Hospitieren erwünscht!

Was gute Ganztagsschulen im Detail ausmacht, schaut man sich am besten vor Ort an. Die Mitglieder des thematischen Netzwerks der Serviceagenturen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen besuchten am 23. und 24. November 2006 die Offenen Ganztagsgrundschulen Paul-Gerhardt-Schule in Werl und die Margaretenschule in Münster, um jahrgangsgemischten Unterricht, Lern- und Forscherwerkstätten zu erleben.

Grau ist alle Theorie. Man kann Lehr- und Lernmethoden in Ganztagsschulen beschreiben, die Atmosphäre vor Ort schildern - eindrucksvoller ist das Miterleben eines Schultages, als Zaungast einer Schulklasse, als Expedition durch das Gebäude.

Wilhelm Barnhusen und Herbert Boßhammer
Die Gastgeber: Wilhelm Barnhusen von der Paul-Gerhardt-Schule in Werl (l.) und Herbert Boßhammer von der Margarethenschule in Münster

Die Mitglieder des thematischen Netzwerks der Regionalen Serviceagenturen aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen sind offenbar dieser Auffassung, denn sie bilden sich über das Thema "Schulentwicklung in Ganztagsschulen" vor Ort in jedem der vier Bundesländer fort. Den Anfang machte die Hospitation in Westfalen, wo die 25 Damen und Herren starke Gruppe aus Serviceagenturleitungen und Vertreterinnen und Vertretern aus Schulen sich am 23. und 24. November 2006 die offenen Ganztagsgrundschulen Paul-Gerhardt-Schule in Werl und Margaretenschule in Münster ansahen.

Die thematischen Netzwerke sind von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" ins Leben gerufen worden. Sie sollen inhaltliche Fortbildung länderübergreifend möglich machen und den Austausch untereinander ermöglichen - jeder lernt von jedem und kann Anregungen und Ideen für die Beratungstätigkeit im eigenen Bundesland mitnehmen. Für Björn Steffen, Leiter der Serviceagentur Hamburg, kam der Ruf aus Berlin anfangs allerdings ungelegen: "Als die DKJS die Serviceagenturen aufforderte, thematische Netzwerke zu bilden, war ich wenig begeistert, weil man auch so schon mehr als genug zu tun hat. Aber jetzt glaube ich, dass wir hier eine tolle und hilfreiche Sache gestartet haben."

Steffen war es auch, der Ines Stade vom SupervisionsNetzwerk in Buchholz als Moderatorin des insgesamt drei Tage währenden Treffens empfohlen hatte, die er aus der gemeinsamen Arbeit in der Hansestadt kannte. Die Moderatorin verordnete der Gruppe ein straffes Programm, das keine Minute verschenkte und so fundierte Einblicke in den Lehr- und Lernalltag der Grundschulen bei laufendem Betrieb ermöglichte.

"Das Lernen findet nun schneller statt"

Die Paul-Gerhardt-Schule in Werl ist eine zweizügige Grundschule mit 180 Schülerinnen und Schülern, von denen rund 100 am offenen Ganztag teilnehmen. Träger der Schule ist die Stadt Werl. Noch vor wenigen Jahren war die Schule als "Spielschule" verschrieen und hatte mit sinkenden Schülerzahlen zu kämpfen. "Inzwischen haben wir den Trend umkehren können", berichtet Schulleiter Wilhelm Barnhusen, "und zwar fast schon zu weit: Nun hören wir von Eltern, die ihre Kinder nicht bei uns anmelden wollen, weil wir zu anspruchsvoll seien."

Um den Ruf der Schule zu verbessern, ergriff die Paul-Gerhardt-Schule jede Gelegenheit zur Weiterentwicklung ihrer Schule. So nimmt sie seit dem Schuljahr 2003/2004 am Projekt "Selbstständige Schule" teil. Das ermöglicht die Planung und Durchführung eines eigenständigen pädagogischen Profils. Das ermöglichte die Umsetzung eines neu gestalteten Förderkonzeptes für alle Schülerinnen und Schüler.

Reflexion des Erlebten in der Paul-Gerhardt-Schule mit der World Café-Methode

Dieses Förderkonzept spricht dem Fach Deutsch eine Schlüsselqualifikation zu, da es Voraussetzung für alle anderen Lernbereiche ist. Die Schule will die Lese- und Schreibkompetenz verbessern und den Umgang mit Texten fördern. Jedes Kind erhält daher zwei zusätzliche Sprachförderungsstunden in der Woche, die jeweils bereits um 8 Uhr beginnen. Das Leistungsvermögen der Kinder am frühen Vormittag soll besser genutzt werden. Die Schule reagiert damit aber auch auf den Umstand, dass Kinder morgens immer häufiger ohne Frühstück zur Schule kommen und frühzeitiger ermüden. Um 9 Uhr findet ein gemeinsames Frühstück statt.

Der Förderunterricht erfolgt klassen- und jahrgangsübergreifend in Klasse 1 und 2 sowie 3 und 4. Heterogene Lerngruppen fördern neben der Sprachkompetenz auch das soziale Lernen. Förderunterricht findet somit nicht mehr selektiv, sondern integrativ statt. Die Lehrerinnen und Lehrer einer Jahrgangsstufe strukturieren den Förderblock im Hinblick auf das Leistungsvermögen der Kinder und die unterschiedlichen Bereiche des Faches Deutsch im Team. Die Motivation der Schülerinnen und Schüler wird durch ein Belohnungssystem mit Smileys unterstützt, die für gute Leistungen vergeben werden und gegen Arbeitsmaterialien, die mit den Mitteln der offenen Ganztagsschule finanziert werden, eingetauscht werden können. "Das Lernen findet nun schneller statt", hat Barnhusen beobachtet. "Die Mischung macht0s."

Lernmaterialien sind das A und O

Für Lehrerin Eva Heidmeier steht und fällt das jahrgangsgemischte Lernen mit den Lernmaterialien, die sich ein Jahrgangsteam nach gemeinsamer Sichtung zulegt. "Es ist eine Erleichterung, mit Materialien zu arbeiten, die alle benutzen. Diese müssen dann aber auch wirklich gut sein, damit die Kinder eigenständig damit umgehen können." Die Lehrerin kann die Schülerinnen und Schüler in Gruppen fördern: "Während einige zeichnen, setze ich mich mit anderen zum Fördern zusammen. Jedes Kind weiß, was es zu tun hat." Manchmal sei es allerdings schwierig, sämtliche Kinder im Blick zu behalten, wenn man sich einer Kleingruppe zuwende.

Alle zwei Wochen finden gemeinsame Teamsitzungen mit allen Beteiligten statt, was den Austausch zwischen Lehrerinnen und Ganztagspersonal über einzelne Schülerinnen und Schüler ebenso erleichtert wie das Mitteilungsbuch. Die Ganztagsleiterin ist regelmäßig auf den Lehrerkonferenzen vertreten, und die Ganztagsbetreuerinnen hospitieren im Unterricht. Die Lehrerinnenteams treffen sich wöchentlich, diese gemeinsame Vor- und Nachbereitung und das Erstellen individueller Förderpläne ist fest im Stundenplan verankert.

Auch beim Thema offene Ganztagsschule im Primarbereich war die Schule vorne dabei. Nach einstimmigen Beschlüssen in den Gremien bewarb man sich im Mai 2003 mit einem Konzept bei der Bezirksregierung Arnsberg. Fünfzig Kinder wurden damals angemeldet. An Personal stellte die Schule zwei Erzieherinnen und fünf Helferinnen, von denen zwei fest in der Küche arbeiten, mit Minijob-Verträgen an. Dazu kommen Honorarkräfte, die künstlerische, musikalische und sportliche Angebote unterbreiten. Jedes Kind wählt aus diesen Angeboten zwei aus, wobei die Wahl für ein viertel Jahr verbindlich ist. "Wir haben die Arbeitsgemeinschaften auf zwei Stück pro Woche begrenzt, weil auch freies Spiel möglich sein muss", erläutert Rektor Barnhusen.

Im Ganztagsangebot von 11.45 bis 16 Uhr erledigen die Kinder in festen Gruppen mit festen Bezugspersonen ihre Hausaufgaben, essen gemeinsam zu Mittag und nehmen an den  Arbeitsgemeinschaften wie Keybord, Flöte, Malen, Basteln, Kampfsport und Ballspielen sowie freiwilligen Angeboten im Lese-, Bewegungs- und Ruheraum teil.

Den Teufelskreis Lernstörung durchbrechen

Die Margaretenschule in Münster sticht mit ihrer Lern- und Forscherwerkstatt heraus. Die Lernwerkstatt ist eine Einrichtung der Schulpsychologischen Beratungsstelle und des Amts für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Münster, die bereits 1992 als Ferienintensivmaßnahme an der Margaretenschule startete. Heute ist sie an drei Standorten in Münster verankert und fördert rund 280 Kinder und Jugendliche, die gravierende Probleme beim Lesen, Rechtschreiben und Rechnen haben. Durch gezielte Förderung der elementaren Lernvoraussetzungen versetzt die Lernwerkstatt die Kinder in die Lage, dem Unterricht wieder zu folgen. Der "Teufelskreis Lernstörung" wird durchbrochen und präventiv verhindert man Schulmüdigkeit, Analphabetismus, Krankheit, Sucht, Kriminalität und Arbeitslosigkeit.

Die ganzheitliche Förderung erfolgt durch ein zwölf Köpfe starkes, multiprofessionelles Team aus Logopäden, Sozialpädagogen, Motologen, Psychologen und Pädagogen. In den Einzel- und Gruppenförderungen von maximal vier Schülerinnen und Schülern stellt die Bewegung einen wichtigen Bestandteil dar. Konzentrations- und Gedächtnistraining, die Förderung der Psychomotorik und am Computer gehören ebenso dazu. Die Lehrkräfte werden durch die Lernwerkstatt informiert, fortgebildet und unterstützt. Die offene Ganztagsschule der Margaretenschule ist dabei der wichtigste Partner: Kinder, die in dieser Ganztagsschule angemeldet sind, kommen problemlos in die Lernwerkstatt, was sonst bei der hohen Nachfrage nicht selbstverständlich ist. Die Anmeldung erfolgt durch die Eltern in Rücksprache mit den Lehrerinnen und Lehrern. Wer teilnimmt, entscheiden die Teams der Lernwerkstatt. Das Kind bleibt dann mindestens ein Jahr.

190 Schülerinnen und Schüler besuchen die Margaretenschule, davon 40 den offenen Ganztag - mehr lassen Raumkapazität und die Personalsituation derzeit nicht zu. Die Erzieherinnen und Erzieher der offenen Ganztagsschule besuchen den Unterricht der ersten Klassen. Schüler, Erzieher und Eltern stimmen sich gemeinsam ab. Die Hausaufgabenbetreuung findet wie in Werl in festen, möglichst kleinen Gruppen statt, die ebenfalls über eine feste Bezugsperson verfügen. Ein Austausch zwischen Lehrerinnen und Betreuerinnen findet sowohl im Gespräch als auch in schriftlicher Form über ein Hausaufgabentagebuch statt.

Die Schülerinnen und Schüler können aus Arbeitsgemeinschaften wie der Schwimm-AG , dem Heilpädagogischen Reiten, der Theater-AG, der Tanz-AG, der Kreativ-AG und der Sport-AG auswählen.

Kleine Forscher entwickeln Neugier

Abschlussreflexion in der Margaretenschule
Abschlussreflexion in der Margaretenschule

Eine besondere Form ist die Forscherwerkstatt, die durch die Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird. Das auf drei Jahre angelegte Projekt möchte Kindern auf ebenso praktische wie alltagsnahe Weise positive Zugänge zu Naturwissenschaften und Technik eröffnen und die kindliche Neugier und Fragelust sowie die Entwicklung naturwissenschaftlich-technischer Fähigkeiten fördern. In der Margaretenschule wurde dafür ein Werkstatt-Raum eingerichtet. Hier können die Kinder in vier- bis achtköpfigen Gruppen mittels offener Lehr- und Lernformen eigene Fragen entwickeln und praktisch erforschen. Lehrkräfte der Schule und Studentinnen und Studenten der Universität Münster unterstützen die Kinder bei der Beantwortung ihrer Fragen, bei der Entwicklung geeigneter Untersuchungs-Verfahren und bei der Lösungssuche. Durch eine Forscherwerkstatt-Rallye lernen alle Schülerinnen und Schüler die Einrichtung kennen und können sich dann für die Teilnahme einmal wöchentlich anmelden. Der Bedarf ist momentan höher als die Möglichkeiten der Schule, da zu wenig Studenten zur Verfügung stehen.

Als das Netzwerk die Forscherwerkstatt besucht, werkeln dort gerade Zweitklässlerinnen, die herausfinden wollen, wie ein Fahrzeug zum Fahren gebracht wird, unter der Aufsicht zweier Studentinnen. "Das Ziel ist es, dass die Kinder ganz frei und selbstbestimmt forschen", erklärt eine von ihnen. Langfristig sollen Talente im naturwissenschaftlichen Bereich entdeckt werden, die vielleicht ohne diese Anregung verloren gingen.

Viele verschiedene Möglichkeiten, Kinder individuell zu fördern, haben die Mitglieder des Netzwerks an diesen zwei Tagen gesehen. Als es am Schluss der Hospitation darum ging, eigene Inspirationen zu formulieren, nannten Teilnehmerinnen und Teilnehmer die gemeinsame Abstimmung des gesamten Personals, die beeindruckt habe und die - so eine Teilnehmerin - "bei uns null passiert". Bedingungen für Teamarbeit müssten geschaffen werden, gegenseitige Hospitationen im Unterricht seien wünschenswert. "Man muss das Kollegium mit kleinen Schritten heiß machen", formulierte ein Teilnehmer den Weg zur Ganztagsschule, den man "mit Geduld" gehen müsse.

Die zweite Hospitation des thematischen Netzwerks findet im Januar in Jena statt.

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