Fördern durch Fordern

Hochbegabte Kinder und Jugendliche verblüffen durch ihre Leistungsfähigkeit. Oft ermüden und erzürnen sie aber auch durch ihre soziale Auffälligkeit oder Verweigerungshaltung. Für Lehrerinnen und Lehrer ist es in Klassenverbänden von häufig über 30 Schülerinnen und Schülern schwierig, eine Hochbegabung zu diagnostizieren und sie dann angemessen zu fördern. Welche Wege den Pädagogen offen stehen, zeigen Beispiele an Ganztagsschulen.

Wenn in Zusammenhang mit Schule von Förderkursen die Rede ist, dann assoziiert man schnell solche für leistungsschwächere Schülerinnen oder Schüler, die mit dieser Hilfe ihre Defizite ausgleichen sollen. Weniger in den Sinn kommt das andere Ende des Leistungsspektrums, die Förderung von Hochbegabten. In den Schulen setzt sich indes immer der Wunsch durch, diese Schülerinnen und Schüler angemessen zu unterstützen.

Dabei fangen die Schwierigkeiten bereits bei der Diagnose einer Hochbegabung an. In Klassen von zum Teil über 30 Schülerinnen und Schülern dürfte es wohl auch aufmerksamen Lehrerinnen und Lehrern schwer fallen, eine solche Veranlagung zu diagnostizieren. Zumal diese oftmals nicht auf der Hand liegt, im Gegenteil: Gerade hochbegabte Kinder und Jugendliche zeigen häufig soziale Auffälligkeiten, die sie eher als Störer denn als Musterschüler auftreten lassen.

Für Deutschland geht man von zwei Prozent hochbegabten Schülerinnen und Schülern mit einem Intelligenzquotienten von über 140 und von 15 Prozent begabter Schülerinnen und Schüler aus. Dabei begrenzt die Wissenschaft den Begriff der Begabung nicht mehr auf das rein Intellektuelle, sondern berücksichtigt auch Begabungen im kreativen und musischen Bereich, die man zum Beispiel durch Tanz- oder Theater-Arbeitsgemeinschaften fördern kann.

Wie mit begabten Kindern umgehen?

Maureen Neihart und George Betts von der University of Northern Colorado unterscheiden in ihrer Studie von 1988 sechs Typen von Hochbegabungen: Neben dem sich problemlos in den Schulalltag integrierenden "Erfolgreichen" gibt es den "Herausforderer", der den Lehrer ständig verbessert, großen Stimmungsschwankungen unterworfen ist und über eine geringe Selbstkontrolle verfügt. Der "Rückzieher" verneint seine Begabung und vermeidet Herausforderungen. Der "Aussteiger" wiederum nimmt nur unregelmäßig am Unterricht teil, stört den Unterricht und erreicht bestenfalls mittelmäßige Schulleistungen. Ebenfalls durch Störungen des Unterrichts und schwächere Leistungen fällt der "Lern- und Verhaltensgestörte" auf. Der "Selbstständige" schließlich zeigt ein gutes Sozialverhalten, ist kreativ und risikobereit.

So unterschiedlich diese Typen sind, so unterschiedlich muss auch die Annäherung des Pädagogen an eine Hochbegabte oder einen Hochbegabten ausfallen. "Individuell, möglichst früh einsetzend, verschiedene Fähigkeiten betreffend und ganzheitlich ansetzend" - so beschreibt Helga Stöwe eine ideale Förderung dieser Schülergruppe. Die Lehrerin ist am Ganztagsgymnasium im nordrhein-westfälischen Kerpen für die Hochbegabtenförderung zuständig. Zwei Prinzipien sind ihr zu Folge bei der Unterstützung der Hochbegabten erfolgreich: Akzeleration - die Beschleunigung des Weges zum Abitur durch Überspringen von Klassen - sowie Enrichment - höhere Leistungsanforderungen. In Kerpen realisiert man seit Jahren vielfältige Fördermaßnahmen mit Elementen beider Prinzipien.

Doch das ist eher die Ausnahme. Dass etwas in der Begabtenförderung passieren muss, ist zwar mehr ins Bewusstsein der Schulen gerückt, aber sie ist noch vielerorts "völliges Neuland", wie das Markus Becker, Lehrer am Gymnasium am Stoppenberg in Essen, ausdrückt. "Es gibt keine Konzepte, und jeder Lehrer wurschtelt für sich selbst. Bei 30 Kindern und mehr in der Klasse weiß ich nicht, wie ich an die Sache herangehen soll. In der Ausbildung hat man darüber nichts gelernt." Auch Günter Schumacher, Lehrer an der Albert Einstein-Gesamtschule in Eberswalde, berichtet, dass potentiell hochbegabte Schülerinnen und Schüler "zu kurz kommen". An der Freien Ganztagsschule Milda "konzentrieren wir uns darauf, schwächere Schüler zu fördern", erzählt Lehrerin Katrin Schneider, "aber es ist für uns ein Problem, mit begabten Kindern umzugehen".

Die Kinder nicht über einen Kamm scheren

Um Hochbegabungen zu erkennen, gibt es subjektive Verfahren. Mit Hilfe von Checklisten schätzen die Lehrerinnen und Lehrer die Fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler unter anderem im Problemlösen, Abstrahieren oder in der Kreativität ein. Durch die Auswertung dieser Listen können Schüler herausgefiltert werden, zu denen man dann speziell die Lehrer-, Eltern- und Mitschülermeinung einholt. Objektive Verfahren sind die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an Wettbewerben, Kreativitäts- und Intelligenztests, die den Schülerinnen und Schülern auch zusätzliches Selbstbewusstsein bringen können.

Begabtenförderung fängt schon in kleinen Schritten an. "Ich stelle meinen Schülerinnen und Schülern im Matheunterricht ganz viele Knobelaufgaben. Mittlerweile habe ich eine Riesenmaterialsammlung, die ich auch meinen Kolleginnen zur Verfügung stelle", weiß Barbara Dold-Pabst zu berichten. Sie ist Lehrerin an der Lichtigfeld-Schule, einer Privatschule der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Die hoch begabten Kinder werden dort in den Klassen zwei bis vier aus dem regulären Mathematikunterricht herausgenommen und in Arbeitsgemeinschaften zusammen genommen, in denen sie stärker gefordert werden. Dazu bietet die Schule unter anderem eine Kreativschreibwerkstatt, eine Roboter-AG und eine Chemie-AG an.

Nicht immer ist das Umgehen mit den hochbegabten Schülerinnen und Schülern einfach. "Wir hatten einen sehr verhaltensauffälligen Schüler, der keinen Misserfolg ertragen konnte", erklärt Barbara Dold-Pabst. "Da ist es gut, dass wir Sonderschullehrer vor Ort haben, die wir mit einbeziehen können. Wir Lehrer müssen uns da auch öffnen." Dazu gehört ebenfalls, dass die Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht für Hochbegabte auf jedes einzelne Kind individuell abstimmen. "Ich habe einen Jungen, der Hausaufgaben hasst, also erlasse ich sie ihm", so Barbara Dold-Pabst. "Damit muss man als Lehrer umgehen können. Wir haben bisher immer dann schlechte Erfahrungen gemacht, wenn wir alle Kinder über einen Kamm scheren wollten."

Guter Unterricht ist differenzierter Unterricht

Diese Sichtweise unterstützt Helga Stöwe vom Gymnasium Kerpen: "Wenn man jahrelang mit hochbegabten Kindern zusammenarbeitet, merkt man, dass sie eine ebenso individuelle Förderung brauchen wie Kinder in der Sonderpädagogik. Da gibt es ganz viele Parallelen." Daher könne man Hochbegabte ebenfalls nur in kleinen Gruppen gut fördern, in denen sie individuell betreut werden können. Wenn sich also ein Kind gegen Hausaufgaben sträube, könne man ihm stattdessen zum Beispiel eine Sonderaufgabe im Unterricht stellen, für die es dann Material suchen und die es eigenständig lösen müsse. "Ein anderer Weg", so die Lehrerin, "der für die Lehrerin und den Lehrer eine Herausforderung darstellen kann, wäre, das Kind anzuleiten, dass Hausaufgaben und Vokabellernen doch Spaß machen können und wie man das sinnvoll macht."

Dabei sprechen sich Helga Stöwe wie Katrin Schneider für einen ganzheitlichen Ansatz aus. Die nordrhein-westfälischen Pläne, möglichst in jeder größeren Stadt ein Gymnasium für Hochbegabte einzurichten, findet die Lehrerin aus Thüringen "furchtbar". Besonders die häufig mit der Hochbegabung einhergehenden sozialen Defizite würden in der Gemeinschaft mit anderen Schülerinnen und Schülern besser aufgefangen, während die Hochbegabten die Leistungsschwachen leistungsmäßig mitziehen würden. "Guter Unterricht ist auch Unterricht für Hochbegabte, ist ein differenzierender Unterricht", spricht sich Helga Stöwe für leistungsgemischte Klassen aus, die in Kerpen auch so bestehen. Tatsächlich seien die Notenschnitte von Klassen abgefallen, nachdem Hochbegabte die Klassen verlassen hätten. "Diese Kinder aus Klassengemeinschaften herauszureißen, kann nicht der Weg sein", pflichtet Markus Becker aus Essen bei. "Später in der Gesellschaft kommen sie auch nicht nur mit ihresgleichen in Kontakt."

Auf Durchhänger einstellen und Geduld haben

Aber wie soll binnendifferenzierter Unterricht mit Hochbegabtenförderung bei übergroßen Klassen möglich sein? Eine Möglichkeit ist das holländische Modell, Schülerinnen und Schüler für zwei Stunden in der Woche aus dem Klassenverband herauszunehmen, um sie mit Projektarbeit speziell zu fordern und zu fördern. Darüber müssen diese dann auch Lerntagebücher führen. Im Unterricht in der Klasse sollen die Hochbegabten auch die Möglichkeit erhalten, mit ihrem Wissen vor den Mitschülerinnen und Mitschülern zu glänzen. "Wenn man als Lehrer ein solches Kind nie aufruft mit der Begründung, man wisse ja, dass es die richtige Antwort kenne, riskiert man, dass es sich im Unterricht langweilt", gibt Helga Stöwe zu bedenken. Gegen Langeweile und Unterforderung müsse man für die Hochbegabten auch immer einen Aufgaben-Pool in petto haben, um bei Bedarf Extraaufgaben stellen zu können.

Bei all dem muss man als Lehrerin und Lehrer sehr geduldig sein. "Es wird immer Rückschläge im Zusammenwirken mit hochbegabten Kindern geben", meint Helga Stöwe, "auf Durchhänger muss man sich einstellen." Wichtig sei es, viele Gespräche zu führen und nach Hinderungsgründen für die Leistungsentfaltung im Privaten und in der Schule suchen. "Erst wenn alle Hinderungsfaktoren ausgeschaltet sind, können die Kinder ihre Begabungen ausbauen", so die Lehrerin. Diese Begabungen sollten nicht auf die reine Lernleistung konzentriert bleiben, sondern mit bestimmten Aufgaben müsse man auch für die soziale Bindung zur Klasse sorgen und so die nichtkognitiven Persönlichkeitsaspekte ebenfalls stärken.

Hervorragende Ergebnisse hat das Gymnasium Kerpen mit dem Überspringen von Klassen durch einzelne Hochbegabte erzielt. Diejenigen, die einen exzellenten Notenschnitt vorweisen und von den Klassenlehrern empfohlen werden, können von der neunten in die elfte Klasse springen. Das Problem des Herausreißens aus dem Klassenverband tritt zu diesem Zeitpunkt nicht so stark in Erscheinung, da mit Beginn der Oberstufe die Klassen ja sowieso aufgelöst werden. Es geschieht für die Hochbegabten also nur ein Jahr früher. Das Curriculum der Klasse zehn eignen sich die Schülerinnen und Schüler selbst an. "Alle Schülerinnen und Schüler, die bei uns gesprungen sind, sind nach einem halben Jahr wieder auf ihrem alten Leistungsstand angekommen", berichtet Helga Stöwe.

Die Fördermaßnahmen beschränken sich in Kerpen nicht auf die Schule. Einige Schülerinnen und Schüler nehmen ab Jahrgangsstufe elf an dem Pilotprojekt "Schüler an der Universität" der Universität Köln teil. In naturwissenschaftlichen Fächern sitzen sie in den Vorlesungen, erwerben Scheine in den Übungen und schreiben Klausuren mit.

Hochbegabte Schülerinnen und Schüler verblüffen auch Helga Stöwe nach wie vor. "Wir haben eine Schülerin, die zwei Jahrgangsklassen übersprungen hat, nebenbei an der Universität Niederländisch studiert und noch immer nicht ausgelastet ist", erzählt die Deutschlehrerin.

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