzen und wechselseitige Besuche von pädagogischen Konferenzen.

Wie an der Klosterschule sind auch an der Gesamtschule Mümmelmannsberg Jahrgangsteams gebildet worden. "Wir mussten etwas verändern, um die riesengroße Zersplitterung des Kollegiums und die damit einhergehende mangelnde Kommunikation zu verändern", berichtete Lehrer Michael Biermann. Zurzeit befasst sich das Kollegium mit der Entwicklung und Implementierung eines verbindlichen Methoden-Curriculums, mit dem man den Unterricht qualitativ verbessern und eine möglichst weitgehende Aufschiebung äußerer Leistungsdifferenzierung erreichen möchte.

Streben nach handlungsorientiertem Lernen

Zur Rhythmisierung des Tages tragen die so genannten EVA-Stunden am Vormittag bei, die einmal täglich auf dem Stundenplan stehen. In diesen Stunden zum "Eigenverantwortlichen Arbeiten" sollen die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Können mit Hilfe eines Kompetenzrasters, das Lernstände in sechs Stufen auffächert, bestimmen und danach selbstverantwortlich Aufgaben lösen. "Wir streben hierdurch ein handlungsorientiertes Lernen an", erklärte Biermann den Zuhörerinnen und Zuhörern. Für die Beratung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen gehe man mit Doppelbesetzung in diese Stunden, in denen dann alle Schülerinnen und Schüler gemäß ihrer Kompetenzeinschätzung nach Schwierigkeitsgraden abgestufte Arbeitsblätter bearbeiteten. "Jeder muss täglich eintragen, was er schafft und sich selbst bewerten, womit sich manche Kinder schwer tun", erläuterte der Lehrer. Zensuren gebe es für EVA nicht, man hoffe aber durch diese Unterstützung auf bessere Noten im Fachunterricht.

Einige Hospitanten kritisierten den EVA-Unterricht als zu formalisiert und nicht wirklich individualisiert. Insgesamt aber beeindruckte auch an dieser Schule das Engagement der über 100 Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagoginnen und -pädagogen und das große Angebot an Aktivitäten bis hin zum Kanubau und Kanufahren.

Nach vier Hospitationen mit Besuchen an acht völlig unterschiedlichen Schulen in vier Bundesländern endet die Reihe damit. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmern äußerten den Wunsch, weitere Schulen zu besuchen und auch selbst zur Besuchsschule zu werden. Am kommenden Dienstag schildern sie auf www.ganztagsschulen.org, welche Impulse und Ideen sie durch die Schulbesuche gewonnen haben, und beschreibén die Dynamik, die die Hospitationsreihe entfaltet hat.

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