Lernforum Saarland 2009: Im Tandem lernt es sich besser

Das Lernforum Saarland am 27. Juni 2009 in Otzenhausen, der Ganztagsschulkongress der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Saarland, behandelte in diesem Jahr das Thema "Qualität im Ganztag". Mit der Auszeichnung von Referenzschulen ehrte das Bildungsministerium Ganztagsschulen, die ihre Schulentwicklung gemeinsam im Tandem vorantreiben.

Zum dritten Mal nach 2006 und 2008 lud die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Saarland zu ihrem Lernforum in die Europäische Akademie in Otzenhausen ein. Wie die steigenden Teilnehmerzahlen zeigen, hat sich das Forum als eine beliebte Informations- und Austauschmöglichkeit für alle in und um Ganztagsschulen Beschäftigte entwickelt. Startete man vor drei Jahren noch mit 120 Interessierten, so fanden sich nun am 27. Juni 2009 knapp 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Lernforum "Qualität im Ganztag" ein.

Bereits das gewählte Thema, das deckungsgleich mit dem Jahresthema der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im IZBB-Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" und dem im Dezember 2009 stattfindenden Bundeskongress ist, zeigte an, dass sich das Lernforum inzwischen mit einigem Selbstbewusstsein als inoffizieller saarländischer Ganztagsschulkongress versteht.

"Menschen aller Professionen sind heute hier zusammen gekommen, um sich auszutauschen. Verschiedene Projektpartner stellen sich vor, und zwölf verschiedene Foren thematisieren unterschiedliche Qualitätsbereiche wie Professionalisierung, Schulmanagement, Schulkultur, Lernkultur und Qualitätsentwicklung", begrüßte Melanie Helm, die Leiterin der Serviceagentur, das Plenum.

Freiwilligkeit als Vorteil

Die Wertschätzung der Veranstaltung durch die Politik wurde durch die Anwesenheit der Bildungsministerin dokumentiert, die in ihrem Grußwort konstatierte, dass der saarländische Ganztagsschulkongress "an Bedeutung gewonnen hat". Annegret Kramp-Karrenbauer ging in Bezugnahme auf das Tagungsthema sofort auf die aktuelle Debatte ein, ob qualitativ gut arbeitende Ganztagsschulen automatisch gebundene Ganztagsschulen sein müssen. "In der Debatte ist ein künstlicher Gegensatz zwischen ,richtigen', also den gebundenen, Ganztagsschulen und Betreuungsangeboten geschaffen worden", so die Ministerin. "Der größte Vorteil unseres Konzeptes ist die Freiwilligkeit, die Eltern die Wahl lässt."

Eine Schule wie das Gymnasium Johanneum in Homburg arbeite als Freiwillige Ganztagsschule und erziele bei seinem Silentium-Konzept eine Teilnahmequote von 80 bis 100 Prozent. Hier überzeuge einfach die Qualität. Das Silentium, von den Schülern kurz "Sille" genannt, bietet Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrern ein vielfältiges Ganztagsangebot mit Hausaufgabenbetreuung durch Lehrerinnen und Lehrer, individuelle Förderung von Schülern und Unterstützung von Eltern. Mit einer vielfältigen Freizeitgestaltung drinnen und draußen gestaltet sich der Tag am Johanneum wie in einem Netzwerk mit kurzen Wegen bis in den frühen Abend. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Silentium gestalten und betreuen, hat sich von zwölf auf 90 erhöht.

"Qualität entsteht in den Schulen selbst"

"Fünf Jahre nach Beginn des Ganztagsschulprogramms gibt es überall gute Beispiele", knüpfte Maren Wichmann, die Leiterin des Programms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen", an. "Die größte Herausforderung wird es sein, die Angebote in den Ganztagsschulen qualitativ hochwertig auszugestalten", zitierte sie aus der bundesweiten StEG-Studie (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen). Tatsächlich sei eines der zentralen Themenfelder, in denen die Ganztagsschulen Unterstützungsbedarf äußerten, die Qualitätsentwicklung. "Eine Erfahrung aus der Unterstützungsarbeit in unserem Programm ist, dass es auf die Schule selbst ankommt", resümierte Maren Wichmann. "Qualität entsteht in der Schule, wenn man sich gemeinsam auf den Weg macht, die dort verbrachte Lebenszeit so zu gestalten, dass alle gestärkt und bereichert werden."

Stärkung können Ganztagsschulen auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Ganztagsschulen erfahren: Schulentwicklungsprozesse im Rahmen der Freiwilligen Ganztagsschule gestalten, Erfahrungen austauschen und neue Ideen entwickeln - dies alles geht besser im Team. Deshalb haben sich im Schuljahr 2007/2008 erstmals im Saarland sieben Freiwillige Ganztagsschulen zu so genannten Schul-Tandems zusammengeschlossen.

Ziel der Tandem-Arbeit ist es, gemeinsam Konzepte zu erarbeiten, um das Ganztagsangebot der Schulen gezielt weiterzuentwickeln. Dabei teilt jeweils eine Schule, die bereits Erfahrungen in der Gestaltung und Organisation gesammelt hat, ihre Kenntnis mit einer Partnerschule, für die dieses Gebiet noch Neuland ist. Die Schulen arbeiten gemeinsam zu Themen wie Schul- und Qualitätsentwicklung, Kooperation mit außerschulischen Partnern, Lehr- und Lernmethoden und Kompetenzerwerb im Nachmittagsbereich, Demokratie lernen sowie der Beteiligung von Schülern und Eltern. Unterstützt werden die Schulen von der Serviceagentur dabei durch die Moderation der Arbeitstreffen, kompetente Beratung und die Organisation von Fortbildungen und Materialien nach Bedarf.

Im Tandem lernen - ein Referenzmodell

Im vergangenen Jahr wurden die sieben Tandem-Schulen erstmals für ihr Engagement geehrt und als "Referenzschulen" ausgezeichnet. Auf dem diesjährigen Lernforum folgte nun die zweite Ehrungsrunde: Drei Tandems erhielten aus den Händen von Ministerin Kramp-Karrenbauer und Maren Wichmann das "Referenzschule"-Schild. "Diese Schulen treffen sich bis zu vier Mal im Schuljahr, erstellen einen gemeinsamen Arbeitsplan, dokumentieren ihre Arbeit und besuchen gemeinsam Fortbildungen", skizzierte Serviceagenturleiter Hans-Joachim Schmidt die Grundlagen der Zusammenarbeit der Tandem-Schulen.

Die inhaltlichen Schwerpunkte variieren: Während die Gesamtschule Mettlach-Orscholz und die Graf-Ludwig-Gesamtschule Völklingen-Ludweiler die Schulentwicklung durch den Aufbau und die Weiterentwicklung von Schreiblesezentren vorantreiben, wollen die Grundschulen Lockweiler und Hüttersdorf ganz allgemein den Erfahrungsaustausch nutzen, um ihre Schulkonzepte weiterzuentwickeln. Die Erweiterten Realschulen Homburg I und Saarbrücken-Bruchwiese wiederum haben sich dem Thema Berufsorientierung verschrieben.

Schulleiterin Rita Müller von der Graf-Ludwig-Gesamtschule nannte das Schreiblesezentrum einen "Kristallisationspunkt" der Schulentwicklung: "Wir können das Zentrum für jahrgangsübergreifenden Unterricht nutzen, Vor- und Nachmittag verzahnen, Schülerinnen und Schüler auf mündliche Prüfungen vorbereiten. Schüler-Schreibberater helfen anderen Kindern und Jugendlichen, sich selbst zu helfen. Für ihr ehrenamtliches Engagement im Jahr 2008 sind die Schüler-Schreibberater der Gesamtschule Mettlach-Orscholz im Februar 2009 mit dem Preis für die "Stillen Stars im Ehrenamt" vom Landkreis Merzig-Wadern ausgezeichnet worden.

"Durch die Tandemarbeit wollen wir unter anderem die Prüfungskultur im Bereich der mündlichen Prüfungen und beim individuellen sowie selbst organisierten Lernen weiterentwickeln", beschrieb Rita Müller konkrete Ziele der Zusammenarbeit, die auch durch eine gemeinsame Fortbildung zum Thema "Schreiblesezentrum" durch Prof. Gerd Bräuer von der Pädagogischen Hochschule Freiburg erreicht werden soll.

Berufsorientierung ab der 5. Klasse

Für die beiden Grundschulen erklärte Rektor Edmund Becker von der Grundschule Hüttersdorf: "Unsere Schule und die Grundschule Lockweiler kennen sich seit vielen Jahren. Nun lernen wir voneinander durch Erfahrungsaustausch und vergleichen den Ist-Stand in der Organisation, im Ablauf der Betreuung durch Lehrer und mit einer Bestandsaufnahme der Räumlichkeiten." Die vorhandenen Konzepte sollen in der Gestaltung der Hausaufgabenbetreuung, der Projektarbeit, der Freizeitgestaltung und der Vernetzung von Unterricht und Betreuung aktualisiert werden. Dazu sind ein gemeinsamer pädagogischer Tag, gemeinsame Lehrergemeinschaftstage, Nachmittagsveranstaltungen und Treffen der Betreuerinnen geplant.

"Wir fangen zu spät mit der Berufsorientierung in den Schulen an", zeigte sich Volker Ruppert, Schulleiter der Erweiterten Realschule Homburg I, überzeugt. Daher versuche man gemeinsam mit der ERS Saarbrücken-Bruchwiese, neben der Verankerung der Berufsorientierung in Ganztagsklassen diese auch schon ab Klasse 5 zu etablieren: "Die Kinder lernen dort Berufsbilder kennen, können über ihre Traumberufe sprechen und schreiben, sich mit berufsbezogenen Themen beschäftigen, eigene Stärken und Interessen und die Berufe der Eltern kennen lernen, welche diese in der Schule vorstellen."

Ihre Ziele wollen die beiden Realschulen durch regelmäßige gemeinsame Sitzungen und Absprachen, die Präsentationen der Konzepte und den Erfahrungsaustausch mit weiteren Schulen im "Netzwerk der Ganztagsklassen" erreichen.

Qualitätssicherung durch externe Evaluation

Dass Qualitätsentwicklung auch extern begleitet werden muss, stellten Gisela Walter und Dr. Kathrin Andres aus dem Referat D3 "Qualitätssicherung an allgemein bildenden Schulen" des Bildungsministeriums in ihrem Forum "Qualitätssicherung an Schulen durch externe Evaluation" dar.

In allen Bundesländern sind in den vergangenen Jahren Systeme der externen Evaluation etabliert worden. Im Saarland hat man - unabhängig von der Schulaufsicht und wissenschaftlich begleitet durch die Universität Erfurt - im Jahr 2006 eine Erprobungsphase mit freiwillig teilnehmenden Grundschulen gestartet. Seit März 2008 evaluiert das Referat sämtliche Grundschulen und ab November 2008 sind auch die weiterführenden Schulen einbezogen worden.

"Unsere Evaluation stützt sich auf den Orientierungsrahmen für saarländische Schulen, die Analyse der Gegebenheiten der einzelnen Schule, der Bestandsaufnahme der pädagogischen Qualität und eine strukturierte und umfassende Rückmeldung", erläuterte Dr. Andres. Die Instrumente, derer sich die so genannten Qualitätsberater bedienen, bestehen aus Erhebungsbögen für die Schulleitung, Fragebögen für Eltern, Lehrer und Schüler, Schulrundgänge und Unterrichtsbesuche.

Alle vier Jahre ein Schulbesuch

"Zu den Besuchen in den Grundschulen kündigen wir uns an, nicht aber zu den Besuchen in der Sekundarstufe I", beschrieb Gisela Walter den Ablauf. "Am ersten Tag unserer Besuche führen wir Gespräche mit der Schulleitung, dem Kollegium, Eltern und Schülern und nehmen Einsicht in Dokumente. Am zweiten Tag besuchen wir den Unterricht. Am dritten Tag folgen eine Nachbesprechung und ein Abschlussgespräch."

Nach vier Wochen entwerfen die Qualitätsberater einen Schulbericht, wobei die Schule Gelegenheit zur Stellungnahme erhält. Nach acht Wochen folgt die Endfassung des Berichtes. "Unsere Ergebnisse erhalten die Schulleitung, der örtliche Personalrat, die Elternvertretung und die zuständige Schulaufsicht", erklärte Gisela Walter. "Zu Anfang herrschte Skepsis und Misstrauen gegenüber unseren Besuchen, aber wenn wir erst mal in den Schulen sind, wird der Prozess als konstruktiv und gewinnbringend empfunden."

Die Qualitätsberater möchten alle vier Jahre eine Schule besuchen. In der Zwischenzeit sollen sich schulische Arbeitsgruppen, die als Bindeglied zu den Qualitätsberatern gegründet werden, mit diesen nach einem und nach zweieinhalb Jahren treffen, um die Umsetzung von Verbesserungsvorschlägen zu diskutieren. "Ich kann alle Schulen darüber hinaus nur ermuntern, auch Selbstevaluation zu betreiben", riet Kathrin Andres.

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