Die Freude am Lernen bewahren

Seit 1999 bietet die Staatliche Grundschule Rudolstadt neben der Grundschule mit Hort auch einen gebundenen Ganztagsteil an - mit wachsendem Erfolg: Der Halbtagsteil läuft nun aus. Kinder, Eltern und Lehrer sind zufrieden, und auch die Landespolitik ist aufmerksam geworden. Werden auch andere Schulen in Thüringen diesem Beispiel folgen?

Die Zahlen sprechen für sich: Als 1999 an der Staatlichen Grundschule Rudolstadt-West neben der Grundschule mit Hort zwei Klassen mit ganztägiger Rhythmisierung im Freizeitbereich eingerichtet wurden, besuchten 70 Kinder diesen Schulteil, 150 Schülerinnen und Schüler den Halbtagsteil. Im Schuljahr 2001/2002 kam es zum Gleichstand: Jeweils 97 Kinder lernten in den beiden Teilen. Zwei Jahre darauf hatte sich das Verhältnis endgültig umgekehrt: 126 Schülerinnen und Schüler lernten im Ganztagsteil, nur noch 56 im Halbtagsbereich. Mit Beginn dieses Schuljahres wurde im Halbtagsteil keine Klasse mehr gebildet; nach Auslaufen der Halbtagsklassen wird die Grundschule eine reine Ganztagsschule sein.

Unterricht auf hohem Niveau

Rudolstadt

Schulleiterin Bärbel Schiebold, die bei ihrem Amtsantritt die ganztägige Rhythmisierung eingeführt hatte, ist froh über diese Entwicklung. Den Grund für den Erfolg dieses Modells sieht sie in der Zufriedenheit von Schülerinnen und Schülern sowie Eltern und der damit einhergehenden positiven Mundpropaganda in Kindergärten und Nachbarschaft. Die Grundschule musste keine Werbung für sich machen. Im vergangenen November gab es lediglich einen Tag der offenen Tür, der rege angenommen wurde. Bei diesem Termin konnten sich die Eltern davon überzeugen, dass Werkstatt- und Projektarbeit "nicht nur eine Spielerei, sondern Unterricht auf hohem Niveau" ist, wie Frau Schiebold es ausdrückt. Dass sich viele Eltern angetan zeigten, spiegelt sich in den Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr wider: Die Staatliche Grundschule Rudolstadt-West hat einen Aufnahmestop erlassen und Wartelisten einrichten müssen.

Bei der Einrichtung der rhythmisierten Ganztagsschule kommen der Grundschule mehrere Faktoren entgegen. Zum einen wirkten das staatliche Schulamt und der Schulträger - die Stadt Rudolstadt - laut der Schulleiterin "sehr unterstützend", sowohl bei der ursprünglichen Einführung wie auch der jetzigen endgültigen Umwandlung. Dazu kam der räumliche Vorteil von zwei separaten Schulgebäuden, in denen sich die Grundschule mit Hort und die rhythmisierte Ganztagsschule getrennt voneinander unterbringen ließen. Zum anderen ist Rudolstadt mit etwa 26 000 Einwohnern eine recht kleine Stadt, in der alle Einrichtungen nah beieinander liegen, was bei der Planung und Durchführung von Arbeitsgemeinschaften und der Angebote freier Träger und Vereine von Vorteil ist. Kooperationspartner wurden der Schule durch Tips zugetragen. Viele Väter und Schüler sind auch in Sportvereinen engagiert, so dass sich hier eine glückliche Verquickung ergibt, wenn zum Beispiel ein Vater die Fußball-AG leitet. Des Weiteren bringen sich die Eltern auch bei Wandertagen, Ausflügen oder beim Lesewettbewerb mit ein. "Das Elternengagement könnte aber auch noch zunehmen", wünscht sich Bärbel Schiebold.

Mehr bewegen

Mit Sicherheit braucht eine rhythmisierte Ganztagsschule ein engagiertes Kollegium, denn der Vorbereitungs- und Nachbearbeitungsaufwand ist der Schulleiterin zu Folge höher. Die Voraussetzungen für einen längeren Arbeitstag sind in der Grundschule Rudolstadt-West mit extra eingerichteten Arbeitsplätzen für die Lehrerinnen und Lehrer günstig. In all den Jahren habe nur eine Kollegin aus Unzufriedenheit die Schule verlassen. Ansonsten "ist die Zufriedenheit bei den Kollegen höher, viele haben die Vorteile einer Ganztagsschule erkannt, weil man hier mehr bewegen und die Kinder besser individuell fördern kann", wie Frau Schiebold berichtet. Gerade bei einer Ganztagsschule sei es allerdings wünschenswert, wenn die Schulleitung sich neues Personal, das zu diesem Modell passt, mit Hilfe von Bewerbungsgesprächen aussuchen könne.

Nach einem euphorischen Beginn habe das Kollegium auch Phasen der Demotivierung überstehen und um das Niveau des Angebots kämpfen müssen. Es sei leichter, ein gutes Niveau zu erreichen, als es dann auch zu halten. "Als das Programm der Bundesregierung für die Ganztagsschulen bekannt wurde, hat uns das wieder einen Schub gegeben, weil Ganztagsschulen in den Mittelpunkt der Diskussion rückten", berichtet die Schulleiterin, "und viele begriffen, dass das, was wir tun, nichts Weltfremdes ist."

Ganztagsschule macht Kinder selbstbewusst

Von Eltern gespendetes Lob wie "Sie bewahren den Kindern die Freude am Lernen" sei zusätzlich motivierend. Selbst am Ferienprogramm mit Basteln, Tanzen, Sport und Spiel oder Kino nähmen bis zu 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler teil. "Wo gibt es sonst so etwas, dass die Kinder selbst in den Ferien gerne in die Schule gehen?", fragt Frau Schiebold. Sie ist überzeugt, dass die Ganztagsschule die Kinder "selbstbewusster macht. Wir haben hier keine Anpasser oder Duckmäuser, sondern unsere Kinder fordern uns heraus." Und der Lernerfolg? "Wir haben keine negativen Rückmeldungen von den weiterführenden Schulen erhalten. Im Gegenteil haben unsere Schülerinnen und Schüler bei einer Rechtschreibanalyse der Universität Jena sehr gut abgeschnitten", betont die Schulleiterin.

Die Zusammenarbeit mit den Erziehern - allesamt staatlich ausgebildete Pädagogen und Angestellte des Kultusministeriums - gelingt an der Grundschule Rudolfstadt-West gut. Es bleibt nicht wie an vielen anderen offenen Ganztagsschulen bei einem Nacheinander, sondern kommt zu einem echten Nebeneinander. Die externen Pädagogen sind regelmäßig an Konferenzen und Besprechungen beteiligt und werden teilweise auch im morgendlichen Unterricht eingesetzt. "Gerade bei Werkstattunterricht braucht man jede Hand", erklärt Bärbel Schiebold. Der Englischunterricht ab der ersten Klasse werde von Mitarbeitern der Volkshochschule angeboten.

Ministerbesuch und Medieninteresse

Staatliche Grundschule Rudolstadt-West

Der Erfolg der Grundschule Rudolstadt-West hat sich inzwischen auch bis ins Kultusministerium herumgesprochen. Am 11. Juni 2003 stattete Kultusminister Dr. Michael Krapp der Schule einen Besuch ab und war angetan. "Ich hatte dem Minister auf einer Gewerkschaftsveranstaltung unseren Flyer in die Hand gedrückt", erzählt Frau Schiebold von der Anbahnung des Kontaktes. Der Ministerbesuch hatte positive Folgen: Neben dem Medieninteresse wuchs auch das anderer Schulen und Schulträger. "Wir sind begehrt geworden", fasst Frau Schiebold die Entwicklung zusammen. Die Schulleiterin hat schon in einigen thüringischen Schulen von ihren Erfahrungen berichtet. Auch auf der Beratung von Jugendamtsleitern in Thüringen sei ihr Bericht positiv aufgenommen worden.

In Thüringen gibt es ganztägige Angebote flächendeckend in den Grundschulen mit Horten und in den Förderzentren, die als voll gebundene Ganztagsschulen organisiert sind. Die Schuljugendarbeit ist als außerunterrichtlichtes Förder- und Betreuungsangebot an Regelschulen, Gymnasien und Gesamtschulen geschaffen worden. Diese freiwilligen zusätzlichen Angebote sollen aus den Bereichen unterrichtsbezogene Ergänzungen, themenbezogene Vorhaben und Projekte, Förderung sowie Freizeitgestaltung stammen. Sie werden durch Vereine und andere Organisationen getragen. Für den Ausbau der Schuljugendarbeit hat das Kultusministerium 2003 knapp vier Millionen Euro bereitgestellt. In diesem Jahr sind fünf Millionen Euro vorgesehen.

Schulversuch geplant

"Kinder wollen nicht so lange zur Schule gehen", war der Haupteinwand, den das Kultusministerium gegen gebundene Ganztagsschulen bislang vorgetragen hat. Kultusminister Krapp stufte in einer Landtagsrede vom 8. Mai 2003 zum Bundesinvestitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" das Angebot von Hortbetreuung sowie der Schuljugendarbeit als ausreichend ein und sprach sich gegen eine "Zwangsvereinbarung von Schülerinnen und Schülern durch die Schule" aus. Nachdem der Ministerbesuch den Stellenwert der in Rudolstadt-West geleisteten Arbeit herausgestellt hat, ist Bärbel Schiebold aber inzwischen ins Kultusministerium eingeladen worden. Heidrun Koch, Schulleiterin der Astrid-Lindgren-Grundschule in Erfurt, der zweiten gebundenen Grundschule Thüringens, war ebenfalls anwesend. Die Pädagoginnen berichteten von den Erfahrungen mit ihrer Schulform.

Das Referat Bildungsplanung, Schulentwicklung und Schulorganisation konzipiert nun einen entsprechenden Schulversuch an 26 Standorten in Thüringen. "Voraussetzung für Grundschulen, die daran teilnehmen und gebundene Ganztagsschulen werden wollen, ist das Vorhandensein mindestens einer anderen Grundschule am Ort", berichtet Referatsleiter Johann Fackelmann. "Wir wollen das Angebot für die Eltern freiwillig halten, daher muss es ein Wahlrecht für diejenigen geben, die ihre Kinder nicht an eine gebundene Schulen schicken möchten." Im September soll die Ausschreibung beginnen, so dass die Wahlmöglichkeit für die Eltern bereits zum Einschreibtermin für das nächste Schuljahr 2005/2006 im Dezember besteht.

Bärbel Schiebold glaubt, dass "im Ministerium schon verstanden wird, dass einer echten Ganztagsschule nur das gerecht wird, was wir an unserer Schule machen. Horte suggerieren Betreuung, wir brauchen aber auch eine pädagogische Qualität."

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