Pauline-Thoma-Schule Kolbermoor: "Man ist mittendrin"

Schulleiter Friedrich Sparrer

Die Pauline-Thoma-Schule war im Jahr 2002 eine der ersten Ganztagsschulen in Bayern. Die Hauptschule im Kreis Rosenheim, die derzeit von 530 Schülerinnen und Schülern besucht wird und in der 25 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten, konnte damals ihre Vorstellungen zur Etablierung des Ganztags verfolgen, Vorgaben aus dem Kultusministerium in München gab es nicht. "Eigene pädagogische Ideen zu entwickeln, ist das Schönste, was es gibt", findet Rektor Friedrich Sparrer noch in der Rückschau.

Auch bei der seit 2004 einsetzenden Bautätigkeit, durch die ein Neu- und ein Anbau entstanden, konnte die Schule sämtliche Baupläne mitgestalten. Eine ungewöhnlich anmutende Entscheidung, die heute niemand bereut, war der Verzicht auf eine zentrale Mensa. Stattdessen erhielt jede Klasse einen Aufenthaltsraum, der zugleich als Essensraum dient. Die Schülerinnen und Schüler sorgen selbst für die Verteilung der von einem Caterer angelieferten Mahlzeiten. "Es entsteht eine familiäre Atmosphäre, die es in einer großen Mensa so nicht gibt", erläutert Sparrer. "Ein Argument, das gegen eine Mensa sprach, waren auch die höheren Kosten, die durch das notwendige Personal verursacht worden wären."

Teilweise spart die Schule gar den Caterer ein, gewinnt aber pädagogisch dazu: Ab der 7. Jahrgangsstufe bekocht von Zeit zu Zeit eine Klassenhälfte die andere im Rahmen des Hauswirtschaftsunterrichts - "Selbstversorger" heißt dieses Konzept. Zu diesem Zweck ist im zweigeschossigen Anbau, der im März 2009 nach einjähriger Bauzeit eingeweiht wurde, eine Schulküche eingebaut worden. "Uns ist es sehr wichtig, die Schülerinnen und Schüler zu aktivieren. Sie sollen sich nicht bedienen lassen oder sich wie der Gast im Restaurant über die Qualität des Essens beschweren, sondern auch einmal selber kochen und spülen. Das hat einen hohen erzieherischen Wert", berichtet der Schulleiter.

Statt kaufen selber machen

Auch für die Sessel in den Aufenthaltsräumen gilt: Selber machen statt kaufen. Schülerinnen und Schüler des 8. Jahrgangs bauen die Sitzgelegenheiten im Rahmen der Berufsorientierung.

Im 850 Quadratmeter großen Anbau, dem "Finger", gibt es neben der Schulküche zwei Klassenzimmer, zwei Aufenthaltsräume, einen Informatikraum, eine Bibliothek, zwei Gruppenräume und sogar einen Lift. Ein Architekturbüro aus Kaiserslautern, das bereits 2004 die Projektierung des Hauptgebäudes übernommen hatte, realisierte auch den aus Platzgründen nötig gewordenen Anbau.

"Der Bedarf ist hoch", beschreibt Sparrer die Entwicklung der Ganztagsschülerzahlen. Neben dem bereits bestehenden Ganztagszug von der 5. bis zur 9. Klasse wächst gerade ein weiterer, der momentan die 5. und 6. Klassen umfasst. Von den 530 Schülerinnen und Schülern besuchen rund 50 Prozent die gebundene Ganztagsschule.

Den Schultag entzerren

Für das Wesentliche der Ganztagsschule hält der Rektor die "Entzerrung des konzentrierten Unterrichts": "Jeder Berufstätige legt ganz selbstverständlich eine Mittagspause ein. Da ist es unnatürlich, Schüler bis zur 6. Stunde am Stück lernen zu lassen - manche sind heillos überfordert." Sparrer zufolge muss Rhythmisierung in den Schultag kommen, idealerweise mit einem "ganz anderen Lernangebot". Und das benötigt Räume. So helfen unter anderem die Bibliothek und die Übungsräume, auch Gruppen- und Einzelarbeit durchzuführen. Besonders praktisch: Die Jugendlichen können ihre Recherche nicht nur in der Bibliothek, sondern auch im Klassenraum erledigen, denn die Ganztagsräume verfügen über Computerarbeitsplätze mit Internet-Anschluss. Daneben besitzt jede Klasse einen Beamer und ein Smartboard.

Für Lehrer Markus Rinner ist der zusätzliche zweite Raum, den jede Klasse besitzt, die hilfreichste Neuerung. "Ich würde diese Einrichtung nicht missen wollen.So kann ich völlig unkompliziert die Klasse aufteilen und mit Wochenplanarbeit, Hausaufgabenerledigung, Partner- oder Gruppenarbeit für Differenzierung sorgen. Und so banal das klingen mag: Die Unterrichtsqualität hängt auch an den Räumlichkeiten und an der Ausstattung." Ihm gefällt der engere Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern: "Man ist mittendrin, wird zwar fachlich, emotional und körperlich mehr beansprucht, lernt die Kinder und Jugendlichen aber dafür in verschiedenen Situationen und von einer anderen Seite kennen." So zum Beispiel bei der täglichen Mahlzeit, die der Klassenleiter immer gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern einnimmt.

"Neue Philharmonie Kolbermoor" in der Aula

Auch Rektor Sparrer ist begeistert: "Diese ganzen Möglichkeiten sind toll. Ohne die Unterstützung aus dem Bundesprogramm hätten wir eine solche Anschaffung gar nicht leisten können." Insgesamt rund 2,5 Millionen Euro sind seit 2004 in seine Schule geflossen,  mehr als die Hälfte davon Bundesmittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB).

Der Ruf der Hauptschule hat sich auch durch die Baumaßnahmen verbessert, heute gilt die Pauline-Thomas-Schule als Vorzeigeschule. "Wir haben schon viele Besuchergruppen empfangen, die ihr eigenes Ganztagsschulmodell verwirklichen wollen und Anregungen suchen", berichtet der Schulleiter.

Das Kollegium der Pauline-Thoma-Schule

Dabei sind auch die M-Klassen einen Blick wert. Zum Ende des Schuljahrs 2008/2009 feierten sie ihr zehnjähriges Bestehen. Die Pauline-Thoma-Schule ist in Oberbayern eine der ersten Schulen gewesen, die einen M-Zug realisierte, was nur durch die große Unterstützung von Seiten der Lehrerschaft möglich war. "Mit einer Petition an den bayerischen Landtag haben wir uns den M-Zug vor zehn Jahren hart erkämpfen müssen. Heute ist der Erfolg dieses Zweiges deutlich zu erkennen", meint Direktor Sparrer. In der Tat erreichten im Sommer 2009 sämtliche 42 Schülerinnen und Schüler der beiden M-Klassen die Mittlere Reife.

Durch die Ganztagsschule hat sich die Pauline-Thoma-Schule zu einem Lebensort entwickelt, an dem bis in den späten Nachmittag etwas los ist. Hausaufgaben müssen die Schülerinnen und Schüler zu Hause nicht mehr erledigen, diese werden innerhalb des Unterrichts als Übungsaufgaben bearbeitet. Stattdessen bleibt Zeit, um die Lernumgebung kennen zu lernen oder diese in die Schule zu integrieren. Beispielsweise besuchten die Schülerinnen und Schüler ein Seniorenheim, präsentierten dort ihre Schule und luden die Bewohnerinnen und Bewohner zu einem Kaffee in die eigenen Aufenthaltsräume.

"Das alte Schulgebäude gab für all diese Aktivitäten keine Anreize", erinnert sich Friedrich Sparrer. "Heute stehen uns alle Möglichkeiten offen." Dank der neuen Ausstattung habe inzwischen auch ein vielfältiges musisches Leben entstehen können. Die Lokalpresse lobte die Aula, in der seit 2005 regelmäßig Konzerte stattfinden, dank ihrer guten Akustik bereits als "Neue Philharmonie Kolbermoor".

Auch der Bürgermeister von Kolbermoor zollt der Hauptschule Lob und Anerkennung: "Hier wird Herzensbildung noch groß geschrieben und nicht nur Wissen in die Köpfe der Schüler gepresst", erklärt Peter Kloo. Dies zeige sich unter anderem an vielen Projekten, Arbeitskreisen, der Bläsergruppe und Schulband.

Von zwölf zusätzlichen Lehrerwochenstunden pro Ganztagsschulklasse kann die Schule sechs Kontingentstunden für externes Personal verwendet werden - das summiert sich auf 6.000 Euro pro Jahr. So kann die Hauptschule außerschulische Experten in die Arbeitsgemeinschaften holen. Fachleute gestalten mit den Schülerinnen und Schülern die Schul-Website und die Schülerzeitung, andere führen in die Arbeit mit Holz und Metall ein. So sehr der Rektor die Arbeit der Partner zu schätzen weiß, er sieht auch die Herausforderung, die es für Fachleute bedeutet,  pädagogisch arbeiten zu müssen. Sparrer wünscht sich mehr Lehrerstunden, um "die Starken noch mehr zu fördern und die Schwachen noch mehr zu stützen".

Die Stadt Kolbermoor unterstützt die Hauptschule sehr. Das von der Stadt geförderte Netzwerk der Jugend- und Sozialarbeit wurde in diesem Jahr um die Jugendarbeit an der Kolbermoorer Hauptschule erweitert. Für den Bürgermeister ist es das Ziel, die Angebote für die Schüler in Kolbermoor noch besser zu vernetzen und langfristig zu vertiefen, auch im Hinblick auf die Schulsozialarbeit. Durch die derzeitige Jugendarbeit an der Schule schaffe man bereits ein wichtiges Bindeglied.

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