Ressourcen erkennen und Potentiale fördern

Niedersächsische Schulen sind angehalten, für alle Schülerinnen und Schüler Förderpläne zu erstellen. Welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten auf dem Weg bestehen, jedem einzelnen Kind und Jugendlichen gerecht zu werden, war Thema der Fachtagung "Ganztagsschulen auf dem Weg - Ganztagsschulen gestalten! Unterricht und Förderung" am 28. Februar 2007 in Osnabrück, zu der die Regionale Serviceagentur Niedersachsen einlud.

"Jeder hat das Recht auf individuelle Förderung" heißt es im Paragraphen 54 des Niedersächsischen Schulgesetzes. In Niedersachsen sind jetzt sämtliche Schulen einschließlich der Sekundarstufe I angehalten, Förderpläne für jede Schülerin und jeden Schüler zu erstellen, nachdem dies seit Jahren bereits für die Primarstufe galt. Weicht man den Fragen aus, ob das leistbar oder überhaupt sinnvoll ist, stellt sich Lehrerinnen und Lehrern die Frage, "wie man Förderpläne valide gestaltet", um es mit der Eingangsfrage von Thomas Nachtwey von der Regionalen Serviceagentur "Ganztägig lernen" Niedersachsen auszudrücken.

Die Serviceagentur hatte am 28. Februar 2007 rund 60 Interessierte in das Kreishaus Osnabrück zur Fachtagung "Ganztagsschule gestalten! Unterricht und Förderung" in der Reihe "Ganztagsschulen auf dem Weg" eingeladen. Einen Bogen über "Individuelle Lernentwicklung - Förderung - Schulentwicklung" schlug Karl-Heinz Dirkmann mit seinem Impulsreferat. Dirkmann, seit Anfang des Jahres im Ruhestand, hat 19 Jahre lang die Integrierte Gesamtschule Fürstenau geleitet.

Der Pädagoge riet den anwesenden Kolleginnen und Kollegen, sich für das "Entwicklungsvorhaben Individuelle Förderung" Zeit zu nehmen, zumal sich zunächst mal die Lehrerinnen und Lehrer weiterentwickeln müssten. Die individuelle Lernentwicklung beschränke sich nämlich nicht auf die rein schulischen Faktoren.

Erlasse kreativ auslegen

Erste Förderbedarfe in 5. Klassen kristallisieren sich laut Dirkmann in der Regel bereits jeweils im November heraus; ebenso, welche Schülerinnen und Schüler über besondere Talente verfügten. Um diese Schülerinnen und Schüler zu fördern - "verabschieden wir uns vom ,alle zugleich fördern wollen', sondern setzen Prioritäten" - schlug der ehemalige Schulleiter folgende Schritte vor:

1. Feststellen des gegenwärtigen Lernentwicklungsstandes
2. Bennennen von Ursachen für Defizite
3. Erkennen von Entwicklungspotentialen
4. Festlegen vordringlicher Maßnahmen
5. Prüfen der Umsetzbarkeit
6. Festlegen von Zielen
7. Beschließen von Maßnahmen
8. Umsetzen der Maßnahmen
9. Festlegen eines Zeitpunktes der Überprüfung der Maßnahmen
10. Überprüfen und Schlussfolgerungen ziehen

Zur Förderung sei binnendifferenzierter Unterricht unerlässlich, der aber auch "ein ganz schwieriges Geschäft ist, das Zeit kostet und Erfahrung voraussetzt", wie es Dirkmann formulierte. Schulen könnten binnendifferenzierten Unterricht ermöglichen, wenn zum Beispiel in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch ein bis zwei Wochenstunden parallel gelegt würden. Dann könnten sich mehrere Fachlehrerinnen und -lehrer in Kleingruppen um die Förderung bemühen. Oder es sei möglich, einen dreistündigen Förderblock einzurichten, wenn diese Fächer je eine Wochenstunde abgäben.

Ein neuer Passus im niedersächsischen Schulgesetz ermöglicht auch den Einsatz von Kooperationspartnern. "Für die Beaufsichtigung von Routineaufgaben kann dann auch eine außerschulische Fachkraft eingesetzt werden, während der Fachlehrer für die Förderung frei wird", schlug Dirkmann vor. Lohnend sei es auch, über die Aufgabe des 45 Minuten-Rhythmus nachzudenken und stattdessen beispielsweise nach einem 30-Minuten-Block mit Hausaufgaben den 60-minütigen binnendifferenzierten Unterricht folgen zu lassen. "Denken Sie auch über jahrgangsgemischten Unterricht nach, der eine echte Erleichterung bei kleinen Schülerzahlen bringen kann, wenn Angebote sonst nicht eingerichtet werden könnten", meinte der Referent. In der Hausaufgabenbetreuung habe er ebenfalls gute Erfahrungen mit älteren Schülern gemacht, die jüngeren helfen: "Die sprechen eine andere Sprache und bieten eine andere Hilfe." Dirkmann sprach sich für mehr Lehrerstunden aus, weil eine der Förderung zu Grunde liegende Diagnose im derzeitigen Umfeld nicht zu leisten sei.

Ganztagsangebote an der Förderdiagnose ausrichten

Ein Beispiel für eine individuelle Förderplanung stellten die Sozialpädagogen Katja Hinners und Axel Fuchs vor, für die die Ganztagsschule ein "gutes Medium zur Umsetzung" ist. "In der Ganztagsschule können sich die Angebote an den analysierten Bedürfnissen ausrichten und mit dem Unterricht verzahnt werden", brachte Fuchs den Vorzug der Schulform in der Förderplanung auf den Punkt. Mit der Förderplanung wolle man "Ressourcen erkennen und Potentiale fördern".

Zu Beginn einer Förderplanung steht die Förderdiagnose, mit der die Pädagogen Einblicke in die Persönlichkeits- und Leistungsstruktur der Schülerinnen und Schüler gewinnen und Leistungs- und Entwicklungsmöglichkeiten feststellen. Dies geschieht mit Hilfe von Befragungen, Beobachtungen und Tests. Aus der Diagnose ergibt sich dann der Förderplan. Eine Förderkonferenz entscheidet über Ziele, Maßnahmen und Verantwortung. Konkrete Handlungsmöglichkeiten werden formuliert und Termine zur Fortschreibung vereinbart. Die Förderangebote selbst orientieren sich an den internen und externen Ressourcen der Beteiligten und sind auf die Potentiale der Schülerinnen und Schüler zugeschnitten. Es sollen fachliche, methodische, soziale und personale Kompetenzen vermittelt und eine ganzheitliche Förderung angestrebt werden. "Förderplanung ist eine Investition, deren zeitlicher und personeller Aufwand vertretbar sein muss", gab Katja Hinners zu bedenken. Wichtig sei die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern und deren Eltern im gesamten Prozess, beginnend mit einem Informationsabend.

An einigen niedersächsischen Hauptschulen führen die Sozialpädagogen im laufenden Schuljahr ein zehn Module umfassendes "Weg zum Förderplan"-Projekt durch. An zehn Vormittagen finden in der Jahrgangsstufe 8 von der 2. bis zur 5. Stunde verschiedene Tests sowie Gruppen- und Einzelaufträge statt, an deren Ende eine genaue Stärken- und Schwächenanalyse steht. Die Stunden für dieses als Einstieg in die Berufsorientierung gedachte Projekt kommen aus den so genannten Betriebs- und Praxistagen, die jede Hauptschule ausrichten kann.

Schüler beobachten, Potentiale zurückmelden

Die Schülerinnen und Schüler werden bei den Praxisaufträgen - eine Gruppe muss innerhalb einer festgelegten Zeitspanne Aufgaben erledigen, die Teamfähigkeit, Eigeninitiative und Motivation voraussetzen - von Lehrerinnen und Lehrern beobachtet. Nach den Aufträgen beantworten sowohl die Aktiven wie auch die Beobachter Fragebögen, welche für die eigenen Kompetenzen sensibilisieren. Im Anschluss daran finden Gespräche statt, in denen die Beobachter an die Schülerinnen und Schüler deren Potentiale zurückmelden. Nach zehn Wochen liegt dann ein Blatt mit sämtlichen Ergebnissen aller Module vor. Daran anknüpfend finden zeitnah Fördergespräche der Lehrerinnen und Lehrer mit den Eltern statt, in welchen die geplanten Fördermaßnahmen besprochen werden.

"An der Hauptschule Bersenbrück, die seit 2004 Ganztagsschule ist, hat der Klassenlehrer sämtliche Eltern eingeladen, die auch alle gekommen sind. An zwei Tagen wurden mit jedem Elternpaar Gespräche geführt, die mindestens eine halbe Stunde dauerten", berichtete Fuchs. Dabei entwickelten die Beteiligten auch überraschende Lösungsansätze zur Förderung: "Ein Schüler mit LRS, der sich nicht traut, vor der Klasse vorzulesen, liest jetzt seinen Eltern zu Hause etwas vor, die der Schule Rückmeldung geben." Die momentan angesetzten Förderzeiträume sind an den Modellschulen unterschiedlich ausgefallen und reichen von drei bis sechs Monaten beabsichtigter Förderung.

Im Plenum stieß das vorgestellte Modell auch auf Skepsis. Anders als Hauptschulen stünden Realschule und Gymnasien keine Praxistage zur Verfügung, welche man für ein solch lang angelegtes Projekt nutzen könnte. Eine Gymnasiallehrerin fragte: "Wie sollen wir individuell fördern, wenn die Klassen ständig größer werden? Es nützt nichts, wenn am Vormittag das Curriculum abgedeckt werden muss und der Nachmittagsunterricht nur freiwillig ist. Den Schulen werden für die Ganztagsschule keine Extrastunden eingeräumt, und Sozialarbeiter sind immer nur für eine begrenzte Zeit zu bekommen."

Axel Fuchs räumte ein, dass das Verfahren bei zu großen Klassen an seine Grenzen stoßen könne. Noch liefe das Modellprojekt bis zum Schuljahresende, erst dann könne man zum gesamten Verlauf etwas sagen. Dennoch hielt er diese Art der individuellen Förderplanung für übertragbar auf andere Schulformen. Weitere Hauptschulen hätten bereits ihr Interesse bekundet.

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