Digitale Ganztagsschule im Selbstlernkurs

Wie lassen sich Pädagogik und digitales Lernen in Einklang bringen? Das Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ in Sachsen-Anhalt unterstützt dies mit dem Massive Open Online Course (MOOC), wie Ulrike Krauße im Interview erläutert.

Ulrike Krauße© DKJS

Online-Redaktion: Die Unterstützung von Ganztagsschulen wandelt sich aktuell. Was möchten Sie mit dem MOOC „Pädagogisch orientiert digital“ erreichen?

Ulrike Krauße: Der MOOC unterstreicht grundlegend den Ansatz, den Weg hin zum digital-vernetzten Lernen gemeinsam und im Dialog zu beschreiten. Ursprünglich sollte Anfang des Jahres ein Fachdialog in Kooperation mit dem Landkreis Harz stattfinden, um einen dort bereits länger laufenden Pilotversuch zum Einsatz einer digitalen Lernumgebung für Schulen zum Abschluss zu bringen. Diese Präsenzveranstaltung musste abgesagt werden. Im Zuge der Corona-bedingten Schulschließungen haben wir uns dann sehr schnell dazu entschlossen, einen thematisch umfangreicheren Online-Austausch zu ermöglichen, der weit über die Grenzen allein eines Landeskreises hinaus nutzbar sein sollte.

Online-Redaktion: Wurde die Erwartung erfüllt?

MOOC
© DKJS/Lydia Stockert

Krauße: Auf jeden Fall. Bislang haben sich rund 135 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch aus dem benachbarten Ausland wie der Schweiz angemeldet. Sehr erfreulich dabei: Beteiligte sind nicht nur Schulleitungen, Lehrkräfte, Vertreterinnen und Vertreter der Schulaufsicht dabei, sondern auch IT-Unternehmen, Träger der Erwachsenenbildung, Hochschulen und einige bildungspolitische Sprecherinnen und Sprecher aus dem Land und sogar aus dem Bundestag.

Online-Redaktion: Was bietet der Massive Open Online Course, kurz: MOOC?

Krauße: Er beinhaltet drei Module. Erstens einen grundlegenden Einstieg in das Thema „Pädagogisch orientierte digitale Schulentwicklung“. Als Zweites ermöglicht das Modul „Perspektiven“ das Eintauchen in Sichtweisen der an diesem Prozess beteiligten Gruppen. Hier kommen beispielsweise Schulleitungen und Schulträger, aber auch Schülerinnen und Schüler zu Wort. Materialien und Übungsaufgaben ermöglichen eine Vertiefung innerhalb der jeweiligen Teilaspekte.

Pädagogisch orientierte digitale Schulentwicklung© Britta Hüning

Im Modul 3 „Lernbausteine“ wird es noch praktischer. Hier gibt es zu konkreten Themen Tools für den Einsatz in Schule, Schulorganisation und Unterricht. Unter anderem zu dem Videokonferenztool BigBlueButton. Dieses wird technisch erläutert beziehungsweise der Umgang damit, aber eben auch der didaktische sinnvolle Einsatz. Sprich: Wie gestalte ich mit einem solchen Tool eine pädagogisch wertvolle Unterrichtseinheit?

Online-Redaktion: Was könnte mich noch motivieren, den Online-Kurs zu belegen?

Krauße: Grundlegend werden die Teilnehmenden durchgängig zum Nachdenken über den eigenen Ist-Stand und ihre Ziele angeregt. Dazu bietet der MOOC insgesamt eine Fülle an Informationen. In einem multimedialen Glossar mit weiterführenden Hinweisen und Materialien werden zum Beispiel auch Fachbegriffe erläutert. Als besonders wichtig und wertvoll erachten wir zudem den Austausch der Teilnehmenden über das Online-Forum.

Online-Redaktion: Warum fiel die Wahl auf den Titel „Pädagogisch orientiert digital“?

Broschüre MOOC
„Schauen, was mit dem Vorhandenen umgesetzt werden kann.“© DKJS/Lydia Stockert

Krauße: Das Thema Digitalisierung beschäftigt uns alle nun schon ziemlich lange. Doch leider reduziert es sich viel zu oft auf Fragen der Ausstattung. Doch genau die sollte nicht an erster Stelle gedacht werden. Das Pädagogische sollte den Vorrang haben. Also die Überlegung, welches pädagogische Ziel verfolgt wird. Erst dann sollte sich die Frage anschließen: Welche Technik benötige ich, um meine pädagogischen Vorstellungen realisieren zu können? Dem Titel könnte noch das Wort „gemeinsam“ hinzugefügt werden. Schule, Schulaufsicht, Schulträger und IT, aber auch weitere Beteiligte müssen hier zusammen denken und arbeiten.

Online-Redaktion: Gelingt diese Form des Umdenkens?

Krauße: Mitunter schon, aber längst noch nicht immer und überall. Das erleben wir im MOOC, aber auch an den Schulen. Immer wieder steht zunächst die Infrastruktur, die meistens nicht ausreichend ist, im Vordergrund. Viele meinen, dass erst gearbeitet werden kann, wenn das Ausstattungspaket da ist.

Online-Redaktion: Das ist ja durchaus nachvollziehbar. Was regen Sie denn stattdessen an?

Krauße: Keine Frage, die Infrastruktur muss stimmen! Ein leistungsfähiger Internetzugang sollte eigentlich kein Gesprächsthema mehr sein, ebenso personalisierte Lerngeräte. Entscheidend ist nur, davon wegzugehen, was noch nicht funktioniert. Es sollte darum gehen, zu schauen, was da ist und was mit dem Vorhandenen bereits umgesetzt werden kann. Zum Einstieg braucht es weniger, als vielfach diskutiert wird.

Gemeinsame Sprache und gemeinsames Verständnis finden.© Britta Hüning

Online-Redaktion: Das klingt nach einem Widerspruch zu dem Ansatz, sich an den Erfordernissen der Pädagogik zu orientieren?

Krauße: Auf den ersten Blick vielleicht. Wenn Schulen aber anfangen, sich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, ist das nichts anderes, als sich Gedanken zur digitalen Schulentwicklung zu machen. Nur eben erst einmal im Kleinen. Dies bietet die Chance, im Austausch mit allen Beteiligten Ideen und Visionen für das große Ganze zu entwickeln. Wenn der Tag kommt, an dem die Schule mit der Ausstattung „dran“ ist, die durch den Digitalpakt von Bund und Ländern gefördert wird, können dank der vorherigen Erprobung im Kleinen aus pädagogischer Sicht auch klare Anforderungen an das Gesamtpaket formuliert werden. Auch das ist ein Anliegen des Selbstlernkurses: das Bewusstsein zu schärfen für die Notwendigkeit, sich jetzt mit der Herausforderung der Digitalisierung zu beschäftigen –nicht erst dann, wenn der Transporter mit den Geräten vor der Tür steht.

Online-Redaktion: Wie verändert der MOOC die Kommunikation im Vergleich zu einer Präsenzveranstaltung?

Mädchen am Computer
Fragen, Ideen und Visionen mit Gleichgesinnten austauschen.© Britta Hüning

Krauße: Die Kommunikation fällt eigentlich nicht gänzlich anders aus. Was aber schon auffällt: Die Teilnehmenden machen sich mehr Gedanken, bevor sie sich an das „Publikum“ wenden. Sie bringen Fragen und Antworten konzentrierter auf den Punkt. Es handelt sich sozusagen um komprimierte Expertise. Längerer Small-Talk fällt allerdings weg. Das bedeutet auch, dass vertrauensbildende Maßnahmen, wie beispielsweise der gemeinsame Kaffee zu Beginn der Tagung, so nicht stattfinden.

Online-Redaktion: Mit Folgen?

Krauße: Vielleicht. Wir hatten recht früh im Selbstlernkurs angeregt, auch „Geschichten des Scheiterns“ zu erzählen. Unsere Hoffnung war, dass sich die Teilnehmenden öffnen, sich dadurch, dass es anderen ebenso ergangen ist, nicht allein fühlen und Anregungen erhalten. Doch da reagierten die MOOC-Teilnehmenden eher zurückhaltend. Möglicherweise eben aufgrund der fehlenden Nähe.

Online-Redaktion: Was nehmen Sie als Unterstützerin und Begleiterin der Ganztagsschulen aus diesem MOOC mit?

© DKJS / Stiftung Mercator

Krauße: Viele Schulen wissen, dass sie sich nicht nur, aber aktuell besonders beim Thema Digitalisierung über die eigenen Professionen hinaus austauschen müssen, um hier zu ihrer eigenen Lösung zu finden. Also etwa, dass der IT-Spezialist frühzeitig in die Planungen eingebunden sein muss, um von seinen Erfahrungen zu profitieren. Es müssen eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis für diesen Teil der Schulentwicklung entwickelt werden. Das braucht Zeit und Engagement auf allen Seiten.

Und wir haben als Veranstalter nunmehr verinnerlicht, dass Lehrkräfte dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen. Lehrerinnen und Lehrer sind keine IT-Spezialisten. Sie müssen sich an die digitale Welt wie jeder Mensch in kleinen Schritten heranarbeiten. Sie müssen sich sicher fühlen, sonst droht eine Abwehrhaltung. Das erfordert entsprechende Fortbildungen.

Online-Redaktion: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Zukunft?

Schüler im Computerraum
„Digitalisierung ist nicht nur Ausstattung.“© Britta Hüning

Krauße: Das Thema wird weiter eine hohe Priorität haben und ist noch längst nicht abgearbeitet, im Gegenteil. Fast täglich gibt es neue Impulse und Anregungen. Angesichts der Nachfrage haben wir uns entschieden, den MOOC bis Ende September 2020 zu verlängern. Wer zeitlich flexibel unterschiedliche Anforderungen an eine pädagogisch orientierte digitale Schulentwicklung kennenlernen, die eigene Praxis reflektieren und sich zu Arbeitsfragen, Ideen und Visionen mit Gleichgesinnten austauschen möchte – der sollte sich unbedingt anmelden.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Der Online-Selbstlernkurs „PÄDAGOGISCH ORIENTIERT DIGITAL“ ist ein Angebot im Rahmen von „LiGa – Lernen im Ganztag“ Sachsen-Anhalt in Kooperation mit dem Fachnetzwerk „Digital-vernetztes Lernen“ (konzept:schule e.V.) und der Initiative moodleSCHULE e.V.

Zur Person:

Ulrike Krauße ist seit Anfang 2020 Mitarbeiterin im Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“, einer Initiative der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und der Stiftung Mercator mit dem Land Sachsen-Anhalt. Sie studierte Kulturwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und forschte u. a. zur Magdeburger Lokalgeschichte. Seit 2016 bei der DKJS im Bereich Ganztagsschulentwicklung tätig, konzipierte und koordinierte sie u.a. 2017 die Plakatausstellung „Blick in den Ganztag in Sachsen-Anhalt. Vielfältig. Lebendig. Stark“ der Serviceagentur „Ganztägig lernen“. Im Programm „LiGa“ ist sie nun zuständig für die regionale Umsetzung sowie die Redaktion der Internetseite „LiGa-Moodle“.

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