Bei Pippi Langstrumpf und Co. in Stendal-Süd

Jahrgangs- und fächerübergreifender Unterricht, Freiarbeit mit Tages- und Wochenplänen, individuelle Förderung - mit dem Frontalunterricht von ehedem hat ein Schultag der Astrid-Lindgren-Grundschule in Stendal nicht mehr viel gemein. Das Netzwerk Grundschulen im Ganztag der Serviceagentur "Ganztägig lernen" konnte sich davon bei einem Besuch der Schule am 27. Oktober 2005 überzeugen.

Als Gebäude hat die Astrid-Lindgren-Grundschule keine Zukunft mehr. Der Bau aus dem Jahr 1989 wird in absehbarer Zeit abgerissen - zusammen mit den ihn umgebenden Plattenbauten, die zum Großteil bereits leer stehen. Schulleiterin Anette Lenkeit und ihre 16 Kolleginnen bedauern dies, denn das Haus bietet geradezu verschwenderisch viel Platz. Waren zu Beginn der Neunziger hier zeitweise bis zu 600 Schülerinnen und Schüler untergebracht, so werden heute gerade noch 185 unterrichtet. So hat jedes Klassenzimmer noch einen Freiarbeitsraum, die Werkräume besitzen jeweils Vorbereitungszimmer, in welchen die Materialien untergebracht sind, und an AG- und Freizeit-Räumen ist ebenfalls kein Mangel.

Doch die demographische Entwicklung in den neuen Bundesländern mit dem erdrutschartigen Einbruch der Schülerzahlen und der Entschluss, den Stadtteil Stendal-Süd abzureißen, haben dazu geführt, dass die Astrid-Lindgren-Grundschule zum Schuljahr 2004/2005 mit der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Grundschule fusionierte. Bis zum Schuljahr 2006/2007 bleibt die fusionierte Schule in Stendal-Süd, dann ist der Umzug in die Goethe-Grundschule vorgesehen, die derzeit mit zwei Millionen Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes ganztagsschultauglich umgebaut wird.

Schulleiterin Anette Lenkeit

Einen Vorzug trotz der beengteren Räumlichkeit hat der Umzug laut Rektorin Lenkeit schon: Die Anmeldezahlen für ihre Schule sind in die Höhe geschnellt. Denn so sehr die Eltern von dem Ganztagskonzept der Astrid-Lindgren-Grundschule überzeugt gewesen sein mochten, oft hielt sie der schlechte Ruf des "sozialen Brennpunkts" Stendal-Süd von der Anmeldung ihrer Sprösslinge ab. Beim neuen Standort fällt dieser Nachteil weg. "Wir werden 260 Schülerinnen und Schüler in der Goethe-Grundschule unterrichten", erklärt Anette Lenkeit. "Es gab so viele Anfragen, dass wir einen Aufnahmestopp aussprechen mussten."

Forscherteams und jahrgangsgemischte Klassen

Als 1997 das Ganztagsangebot an der Astrid-Lindgren-Grundschule gestartet wurde, ging es auch darum, "die Kinder von der Straße zu bekommen", erinnert sich die Schulleiterin. Was möchte sie darüber hinaus mit ihrem Unterricht und dem Ganztagsangebot erreichen? "Die Kinder sollen gerne zur Schule kommen, sie sollen wissen, dass sie hier gut aufgehoben und sicher sind."

Über die derzeit laut Lenkeit "paradiesische" Raumausstattung staunten am 27. Oktober 2005 auch die Mitglieder des Netzwerks Grundschulen im Ganztag, die sich über die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Sachsen-Anhalt organisiert haben. Gekommen waren sie, weil sie sich inhaltliche Anregungen für die eigene Arbeit erhofften. Insbesondere das jahrgangsübergreifende Lernen war für die 15 Schulleiterinnen und Schulleiter sachsen-anhaltinischer Ganztagsschulen von Interesse.

Für Eltern besteht an der Astrid-Lindgren-Grundschule die Möglichkeit, ihre Kinder entweder in Jahrgangsklassen oder in den zwei jahrgangsgemischten Klassen lernen zu lassen. "Wir haben untersucht, wie die Lernerfolge in diesen beiden Formen jeweils ausgefallen sind", berichtete Anette Lenkeit. "Es ergaben sich keine Unterschiede, allerdings erwarben die Schülerinnen und Schüler in den jahrgangsgemischten Klassen größere soziale Kompetenzen." Neben den Sozialkompetenzen sei die Teamfähigkeit ein Ziel des jahrgangsübergreifenden Lernens, ebenso das vorausschauende Lernen für die jüngeren Jahrgänge, die sich bei den älteren etwas abschauten. Die Teamfähigkeit wird durch das Erteilen von Aufträgen an so genannte "Forscherteams" bestärkt.

Individualisiertes Lernen

Ein Schultag an der Astrid-Lindgren-Grundschule ist so strukturiert: Nach dem Kernunterricht, der nach dem offenen Beginn ab 7.30 Uhr von einem Kernlehrer fächerübergreifend in Deutsch, Mathematik und Sachkunde übernommen wird, beginnt ab 8.30 Uhr das freie Lernen in den Lerngruppen. Montags beginnen diese mit dem Morgenkreis, an den anderen Tagen mit der Lesezeit. Anschließend arbeiten die Schülerinnen und Schüler selbstständig an ihren Tages- und Wochenplänen, die dreifach differenziert auf die individuellen Fähigkeiten der einzelnen Kinder abgestimmt sind.

Mit Wäscheklammern markieren die Kinder die Räume, in denen sie sich befinden.

Als Betrachter ist man geneigt, allen Schülerinnen und Schüler auch eine größere Selbstständigkeit zu attestieren. Von stumm in Reihen sitzenden Schülerinnen und Schülern, wie man sie aus dem Frontalunterricht kennt, ist hier nichts mehr übrig. Anhand ihres Tages- und Wochenplanblattes wissen die Schülerinnen und Schüler, welche Aufgaben sie noch zu erledigen haben, und machen sich von selber daran, diese zu lösen. Nicht eine Tür ist hier geschlossen, jeder Raum einsehbar.

In der ersten Klasse heißt es: "Lernen mit allen Sinnen": Da finden die Kinder Zahlen durch Ertasten heraus oder angeln mit einem kleinen Magneten nach Wortsilben. Sie werfen sich einen Zahlenball zu und zählen bis zu der Ziffer, die sie dabei erwürfeln. Neben der Fachlehrerin ist eine pädagogische Mitarbeiterin anwesend, die den Kindern wahlweise hilft oder sie daran erinnert, welche Aufgaben noch zu lösen sind. "Unsere Aufgabe hat sich total gewandelt", berichtet Lehrerin Catrin Elies, "wir sind jetzt die Berater und Helfer der Kinder. Es kommt für die Kinder viel mehr heraus, da man sich intensiver mit ihnen beschäftigen kann." 20 Minuten individueller Förderung brächten mehr als ein herkömmlicher Förderkurs, in dem 20 Schülerinnen und Schüler sitzen.

Auch Selbstständigkeit hat ihre Regeln

Dabei ist der Lärmpegel nur in der ersten Klasse erhöht. Ein Stockwerk höher in der jahrgangsgemischten Lerngruppe hört man allenfalls ein Flüstern an den Tischen, an denen die Schülerinnen und Schüler über ihren Heften sitzen, hier und da von einer Lehrerin oder pädagogischen Mitarbeiterin begleitet. Ein Junge legt sein Heft mit den erledigten Rechenaufgaben in einen blauen Korb und holt sich sogleich aus dem daneben stehenden roten Korb ein anderes Heft. Ein Mädchen sitzt mit Kopfhörern vor einem Computer und sieht sich eine Simulation zu Forstarbeiten an. Das Wochenplanthema dieser Woche lautet "Der Herbst".

Das Hausaufgabenzimmer ist mit einer pädagogischen Mitarbeiterin und einer Lehrerin besetzt. Die Schülerinnen und Schüler können selbst entscheiden, wann sie dort ihre Hausaufgaben erledigen möchten. "Manche müssen häufig noch erinnert werden", so Catrin Elies. "Auch Selbstständigkeit hat ihre festen Regeln." Aber sie scheint zu wirken. Von weiterführenden Schulen kam bereits die Rückmeldung, die Abgänger der Astrid-Lindgren-Grundschule würden mehr hinterfragen und nachhaken.

Nach der Freiarbeit, deren Ergebnisse jeweils am Freitag vorliegen müssen, folgt ab 10.30 Uhr der Fach- und Kreativunterricht, der - vom Mittagessen unterbrochen - bis 13.15 Uhr andauert. Hier werden Musik, Gestalten, Sport, Ethik, Religion oder Englisch unterrichtet. Ab 14 Uhr folgen die Arbeitsgemeinschaften und Freizeitangebote, die montags bis donnerstags veranstaltet werden. Die Schülerinnen und Schüler können zum Schuljahrsbeginn vier Wochen in die Kurse hineinschnuppern und müssen sich dann auf einen festlegen. Im Februar besteht die Möglichkeit, in ein anderes der täglich etwa fünf Angebote zu wechseln.

Kinder kommen freiwillig wieder

Das Programm ist vielfältig: Neben sportlichen AGs wie Tanz, Tennis, Fußball, Tischtennis und Leichtathletik werden zum Beispiel ein Kinderbibeltreff, Stoff- und Seidenmalerei, Kochen und Backen, Theater, Computer, Schwarzlichttheater, Natur und Umwelt oder Basteln und Experimente angeboten. Ein besonderer Clou ist der Violinunterricht, den eine Musikschullehrerin veranstaltet. Dank einer Landesförderung müssen die Schülerinnen und Schüler nichts bezahlen und bekommen die Instrumente gestellt.

Überhaupt: Das gesamte Ganztagsangebot ist kostenlos - kein Wunder, dass so gut wie alle Kinder daran teilnehmen. Das Kollegium der Astrid-Lindgren-Grundschule ist sich einig, dass die Ganztagsschule den Kindern hilft, lebensfähiger zu werden, sie unterstützt, zu artikulieren, was sie möchten und was sie nicht möchten. Die Lehrerinnen sind sich in ihrer Zielsetzung und in den Methoden einig: "Uns wurde nichts übergestülpt - alles was wir machen, kommt aus uns heraus", so Catrin Elies. "Bei uns klappt vieles durch das Team, die Chemie stimmt."

Das schließt unbezahlte Mehrarbeit mit ein. "Man braucht ein positiv verrücktes Kollegium, um eine Ganztagsschule zu gestalten", meinte Anette Lenkeit. Man sei für die Einführung des Präsenzarbeitszeitmodells mit 35 Stunden Anwesenheitspflicht in der Schule, denn diese erreiche man an ihrer Schule sowieso schon. Jeden Donnerstag findet zum Beispiel um 15.30 Uhr ein Treffen der Lehrerinnen statt, in dem nachbesprochen und geplant wird, manche Lehrerin sitzt weit über 17 Uhr noch in den Klassenräumen, um den Unterricht vorzubereiten.

Ein Wunsch bleibt Anette Lenkeit für ihre Schule noch: "Ich hätte gerne eine bilinguale Schule, in der von Klasse eins an Englisch gelehrt wird - bisher ist es erst ab der dritten Jahrgangsstufe vorgesehen." Das Ziel einer Schule, in welche die Kinder gerne gehen, hat sie ja bereits erreicht: "Auch die Schülerinnen und Schüler, die nicht in der Schule essen, sind pünktlich um 14 Uhr zu den Arbeitsgemeinschaften hier. Sie kommen freiwillig wieder."

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