Regelschule Schmiedefeld: Eine Schule hat sich auf den Weg gemacht

Mit einem klaren Kompass hat sich die Regelschule im thüringischen Schmiedefeld vor 15 Jahren auf den Weg gemacht, eigenverantwortliches und selbst gesteuertes Lernen im Schulkonzept zu verankern. Seit 2007 arbeitet die Schule als teilgebundene Ganztagsschule, um innerer Differenzierung und fächerübergreifendem Unterricht noch mehr Zeit widmen zu können.

Das Schulgebäude in Schmiedefeld

Das altehrwürdige Schulgebäude aus dem Jahr 1920 in Schmiedefeld inmitten des Thüringer Waldes zwischen Ilmenau und Suhl hat schon viele Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und pädagogische Konzepte beherbergt. Zu DDR-Zeiten eine zehnklassige Oberschule, gründete das Land Thüringen hier 1991 eine Regelschule. Rektorin wurde Dr. Kerstin Baumgart - und sie ist es bis heute. Unter ihrer Leitung hat die Schule eine bemerkenswerte Entwicklung genommen, seitdem Schulleitung und Kollegium ab 1995 massiv in die Schulentwicklung eingestiegen sind. Zwei Mottos haben dabei die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer begleitet: Zum einen lautet der Denksatz "Schule soll Schülern und Lehrern beim Lernen und Arbeiten neben einem hohen Leistungsanspruch auch Spaß machen." Und zweitens: "Es lässt sich vieles verwirklichen, wenn man von der 'Ja, aber bei uns nicht'-Haltung wegkommt", wie Kerstin Baumgart formuliert.

"Wir haben uns zum Start der Regelschule vorgenommen, differenzierter zu fördern, als das in der DDR-Oberschule der Fall war", erinnert sich die Schulleiterin. "Wir wollten Lernkompetenz entwickeln und individuell fördern - das sagte sich so leicht, war aber bei den heterogenen Klassen schwer umzusetzen."

Schülerinnen und Schüler aus Schmiedefeld, Frauenwald, Stürzerbach und Vesser besuchen die 5. bis 10. Jahrgangsstufe der einzügigen Regelschule Schmiedefeld. Einst mit 270 Kindern und Jugendlichen gestartet, liegt die Zahl heute bei 128 Schülerinnen und Schülern, die von 17 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden.

Erste Schritte in Richtung eines veränderten Lehrens und Lernens unternahmen die Pädagoginnen und Pädagogen bereits 1992 mit medienpädagogischen Projekten. Diese frühe Medienorientierung der Schule führte 1994 zur Herausbildung des Schulprofils "Medienerziehung", das wiederum die Grundlage für das 1995 begonnene Projekt "Medienerziehung - Schulkommunikation" zur Schulentwicklung war.

Steuergruppe entwickelte Schulkonzept

Diese Schritte wurden durch das Thüringer Institut für Lehrplanentwicklung, Lehrerfortbildung und Medien (ThiLLM) und ab 1995 durch das Thüringer Kultusministerium unterstützt. Durch die Kontakte zum ThiLLM wuchsen das Bewusstsein und die Bereitschaft von Schulleitung und Kollegium, sich nach neuen Wegen in der Schulentwicklung umzusehen: Die Pädagoginnen und Pädagogen nutzten Fortbildungen zur Jenaplan-Pädagogik, brachten von Hospitationen Anregungen zu altersgemischtem und jahrgangsübergreifendem Unterricht mit. Zur konsequenten Verwirklichung der Schulentwicklung setzte die Regelschule Schmiedefeld eine Steuergruppe ein. "Ich bin eine starke Verfechterin eines solchen Gremiums", sagt Kerstin Baumgart in der Rückschau. "Wenn man Schule verändern will, muss man eine Steuergruppe einrichten."

Die Steuergruppe entwickelte verschiedene Lehr- und Lernmethoden, die an der Schule umgesetzt wurden: Fächerübergreifende Lernbereiche mit Sachkunde, Natur, Kultur und Gesellschaft, schulinterne Lehrpläne, Morgenkreise und Wochenabschlussfeier. Schülerorientierte Unterrichtsmethoden wie Wochenplan, Stationenlernen, Expertenmodell und Projekte wurden eingeführt. "Wir haben viele Fehler gemacht, aber nichtsdestotrotz eine gute Lernkultur entwickelt", resümiert die Schulleiterin.

Seit 1999 nannte sich die Regelschule auch ImPULS-Schule. Das Schulkonzept fußte nun auf den Säulen altersgemischter Unterricht, fächerübergreifender Unterricht, innere Differenzierung, Medienerziehung und breites didaktisches Repertoire. Man führte die Wahlpflichtfächer Medienwelt und Arbeitswelt ein. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten mit Lerntagebüchern, wurden in Arbeitstechniken unterrichtet, erhielten schulinterne Zeugnisse und Zeugnisbriefe und schlossen Lernverträge mit der Schule ab. "Manchmal musste ich einen harten Kampf mit Kolleginnen austragen, die nicht immer an den Vereinbarungen dranblieben und nicht alles aus dem Instrumentarium genutzt haben", berichtet Kerstin Baumgart.

Schulleitung, Lehrerteams und Steuergruppe forcierten Schulentwicklung

Mit Beginn des Schuljahres 2000/2001 genehmigte das Thüringer Kultusministerium den Schulversuch "Unterrichts- und Organisationsentwicklung an der Regelschule Schmiedefeld" für sieben Jahre. "Das war toll, denn so konnten wir auch Dinge über die Grenzen des Gesetzes hinaus verändern", erinnert sich Kerstin Baumgart. Die äußere Differenzierung in Haupt- und Realschulteil ersetzte man nun durch die innere Differenzierung.

Die ImPULS-Schule hat einen Schulentwicklungszyklus erarbeitet: Vor Beginn des Schuljahres in der letzten Ferienwoche halten Kollegium und Schulleitung - wie es zu DDR-Zeiten üblich war und noch heute in vielen Schulen der neuen Bundesländer üblich ist - eine Vorbereitungswoche ab. "Da haben wir Zeit für Schulentwicklung, voller Gespräche und Konferenzen", erklärt die Rektorin. Die Aktivitätenpläne finden Eingang in den Schulentwicklungsplan und das Schulentwicklungsportfolio, deren Ergebnisse immer wieder durch die Schulleitung, die Steuergruppe und die thematischen Lehrerteams zum Beispiel für "Altersgemischten Unterricht", "Innere Differenzierung" oder "Sprachlehre" evaluiert werden.

2002 folgte mit der Einführung der Individuellen Lernzeit der nächste große Schritt in der Schulentwicklung. Hier sollten bessere Möglichkeiten der individuellen Förderung geschaffen werden, indem ein größeres Aufgabenspektrum unterschiedlicher Niveaustufen erstellt und eine Doppelbesetzung mit Fachlehrern gewährleistet wurde. In der Individuellen Lernzeit entscheiden die Schülerinnen und Schüler zunehmend selbst, welches Fach und welches Aufgabenniveau sie wählen. Sie sind mit dafür verantwortlich, wie viele Aufgaben und Stoff sie bewältigen, wie effektiv sie die Lernzeit ausnutzen und wie groß ihre Lernfortschritte sind.

"Trennen uns von altem Denken"

Schülerinnen und Schüler stehen an einem Tisch mit Backzutaten

Die Lehrerinnen und Lehrer agieren als Lernberater, die eine Lernstandserfassung aller Schülerinnen und Schüler vornehmen, Stärken und Verbesserungsbereiche kenntlich machen und alle erledigten Aufgaben kontrollieren. Der Ist-Stand wird mit Hilfe eines Kompetenzrasters visualisiert. Damit ein Schüler eigenverantwortlich an den Verbesserungsbereichen arbeiten kann, muss allerdings auch ein entsprechender Material-Pool pro Kompetenzbereich vorhanden sein. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden, wann sie einen Test schreiben wollen. "Wir trennen uns hier von altem Denken", meint Kerstin Baumgart. "Bei uns machen die Schülerinnen und Schüler einer Klasse eben nicht die gleichen Dinge mit der gleichen Geschwindigkeit in der gleichen Art und Weise zur gleichen Zeit."

2006 erhielt die ImPULS-Schule Schmiedefeld das Qualitätssiegel "Berufswahlfreundliche Schule" und den Status einer Eigenverantwortlichen Schule. 2007 schließlich startete man als Ganztagsschule. "Mit dieser Entscheidung haben wir uns viel Zeit gelassen, weil wir eigentlich gar keine Voraussetzungen für einen Ganztagsschulbetrieb mitbrachten", erläutert Kerstin Baumgart den Prozess. "Wir bekamen keine zusätzlichen finanziellen Mittel, kein zusätzliches Personal, und es gibt in Schmiedefeld auch in nicht ausreichender Zahl Vereine, die uns unterstützen konnten. Dennoch haben wir uns auf Kongressen und Tagungen informiert, wie man eine Ganztagsschule organisieren kann. Unsere Vorteile waren, dass wir auf dem bestehenden Schulentwicklungsprozess aufbauen konnten, bereits Steuergruppe und Teams existierten und wir über ein Qualitätsmanagement verfügten."

Kollegium und Schulleitung trugen viele Gründe zusammen, um trotz aller Widrigkeiten die Ganztagsschule einzuführen: Die Schule konnte sich so mehr zu einem Lern- und Lebensraum entwickeln, in dem mehr Zeit für individuelle Förderung und Beratung vorhanden ist. Man hoffte, so dem Ziel der Chancengleichheit näher zu kommen, mehr Bewegung, sinnvolle Freizeitgestaltung, Übungszeiten statt Hausaufgaben, eine Esskultur und Rhythmisierung initialisieren zu können.

Eltern in Entscheidung eingebunden

"Uns war klar, dass die Eltern diesen Schritt auch wollen mussten. Wir haben daher viel mit ihnen, den Schülerinnen und Schülern und auch anderen Schulen über die Einführung der Ganztagsschule gesprochen", erläutert die Schulleiterin. Schließlich entschied man sich für ein teilgebundenes Modell mit drei längeren Schultagen: Montags dauert der Unterricht von 7.15 bis 13.45 Uhr, dienstags bis donnerstags bis 15.30 Uhr und freitags bis 13.00 Uhr. Die Woche wird mit einer Feier beschlossen, wie es in den Jenaplan-Schulen üblich ist.

Ein Schultag in der Ganztagsschule unterteilt sich in einen offenen Beginn; in die Planungszeit, in welcher die Kinder und Jugendlichen entscheiden, welche Aufgaben sie im Laufe des Tages lösen wollen; in die Individuelle Lernzeit; in ein gemeinsames Frühstück; in die Stammzeit, in der fächerübergreifend in offenen und kooperativen Lernformen Themenpläne in Biologie, Chemie, Physik, Geschichte, Geographie, Deutsch, Kunst und Musik bearbeitet werden; in eine Bewegungspause; in den Kurs-Unterricht; in ein gemeinsames Mittagessen; in 36 Angebote in der Mittagsfreizeit - von Volleyball, Französisch über Kochen, Schulfunk und Lesescouts bis zu Singen, Tüftler, Homepage und Natur pur - und schließlich in weiteren Kurs-Unterricht und in das Lernbüro, in dem zusätzlicher Förderunterricht stattfindet.

"Die Schülerinnen und Schüler finden es besonders toll, jetzt die Hausaufgaben in der Schule erledigen zu können", berichtet die Schulleiterin. Auch das altersgemischte Lernen komme gut an: "Es ist für die Kinder ein sanfter Übergang, es fördert das soziale Lernen und die Lernmotivation bei leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern, die nun auch mal in die Rolle hineinwachsen, jüngeren Mitschülern etwas beizubringen."

Entwicklung benötigt viele Jahre

Kerstin Baumgart schildert die der Schulentwicklung zu Grunde liegende Philosophie: "Wir möchten, dass die Schülerinnen und Schüler eigenständig, selbst gesteuert, entdeckend und forschend lernen. Sie sollen ihren eigenen Weg des Umgangs mit Lerninhalten und -materialien finden. Sie sollen kritisch denken, reflektieren und selbst Entscheidungen zu treffen lernen. Ganz wichtig ist es uns auch, dass sich eine Teamentwicklung ergibt, gemeinsames Arbeiten und soziales Lernen stattfinden."

Diese Entwicklung benötigt Zeit - "an diesem Satz ist etwas dran", bestätigt die Rektorin. Das Beispiel ihrer Regelschule zeige, dass es einige Jahre in Anspruch nehme, bis man den Schulentwicklungsprozess in sichere Gleise geführt habe. "Soll ein solcher Entwicklungs- und Veränderungsprozess einer Schule wirkungsvoll sein, darf er kein Aktionismus bleiben und nicht durch Kurzfristigkeit geprägt sein, sondern muss dauerhaft am Leben gehalten werden", zeigt sich die Schulleiterin überzeugt.

Die ImPULS-Schule hat alle Neuerungen immer hoch wachsen lassen. "Auf keinen Fall sollte man alles auf einmal in der ganzen Schule umstellen", warnt Kerstin Baumgart, "das wäre eine absolute Überforderung." Wichtig sei es auch, dass die Kolleginnen und Kollegen über ihren eigenen Arbeitsplatz in der Schule verfügten.

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