Lebensinseln in der Kinderarmut

Zwei Regionale Schulen in Marnitz und Schwerin haben in Mecklenburg-Vorpommern dem großen Schulsterben getrotzt und bieten mit ihren gebundenen wie offenen Ganztagsangeboten den Schülerinnen und Schülern einen Lebensraum in einem Land, das von Kinderarmut im doppelten Sinne geplagt wird. Die dritte Hospitationsreise des Thematischen Netzwerks der Regionalen Serviceagenturen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen führte vom 21. bis 23. März 2007 in diese Schulen.

Über diese logistische Leistung staunen die Kolleginnen und Kollegen aus dem Westen: Allmorgendlich setzt vor der Regionalen Schule Marnitz ein riesiger Busverkehr ein, um rund 180 Schülerinnen und Schüler aus 37 Gemeinden zum Unterricht zu befördern. Einige der Kinder und Jugendlichen haben vor dem Schulbeginn um 7.40 Uhr bereits eine Stunde im Bus verbracht. "Manche dieser Schülerinnen und Schüler sind in ihren Orten die einzigen Kinder", berichtet Schulleiterin Siegrid Lemke der Hospitationsgruppe des Thematischen Netzwerks der Serviceagenturen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen bei deren Besuch, "und in einigen dieser Orte leben nur noch ein Dutzend Einwohner."

Der beeindruckendste und zugleich bedrückendste Aspekt der dritten Hospitationsreise des Netzwerks nach den Schulbesuchen in Nordrhein-Westfalen und Thüringen ist der demographische Wandel, der sich in den Schulen so drastisch widerspiegelt. Das gilt nicht nur für die Regionale Schule Marnitz im ländlichen Raum des schon immer vergleichsweise dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch für die Landeshauptstadt Schwerin. Die dortige Astrid-Lindgren-Schule, eine Regionale Schule mit Grundschule und zweite Besuchsschule, ist im zehnten Schuljahr fünfzügig und im fünften Jahrgang nur noch zweizügig. Beide Schulen haben ihre Schülerzahlen nur halten können, weil sie in den vergangenen zehn Jahren mit vier beziehungsweise fünf anderen Schulen fusionierten.

Die gespannt lauschende Hospitationsgruppe in der Aula der Regionalen Schule Marnitz

Ein Ende dieses nicht nur durch den Einbruch der Geburtenzahlen, sondern auch durch den Wegzug hervorgerufenen Problems ist nicht absehbar. Im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Regionalen Schule Marnitz, die kurz vor dem Schulabschluss stehen, betonen alle, in Mecklenburg-Vorpommern bleiben zu wollen und sich dementsprechend auch auf Lehrstellen beworben zu haben - ob sie aber in der weitgehend deindustrialisierten Gegend etwas finden, ist fraglich. Dann werden auch sie den Ausbildungsplätzen hinterher ziehen oder weite Pendelwege in die Zentren auf sich nehmen müssen.

In dieser Situation bekommt die Ganztagsschule eine neue Dimension, das Wort vom Lebensort - auch die Regionale Schule Marnitz bezeichnet sich als "Haus des Lebens" - bleibt keine leere Hülse. Schulsprecherin Juliane Arens bestätigt den von ihrer Rektorin geschilderten Zustand der kinderarmen Orte: "Wir treffen unsere Freunde eigentlich nur noch in der Schule."

Viel Arbeit auf sozialer Ebene

Seit 2005 ist die Regionale Schule eine gebundene Ganztagsschule, nachdem sie fünf Jahre lang mit dem offenen Modell arbeitete. Der Schulträger ist die Kommune. 1995 sorgte diese für einen elf Millionen Mark teuren Schulneubau, "dessen Architektur seinesgleichen in der Gegend sucht", wie Siegrid Lemke findet. Zwei Jahre später kam eine neue Turnhalle hinzu. Das Außengelände ist riesig und verfügt über einen Schulgarten, einen Verkehrsgarten, eine Skaterbahn und ein Fußballfeld. Die äußerlichen Rahmenbedingungen stimmen also, dass aber auch das Schulklima gut ist, wie Schülerinnen und Schüler versichern, zeigt sich allein schon am Zustand des Gebäudes, dem man seine zehn Jahre nicht ansieht. "Viele Ehemalige kommen auch immer mal wieder gerne hierher", berichtet Willi, Streitschlichter in der 10. Klasse.

Die Regionale Schule Marnitz hat sich zum Ziel gesetzt, "keinen von uns hängen zu lassen", wie Achtklässlerin Eva-Maria vom Schülercafé-Team es ausdrückt. Daher nutzt die Schule die zusätzliche Zeit für viel Berufsvorbereitung und eine enge Kooperation mit der örtlichen Wirtschaft. Diese Bemühungen sind bisher belohnt worden, denn jeder Abgänger fand bisher einen Ausbildungsplatz. "Wir arbeiten viel auf sozialer Ebene", spricht Schulleiterin Lemke im Namen ihrer 19 Kolleginnen und Kollegen und einer Schulsozialarbeiterin. In einer Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit und sozial schwachen Familien hilft die Schule den Jugendlichen, Perspektiven zu eröffnen, die ihnen sonst womöglich verschlossen blieben. Sie sorgt aber auch mit Frühstücks- und Mittagsversorgung für die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse: "Viele Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule", erklärt Siegrid Lemke.

Im Schülercafé, das von einer Schülerfirma betrieben wird, können sich die Schülerinnen und Schüler morgens und mittags mit Getränken, Obst, Snacks und belegten Brötchen stärken. Die Mittagsmahlzeit liefert ein Caterer an, der das Essen für 2,80 Euro verkauft. Parallel gibt es aber auch die Möglichkeit, das Mittagessen der Schülerfirma für einen Euro zu wählen. Rund 30 Schülerinnen und Schüler machen davon Gebrauch. Ein großes Problem ist die fehlende Mensa. "Wir wollen IZBB-Mittel beantragen, um durch einen Umbau eine solche zu gewinnen", verrät die Rektorin.

Gute Erfahrungen mit Rhythmisierung

Die Fahrtzeiten eingerechnet, kann der Schultag für manche Schüler sehr lang werden. Allen Beteiligten war daher klar, dass man den Tagesablauf rhythmisieren müsse, um die Kinder und Jugendlichen nicht zu überfordern. Auf einer Open-Space-Veranstaltung mit allen Beteiligten - auch Vertretern der örtlichen Verkehrsunternehmen - diskutierte man unter der Überschrift "Was wollen wir verändern?" über einen modifizierten Tagesablauf. Heute liegen Ganztagsstunden auch im Vormittag und bis auf die 1. und 6 Stunde sind Doppelstundenblöcke gebildet worden. Die Mittagspause dauert von 13.00 bis 13.40 Uhr. "Mit dieser Rhythmisierung haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, sie kann so bleiben", meint Siegrid Lemke. Ein Problem bleiben indes die Hausaufgaben - es muss mit dem Kollegium weiter diskutiert werden, dass man den Kindern nicht Tage zumuten kann, die länger als für manche Erwachsene sind, und sie dann auch noch zu Hause über Hausaufgaben sitzen lassen.

Das Land gibt 0,1 Lehrerwochenstunden pro Schüler, für die Regionale Schule Marnitz sind dies 18 Wochenstunden. Diese werden verwendet für Förderstunden in den Hauptfächern, Hausaufgabenstunden und Arbeitsgemeinschaften wie Keyboard, Gitarre, Tanzen, Schulband, Technikgruppe, Homepage-Programmieren, Sanitäter, Schlagzeug, Entspannung-Kosmetik-Rückenschule, Regionale Geschichte und ein Presse- und Schreibbüro, in dem die Schülerzeitung entsteht und Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird. Die Ganztagskurse sind zum Teil jahrgangsübergreifend organisiert. "Wir hätten gerne noch mehr Eltern einbezogen", so Schulleiterin Lemke, "aber wegen zu langer Fahrtzeiten und der Teilzeitarbeit von Vätern und Müttern war dies oft nicht möglich."

Zu Beginn der Einführung der gebundenen Ganztagsschule fühlte sich das Kollegium noch überfordert mit den vielen neuen Kursen. "Das schaffen wir nie!", war die kollektive Meinung. Inzwischen laufen aber manche Arbeitsgemeinschaften wie von selbst, ohne dass die Lehrkräfte groß Anweisungen geben müssen, und die Zufriedenheit ist bei allen groß.

Erschwerte Bedingungen durch Lehrerarbeitszeitgesetz

Neben den demographischen Verwerfungen und allein neun Schulgesetzen seit 1999 haben mecklenburgische Schulen mit einem Lehrerarbeitszeitgesetz zu kämpfen, das de facto alle Lehrerinnen und Lehrer zu Teilzeitbeschäftigten macht. Während andere Bundesländer über Präsenzzeitmodelle mit 35 Stunden Anwesenheitspflicht in der Schule diskutieren, liegt hier die Arbeitszeit bei 19 Wochenstunden, was die kontinuierliche Arbeit gerade in einer Ganztagsschule erschwert.

Peter Metzler, Schulleiter der Astrid-Lindgren-Schule in Schwerin, sieht seine Aufgabe seit 1990 daher auch vordringlich darin, Lehrerstunden zu organisieren. "Wir machen hier alles, was man machen kann. Wir sind nach dem Ganztagsschulerlass von 1996 eine der ersten Ganztagsschulen im Land gewesen und nehmen seit 2003 am Schulversuch ,Mehr Selbstständigkeit für Schulen' teil.", erklärte Metzler der Hospitationsgruppe. Zum Glück habe er ein "sehr rühriges Kollegium."

Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Regionalen Schule Marnitz
Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Regionalen Schule Marnitz

Die Arbeitsbedingungen dieser Regionalen Schule gleichen denen in Marnitz: Während der knapp zehn Millionen Mark teuere Umbau das 1981 eingeweihte Gebäude 2004 in einen Blickfang inmitten von zum Teil leer stehenden Häuserblöcken verwandelt hat, ist die soziale Situation rund um die Schule mit der hohen Arbeitslosigkeit nicht einfach. "Die Schüler sind in ihren Familien morgens oft die einzigen, die raus müssen", beschreibt der Rektor das Dilemma. Rund 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Astrid-Lindgren-Schule, in der 38 Lehrerinnen und Lehrer und ein Schulsozialarbeiter arbeiten.

Seit 1997 ist die Schule offene Ganztagsschule, 320 Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil. Metzler würde gerne zur gebundenen Form kommen - bei einer Elternumfrage 1999 hatten sich aber nur 32 Prozent für dieses Modell ausgesprochen. "Nächstes Jahr starten wir mit einer neuen Umfrage einen weiteren Anlauf", erklärt der Schulleiter. Auch ohne gebundene Form diskutiert das Kollegium derzeit über Blockunterricht und Epochenunterricht. Bislang gibt es an der Regelschule gebundene Projekttage. Die zahlreichen Arbeitsgemeinschaften werden sämtlich von Lehrerinnen und Lehrern geleitet. Das AG-Spektrum reicht dabei von Sport über Chor und Schach bis zur Informatik.

Schülerinnen und Schüler bestimmen Förderthemen mit

Als Vision formuliert die Astrid-Lindgren-Schule in ihrem Leitbild einen "freudbetonten, vielseitigen Unterricht, in dem Stärken entwickelt werden". Das Schulprogramm ist mit dem Jahresarbeitsplan gekoppelt, so dass es praktisch jährlich eine Überarbeitung erfährt und aktuellen Plänen und Zielen angepasst werden muss. So bleibt es dem Kollegium und der Schulleitung stets präsent und wird nicht zu einer irgendwann einmal wohl formulierten Absichtserklärung, die nach einigen Jahren niemand mehr kennt und die in der Hektik des Schulbetriebs keine Rolle mehr spielt.

Der Regelschule liegt besonders die Intensivförderung ihrer Schülerinnen und Schüler am Herzen. Kinder und Jugendliche, bei denen ein Förderbedarf erkannt wurde, erhalten vier Wochen lang je zwei Wochenstunden eine Förderung in Gruppen von zwei bis drei Schülerinnen und Schülern, um gezielt Schwächen auszugleichen. "Die Stunden haben wir bis jetzt aus dem Topf für Selbstständige Schulen genommen. Jetzt, wo das Projekt nicht verlängert wird, nutzen wir die Ganztagsschulstunden", erklärt Peter Metzler. Darüber hinaus liefen in den Weihnachtsferien an vier Tagen Förderkurse mit fünf bis 22 Schülerinnen und Schülern pro Kurs, in denen bestimmte Themen behandelt werden, welche die Kinder und Jugendlichen bestimmen können, in denen sie also von sich aus einen Nachholbedarf erkennen.

Die Hospitationsgruppe war vom hohen Engagement der Pädagoginnen und Pädagogen in den beiden Besuchsschulen, das diese trotz der widrigen Umstände an den Tag legten, beeindruckt. Gemessen an den Arbeitsbedingungen in Mecklenburg-Vorpommern klagten Lehrerinnen und Lehrer in anderen Bundesländer auf hohem Niveau, war sich die Gruppe einig. Olaf Müller und Oliver Lück von der Regionalen Serviceagentur Mecklenburg-Vorpommern, welche die Reise organisiert hatte, baten aber auch, die zwei Beispielschulen als Leuchttürme verstanden zu wissen. "Viele Ganztagsschulen haben schwer mit den schlechten Bedingungen zu kämpfen", erklärten sie zum Schluss der dreitägigen Veranstaltung.

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