Jena: Innovation und Motivation nach dem Neuanfang

Der Erlass für die neuen erweiterten Ganztagshauptschulen in Nordrhein-Westfalen fordert eine "sinnvoll rhythmisierte Verteilung von Lernzeiten auf den Vormittag und den Nachmittag, die erfolgreiches Lernen unterstützt". Doch wie gelingt das? Wie kann die gewonnene Zeit konstruktiv für schulische und soziale Lernprozesse genutzt werden? Die Tagung "Ganztagshauptschule gestalten - Rhythmisierung und Zeitstruktur" der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen gab Anregungen für die eigene Zeitstrukturierung.

Es kann Fluch oder Segen sein - eine Schule beginnt ein Schuljahr mit einem komplett neu zusammen gewürfelten Kollegium, in dem keiner den anderen kennt, und muss möglichst schnell eine Schulentwicklung anschieben, denn der erste Unterrichtstag steht vor der Tür. Was unglaublich klingen mag, war genau die Situation der Lobdeburgschule in Jena zu Beginn des Schuljahres 1991/92. Nach Auflösung aller bis dahin bestehenden Schulen empfing Schulleiterin Barbara Wrede, die zuvor ein Jahr im Schulamt Jena gearbeitet hatte, 50 neue Kolleginnen und Kollegen, von denen sie selbst gerade mal eine persönlich kannte, um nun die Lobdeburgschule neu aufzubauen.

"Wir haben nie so viel gearbeitet wie in dieser Zeit. Wir waren aber auch noch nie so zufrieden", beschreibt die Rektorin die chaotische Übergangsperiode dieser damals mit schlechter Ausstattung gebeutelten vierzügigen Regelschule am Rande einer Plattenbausiedlung. Ohne Lehrpläne bot sich aber auch großer Freiraum. "Wer hat Lust auf Teamarbeit?", fragte Barbara Wrede ins Kollegium. Fünf Kolleginnen fanden sich, die das Jahrgangsteamkonzept in der 5. Klasse verwirklichten. "Die Bereitschaft zu fächerübergreifendem Lehren musste vorhanden sein", erinnert sich die Schulleiterin.

Heute ist das Arbeiten in Jahrgangsteams bis in Klasse 10 hochgewachsen und selbstverständlich. Ein Jahrgangsteam besteht jetzt aus fünf bis acht Lehrerinnen und Lehrern der Fachrichtungen Deutsch, Mathematik, Englisch sowie unter anderem Biologie, Physik, Chemie, Geographie oder Geschichte. Die Zusammenarbeit der Kolleginnen und Kollegen ist Barbara Wrede zufolge sehr intensiv. Dazu findet einmal in der Woche eine Teamsitzung statt. Die Teamzusammensetzungen sind in dieser ganzen Zeit kaum verändert worden. "Nächsten Sommer gehen aber die ersten Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand. Davor graut es uns schon ein wenig, weil wir nicht wissen, wie es dann ohne sie funktionieren wird", berichtet Barbara Wrede.

Abgerundetes Wissen durch Epochenunterricht

Öffneten ihre Schule für die Besucher des Thematischen Netzwerks: Barbara Wrede (l.) von der Lobdeburgschule und Gisela John von der Jenaplan-Schule Jena

Die neuen Strukturen auf der Lehrerseite finden in der Lobdeburgschule Entsprechung in Unterrichtsformen abseits des Frontalunterrichts. Projektarbeit, Freiarbeit und offener Unterricht stehen auf dem Stundenplan. Anregungen dazu holte sich die Schule durch Schulbesuche in ganz Deutschland und 1994 durch einen Kontakt bei Experten der Universität Jena. Heute lernen die Schülerinnen und Schüler in 90 Minuten-Blöcken, beginnend mit Freiarbeit, gefolgt von Fachunterricht, Epochenunterricht und Wahlpflichtunterricht. "Wir wollen den Tag für die Schüler abwechslungsreich gestalten", so der stellvertretende Schulleiter Wolfgang Buschner.

Für den Epochenunterricht nahm das Kollegium die Thüringer Lehrpläne auseinander und ordnete Fächer bestimmten Inhalten zu. Der traditionelle, klassenstufenbezogene Fachunterricht wurde teilweise aufgelöst. Seit dem Schuljahr 2000/2001 ist der Epochenunterricht ein fester Bestandteil des Schulkonzeptes, der ständig evaluiert und weiter entwickelt wird. Im Epochenunterricht erwerben die Schülerinnen und Schüler ein ihrem Alter entsprechendes, umfassendes und abgerundetes Wissen. Sie lernen, Wissen als Wert zu begreifen und fächerübergreifend und praxisorientiert zu denken.

"Die Kollegen mussten dazu aber loslassen können", meint Konrektor Wolfgang Buschner. "In den ersten drei Jahren haben wir deshalb sehr um die Form gerungen. Der Epochenunterricht ist eine Knochenarbeit." Für die Kinder sei diese Lernform auf jeden Fall ein Gewinn, denn "sie behalten hier mehr als durch das Lehrplangehetze", erklärt Buschner. "Und niemand wird durch Wiederholungen in den Lehrplänen frustriert, wie es bis 1990 der Fall gewesen ist."

In einer 5. Klasse setzen sich die Kinder beispielsweise mit der Epoche "Ägypten" fächerübergreifend in Geographie, Geschichte, Kunst und Ethik auseinander. Im Jahrgang 7 finden drei große Epochen mit sechs Wochen und drei kleine Epochen mit je drei Wochen statt: Themen sind hier unter anderem "Mittelalter", "Mensch und Wald" oder "Herstellung eines Produktes". Die Schülerinnen und Schüler sammeln alle Unterrichtsergebnisse, Untersuchungen und Studien, die den Arbeitsprozess sichtbar werden lassen, in einem so genannten Epochenhefter. Für eine Epoche erhalten die Kinder und Jugendlichen eine Note, welche nicht versetzungsrelevant ist. Die Ergebnisse des Epochenunterrichts gehen allerdings in die Fachnoten ein.

Geringer Krankenstand dank guter Stimmung

Der Wahlpflichtunterricht bildet zusammen mit dem Kernbereich den Profilbereich. Im Kernbereich durchlaufen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 bis 10 ein festes Kurssystem, bei dem praktisches Lernen gefragt ist: Hauswirtschaft im Nähstudio und in der Lehrküche, Holz- und Metallbearbeitung im Werkraum, Medien und Technik im PC-Kabinett, dazu Soziales wie Familienplanung, Lebensbewältigung oder gesunde Ernährung. Im Wahlpflichtbereich arbeiten zurzeit 19 Gruppen, die aus jeweils 15 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 7 bis 10 bestehen. Hier geht es um Technik, Darstellung und Gestalten, Soziales und Wirtschaft. Der Wahlpflichtunterricht im Fach "Angewandte Technik" findet zum Beispiel im Rahmen eines gemeinsamen Schulversuchs am Staatlichen Berufsbildenden Schulzentrum (SBSZ) Jena-Göschwitz statt.

Das Kollegium der Lobdeburgschule profitiert von einem über die Jahre aufgebauten und kategorisierten Archiv für die Freiarbeitsmittel, die gerade im Epochenunterricht und in der Freiarbeit benötigt werden. "Am Anfang war der Arbeitsaufwand enorm, jetzt sparen wir alle viel Zeit", berichtet Lehrerin Ines Grunewald, die den Materialarbeitsraum verwaltet. Hier sind sämtliche Hilfsmittel übersichtlich in mit Nummern versehenen Holzkisten aufbewahrt und im Computer abrufbar. Jeder Lehrer kann sich hier mit den benötigten Materialien für seinen Unterricht schnell und unkompliziert versorgen. Wegen der Finanzknappheit sind nur zehn Prozent der Materialien gekauft, alles Andere selbst hergestellt.

Bei Vergleichsarbeiten haben die Schülerinnen und Schüler der Lobdeburgschule gut abgeschnitten. Im letzten Jahr war sie für den Deutschen Schulpreis nominiert. Der gute Ruf der Schule zeigt sich auch in den konstanten Schülerzahlen, die eine Dreizügigkeit über alle Jahrgänge hinweg gewährleistet haben. Von der Aufhebung der Schulbezirke vor zwei Jahren in Jena hat die Regelschule, die seit zwei Jahren auch einen Grundschulbereich eingerichtet hat, eher profitiert. Die gute Stimmung an der Schule spiegelt sich auch in einem laut Buschner "verschwindend geringen Krankenstand" wider. Als nächstes großes Projekt steht die Einführung der gymnasialen Oberstufe ab dem kommenden Schuljahr an. Kjell Eberhardt, Staatssekretär im thüringischen Kultusministerium, signalisierte bei einem Besuch an der Schule bereits grünes Licht für diesen Plan.

Fluch oder Segen? Die Vertreterinnen und Vertreter des Thematischen Netzwerks "Schulentwicklung" der Regionalen Serviceagenturen Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen, welche die Lobdeburgschule im Rahmen ihrer zweiten Hospitationsreise vom 10. bis 12. Januar 2007 besuchten, waren sich einig, dass der Zwang, 1991 fast bei Null anfangen zu müssen, sich segensreich auf das Lernen und Leben der Schule ausgewirkt haben.

Altersmischung als erster Schritt zur individuellen Förderung

Ergebnisse werden von den Teilnehmern auf Wandtafeln und Papiertischdecken niedergeschrieben.
Zusammentragen der Ergebnisse an Wandtafeln und auf Papiertischdecken

Nicht folgenlos war auch die erste Hospitationsreise im November 2006 in Werl und Münster geblieben, wie ein Resümee der rund 30 Köpfe starken Gruppe zu Beginn des Treffens in Jena zeigte. Die Impulse der letzten Schulbesuche hatten an allen Schulen Eingang in Besprechungen in Leitungsgruppen, im Kollegium, in Konferenzen und Steuergruppen gefunden. So diskutierten manche Schulen Doppelstunden zur besseren Rhythmisierung, Bildung von Lehrerteams, Veränderungen im Stundenplan oder die Einrichtung von Ganztagsklassen. Aber auch die Besuchsschule Margaretenschule in Münster blieb nicht unberührt: "Das vielfältige Lob hat neuen Ehrgeiz bei uns entfacht", berichtete Schulleiter Herbert Boßhammer. Sabine Wegener, Leiterin der Regionalen Serviceagentur Nordrhein-Westfalen, lobte das Thematische Netzwerk als eine "gute Idee, die auch gut umgesetzt ist. Das Ganze ist sehr praxisnah und auch für die Hospitationsschulen von Gewinn."

Hospitationen sind für die Jenaplan-Schule nichts Ungewöhnliches mehr. Die im September 1991 von Lehrern und Eltern gegründete Schule hat überregionale Bekanntheit erreicht und ist am 11. Dezember 2006 von Bundespräsident Horst Köhler als eine von fünf Schulen mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden. Von einer anfangs sechsstufigen Schule, die 1991 Kindergarten bis 6. Schuljahr umfasste, hat sie sich zu einer Schule mit Abiturstufe entwickelt. 435 Kinder von der Vorschulgruppe bis zum Abiturjahrgang leben und lernen in der Schule. Die Jenaplan-Schule ist eine staatliche Schule und anerkannter Schulversuch des Freistaats Thüringen, die im Sommer 2006 in die "Normalität" entlassen wurde und dabei ihre bisherige Schulpraxis, einschließlich der Leistungseinschätzung und Bewertungskultur, beibehalten konnte.

Die Jenaplan-Schule hat offene Lernsituationen statt der traditionellen inhaltlichen Gliederung durch Fächer und der organisatorischen Gliederung nach Jahrgangsklassen und 45-Minuten-Unterrichtsstunden eingerichtet. Der Unterricht ist in altersgemischten Stammgruppen organisiert, behinderte Kinder sind in die verschiedenen Gruppen integriert. Die Schülerinnen und Schüler lernen in vielen Stunden gemeinsam und voneinander. Ältere können ohne Gesichtsverlust am Lernstoff von Jüngeren mitarbeiten und umgekehrt. Anderen helfen und sich selbst helfen lassen wird selbstverständlich. "Die Jahrgangsmischung hat uns zu Beginn am meisten gefordert", erklärte Schulleiterin Gisela John beim Besuch des Thematischen Netzwerks. "Inzwischen gehen wir professionell mit Verschiedenheit um."

"Wir können Schüler motivieren"

Die Schülerschaft gliedert sich in vier Untergruppen der Jahrgänge 1 bis 3, vier Mittelgruppen der Jahrgänge 4 bis 6, vier Obergruppen der Jahrgänge 7 bis 9 und dem 10. Jahrgang sowie der Oberstufe der Jahrgänge 11 bis 13. Die Jahrgangsmischung ist für Gisela John der "erste Schritt zum individuellen Lernen": "Weder die Eltern noch die Lehrer noch die Schüler stellen Leistungsvergleiche an, weil man unterschiedlich alte Kinder nicht vergleichen kann." Man nehme viele Kinder auf, die woanders scheiterten - "uns gelingt es gut, diese Schüler zu motivieren."

Ziffernnoten erteilt die Jenaplan-Schule erst ab dem 7. Schuljahr, zuvor gibt es Berichtszeugnisse. Jedes Kind erhält das Zeugnis mit einem 30-minütigen Gespräch. Auch die Eltern bekommen die Gelegenheit, sich mit den Lehrerinnen und Lehrern auszutauschen: An jedem ersten Mittwoch des Monats findet ein Stammtischtag statt, an dem das gesamte Kollegium anwesend ist. "Das ist das Schöne an dieser Schule, dass wir nicht nur zur Arbeit herangezogen werden", weiß eine Mutter diese Kommunikation zu schätzen.

Jahrgangsmischung, Berichtszeugnisse, Montagskreise und Freitagsfeiern, auf denen die Schülerinnen und Schüler ihre Projektergebnisse der gesamten Schulgemeinde präsentieren, intensive Elternarbeit - das sind die Merkmale des Jenaplan. "Aber das A und O ist der Unterricht", findet Rektorin John, "und das Demokratieverständnis fängt im Unterricht an." Also reden die Schülerinnen und Schüler bei der Auswahl der Unterrichtsthemen mit und bestimmen über ihre Zeit in den Projektwochen. "Wir besprechen mit den Schülern unsere Bewertungskriterien und helfen ihnen, ihre eigene Leistung einzuschätzen - das ist eine Voraussetzung für den differenzierten Unterricht", so John.

Dass Eltern wie Schüler die Jenaplan-Schule auch als Lebensort begreifen, weiß die Schulleiterin spätestens seit dem Umzug der Schule in das heutige Gebäude. Nachdem Eltern und Schüler in den Sommerferien 2002 alle Räume gestrichen hatten, bewältigte man mit ihrer Hilfe den kompletten Umzug.

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