Ganztagshauptschulen rhythmisieren: In der Ruhe liegt die Kraft

Der Erlass für die neuen erweiterten Ganztagshauptschulen in Nordrhein-Westfalen fordert eine "sinnvoll rhythmisierte Verteilung von Lernzeiten auf den Vormittag und den Nachmittag, die erfolgreiches Lernen unterstützt". Doch wie gelingt das? Wie kann die gewonnene Zeit konstruktiv für schulische und soziale Lernprozesse genutzt werden? Die Tagung "Ganztagshauptschule gestalten - Rhythmisierung und Zeitstruktur" der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen gab Anregungen für die eigene Zeitstrukturierung.

Die Absicht war einfach: "Wir wollten mehr Ruhe in die Schule bringen", meint Simone Dausel, Lehrerin an der Ganztagshauptschule Speldorf in Mülheim an der Ruhr. Dieser Intention entsprang auch die Idee zur Verwirklichung: "Statt 45 Minuten sollte eine Schulstunde 60 Minuten dauern." Doch bis es so weit war, musste die Schulleitung vor allem eins: "Rechnen."

Seit dem Schuljahr 2006/2007 arbeitet die Ganztagshauptschule Speldorf nun mit Schulstunden, die Zeitstunden entsprechen. Mit dieser kleinen, aber bedeutsamen Veränderung in der Zeitstruktur hat die Schule so gute Erfahrungen gemacht, dass Simone Dausel zur Tagung "Ganztagshauptschule gestalten - Rhythmisierung und Zeitstruktur" der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen am 20. November 2007 in Bonn und am 21. November 2007 in Dortmund eingeladen wurde, um ihre Schule als gutes Praxisbeispiel für eine veränderte Zeitstruktur vorzustellen.

Bereits seit 1989 arbeitet die Hauptschule Speldorf als Ganztagsschule, zunächst allerdings nur an drei Tagen in der Woche. Inzwischen lernen die 5. und 6. Klassen an fünf Tagen ganztägig. Zurzeit gibt es circa 250 Schülerinnen und Schüler an der zweizügigen Schule. 23 Lehrerinnen und Lehrer sowie zwei Sozialpädagoginnen sind hier beschäftigt. Morgens startet die Schule um 7.30 Uhr mit einer offenen Betreuung bis 8.30 Uhr, für die die Kinder und Jugendlichen für ein Schuljahr angemeldet sein müssen. Hier besteht auch die Möglichkeit, ein einfaches Frühstück zu bekommen.

Um 8.30 Uhr beginnt der erste Unterrichtsblock aus zwei Schulstunden à 60 Minuten. Von 10.30 bis 11.00 Uhr findet die große Pause statt, dann folgt der zweite Unterrichtsblock aus zwei Schulstunden. Um 13 Uhr startet die einstündige Mittagspause, in der neben der Mensa ein Spielkeller, ein Bewegungsraum und die Turnhalle aufgesucht werden können. Die zwei Sozialpädagoginnen stehen den Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit ebenfalls zur Seite, beispielsweise um zu basteln. Es folgt eine weitere einstündige Unterrichtsstunde. Arbeitsgemeinschaften, die von 15.00 bis 16.00 Uhr stattfinden, runden den Tag ab.

Neue Zeitstruktur brachte der Schule mehr Ruhe

Simone Dausel

"Die Mittagszeit ist eminent wichtig", erläutert Simone Dausel. "Viele Kinder und Jugendliche kennen die Rituale und das Gemeinschaftserlebnis eines gemeinsamen Essens nicht und lernen es hier schätzen. Das ist ein Prozess, bei dem man die schnellsten Erfolgserlebnisse erzielen kann. Schülerinnen und Schüler drängen regelrecht, beim Spülen und Tische abwischen zu helfen." Die Mittagspause sei aber auch für die Tagesrhythmisierung und die Leistungsvermögen am Nachmittag von großer Bedeutung.

Die "einfachere Struktur", welche die Schule mit der Einführung dieses Zeitplans ebenfalls anstrebte, ist hier auch durch den Wegfall der Fünf-Minuten-Pausen gegeben. Eine Stunde dauert wirklich eine Stunde. Der Übergang von einer Unterrichtsstunde erfolgt ohne Klingelzeichen oder langes Warten. "Schüler, die vor verschlossenen Türen im Flur auf das Eintreffen des Lehrers warten, gibt es bei uns nicht", berichtete Simone Dausel. "Es läuft alles ganz reibungslos und schnell ab. Jeder weiß, wann er wo zu sein hat. Im jetzt zweiten Schuljahr mit diesem Zeitmodell empfinden wir alle, dass der Stress und die ständige Hetzerei abgenommen haben und das ganze Schulleben tatsächlich ruhiger geworden ist. Unser Motto lautet entsprechend: In der Ruhe liegt die Kraft."

Für die Umsetzung dieser neuen Zeitstruktur setzte die Schule eine Arbeitsgruppe ein, die unter anderem die Emil-Rentmeister-Hauptschule in Duisburg besuchte, da dort bereits mit dem 60-Minuten-Modell gearbeitet wurde. Da die Duisburger Kolleginnen und Kollegen das Umrechnen des Stundenplans in den 60-Minuten-Takt bereits vollzogen hatten, konnte die Hauptschule Speldorf aus dieser Blaupause Nutzen ziehen und sie übertragen. Neben dem Umrechnen der Lehrerstunden ist es laut Simone Dausel wichtig, darauf zu achten, dass "am Ende der Schullaufbahn die Schülerinnen und Schüler bestimmte Stundenzahlen an Lernzeit erreicht haben".

15 Minuten machen einen Unterschied

Die Arbeit mit Blöcken und im 60-Minuten-Rhythmus hat die Hektik und Unruhe in der Hauptschule Speldorf gemindert. Der Erlass des nordrhein-westfälischen Schulministeriums für die neuen erweiterten Ganztagshauptschulen vom 25. Januar 2006 fordert allerdings auch eine "sinnvoll rhythmisierte Verteilung von Lernzeiten auf den Vormittag und den Nachmittag, die erfolgreiches Lernen unterstützt".

Haben sich durch die neue Zeittaktung neben der organisatorischen Verbesserung auch Vorteile für den Unterricht selbst ergeben? Simone Dausel bejaht dies: "Man sollte es zunächst nicht meinen, aber diese zusätzlichen 15 Minuten pro Unterrichtsstunde machen wirklich einen großen Unterschied. Es bleibt ausreichend Zeit für Organisatorisches, ohne dass der Unterricht darunter leiden muss wie früher. Es bleibt mehr Zeit für Gruppenarbeit oder Stationen lernen. Fächer wie Sport, Chemie oder Hauswirtschaft sind zweistündig geblockt, sodass hier genügend Zeit für Versuche und Aufbauten bleibt."

Hausaufgaben fallen gänzlich weg, sie sind als Übungsphasen in den Unterricht integriert. Der zeitliche Aufwand für das Überprüfen der Hausaufgaben entfällt so ebenfalls. Bei maximal vier Fächern pro Tag ist der Schultag für Schüler wie Lehrer überschaubarer.

Die Aula der Ganztagshauptschule Speldorf

Dennoch gibt es auch Probleme: Nicht alle Hauptfächer passen wie gewünscht in den Vormittag. Bei Kolleginnen, die keine ganzen Stellen haben, ist die Lehrerstundenberechnung mitunter schwierig. Dadurch ergeben sich viele Springstunden, die noch nicht angemessen genutzt werden können, da noch kein Lehrerarbeitsraum vorhanden ist, in den sich die Pädagogen zum stillen Korrigieren oder zur Unterrichtsvorbereitung zurückziehen können: "Das sorgt bei manchen Kolleginnen und Kollegen für Frust", verriet Simone Dausel.

Mut haben, den Unterricht zu verändern

In vielen Hauptschulkollegien in Nordrhein-Westfalen - dies machten Stimmen auf der Tagung deutlich - behindert Frust die Lust auf Veränderung und Weiterentwicklung der Schulen. "Manche Kollegen stellen sich auf den Standpunkt: Warum sollen wir uns noch groß anstrengen, wenn unsere Schule sowieso bald geschlossen wird?", berichtete ein Lehrer. Eine Kollegin meinte: "Unsere Schülerinnen und Schüler entwickeln zusätzliche Schulmüdigkeit, weil sie die Ganztagsschule eben nicht als Lebensraum empfinden, sondern nur als verlängerten Schultag."

Dr. Kerstin Rabenstein und Prof. Fritz-Ulrich Kolbe konnten nicht auf die Herausforderungen, vor denen einzelne Hauptschulen stehen, eingehen. Mit ihrem Grundlagenreferat "Rhythmisierung als Baustein der Schulentwicklung" wollten die Wissenschaftler, die im Rahmen des BMBF-geförderten Projektes "Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen" (LUGS) zur Ganztagsschule forschen, aber Mut machen. Man könne mit der Ganztagsschule entschiedener von "einer Fortschreibung bekannter Denk- und Organisationskategorien, pädagogischer Orientierung und Handlungsschemata" abrücken und die Schule jeweils nach den eigenen Erfordernissen neu planen und organisieren.

Während sich aus dem Plenum kritische Stimmen erhoben, die bestritten, dass ihre Schulen über einen solchen Bewegungsspielraum verfügten, teilte ein Schulamtsvertreter aus Westfalen mit, dass die Erlasse durchaus den Freiraum ließen, Ganztagsschule als mehr als nur "Halbtagsschule plus x" zu denken. Viele Hauptschulen hätten aber Angst, etwas falsch zu machen. "Ich persönlich hoffe auf Bewegung bei den Schulen und bin überzeugt, dass alle Fragen lösbar sind. Dazu braucht es Visionen und Mut", so der Tagungsteilnehmer.

Von eingefahrenen Denkmustern lösen

Fritz-Ulrich Kolbe plädierte dafür, die Schülerbedürfnisse zu ermitteln und die Schülerschaft auch an der inhaltlichen Gestaltung der Ganztagsschule zu beteiligen. Darüber hinaus wandte er sich gegen das additive Schema der Ganztagsschule, dass die Stundentafel einfach fortschreibe und isolierte Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag anhänge: "So erreicht man keine Verzahnung von Fachwissen." Ein positives Gegenbeispiel sei die Max-Brauer-Schule in Hamburg, die den Unterricht in 90-Minuten-Blöcken mit Lernbüros, "Lernen lernen"-Einheiten, fachübergreifendem Projektunterricht und mit der Einbeziehung außerschulischer Lernorte stark individualisiere. "Man muss sich von eingefahrenen Denkmustern lösen", forderte der Erziehungswissenschaftler.

Säulenkonzept der Bodenseeschule St. Martin: Morgenkreis, freie Stillarbeit, vernetzter Unterricht, Fachunterricht, Mittagsfreizeit, Freizeiterziehung, Handwerkserziehung

Dies hat die Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen getan. Schulleiter Gerhard Schöll stellte seine Grund-, Haupt- und Werkrealschule, die die Klassen eins bis zehn umfasst, vor. Von 8.00 bis 15.50 Uhr erleben 860 Schülerinnen und Schüler hier einen vernetzten Unterricht "aus einem Guss". Die Fächergrenzen sind vollkommen aufgelöst, stattdessen wird bis zur 10. Klasse in 64 Epochen gelernt. Wie in Mülheim-Speldorf gibt es auch hier keine Schulklingel. Jeder Morgen beginnt mit freier Stillarbeit. Montags findet sich die Klasse zu einem Morgenkreis zusammen, am Freitag beendet sie die Woche mit einem Abschlusskreis. "Rituale sind wichtig", betonte der Schulleiter.

Vertrautheit finden die Schülerinnen und Schüler ebenso im Personal. Der Klassenlehrer ist auch von der 5. bis zur 9. Jahrgangsstufe mit mindestens 20 Stunden in der Woche in seiner Klasse. Insgesamt hat es eine Klasse mit höchstens vier Lehrerinnen und Lehrern zu tun, die auch in der Mittagsfreizeit als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Die Klassen gehen jeweils mit ihren Klassenlehrerinnen und -lehrern zum Essen.

"Die Ganztagsschule braucht veränderte Lernformen", erläuterte Schöll. "Wir passen die Lernangebote den Kindern und Jugendlichen an. Diese lernen jahrgangsübergreifend, arbeiten an Jahresarbeiten und viel in der Projektarbeit. Diese Schulform so auszugestalten, hat 20 Jahre gedauert, es ist ein langwieriger Prozess gewesen. Wir müssen uns diese Zeit nehmen." Für die Zuhörerinnen und Zuhörer hatte der Pädagoge noch einen weiteren Rat: "Nehmen Sie sich die Freiheit, Ihre Schule so zu gestalten, wie sie es für richtig halten, und lassen Sie sich nicht ständig verrückt machen!"

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