Mehr Zeit für Individuelle Förderung

Der klassische Vormittagsunterricht stößt schnell an seine Grenzen - vor allem bei der individuellen Förderung von Kindern. Jeden Schüler im Rahmen seiner Möglichkeiten zu fördern braucht vor allem eins: mehr Zeit. Die Ganztagsschule bietet dafür ideale Voraussetzungen.

"Es gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen." Mit diesem Satz trifft der 1994 verstorbene amerikanische Psychologe Paul F. Brandwein auch heute noch ins Schwarze. Nur eine individuelle Förderung wird jedem Schüler gerecht - unabhängig vom Grad der Begabung, einer Benachteiligung oder der Schulform. Das war auch das Fazit einer Fachtagung des Forum Bildung im Jahr 2001: "Individuelle Förderung ist gleichermaßen Voraussetzung für das Vermeiden und den rechtzeitigen Abbau von Benachteiligungen wie für das Finden und Fördern von Begabungen."

Individuelle Lernpläne in der Grundschule

Schüler in der Fahrradwerkstatt

Ein Blick in die Praxis: Die Grundschule Borchshöhe in Bremen, seit kurzem eine Ganztagsschule, hat fast alles, was Schule in Deutschland traditionell ausmacht, vom Tisch gefegt. Es gibt keine Klassen, keine Unterrichtsstunden und vor allem keinen einheitlichen Lehrplan für alle. Unterricht von der Stange ist Vergangenheit. In zwei Lernhäusern lernen die Schüler jahrgangsübergreifend, und die Lehrer agieren als Mentoren. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Lehrer die Kinder zum selbstgesteuerten Lernen anregen, anstatt ihnen den Unterrichtsstoff einfach vorzusetzen. "Jedes Kind hat seinen eigenen Lehrplan und wird da abgeholt, wo es steht. Es hat die Möglichkeit, entsprechend seinem Niveau voranzuschreiten", erklärt Petra Köster-Gießmann, die Schulleiterin der Grundschule in Bremen.

So kann zum Beispiel ein Kind aus dem zweiten Jahrgang, das in Mathe schon den Level des dritten Jahrgangs erreicht hat, auch genau darin arbeiten, ohne seine sozialen Bindungen zu verlieren. Und ganz nebenbei lernen die Kinder in der Gemeinschaft mit Älteren oder Jüngeren noch soziale Kompetenzen wie Verantwortung und Teamgeist. Diese Individuelle Förderung stellt natürlich auch eine große Herausforderung für die Lehrer dar, die nicht auf das erworbene Wissen des Studiums zurückgreifen können. Aus diesem Grund ist die Weiterbildung des Lehrerkollegiums in Bremen eine Selbstverständlichkeit. Für den Erfolg dieses Schulkonzepts, das sich am schwedischen Modell orientiert, sind in Borchshöhe zwölf Grundschullehrerinnen, zwei Sonderpädagoginnen, eine Referendarin, fünf Betreuerinnen und ein Türkischlehrer zuständig.

Förderkurse bei Lese-Rechtschreib-Schwäche

Doch bei der individuellen Förderung geht es nicht nur um das Finden von Begabungen, sondern auch um die Kompensation von Defiziten. Die Hauptschule in Kellinghusen - 360 Schüler und seit kurzem auch eine Ganztagsschule - hat zwei Schwerpunkte der individuellen Förderung: Schüler mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und Deutschkurse für Schüler mit nicht deutscher Muttersprache. Schulleiterin Hilla Pedersen berichtet von einer siebten Klasse mit 31 Schülern, von denen knapp die Hälfte eine Lese-Rechtschreib-Schwäche aufweist. An Unterricht ist dort kaum zu denken. Die Lehrer verbringen einen großen Teil der Zeit damit, Ruhe und Ordnung in die Klasse zu bringen.

Doch in den Lerngruppen am Nachmittag zeigen sich auch die größten Störer als motivierte Schüler: "Unsere Lerngruppen am Nachmittag sind viel kleiner als am Vormittag. In der Kleingruppe haben die Schüler mehr Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu zeigen, als in dem normalen Klassenverband", erklärt die Schulleiterin. In der Fahrradwerkstatt, beim Breakdance oder der Arbeit mit Holz würden leistungsschwache und bisweilen verhaltensauffällige Schüler aufblühen, weil hier weniger kognitive Leistungen eingefordert würden. "Sie können sich in den Arbeitsgemeinschaften selbst verwirklichen und von einer anderen Seite zeigen. Das baut die Schüler natürlich auf. Als Lehrer hat man so die Chance, sie zu 0knacken0 und ihre Motivation vielleicht auf den Vormittag zu übertragen", hofft Hilla Pedersen.

Auch bei der Förderung von Kindern nicht deutscher Herkunft wirkt sich der Ganztagsschulbetrieb in Kellinghusen positiv aus. Stützkurse können nun zusätzlich auch am Nachmittag angeboten werden, und die Kinder kommen so insgesamt auf mehr Förderstunden. Die Schule in Kellinghusen denkt darüber nach, die Förderkurse langfristig ganz auf den Nachmittag zu legen, weil die Kinder unterm Strich mehr Zeit in ihrer Klasse verbringen können. Die natürliche Sprachumgebung, so Schulleiterin Pedersen, ist von immenser Bedeutung für die Entwicklung der Kinder. Ein Stützkurs, so gut er auch sein mag, sei eben doch immer etwas Künstliches."

Schülerinnen und Schüler sitzen im Kreis am Boden

Die individuelle Förderung wird in Kellinghusen aber nicht nur bei "Problemfällen" groß geschrieben: Schüler, die so ihre Probleme mit Englisch oder in anderen Fächern haben, bekommen ihre ganz persönliche Nachhilfe in speziellen Förderkursen, der Hausaufgabenbetreuung oder einer Betreuung in der Vorbereitung auf Abschlussarbeiten. Auch die berufliche Orientierung bekommt in der Ganztagsschule mehr Raum: Betriebspraktika, Tagespraktika und Werkstatt-Tage sind in den Jahrgangsstufen sieben bis neun obligatorisch.

Hochbegabung als Teil der individuellen Förderung

Ein weiterer Teilbereich der individuellen Förderung ist die Hochbegabung. Gerade mal zwei Prozent eines Jahrgangs erreichen einen IQ von 130 und mehr und fallen oft nicht als pfiffige Schüler auf, sondern dadurch, dass sie den Unterricht stören, schlechte Leistungen erzielen oder sich - vor allem Mädchen - dem Durchschnitt anpassen. Mittlerweile verfügen viele deutsche Schulen über ein differenziertes Instrumentarium der Förderung von hochbegabten Kindern: Sie können früher eingeschult werden, eine Klasse überspringen oder je nach Leistungsstand in einigen Fächern eine höhere Klasse besuchen. Außerdem existieren im Rahmen der Individualisierung so genannte D-Zug-Klassen, Arbeitsgemeinschaften, Schülerwettbewerbe oder Spezialschulen.

Ein Blick in diese Spezialschulen lohnt, denn dort werden schon länger die Konzepte praktiziert, die nun auch in "normalen" deutschen Klassenzimmern Einzug gehalten haben: Wochenpläne für jeden einzelnen Schüler, Projektarbeit und offener Unterricht. Vor allem aber haben diese Einrichtungen für besonders Begabte schon viel früher eine Voraussetzung geschaffen, die eine individuelle Förderung erst ermöglicht: mehr Zeit. Meistens sind in diesen Schulen Internate angeschlossen, und Unterricht, Projekte und gemeinsame Freizeitaktivitäten sind über den ganzen Tag verteilt. Und dieses Mehr an Zeit bietet auch die Ganztagsschule.

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