Art Is On Air

Totgesagte leben länger: Es ist nicht lange her, da wurde dem Kunstunterricht in Fachkreisen geringe Überlebenschancen eingeräumt. Nun erlebt die Kunst ihren zweiten Frühling an den Ganztagsschulen. Diese bieten erweiterte Zeit- und Raumstrukturen für einen neuen Kunstunterricht, der in Projekten und im grenzüberschreitenden Internet stattfindet.

Kunstwerk im Schulhaus der IGS Göttingen

Alle Wege führen weg vom klassischen Kunstunterricht: Auf dem Internationalen Symposium "Mapping Blind Spaces - Neue Wege zwischen Kunst und Bildung" vom 8. bis 10. Oktober 2003 in Karlsruhe und an der Landesakademie Schloss Rotenfels haben Wissenschaftler und Praktiker in Workshops neue Lernformen erörtert, die auch mehr Zeit und andere Räume erfordern: "Der Fächerkanon soll zugunsten von Projektunterricht teilweise aufgelöst werden. Ein Tipp dabei: man muss die Eltern bei der Umgestaltung des Unterrichts einbinden", folgert Michael Scheibel, Journalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Modellprojektes "Visuelle Kompetenz im Medienzeitalter". Das Fach Kunst ist bereits häufiger tot gesagt worden. Sind die Ganztagsschulen der Rettungsanker für ein Fach, das an den Schulen so etwas wie ein Exotendasein fristet? Wofür ist Kunst den Schulen gut?

Kultur ist kein Luxus, sondern ein "Grundnahrungsmittel"

"Wir müssen uns in der Gesellschaft neu darüber verständigen, dass Kunst und Kultur kein Luxus sind, sondern ein Grundnahrungsmittel für jede und jeden und für alle in einer zivilisierten Gesellschaft", so Bundespräsident Johannes Rau am 29. Januar bei der Eröffnung des Kongresses der Kulturstiftung der Länder "Kinder zum Olymp" in Leipzig. Rau bedauerte, dass von kultureller Bildung oder gar von ästhetischer Erziehung in der gegenwärtigen Bildungsdiskussion kaum die Rede sei.

Für den Umbruch in der Kunstpädagogik sind insbesondere Ganztagsschulen der richtige Ort, wie auch der Bundespräsident bekräftigt: "Wir brauchen Schulen, die Raum bieten für die Förderung aller Schüler. Dafür ist die Einrichtung von Ganztagsschulen gewiss eine gute und hilfreiche Voraussetzung."

Kunst ist Bilderstörung mit Methode

Vielen modernen Berufen etwa in der Filmbranche, der Werbung oder im Design würde ohne das künstlerisch-kreative Potential der Medienschaffenden rasch die Luft ausgehen. "Wir brauchen Kreativität, um die Probleme der Zukunft zu lösen" sagt Wolfgang Vogelsänger, Schulleiter der IGS Göttingen.

Daraus ergeben sich für die Ganztagsschulen neue Chancen: sie verfügen über die Zeit und vor allem über das räumliche Arrangement für eine kreative Durchgestaltung des Schulalltags. Schule kann zu einem ästhetischen Lebensraum umgewandelt werden, in dem Alltag und Kunst sich gegenseitig beeinflussen. "Die Neuen Medien und Kommunikationsmittel bedingen neue Lernformen mit zugleich veränderten Zeit- und Raumstrukturen," so Scheibel. "Kunst", fügt er hinzu, "ist Störung als Methode". Und Kreativität ein Gegenmittel, um Kinder und Jugendliche nicht mit den immergleichen Bilderströmen abzufüllen. Die Fähigkeit Bilder lesen zu können, gehört somit zu den Voraussetzungen, um in der Medienkultur zu bestehen. 

Neue visuelle Lern-Kulturen

Im Kunstunterricht, in Projekten oder in Kunst AGs können die Schülergruppen Erfahrungen machen, die kaum ein anderes Fach bietet: Sie lernen grundlegende Elemente der visuellen Wahrnehmung, wie Farben, Formen, Linien, Lichtverhältnisse, Raumstrukturen und Textur. Außerdem lernen sie Scheibel zufolge die "Neuen Medien wie Multimedia, Internet und Virtual Reality" kennen, mit ihren umfangreichen Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation. Ziel des - an den neuen Technologien orientierten - Unterrichts ist es, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren, sich das Werkzeug Computer und digitale Medien, aber auch die Video- oder Fotoproduktion kritisch anzueignen. Der pädagogische Mehrwert liegt für Scheibel auf der Hand: die jungen Lernenden würden für neue Realitätsebenen sensibilisiert und außerdem für neue Kommunikationsformen aufgeschlossen.

Netzkunst ohne traditionelle Kunstlehrer?

Lehrer mit Notebooks bei einer Fortbildung

Die Lehrerausbildung in der Kunstpädagogik bleibt von den veränderten Anforderungen einer Ganztagsschule nicht verschont, im Gegenteil: "Es ist fraglich, ob in Zukunft überhaupt noch klassisch ausgebildete Kunstlehrer mit Lehramtsabschluss gefragt sind", gibt Scheibel zu bedenken. Ganztagsschulen werden verstärkt mit außerschulischen Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten, um den Nachmittagsbereich abzudecken. Das wird im übrigen besonders die musischen Fächer betreffen.

Das Hindernis Nr. 1 bei der Abschaffung des Fächerkanons zugunsten von fächerübergreifendem Projektunterricht sind für Scheibel zwar die Eltern, weil sie den neuen Unterrichtsformen oftmals skeptisch gegenüberstehen. Bald danach folgen aber die Schulleiter. Die Schwierigkeit bestünde darin: "wie schafft man es, die Schulleitungen so weiterzubilden, dass sie ihre Schule umorganisieren können?" Die Kompetenzstandards jedenfalls lassen Freiräume für neue Organisationsformen. Es hat sich bewährt die Eltern bei der Umgestaltung des Unterrichts frühzeitig einzubeziehen, doch bei den Schulleitern liegt die Sache anders: "Auf der Tagung 'Vernetzte Wege zwischen Kunst und Bildung' im Rahmen des Internationalen Symposiums gab es sechs engagierte Schulleiter mit innovativen Schulkonzepten, doch das sind im Moment vielmehr die Ausnahmen", sagt Scheibel. Für die Ganztagsschulen käme es außerdem darauf an Künstler und Schulleiter zusammenzubringen, um neue Ideen zur Verbesserung der Schulorganisation auszuloten, ergänzt der Kunst- und Erziehungswissenschaftler.

"Hut ab vor der Kunst" - Von der Kunst, Räume zu gestalten

Was eine Ganztagsschule aus ihren Möglichkeiten macht, hängt also von unterschiedlichen Voraussetzungen ab: An der IGS Göttingen und der Friedrich-Ebert-Schule Frankfurt ist das Engagement der Schulleiter für die Kunst als gestaltendes Element unübersehbar. Die IGS Göttingen hat im Rahmen der Aktion "Hut ab vor der Kunst" die Werke von Schülern verschiedener Altersjahrgänge ausgestellt: Der Flur der Schule ist geschmückt mit Kunstobjekten des Leistungskurses Kunst, die auf die Funktion bestimmter Räume verweisen, woanders begegnet man großformatigen expressionistischen Arbeiten der neunten Klasse. "Wir verstehen die ganze Schule als Gesamtkunstwerk, ästhetische Erziehung findet deshalb in allen Fächern statt, sie ist gegenwärtig durch die Ausstellungen von Kunstwerken und selbst im Freizeitbereich ist die Kunst noch präsent", sagt Kunstförderer und Schulleiter Vogelsaenger.

"Nur in einem ganzheitlichen Ganztagschulkonzept kann man sich Muße für die künstlerische Durchdringung des gesamten Schulalltages nehmen", so Vogelsaenger weiter. Eltern und Schüler sind bei der Gestaltung des Ganztagsbereichs und des Außengeländes gefragte Berater des Lehrerkollegiums. Der Blick der IGS Göttingen richtet sich aber auch auf externe Partner, wie Museen, Fachhochschule oder Künstler: "Wir würden gerne den Künstler Georg Hoppenstedt aus Göttingen mit einigen Stunden gewinnen", fügt Schulleiter Vogelsaenger hinzu.

Rhythmisierter Wechsel und die Lust, gemeinsam zu lernen

Kunstwerke in der Friedrich-Ebert-Schule in Frankfurt

Nicht minder groß als in der IGS in Niedersachsen ist der Stellenwert der Kunst an der Friedrich-Ebert-Schule in Frankfurt. An dieser ältesten Ganztagsschule in Hessen mit rund 500 Schülerinnen und Schülern gibt es zehn Kunstlehrer und einen rhythmisierten Schulalltag. "Wir arbeiten an unserer Schule im rhythmisierten Wechsel von kopflastigen Fächern und kreativen Tätigkeiten. So entsteht mehr Lust, gemeinsam zu lernen", sagt Schulleiter Klaus Mosel. Das Ganztagsangebot in Kunst fächert sich auf in Visuelle Massenmedien, Bildende Kunst und Gestaltete Umwelt. Laut Direktor Mosel nehmen die Kinder sehr gerne am Unterricht und den Projekten teil. Das äußert sich sichtbar an der Wandgestaltung, die ein Markenzeichen der Schule ist: "Das Haus gewinnt an Farbe, und die Kinder beschmieren ihre Schule nicht mehr", sagt der Schulleiter.

Wenn Medien selbstverständlich werden wie ein Blatt Papier

Künstlerische Gesichtspunkte spielten auch bei dem Umbau des Schulgebäudes seit dem Jahr 2000 eine Rolle. So musste der gesamte Bau wegen Asbestgefahr entkernt werden, was Raum für Neugestaltungen ermöglichte: "Die Farbgebung der Schule wurde so in enger Absprache mit den Architekten getroffen", sagt Mosel. Nun gibt es eine Fassade, die völlig aus Glas ist, sowie Glaswände zwischen den Jahrgangsbereichen und außerdem Nischen und Ecken, "die wir ohne die Anregung der Kinder so nie entdeckt hätten", fügt Mosel hinzu. Die Gestaltung wurde zu 90 Prozent aus Bundesmitteln und zu 10 Prozent aus Kommunalhilfen finanziert. "Kunst an der Schule", sagt Mosel "ist so unverzichtbar wie das Sportangebot am Nachmittag". Deshalb findet der Kunstunterricht nicht nur in Fachräumen statt, sondern draußen und zusammen mit Künstlern.

Künstlerisches Gestalten im 21. Jahrhundert verändert sich, wie auch die Lernformen mit den Medien, fortlaufend: "Die heutige Schülergeneration macht die Neuen Medien zu einem selbstverständlichen Werkzeug wie das Blatt Papier", prognostiziert Michael Scheibel.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)