"Schule braucht immer Entwicklung und Veränderung"

"Schule braucht immer Entwicklung und Veränderung". Nach diesem Motto gestaltet Karolin Fuchs, die Schulleiterin der Grundschule Nebra seit der Wende die Geschicke der Schule. Im Rahmen unserer Reihe "Ein Tag im Leben einer Schulleiterin/ eines Schulleiters" erläutert sie, welche Rolle für die integrative Schule ein starkes Team spielt und wie ihr die Eltern schon manches Mal die Stange gehalten haben, um ihre Änderungsvorhaben durchzusetzen. Die Grundschule ist aber auch Referenzschule der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Sachsen-Anhalt und wird von der Universität Hall wissenschaftlich begleitet.

Gruppenfoto: Schulleiterin Karolin Fuchs mit Elternvertreterinnen

Online-Redaktion: Wie sah Ihr gestriger Schultag aus?

Fuchs: Gestern habe ich viel Büroarbeit erledigt, denn die Ausstellung unserer Schule für den 1. Ganztagsschulkongress in Sachsen-Anhalt musste vorbereitet werden. Danach habe ich einen Block Mathematik unterrichtet. Anschließend hatte ich ein Gespräch mit zwei Kolleginnen wegen einer Veranstaltung in der nächsten Woche. Um 14 Uhr bin ich in die Hausaufgabenstunde gegangen.

Anschließend führte ich ein Elterngespräch. Danach habe ich die Arbeitsgemeinschaft "Buchclub" bis 15:45 Uhr geleitet und bin ungefähr um 17:15 Uhr nach Hause gekommen. Nach einer Stunde Pause saß ich noch anderthalb Stunden an den Vorbereitungen für den Unterricht des nächsten Schultages sowie an der Arbeit des aktuellen Schulkonzeptes.

Der Unterricht fängt bei uns um 7:15 Uhr an, ab 6:45 Uhr können die Schülerinnen und Schüler bereits in die Schule kommen. Die Kinder, die schon früher in der Schule sind, beginnen meist schon in den Werkstätten zu arbeiten, obwohl sie das nicht müssen. Wir haben Werkstattunterricht eingeführt. Dieser spielt in der Grundschuldidaktik, aber zunehmend auch in den Sekundarstufen als Lehr- und Lernmethode eine große Rolle. Die Schülerinnen und Schüler sollen anhand geeigneter Aufgabenstellungen selbständig bestimmte Lernziele erreichen.

Sie laden ein, gestalterisch tätig zu werden. Das selbsttätige und selbstgesteuerte Lernen, das der Werkstattunterricht entwickeln soll, trägt bereits Früchte. Das bedeutet allerdings viel mehr Vorbereitungszeit für die Lehrerin oder den Lehrer. So viel musste ich früher nie an meinen Vorbereitungen sitzen. Da es nicht viele Materialien gibt, sitzt man als Lehrerin oft zu Hause noch am Computer und entwickelt Auftragskarten für die thematisierten Werkstätten. Wir arbeiten im Werkstattunterricht differenziert und bieten für alle Begabungen etwas an. Wenn die Kinder dann nach 90 Minuten Unterricht immer noch voll motiviert sind, weiß man: Schule macht Spaß und unsere Kinder sind glücklich! Jetzt sind wir im neunten Jahr dabei.

Online-Redaktion: Wie sind Sie Schulleiterin geworden?

Fuchs: Ich habe sieben Jahre vor der "Wende" bereits als Unterstufenlehrerin gearbeitet, bis mich der Schulleiter einer damaligen Polytechnischen Oberschule (POS) fragte, ob ich seine Stellvertreterin werden möchte. So war ich bereits  in die Leitung und Planung einer Schule eingebunden. Dann hat dieser Schulleiter, der mich übrigens ordentlich gefördert und gefordert hat, gesagt: Du solltest Schulleiterin einer Grundschule werden, sodass ich mich entschlossen habe, mich auf eine solche Stelle zu bewerben. Weil ich die Jüngste von allen guten Bewerbern war, habe ich mir keine reelle Chance ausgerechnet.

Als ich schließlich Schulleiterin wurde, haben wir in den Sommerferien das Schulgebäude nach dessen Renovierung eingeräumt und ausgestaltet. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten seitdem sehr engagiert mit und ich bin eng mit der Schule verwachsen.

Wir haben uns kontinuierlich weiterentwickelt und waren bisher so erfolgreich, weil wir die Hände nicht in den Schoss gelegt und darauf gewartet haben, dass die Entwicklungen von alleine kommen. Schule braucht immer Entwicklung und Veränderung. Deswegen fingen wir an, bestimmte Schwerpunkte zu entwickeln und moderne Unterrichtsmethoden anzuwenden. Heute haben wir einen Werkstattunterricht auf hohem Niveau und eine Ganztagsschule, die voll funktionsfähig ist.

Online-Redaktion: Was ist das Besondere an der Leitung einer Ganztagsschule?

Fuchs: Die Schulleitung hat einen längeren Schultag, mehr Verantwortung und mehr Bereiche, um die sie sich kümmern muss. Man hat als Schulleitung auch mehr Kontakte zu außerschulischen Partnern. Als Leiterin einer Ganztagsschule muss man versuchen, ein Allroundmensch zu sein.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen die Kontakte zum Schulträger?

Fuchs: Sie spielen eine große Rolle. Insbesondere zum Zeitpunkt der Investition der Bundesmittel. Der Schulträger zahlt ja zehn Prozent der IZBB-Mittel aus der eigenen Tasche. Angesichts der angespannten Haushaltslage waren wir froh, dass sich der Schulträger dazu entschlossen hatte, uns zur Förderung vorzuschlagen. Schade ist, dass wir nicht mehr Mittel bekommen haben, denn dem Kultusministerium hat unser inhaltliches Konzept sehr gut gefallen.

Zum Konzept gehören die verlässlichen Öffnungszeiten und der Werkstattunterricht wie in Finnland. Ferner gefiel dem Kultusministerium unsere Lesemethode "Lesen durch Schreiben" und die Teamentwicklung, die ein eigenständiges Arbeiten der Lehrkräfte in vielen Bereichen ermöglicht. Auch die Hausaufgabenbetreuung durch entsprechende Lehrkräfte und Erzieherinnen hinterließ einen positiven Eindruck und nicht zuletzt die Nachmittagsgestaltung: Wir haben jeden Nachmittag fünf Angebote, obwohl wir wenig eigenes Personal haben. Unsere zahlreichen Kooperationspartner bzw. die Elternvertreter ermöglichen die AGs.

Wir erhielten rund 320.000 Euro aus den IZBB-Mitteln. Diese wurden in Baumaßnahmen, aber auch in Möbel für den Hort und die Computerausstattung investiert.

Online-Redaktion: Welche Impulse ergaben sich für die Ganztagsschule ?

Fuchs: Die Investitionen waren nicht der Grund für den Ausbau der Ganztagsschule. Natürlich sind die finanziellen Mittel eine schöne Begleiterscheinung, denn wir haben stets versucht, unsere Schule so zu gestalten, dass man sich dort wohlfühlt. Das hat aber nicht nur etwas mit Geld zu tun. Wenn man eine Schule betritt, merkt man sofort, ob den Lehrerinnen und Lehrern die Arbeit Spaß macht. Aufgrund der Investitionen verfügen wir jetzt natürlich über bessere Bedingungen. Ich bin auch beruhigt, weil ich weiß, dass es gegenwärtig sehr schlecht um die finanziellen Rahmenbedingungen bestellt ist.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt das Team?

Fuchs: Eine große Rolle. Unser Team trifft sich jede Woche zur Teamberatung. Wir haben ferner Klassenteams. Hier stellt sich der Teamgedanke ganz von alleine ein, denn man muss miteinander arbeiten und niemand macht die Tür einfach hinter sich zu. Einzelkämpfer sind hier out. Einmal wöchentlich treffe ich mich mit der stellvertretenden Schulleiterin und der Hortleiterin. Eine entscheidende Rolle kommt der Steuergruppe unserer Schule zu, in der ich auch bin. Hier wird die Schulentwicklung seit Jahren vorangetrieben.Außerdem vereinbaren wir mit den außerschulischen Kräften in bestimmten Zeitabständen Treffen.

Als Leiterin einer Ganztagsschule muss man auch bereit sein, sonnabends und sonntags zu Veranstaltungen von außerschulischen Partnern zu gehen, damit diese der Schule helfen. Es ist eben ein Geben und Nehmen.

Online-Redaktion: Sie sind auch eine "integrative Schule". Was heißt das?

Fuchs: Wir sind bereits seit vier Jahren eine integrative Schule und nehmen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf. Dies betrifft den Förderbedarf Sprache und Körperbehinderung. Früher wurde immer von "denen da" gesprochen. Es ist schön zu sehen, wie selbstverständlich unsere Schülerinnen und Schüler mit den Kindern mit Förderbedarf umgehen. Diese sind voll integriert und manchmal bekommt man sogar Gänsehaut, wenn man sieht, wie selbstverständlich die Kinder miteinander umgehen. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Schulen derart öffnen.

Online-Redaktion: Was ist ihr Motto?

Fuchs: Lehren heißt nicht ein Fass füllen, sondern ein Feuer entfachen. Schulleiterin zu sein bedeutet, dass ich diesen Prozess gemeinsam mit dem Kollegium kontinuierlich begleite. Ich versuche dabei stets Vorbild zu sein.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Fuchs: Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist die Zusammenarbeit mit den Elternvertretern, die unsere Schule sehr unterstützen. Das ist für mich genauso wichtig wie die Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt der familiäre Rückhalt?

Fuchs: Als Schulleiterin ist es ganz wichtig, dass die Familie hinter einem steht. Mein Mann unterstützte mich von Anfang an in meinem Beruf. Er hat noch nie auf die Uhr geguckt und gibt mir auch viele Ratschläge, die mich schon oft weitergebracht haben. Man kommt schon mal in die Situation, dass man übertrieben reagiert und da braucht man jemanden, dem man vertraut und der einem kritisch-wohlwollend über die Schulter schaut. Da mein Mann in der Wirtschaft arbeitet, hat er mir geraten: Ihr solltet die Schule und euch einmal evaluieren lassen.

Online-Redaktion: Wie unterstützen sich die Schulen denn untereinander?

Fuchs: Wir sind als Ganztagsschule im Teilprojekt II der Uni Halle, werden hier seit Jahren sehr gut betreut und haben Kontakt zu anderen Ganztagsschulen. Außerdem sind wir seit Beginn diesen Jahres im Rahmen der Serviceagentur "Ganztägig lernen" als "Referenzschule für Werkstattunterricht" tätig. Hier geben wir unsere guten Erfahrungen im Rahmen des modernen Werkstattunterrichts an interessierte Schulen weiter. Uns werden durch diese Kontakte auch sehr gute Fortbildungen für unser Team angeboten.

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