Schulleitung bedeutet die Vielfalt der Interessen richtig zu orchestrieren

Die Schulleitung ist eine zunehmend komplexe Aufgabe, die hohe Anforderungen an die Verantwortlichen stellt. Da in Deutschland die Schulleitungen in der Regel nicht eigens für ihr Handwerk ausgebildet, sondern aufgrund ihrer erfolgreichen Lehrertätigkeit ausgewählt worden sind, kommt es darauf an, die Vielfalt der Interessen richtig zu orchestrieren. Ein gutes Beispiel für die Leitung einer großen Ganztagsschule ist die Gesamtschule Ebsdorfergrund (Hessen). Im Rahmen unserer Reihe "Ein Tag im Leben eines Schulleiters" erläutert Schulleiter Lothar Potthoff wie man eine gute Schule in Bewegung bringt.

Lothar Potthoff vor der Kantine der Gesamtschule Ebsdorfergrund

Online-Redaktion: Wie sieht ein normaler Tag an Ihrer Schule aus?

Lothar Potthoff: Wir beginnen um 8:10 Uhr mit dem Unterricht, was für die Schulleitungsmitglieder und jene, die Verantwortung tragen, heißt, dass wir uns mindestens eine halbe Stunde vor Unterrichtbeginn hier einfinden. Dann kommen auch schon die ersten Busse - wir haben 95 Prozent Fahrschüler. Da die Busse teilweise noch eine zweite Runde fahren müssen, ist ein Teil der Kinder somit bereits deutlich vor Unterrichtsbeginn in der Schule.

Der Unterrichtsvormittag ist in Doppelstunden strukturiert - die erste und zweite sowie die dritte und vierte sind Unterrichtsblöcke. Ferner haben wir Einzelstunden in der 5. und 6. Stunde, während am Nachmittag nach einer längeren Unterrichtspause für die Klassen fünf bis zehn wieder Blöcke anstehen. Diese Entwicklung haben wir vor einigen Jahren vollzogen, da wir uns davon mehr Ruhe in der Schule versprachen.

Natürlich gibt es auch mehrere längere 20-Minuten-Pausen, die sehr bewegungsorientiert sind, schließlich müssen sich die Schülerinnen und Schüler nach den Blöcken auch mal körperlich entspannen können. Uns ermöglichen diese Phasen, im Bereich der Schulleitung konzentriert zu arbeiten. Es ist die Zeit für Verwaltungsaufgaben und Organisation, aber auch für Gespräche mit den Kollegen, die wir für sehr wichtig erachten.

Online-Redaktion: Wie sah denn ihr gestriger Schultag aus?

Potthoff: Der Montag ist immer spannend, weil er eine ganze Reihe von Überraschungen bringen kann: Kollegen, die sich kurzfristig krank melden, gehören dazu. Wir haben dafür gesorgt, dass immer zwei Kollegen Vertretungsbereitschaft haben, so dass wir darauf kurzfristig zurückgreifen können, merken aber, dass wir in letzter Zeit zunehmend auf U-Plus-Kräfte angewiesen sind. Das sind Mitarbeiter, die Vertretungsunterricht machen und nicht als Lehrer angestellt sind.

Die Nähe zur Universitätsstadt Marburg und zur Universität ist für uns ein Vorzug, da wir so auf einen Pool dieser U-Plus-Kräfte zurückgreifen können. Allerdings bevorzugen wir es natürlich, mit festen Kräften zu arbeiten und achten darauf, dass wir zu viele fliegende Wechsel vermeiden. Die Schule verfügt über einen Stamm von sechs bis acht U-Plus-Kräften, die über das Jahr konstant bei uns im Vertretungsfall eingesetzt werden. Dies hat den großen Vorteil, dass diese Kräfte im Kollegium und bei den Schülerinnen und Schülern bekannt sind.

Der Vormittag ist von vielen Verwaltungsaufgaben geprägt, ich lese und beantworte E-Mails und Anfragen. Wie viele andere Schulen auch sind wir im Moment in einer Phase, zu entscheiden, wie wir die Millionen-Mittel aus dem Konjunkturprogramm I, II und III am sinnvollsten investieren. Ich telefoniere mit den Liegenschaftsarchitekten, dem Schulträger und der Schulaufsicht, wenn es um Vertretungsverträge geht. Durch diese Vielzahl an Aufgaben zieht der Vormittag rasch vorüber.

Als Schulleitungsteam versuchen wir uns die Zeit zu nehmen, mit Kollegen zu reden, und regelmäßig in den Pausen im Lehrerzimmer präsent zu sein. Ich denke, dass gelingt uns auch ganz gut. Vor diesem Hintergrund können wir zum Beispiel die so genannten Jahresgespräche verzichten. Geichwohl halten wir den permanenten Austausch und die fortlaufenden Beratungsgespräche für sinnvoller und effektiver.

Dann ist relativ bald die Phase der ersten Busabfahrten: Wir haben auch Halbtagsschülerinnen und -schüler, die nach der 5. und 6. Stunde nach Hause fahren. Das muss fahrtechnisch organisiert werden. Sie können sich vorstellen, dass bei 95 Prozent Fahrschülern ein großer Andrang herrscht. Die Organisationsform, die wir jetzt gefunden haben, ist aber so effizient, dass wir das ohne größere Probleme gewährleisten können. Leider sind einige Busse immer noch sehr voll, an dieser Stelle muss man ein bisschen nachsteuern.

Die Mittagspause nutze ich, um regelmäßig in der Cafeteria zu essen und zwischenzeitlich das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern zu suchen oder bei der Aufsicht zu sein. Wir haben uns angewöhnt, sowohl in den großen Pausen als auch im Mittagsbereich unsere Sportanlagen aufzumachen, um Bewegungsmöglichkeiten zu bieten. Im Winter ist die Turnhalle geöffnet, in welcher auch immer eine Aufsicht vorhanden ist.

Es handelt sich um spontane Bewegungsgelegenheiten, keine gezielten Angebote. Diese laufen zum Teil im Nachmittagsbereich, wobei jede Jahrgangsstufe einen Pflichtnachmittag hat, in dem auch Mathematik, Deutsch und Religion alle anderen Fächer liegen können. Diese langen Tage werden zumindest für die Klassen 5 bis 7 rhythmisiert. Hier ziehen wir die organisierten Bewegungs- und Entspannungsangebote in den Vormittag in die 5. und 6. Stunde.

Online-Redaktion: Warum sind Sie Schulleiter geworden? Was hat Sie für diese Aufgabe qualifiziert?

Potthoff: Mich hat es schon früh gereizt, Schule zu gestalten. Hinzu kam, dass ich mich mit einem Freund, der an meiner Schule Pädagogischer Leiter geworden ist und somit dem Schulleitungsteam angehört, mich über strategische Ziele unterhalten kann. Wir fragen uns, wie wir unsere Schule entwickeln können. Die Tatsache, dass unsereSchule deutlich gegen den Trend steigende Schülerzahlen zu vermelden hat, verdeutlicht, dass wir erfolgreich arbeiten. Als Schulleiter habe ich keine gezielte Vor-Ausbildung genossen, allerdings war ich langjähriger Personalratsvertreter und habe in dieser Funktion mit dem Schulamt oder dem Regierungspräsidium zusammengearbeitet. Vielleicht ist dies ein Teil meiner Qualifikation geworden.

Online-Redaktion: Wie charakterisieren Sie Ihr Selbstverständnis als Schulleiter: Verstehen Sie sich als Innovationsmotor, Manager oder primär als Pädagogen?

Potthoff: Man muss von allem etwas mitbringen. Natürlich ist man Innovationsmotor und trägt neue Entwicklungen in die Schule. Man darf allerdings nicht so weit vorne weg laufen, dass das Kollegium nicht mehr hinterherkommt. Innovationen machen nur dann Sinn, wenn sie von einem großen Teil des Kollegiums mitgetragen werden. Als Schulleiter ist man natürlich Manager, da die Verwaltung erheblich zugenommen hat. Schulen entsprechen auch in etwa einem mittleren Betrieb. Hinzu kommt, dass wir in Marburg-Biedenkopf seit längerem eine Budgetierung haben. Das bedeutet, dass wir unter bestimmten Vorgaben über Finanzmittel des Schulträgers selbstständig verfügen können.

Auf der anderen Seite ist man als Schulleiter jemand, der sich am unteren Ende der Verwaltungskette befindet. Es gibt immer wieder Situationen, dass wir Vorgaben aus dem Kultusministerium oder dem Schulamt rasch umsetzen müssen. Das ist zuweilen ein Zwiespalt. Wir haben beispielsweise das G 8-Gymnasium umsetzen müssen. Wir haben es ursprünglich zwar nicht unterstützt, doch schließlich haben wir das Beste daraus gemacht und unser jetziges pädagogisches Konzept daraus entwickelt. So haben wir die Rhythmisierung mit zusätzlichen Stunden für die Klassen fünf und sechs eingeführt. Als sich jedoch die Möglichkeit ergab, sind wir sofort zu G 9 zurückgekehrt, denn wir sind der Auffassung, dass der Ansatz in der Mittelsstufe nicht richtig ist. Wenn, dann sollte man über die Verkürzung der Oberstufe nachdenken.

Online-Redaktion: Welche Teamstrukturen braucht es, um eine Ganztagsschule zu leiten?

Potthoff: Ohne Delegation kann man eine große Schule heute nicht mehr leiten. Ich unterscheide aber bei dieser Frage nicht zwischen Halbtags- und Ganztagsschule. Jede Schule muss sich die Frage stellen, wie Aufgaben dezentral erledigt werden können. Wir haben für den Bereich der Ganztagsangebote jemand, der dieses organisiert und dabei weitgehend freie Hand besitzt. Er wird natürlich bei Besprechungen der Schulleitung einbezogen. Über unsere Zweigleiter haben wir auch andere Aufgaben delegiert. Wichtig ist, dass unser siebenköpfiges Schulleitungsteam sehr gut harmoniert, wobei die konstruktive Diskussion natürlich eine große Rolle spielt.

Online-Redaktion: Gibt es Kernkompetenzen der Schulleitung?

Potthoff: Eine große Rolle für das Gelingen spielen an unserer Schule die flachen Hierarchien. Es kommt darauf an, dass die Schulleitung im Kollegium präsent ist, und dass wir eine gute Bindung mit allen Beteiligten aufbauen. Die Ebene der Beziehungen spielt ja in der Schule eine große Rolle. Nicht zuletzt müssen im Unterricht die Beziehungen zwischen den Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern stimmen. Natürlich müssen auch die Beziehungen innerhalb des Kollegiums stimmen. Schulen, die sich in permanenten inneren Auseinandersetzungen befinden, sind schwierig zu leiten und weisen bekanntermaßen eine problematische Schulentwicklung auf.

Online-Redaktion: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern beschreiben?

Potthoff: Es gibt draußen vor meinem Büro eine aussagekräftige Personenbeschreibung, die von einer siebten Klasse über mich angefertigt wurde. Ich muss auf der einen Seite Verständnis für die Lebenssituationen der Schülerinnen und Schüler entwickeln und mich hüten, pädagogische Entwicklungen über Notengebung in Gang zu setzen. Auf der anderen Seite muss ich bereit sein, den Schülerinnen und Schülern Grenzen zu setzen. Nicht umsonst hängt seit dem Jahr 2001 ein Spruch an der Wand, der besagt: Jedes Kind hat ein Recht auf klare Grenzen. Das ist allerdings ein beidseitiges Recht, und in diesem Zusammenhang muss man Entscheidungen treffen oder mal deutlich werden. Die Schülerinnen und Schüler akzeptieren dies auch. Der entscheidende Punkt ist bei ihnen, dass man authentisch ist.

Online-Redaktion: Schulleitung hat sich in den letzten Jahren sehr geändert. Welche Auswirkungen hat dies auf ihre Aufgaben?

Potthoff: Das ist eine sehr komplexe Frage, die auch auf Schulleiterkongressen diskutiert wird. Die Tendenz zur Zentralisierung auf der einen Seite etwa durch Lehrer-Schüler-Dateien, und die Maßgabe zur selbstständigen Schule auf der anderen Seite kann nicht widerspruchsfrei sein. Wir als Schulleitungen müssen erkennen, dass wir viel mehr Freiräume nutzen können - man muss nicht immer den Juristen fragen oder ins Gesetzblatt gucken, wenn man bestimmte Entscheidungen trifft. Letztere sollten immer berücksichtigen, was für die Schülerinnen und Schüler sowie die Kollegen sinnvoll ist. Wenn viele Managertätigkeiten wie Bauangelegenheiten anfallen, sollte man als Schulleiter die Unterrichtstätigkeit im Rahmen der Möglichkeiten reduzieren.

Online-Redaktion: Was tun Sie für mehr Bildungsgerechtigkeit?

Potthoff: Sozialstruktur und die soziale Herkunft spielen eine große Rolle. Wir sind eine Schule mit relativ wenigen Migrantenkindern, trotzdem haben wir Kinder, die aus sozialen Brennpunkten oder Kinderheimen kommen. Diese problematischen Situationen und Lebenslagen lassen sich durch Schule allein nicht auflösen.

Es gibt dafür Möglichkeiten für Kooperationen mit dem Förderschulbereich, aber es gibt für uns auch Grenzen. Wir versuchen in vielen Situationen einem Kind mitzuteilen: Ich mag dich als Person, aber dein Verhalten ist für das Zusammenleben problematisch. Trotz alledem werden wir Unterschiede in der familiären Situation und der finanziellen Ausstattung nicht beeinflussen können. Man kann Hilfestellungen geben und beispielsweise darauf verzichten, Hausaufgaben zu geben.

Online-Redaktion: Wie stellen Sie sich Ihre Schule in fünf Jahren vor?

Potthoff: Mir schwebt als Vorbild die Gesamtschule Hildesheim vor, die den Deutschen Schulpreis gewann und bis Klasse acht keine Noten vergibt, da sie andere Formen der Bewertung eingeführt hat. Lernen funktioniert ja nur, wenn man angstfrei in die Schule geht und Freude mitbringt.

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