Ganztagsschule "Johannes Gutenberg" Wolmirstedt: Das etwas andere Lernen

Selbstorganisiertes Lernen und Lernwerkstätten sind zwei Elemente des individualisierten Unterrichts an der Grund- und Sekundarschule "Johannes Gutenberg" im sachsen-anhaltischen Wolmirstedt. Bereits seit 1995 geht diese gebundene Ganztagsschule erfolgreich ihren Weg: Die Lernleistungen und die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler bestätigen das gleichermaßen.

Über ihre Organisationsform lässt die Grund- und Sekundarschule "Johannes Gutenberg" im sachsen-anhaltischen Wolmirstedt niemanden, der sie besucht, im Unklaren: In großen Lettern steht über dem Eingang "Ganztagsschule Johannes Gutenberg" zu lesen. Auch die Homepage im Internet ist so überschrieben. Das Herausstellen der Ganztagsschule über die Schulform ist ein Bekenntnis zu einem "etwas anderen Lernen".

Und es ist gewiss kein Zufall, dass Schulleiter Helmut Thiel auch Vorsitzender des sachsen-anhaltischen Ganztagsschulverbandes ist. Thiel ist so etwas wie der Außenbootmotor dieser Entwicklung - und das, mit kleinen Unterbrechungen, seit einem Vierteljahrhundert. "Schon zu DDR-Zeiten gab es hier viele außerunterrichtliche Angebote", erinnert sich Thiel. Und schon damals hätte dies zu "positiven Ergebnissen" geführt.

Die Ganztagsschule "Johannes Gutenberg" hat 2009 nicht nur alle Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen zu einem qualifizierten Schulabschluss geführt, sie hat auch bei den Vergleichsarbeiten in Klasse 6  überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Ein Bericht des Landesinstituts für Schulqualität und Lehrerbildung (LISA) über die externe Evaluation der Schule, zu der auch Unterrichtsbeobachtungen gehörten, gibt Auskunft darüber, wie diese Erfolge erreicht werden und stellt der Schule ein glänzendes Zeugnis aus.

"Wir sind eine offene Schule im Denken", formuliert der Rektor einen Grundsatz der Schulentwicklung. Und mit "wir" ist auch wirklich "wir" gemeint: Es umfasst neben Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrern auch die Schülerinnen und Schüler und deren Eltern. An den Pädagogischen Tagen stecken alle die Köpfe zusammen, um zu beratschlagen, wie sich ihre Schule weiterentwickeln soll. Und einmal pro Jahr kommen nach einem freitäglichen Fortbildungstag der Lehrkräfte am Samstag die Eltern hinzu, um über die Themen zu diskutieren und sie zu vertiefen.

Ganztagsschule ermöglicht mehr

Seit 1994 arbeitet die Grund- und Sekundarschule als Ganztagsschule. Damals noch ohne rechtliche Grundlage, also auch ohne zusätzliche Finanzmittel oder Personalausstattung. "Wir haben das einfach gemacht", so Helmut Thiel. Eine Befragung von 48 Schülerinnen und Schülern und deren Eltern der 5. Klasse nach der Einführung einer Ganztagsklasse ergab eine Zustimmung von 46 Kindern und 48 Elternteilen. "Diese Abstimmung hat den Ausschlag gegeben, dass wir damals gestartet sind." Ursprünglich wollte man langsam Jahrgang für Jahrgang hochwachsen - doch dann ging es ganz schnell: 1995 wandelte sich die gesamte Schule zu einer gebundenen Ganztagsschule. Dieser im Vergleich zur Ganztagsschulentwicklung im restlichen Sachsen-Anhalt frühe Zeitpunkt und das seitdem nicht nachlassende Engagement aller Beteiligten haben die Ganztagsschule "Johannes Gutenberg" zu einer Leuchtturmschule gemacht.

Der Strom der Besuchergruppen aus anderen Schulen reißt nicht ab. Diese Form der Anerkennung macht natürlich stolz, aber manchmal ärgert sich Helmut Thiel zu solchen Gelegenheiten auch, wenn Besucher das Erreichte mit dem Satz "Ja, wenn wir solche Bedingungen hätten wie Sie, dann." relativieren. Die Schule hat Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) erhalten. Nun verfügt sie über eine Mensa, die rund 350 Essen täglich ausgibt. Vorher mussten die Schülerinnen und Schüler in vier Schichten essen. Acht zusätzliche Unterrichtsräume sind geschaffen worden. Die Kommune und der Landkreis als Schulträger haben eine Freisportanlage und eine Turnhalle finanziert. Aber was nützten die schönsten Gebäude, wenn sich im Denken und Handeln der Lehrerschaft nichts verändert hätte. Für den Schulleiter sind Einstellungen und Umdenken die entscheidenden Voraussetzungen einer erfolgreichen Schulentwicklung.

"Das Wesentliche ist, schülerbezogen zu denken", meint Thiel. "Eine Schule kann nur gelingen, wenn ich nicht nur nach Kenntnissen frage, sondern auch Einstellungen und Fertigkeiten in den Blick nehme. Der Frontalunterricht ist das Fundament, aber darüber hinaus muss es so viel erlebnisorientiertes Lernen wie möglich geben. Eine Ganztagsschule erleichtert dies, sie ermöglicht organisatorisch mehr."

Schülerinnen und Schüler auf der Phaeno

Ein wichtiger Bestandteil der Schulentwicklung sind verbindliche Förderpläne. Dazu werden gleich am Beginn von Klasse 5 Lernstandsanalysen durchgeführt. Mit Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern werden halbjährlich Lernverträge abgeschlossen, in denen inhaltliche Schwerpunkte, zeitlicher Umfang und Ablauf der Förderung, Bewertungskriterien sowie die Auswertung festgelegt sind. Alle Fördermaßnahmen werden auf einem Formblatt dokumentiert, das von Eltern und Klassenlehrer beziehungsweise -lehrerin gegengezeichnet wird. In den Sommer- beziehungsweise Winterferien können - ebenfalls "vertraglich" mit den Eltern geregelt - Schülerinnen und Schüler mit den Noten 5 oder 6 die "Schülerakademie" besuchen.

Auch die Fachkonferenzarbeit ist an der Ganztagsschule "anders" geregelt: Statt der üblichen Fachkonferenzen gibt es Klassenstufen-Teams, die regelmäßig tagen. Fachkonferenzen treffen konkrete inhaltliche und organisatorische Festlegungen und werden protokolliert. Ziel ist es, Wege und Methoden aufzuzeigen, um Schülerinnen und Schüler zu bestmöglichen Abschlüssen zu führen.

Vielfältige Lernkultur

Die Möglichkeiten, welche die Ganztagsschule "Johannes Gutenberg" Wolmirstedt heute anderen Schulen aufzeigt, hat sie sich selbst nach und nach angeeignet. "Wir sind viel umhergereist, haben uns viel umgeschaut, Inspirationen und Ideen aus anderen Schulen geholt", berichtet der Rektor. Beim Aneignen und Umsetzen dieser neuen Ideen war es "enorm wichtig, nicht einfach von heute auf morgen etwas zu verändern, sondern es gut vorzubereiten und mit allen Beteiligten zu beraten". Wenn man etwas richtig erkläre, erfahre man auch Zustimmung.

Lehrerinnen und Lehrer müssen Thiel zufolge "offen denken". Die Schülerinnen und Schüler müssten im Mittelpunkt stehen, und das gelinge nur mit anderen Arbeitsformen, bei denen sich die Lehrerinnen und Lehrer Gruppen und einzelnen Schülern zuwenden könnten. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Schülerinnen und Schüler am besten lernen, wenn sie erst durch den schnellen und effektiven Frontalunterricht in ein Thema eingeführt werden. Dann muss man sich die Zeit nehmen, sie an die alternativen Arbeitsformen heranzuführen. Denn wenn ich dies erst mal geklärt habe, hole ich das Fachliche schnell auf."

Ein wichtiges Element ist das täglich für zwei Stunden statt findende Selbstorganisierte Lernen. Hier bekommen die Schülerinnen und Schüler für die einzelnen Fächer Pflicht- und Wahlaufgaben in drei verschiedenen Niveaustufen. Die Pflichtaufgaben müssen erledigt werden, bei den Wahlaufgaben können sich die Kinder und Jugendlichen nach eigenen Interessen entscheiden. Sie können die Aufgaben alleine oder in kleinen Gruppen lösen. Dabei können sich diejenigen, die ihre Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt haben, völlig frei im Haus bewegen; zum Beispiel im Flur oder Computerraum lernen.

Selbstorganisiertes Lernen erübrigt Hausaufgaben

Die Planung für die Woche erfolgt am Montag, täglich werten die Schülerinnen und Schüler einzeln wie auch in den Teams ihre Ergebnisse aus. Diejenigen, die ihre Aufgaben nicht schaffen, müssen am Freitag nacharbeiten. Die Lernleistungen haben sich durch das Selbstorganisierte Lernen laut Helmut Thiel "wesentlich verbessert": "Ich kann das an den Leistungstests ablesen."

Schülerinnen auf der Bühne mit einem Lehrer

Ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt beim Selbstorganisierten Lernen ist der Aufbau von Helfersystemen - die Schülerinnen und Schüler helfen sich in "Lernpatenschaften" gegenseitig. Am meisten behält man vom Erlernten laut Thiel nämlich dann, wenn man einander hilft und etwas erklärt. Das Selbstorganisierte Lernen hat dabei auch die Hausaufgaben überflüssig werden lassen.

Seit dem Schuljahr 2009/2010 können die Schülerinnen und Schüler zusätzlich in der Lernwerkstatt an Themen arbeiten. In der Lernwerkstatt bekommen die Kinder und Jugendlichen lediglich ein vom Kollegium vereinbartes, grobes Oberthema als Initialzündung präsentiert. Auch die Schülerinnen und Schüler können auf die Themen Einfluss nehmen, indem sie an den Pädagogischen Tagen Wünsche äußern. Fragen rund um ein Thema - zum Beispiel "Klima" - müssen die Schülerinnen und Schüler selbst formulieren. Die Antworten auf die selbst gewählten Problemstellungen finden sie dann innerhalb von drei Wochen und dreißig Wochenstunden in Einzel- und Gruppenarbeit, durch Experimentieren und das Sammeln von Informationen.

Lehrer müssen über ihren Schatten springen

Im Lernwerkstattraum, der eigens dafür eingerichtet und zu Teilen vom Schulförderverein finanziert wurde, finden die Schülerinnen und Schüler verschiedenste Materialien, können im Internet recherchieren, die Bibliothek und den Werkraum nutzen, basteln und werken oder sich auch zum Lesen zurückziehen. "Der Witz an der Sache ist, dass die Schülerinnen und Schüler nicht das Gleiche machen", erläutert Lehrerin Ute Moritz. "Zugleich ist es aber auch ein Dilemma für uns Lehrer, die wir so etwas ja nicht gewohnt sind. Da muss man manchmal über seinen Schatten springen und die Kinder einfach machen lassen. Auch ich habe mich hier in der Lernwerkstatt sehr zurückgehalten."

Zwölf Lehrerinnen und Lehrer haben sich zum Thema "Lernwerkstatt" fortgebildet. Zur Vorbereitung und Begleitung der Lernwerkstatt ist für die beteiligten Lehrkräfte eine Stunde am Vormittag eingerichtet worden. "Wenn man sich vorher zusammensetzt, gewinnt man im Endeffekt Zeit", erklärt Ute Moritz, die maßgeblich an der Einrichtung der Lernwerkstatt beteiligt ist.

In Logbüchern halten die Schülerinnen und Schüler ihre Ziele, das Erreichte und ihre Zufriedenheit fest. Es mache ihnen Spaß, tief in eine Materie einzusteigen. Daneben gehe es auch um das Erlernen von Ausdauer, Gründlichkeit, Teamarbeit und Sorgfalt. Ute Moritz hat bei den Achtklässlern, die ein halbes Jahr an physikalischen und chemischen Experimenten gearbeitet haben, ein größeres Selbstbewusstsein festgestellt, das sich auch bei der Präsentation der Experimente vor Schülerschaft, Lehrerinnen und Lehrern sowie Eltern im April 2010 zur offiziellen Eröffnung der Lernwerkstatt zeigte.

Schüler wachsen über sich hinaus

Dieses Selbstbewusstsein gefällt auch dem Schulleiter: "Ich bin stolz, wie die Schülerinnen und Schüler bei solchen Präsentationen auftreten oder wie sie sich verhalten haben, als unsere Justizministerin Angela Kolb kürzlich zu Besuch in unserer Schule war, der sie ein Medienprojekt vorstellten. Letzte Woche haben sie die Rolle von Lehrern übernommen und ihren Eltern das Prinzip des Stationenlernens erklärt. Da engagieren sich auch schwierige Schüler und wachsen über sich hinaus, wie man es nicht für möglich gehalten hatte."

Um das Erreichte zu bewahren, ist Helmut Thiel zufolge zweierlei notwendig: "Ich brauche Partner, denn vieles können Lehrerinnen und Lehrer im erzieherischen und praktischen Bereich nicht leisten. Und ich muss mich ständig umschauen, wie ich an Geldmittel komme. Wichtig ist hier unser Schulförderverein, mit dem ich mich alle sechs Wochen treffe."

Für die Zukunft hofft Thiel, den Bereich der fächerübergreifenden Berufsorientierung auszubauen. Eine dauerhafte Kooperation mit Betrieben soll "Glühwürmcheneffekte" beenden und als feste Säule im Schulleben die beruflichen Chancen der Schülerinnen und Schüler verbessern.

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