Kein Bock auf Hausaufgaben? Die Wochenplanarbeit in der IGS Worms

Da viele Kinder und Jugendlichen ihre Hausaufgaben nicht mehr allein bewältigen, nehmen sie die Eltern als Ersatzlehrer in Anspruch oder sie greifen auf die teuren Dienste der Nachhilfeindustrie zurück. Damit es gar erst nicht so weit kommt, hat die IGS Worms die Wochenplanarbeit eingeführt. Sie soll nicht nur die Hausaufgaben ersetzen, sondern den Kindern und Jugendlichen auch die Freude am Lernen wiedergeben.

Die Tragweite des Themas Hausaufgaben, die ja vielerorts ein wichtiger Beweggrund ist, um Ganztagsschulen einzurichten, erkannte Dagne schon während ihrer Zeit als Ganztagsschulmoderatorin in Rheinland-Pfalz: "Das Thema Hausaufgaben zog sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit", erläutert die selbstbewusst auftretende Schulleiterin. Während dieser Zeit gewann Dagne Einblick in unterschiedliche pädagogische Konzepte und Alternativen zu den Hausaufgaben, wobei ihr der Ansatz der Wochenplanarbeit am besten gefiel. Diese hat nun einen festen Platz in der integrierten Ganztagsschule, deren Besonderheit die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen sozialen, kulturellen oder kognitiven Voraussetzungen ist.

Den Vorstoß zur Einführung der Wochenplanarbeit trug Dagne in das Kollegium, als sie im April 2008 Schulleiterin der IGS Worms wurde, und stieß auf offene Ohren bei allen Kolleginnen und Kollegen. Eine Arbeitsgruppe, machte sich darüber Gedanken, wie man die gemeinsamen Vorstellungen vom Offenen Lernen in die Praxis überführen könne. Auch an der IGS Worms war man sich dann rasch einig, dass alte Zöpfe wie die Hausaufgaben nicht neu geflochten würden, als die Schule zur neu gegründeten integrierten Gesamtschule mit Ganztagsangebot wurde.

Lernen mit Kopf, Sinnen und Hand

Das Wochenplankonzept der IGS spricht Kopf, Sinne und Hand gleichermaßen an. Dementsprechend gibt es kognitive oder kreativ ausgerichtete Aufgaben, die in Partner- oder Gruppenarbeit bewältigt werden. Sie fördern die sozialen Kompetenzen sowie ästhetische, motorische und affektive Fähigkeiten. Ferner haben alternative Aufgaben den Zweck, den Schülerinnen und Schülern bei Defiziten unter die Arme zu greifen, während Wiederholungsaufgaben den dazu dienen, das Gedächtnis aufzufrischen. Den Schülerinnen und Schülern stehen wöchentlich fünf Stunden zu, um ihr Pensum zu erledigen.

Schülerinnen und Schüler mit einem Lehrer in der Bibliothek

In der Wochenplanarbeit kann es auch mal richtig bunt zugehen, wie das Beispiel der rhythmisierten Klasse 6b zeigt: Anna-Maria feiert nämlich ihren zwölften Geburtstag. Eine Traube von Mitschülern hat sich um sie gebildet, die sie mit einem lauten dreifachen Hurra auf ihrem Stuhl förmlich in die Höhe wirbeln. Selbst gebackener Kuchen macht derweil die Runde - die Stimmung in der Klasse erreicht derweil ihren Höhepunkt.

Dann wird es wieder ruhig in der Klasse 6b. Pauline, elf Jahre, hat ihren dritten Wochenarbeitsplan vor sich liegen: Wie ihre 27 Mitschüler arbeitet sie diesen in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe ab, den sie bis Freitag erledigen soll. Es gibt Pflichtaufgaben, Wahlpflichtaufgaben sowie Zusatzaufgaben für die leistungsstarken Kinder. Die Aufgaben werden nach Schwierigkeitsgraden (leicht/ mittel/ schwer) unterteilt, die die Kinder selbst ankreuzen, um sich besser einschätzen zu lernen.

"Sonst müsste sich meine Mutter mit mir abplagen"

Pauline erklärt das Prinzip: "Leichte Aufgaben schaffe ich in einer Minute. Mittelschwer bedeutet, ich brauche Hilfe. Schwere Aufgaben kapiere ich nicht." Bevor Pauline ihre Lehrerin um Hilfe bittet, zieht sie ihre Tischnachbarin zu Rate, die sie gerne unterstützt - und auf die sie auch angewiesen ist. Der Wochenplan unterstützt Pauline zwar dabei, selbstständiger zu lernen und ihre Zeit frei einzuteilen, dennoch habe sie Schwierigkeiten, den Stoff rechtzeitig zu bewältigen.

Sie wolle später allerdings etwas Einfaches lernen und wohl Friseurin werden. Auch für den elf Jahre alten Tony reicht die Zeit nicht immer aus, um sein Wochenpensum zu erledigen. Dennoch ist er froh, dass es meist keine Hausaufgaben mehr gibt: "Sonst müsste sich meine Mutter mit mir abplagen." Man hocke auch nicht alleine und rätselt an den Aufgaben herum. Lisa, elf Jahre, die zu den leistungsstarken Schülern zählt, fällt es dagegen leicht, den Wochenplan in der geforderten Zeit zu bewältigen. Da Englisch ohnehin ihr Lieblingsfach ist, beschäftigt sie sich mit den entsprechenden Aufgaben. Ihr Selbstvertrauen wirkt ansteckend und wohltuend auf die Gruppe, kein Wunder, dass sie zur Klassensprecherin gewählt wurde.

Wo man Stecknadeln fallen hört

"In der Klasse 6c hört man sogar eine Stecknadel fallen", weiß Ulrike Dagne, Schulleiterin der IGS Worms. Tatsächlich bietet sich hier ein solches Bild: Rund zehn Schülerinnen und Schüler der additiven Klasse, die die Ganztagsschule in Angebotsform besuchen, nehmen an der Wochenplanarbeit teil und beschäftigen sich in stiller Einzel- oder Gruppenarbeit mit ihren Aufgaben. Darunter Nariyachut, 13 Jahre, die erst seit einem Jahr in Deutschland lebt. Dank einer Einzelförderung und eines Förderwochenplans ist sie überhaupt in der Lage, die nicht geringen Leistungsanforderungen zu erfüllen.

"Die Kinder gewinnen durch die Wochenplanarbeit Erfolgserlebnisse, die ihr Selbstbewusstsein stärken", erklärt Kai Schwandner, Lehrer an der IGS Worms. Aber nicht nur das: "Sie lernen, dass es gut ist, die Lehrerinnen und Lehrer zu fragen und trauen sich dies auch im Unterricht", fügt Dagne hinzu. Unterricht? Auch das Kernstück der Schule ist geprägt vom Prinzip des Offenen Lernens und vom Teamgedanken. Da die Klassen in der IGS Worms in Lehrerteams betreut werden, gibt es neben dem Klassenraum jeweils Lehrerteamräume, in denen sich die Pädagogen in Ruhe auf den Unterricht vorbereiten.

Das Kind, das Team, die Gemeinschaft

Dagne ist sehr daran gelegen, dass die Kollegen Verantwortung für ihr Team übernehmen. Das junge Kollegium, das einen engagierten, offenen und flexiblen Eindruck macht, sei auch bereit, regelmäßig an internen und externen Fortbildungen teilzunehmen. Aber vor allem werfen sie einen ganzheitlichen Blick auf die Kinder und arbeiten mit pädagogische Leidenschaft. Die IGS Worms erfreut sich dank ihrer integrativen Form und der veränderten Lernkultur einer immer größeren Beliebtheit im Kreis. Das drückt sich auch in den Anmeldezahlen aus.

Schulküche

Die Kinder werden in Zukunft bis Klasse neun im Klassenverband unterrichtet, doch ab Klasse sechs beginnt die Differenzierung nach Neigungen und ab Klasse sieben die Differenzierung auf zwei Leistungsebenen in den Fächern Mathematik und Englisch, Deutsch wird ab Klassenstufe 8 differenziert. Zwar ist die IGS Worms eine Ganztagsschule in Angebotsform, das heißt viele Schülerinnen und Schüler verpflichten sich für ein Jahr zur Teilnahme an unterschiedlichen Nachmittagsangeboten, gleichwohl hat sie rhythmisierte Ganztagsklassen, die ebenfalls hoch wachsen. Hier bleiben die Kinder den ganzen Tag bis 16 Uhr im Klassenverband zusammen.

In den Klassen fünf und sechs werden die Naturwissenschaften, kurz Nawi, fächerübergreifend und praxisnah als projektorientierter Unterricht erteilt. Englisch gibt es ab Klasse fünf und zusätzlich Französisch als Wahlpflichtfach ab Klasse sechs. Ganz wichtig: nicht nur die Hausaufgaben, auch das Sitzenbleiben gehört in der IGS Worms der Vergangenheit an. Die kommunalpolitische Weichenstellung zur Gründung der IGS Worms, die bereits am 14. November 2006 auf einstimmigen Beschluss der Stadtrates zustande kam, verdeutlicht den mehrheitlichen Bedarf, möglichst jedem Kind eine Bildungschance zu eröffnen.

"Grauer Bunker voller Leben"

Dementsprechend unternimmt die Gemeinde Worms bereits seit vielen Jahren große finanzielle Anstrengungen, um neben der frühen Förderung die Chancengleichheit auch in der Sekundarstufe in die Bildung zu gewährleisten. Dazu Oberbürgermeister Michael Kissel: "In den Schulstandort Worms wird in den nächsten Jahren viel investiert." Das Augenmerk der Kommune gelte nicht zuletzt dem Standort Kerschensteiner Schule in Worms-Horchheim, aus dem die die IGS Worms hervorgegangen ist: "Wir wollen die Schule nicht nur erweitern, sondern von Grund auf sanieren, um auch einen wichtigen Beitrag zur Energieeinsparung zu leisten", so Kissel.

Von den Baumaßnahmen, die den laufenden Schulbetrieb treffen, und die den Schülerinnen und Schüler sowie dem Lehrerkollegium in den nächsten sieben Jahren eine enorme Flexibilität abverlangen, künden ein Baukran sowie eine rechteckige aus roter Erde bestehenden Baugrube. Doch für Dagne sind die Bauarbeiten unerlässlich, da die Räumlichkeiten für die nach oben wachsende Ganztagsschule momentan bei weitem nicht ausreichend sind. Gegenwärtig kann man die Schule, die in den 1970er Jahren errichtet wurde, mit Dagne auch so charakterisieren: "Ein grauer Bunker, aber voller Leben". In sieben Jahren wird es hoffentlich heißen: Eine bunte Schule voller individueller Begabungen.

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