"Am Muthe hängt der Erfolg" (Fontane)

Schließen sich eine konsequente Schulleitung und eine demokratische Schule, die die Schülerinnen und Schüler an der Lernorganisation beteiligt, aus? Im Gegenteil, so Ditmar Friedrich, Schulleiter des Fontane Gymnasiums Rangsdorf (Brandenburg). Im Rahmen unserer Reihe "Ein Tag im Leben eines Schulleiters" führt er aus, dass die moderne und effiziente Leitung einer Ganztagsschule nicht nur bessere Lernergebnisse durch Partizipation der Schülerinnen und Schüler ermöglicht, sondern den Pädagogen wieder die Leidenschaft an ihrer Profession zurückgibt.

Porträtfoto Ditmar Friedrich

Online-Redaktion: Herr Friedrich, warum sind Sie Schulleiter geworden und welches Rüstzeug braucht man als Schulleiter einer Ganztagsschule?

Friedrich: Die Motivation für den Job hat mit einem Umweg zu tun oder einer kleinen Schleife, die ich gedreht habe. Ich war nämlich zunächst Lehrer und bin dann in die Ministerialbürokratie des Landes Brandenburg gewechselt. Dort war ich für Schulentwicklungsplanung und Schulbau verantwortlich.

Dann wurde für mich aber die Schulleitung attraktiv - ich wollte mich damit persönlich qualifizieren, aber auch die schulische Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive kennen lernen. Mich reizte, dass man es in der Schulleitung viel stärker mit Personalführungsfragen zu tun hat als in der Verwaltung.

Als Schulleiter bin ich viel näher dran an der Umsetzung von Schulreformen in die Praxis. Schulleitung ist also die Art und Weise, wie man mit dem Personal umgeht, um die Dinge anschieben, die man für notwendig und sinnvoll hält.

Online-Redaktion: Wie sind Sie vorbereitet worden?

Friedrich: Die Schwierigkeit war ja, dass ich seinerzeit Mitte der 1990er Jahre als Lehrer keine Ausbildung oder Qualifizierung bekommen habe, sondern auf eigene Vorbilder zurückgreifen musste - also die Schulleiter, die ich selbst erlebt habe und die mich überzeugt haben. Ich hatte viele Ideen im Kopf, die hatten etwas mit ordentlicher, effizienter Verwaltung von Schule zu tun, aber nicht so sehr mit der Frage der pädagogischen Steuerung.

An dieser Stelle gab es die Notwendigkeit der persönlichen Veränderung. Ich musste allerdings in der Praxis meine Akzente und Schwerpunkte anders setzen und in Kommunikation mit den Beteiligten verändern. Eine zentrale Voraussetzung für den Job ist die Fähigkeit, kommunikative Beziehungen ordentlich zu strukturieren. Das ist ein ganz wesentlicher Anteil von Schulleitung: die Art und Weise, wie man Informationen bearbeitet, Gespräche mit allen Beteiligten führt und wie man sie in einen Kommunikationsprozess einbindet.

Damit hängt die Frage ganz eng zusammen, wie Motivation auch angesichts widriger Umstände im Bildungssystem gelingt. Wir haben es im Bildungsbereich schließlich mit Kürzungen zu tun. Es gab nach PISA auch Kritik am Bildungssystem und die zwingende Notwendigkeit der Veränderung. Ich musste mich fragen: Inwiefern gelingt es mir die Leute zu motivieren? Dazu gehört, dass ich mir eine gewisse Souveränität im Job aneigne. Diese hat sowohl mit Fachkenntnissen als auch mit juristischen Fragen zu tun.

Online-Redaktion: Wie sieht denn ein normaler Tag an Ihrer Schule aus?

Friedrich: Ich schwebe als Bahnfahrer gewissermaßen morgens früh in die Schule ein: in den Ferien kann ich es mir erlauben, um acht und nicht um sieben Uhr in die Schule zu kommen. Heute - wir haben ja noch Ferien - hat der Tag für mich um acht Uhr begonnen.

Es ist zunächst die Post zu erledigen - es gibt da die eine oder andere Anfrage von Kollegen, die gerade an unserer Schule zu Besuch waren und Unterlagen für die nachfolgenden Beratungen angefragt haben. Es gilt zu prüfen: habe ich meine Teilnehmerliste, sind die Unterlagen komplett, was ist zu verteilen. Die Planungen für eine Konferenz müssen vierzehn Tage vorher, wenn nicht sogar schon früher beginnen.

Nach der Bearbeitung der Post gab es eine Konferenz, die bis um halb zwölf Uhr gedauert hat. Dazu kamen Rücksprachen mit Kolleginnen und Kollegen zu einzelnen Tagesordnungspunkten. Danach gab es eine Klassenkonferenz, die sich um die Integration einer behinderten Schülerin drehte. Im Nachgang fand bis 13 Uhr noch ein Gespräch mit den Eltern statt.

Dann arbeiteten wir an der Organisation von Nachprüfungen. Darauf folgte ein Gespräch zur Organisation des Ganztags im Bereich der Arbeitsgemeinschaften. Anschließend hatte ich ein kurzes Beratungsgespräch mit einem Schüler, der auch in der Nachprüfung gescheitert ist und die Schule verlassen muss. Ich habe im Hinblick auf den weiteren Lebensweg noch mit einem Kollegen gesprochen.

Es folgte ein Gespräch mit zwei Kolleginnen, die eine Ausbildung zur Mediatorin beginnen möchten. Das ist eine längerfristige Ausbildung, die Geld kostet. Da es dafür eine Förderung des staatlichen Schulamtes gibt, habe ich versucht, mit dem Schulamt ins Gespräch zu kommen, was die Finanzierung angeht. Dann gab es noch die Koordination unserer Raumplanung mit der Volkshochschule und mit dem Schulträger im Hinblick auf die Turnhallenbelegung. Ansonsten Akten durchgucken, Haken dahinter machen und ähnliches.

Der wesentliche Anteil des heutigen Tages betraf die Kommunikation. Entweder mit Kollektiven in Lehrer- oder Klassenkonferenzen oder aber in Einzelgesprächen. Die Aussteuerung der Informationsprozesse und das Motivieren sowie das Delegieren von Aufgaben, die Fähigkeit, präzise Arbeitsaufträge hereinzugeben. Notwendig sind auch das Bilanzieren und das Einholen von Rückmeldungen.

Schulleiterinnen und Schulleiter haben je nach Größe der Schule unterschiedliche Unterrichtsverpflichtungen. Das fällt bisweilen durchaus ins Gewicht: Manche Schulleiter machen mehr Unterricht und vernachlässigen es, die Schule zu leiten. Ich habe rund acht Stunden Unterrichtsverpflichtung, das macht etwas weniger als ein Viertel meiner Arbeitszeit aus und lässt genug Freiraum, um eine Schule zu leiten.

Es gibt allerdings eine Reihe von Verwaltungsvorgängen, die ich nicht mehr in der Schule erledige, sondern mit nach Hause nehme. Das verlängert den Arbeitstag, aber ist anders nicht möglich, weil in der Schule vor Ort in erster Linie der kommunikative Aufwand ins Gewicht fällt.

Online-Redaktion: Im Rahmen einer Selbstdarstellung Ihrer Schule ist zu lesen: "Die Schulleitung holt sich regelmäßig Rückmeldung vom Kollegium zur Optimierung des eigenen Führungshandelns". Können Sie das erläutern?

Friedrich: Das funktioniert folgendermaßen: Ende des letzten Schuljahres sind meine Kollegen nach der Lehrerkonferenz an den Rechner geflüchtet, haben sich mit einer Nummer an einem Server angemeldet und die Schulleitung anhand eines Fragebogens bewertet.

Tipps, Anregungen und weitere Kritikpunkte haben sie in offener Form drunter gesetzt und diese Daten sind momentan bei einer Elternvertreterin, die die Ergebnisse auswertet und strukturiert. Die Ergebnisse liegen uns im September vor, und dann werde ich mit dem Kollegium diese Feedbacks auswerten. Wir gucken uns die neuralgischen Punkte an und werden Vereinbarungen zum weiteren Vorgehen treffen.

Online-Redaktion: Wie viel Arbeit haben Sie zusätzlich durch die Arbeit in Netzwerken wie beispielsweise im Modellvorhaben "Demokratie lernen & leben"?

Friedrich: Das Programm hat relativ viel Arbeit bedeutet, weil wir versucht haben, die gesamten Feedback-Strukturen ordentlich herzuleiten. Dabei sind wir bei bestimmten Initiativen gegen die Wand gelaufen, da haben wir alle Lehrgeld bezahlen müssen. Bestimmte Vorstellungen gingen nämlich an der Wirklichkeit vorbei, aber der Kernbestand, die Idee, ein Feedback zu institutionalisieren, ist uns gut gelungen. Das hat regelmäßige Treffen und Arbeitstreffen im Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) oder überregionaler Art erfordert.

Ich habe das zur Chefsache erklärt, das heißt, ich habe mir nicht Bericht erstatten lassen, sondern war regelmäßig selbst Mitglied der Gruppen. Wir haben im Zusammenhang mit einem anderen Modellvorhaben "Stärkung der Selbstständigkeit von Schulen" (MoSeS) die Arbeitszeit von Schulleitern untersucht.

Dabei ist ein Durchschnitt - ohne MoSeS - von 52 Stunden pro Woche herausgekommen, bei Schulleitern mit MoSeS sind es 55 Stunden, wobei die Belastung von MoSeS noch gering war im Vergleich zu "Demokratie lernen & leben". Wenn ich alle Reformprojekte bei mir zusammenzähle, komme ich auf 60 Stunden in der Woche. Das Engagement für Reformprojekte ist also erheblich.   

Online-Redaktion: Sie haben an Ihrer Schule einen Schwerpunkt in Sachen Partizipation?

Friedrich: Wir haben zentral und dezentral Schülerfeedbacks eingeführt. Dezentral heißt, dass die einzelnen Lehrer mit Fragebögen in die Klassen gegangen sind. Für das kommende Schuljahr werden wir ein zentralisiertes Feedback durchführen: Alle Schülerinnen und Schüler beurteilen dabei jeden Unterricht und jeden Kollegen. Das ist die eine Variante, die der Verbesserung des Unterrichts dient.

Ein zweiter Ansatz ist der so genannte Klassenrat. In der normalen Stundentafel gibt es eine Stunde, die für den Klassenrat reserviert ist. Das ist ein Gremium, in dem die Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt - Vorsitz und Protokoll führen Schüler - eigene Angelegenheiten aushandeln. Die Themen werden in die Schülervertretung oder in die Schulkonferenz eingebracht. Damit waren wir die erste Schule in Brandenburg, die das konsequent im Rahmen der Stundentafel organisiert hat.

Ein weiteres Bein hat die Schule im Innovationsverbund Schule-Hochschule des Landes Brandenburg, in dem wir versuchen, die Selbstbestimmungsmöglichkeiten im Hinblick auf Lernprozesse von Jugendlichen zu stärken. Dafür stellen wir unsere Rahmenpläne auf so genannte "Ich kann-Checker" um. Die Schülerinnen und Schüler bekommen dafür eine Liste, auf der zum Beispiel steht: "Ich kann berechnen, wie hoch ein Kirchturm ist, wenn ich weiß. (Höhensatz)". Sie sollen transparente Zielsetzungen bekommen sowie die Möglichkeit, zu sagen: Das mache ich selber. Und sie bekommen Übungsmaterial dazu. Es soll auf diese Weise eine selbstverantwortete Unterrichtskultur entstehen, deren Konzept sich aus PISA herleitet bzw. aus Individualisierungsüberlegungen und aus Kompetenzansätzen.

Wir bedienen also nicht die klassische Schiene, indem die Schülerverantwortung ausschließlich über die Schülervertretung organisiert wird und die Schülerinnen und Schüler es erreichen, dass sie den Flur streichen dürfen. Unsere Idee war immer, das Selbstbestimmungspotenzial im Unterricht und in Lernorganisationen zu stärken. Daher stehen die Lernstrategien im Vordergrund, die man kommunikativ mit den Lehrkräften entwickelt. 

Man kann die Akzente dafür mit den Schülerinnen und Schülern aushandeln. Es gibt einen Katalog von möglichen Unterrichtsthemen, an dem sich die Schüler beteiligen. Es gibt aber auch einen Katalog von methodischen Strategien, wie beispielsweise ein Portfolio, das die Schülerinnen und Schüler zum selbstständigen Arbeiten oder Recherchieren motiviert. Das ist ein anderes Lernen als der Nürnberger Trichter.

Online-Redaktion: Schließen sich eine konsequente Schulleitung und eine demokratische Schule aus?

Friedrich: Im Gegenteil, das ergänzt sich wunderbar. Wenn ich delegatorische Prinzipien von hoher Transparenz habe. Oder wenn ich einen Entscheidungsbaum habe und Entscheidungen dahin lege, wo sie effizient, nah und motivational auch richtig gestaltet werden können, ist das für mich als Schulleiter wesentlich effizienter, als wenn ich etwas anordne und die Entscheidungen autoritativ von oben nach unten gehen. Letzteres ist mit viel mehr Friktionen verbunden.

Beispielsweise haben wir die Wandertage früher in der Lehrerkonferenz geregelt, heute bestimmen die Jahrgangsteams das. Große und kleine Angelegenheiten kann man also runterbrechen. Projektwochen organisieren bei uns die Schülerinnen und Schüler aus der Jahrgangstufe 12. Das ist effizient, gut geleitet, und alle sind zufrieden. Die Projektwochen werden seit zwei Jahren von den kleinen ersten Schritten bis zum Tag der Offenen Tür, an dem die Schule sich nach außen präsentiert, so organisiert.

Online-Redaktion: Wie empfinden Sie denn das aktuelle Schulklima?

Friedrich: Vorhin haben wir in der Lehrerkonferenz Befragungsergebnisse diskutiert, nachdem die Kollegen ihre Schulzufriedenheit bewertet haben. Eine Kollegin von der Universität hat die Ergebnisse vorgestellt. Alle Kollegen äußerten: Ich bin gerne und mit Leidenschaft Lehrer. Einer der höchsten Punkte ihrer Zufriedenheit betrifft die Schüler-Lehrer-Beziehung. Da fallen die Bewertungen sehr gut aus. Dementsprechend positiv bewerten sie auch ihre Teamsituation. Sie machen allerdings kritische Anmerkungen, ob das Kollegium pädagogisch immer im Konsens ist. Ein hohes Maß an Zufriedenheit gibt es aus Lehrerperspektive auch mit der Schulleitung.

Bei den Schülerinnen und Schülern gibt es ebenfalls ein hohes Maß an Zufriedenheit. Wir haben bereits 2005 auch ein Elternfeedback eingeholt, und dabei ist eine Zufriedenheitsquote von 86 Prozent herausgekommen.

Meine Vision ist es, mit der Schule einen lernenden Mechanismus zu haben, wo in den Formen und Möglichkeiten gelernt werden kann, die den Schülern angemessen sind. Der zentrale Ansatz ist es, schülerorienterte Lernarrangements zu schaffen, die die Eigenaktivität der Schüler fördern. In welchen Strukturen das geschieht, das ermisst sich nach dem, was die Schülerinnen und Schüler brauchen.

Online-Redaktion: Für die Gymnasien ist die Schulzeitverkürzung ein wichtiges Thema. Wie kann das gelingen?

Friedrich: Es ist nicht einfach damit getan, dass die Stunden, die im letzten Jahrgang nicht mehr da sind, auf die anderen Jahrgangsstufen verteilt werden. Es bedarf vielmehr einer Veränderung der Lernkultur, weil es mit der Stoffvermittlung allein nicht getan ist.

Wichtig war, die Lehrpläne auf den Kompetenzansatz umzustellen: nicht die Verteilung von Inhalten, sondern die zu erwerbenden Fähigkeiten und Fertigkeiten stehen im Vordergrund

Und von zentraler Bedeutung wird das, was Wissenschaftler "Selbstregulationskompetenz" nennen, nämlich die Fähigkeit und die Motivation der Schülerinnen und Schüler, Lernprozesse zunehmend eigenverantwortlich zu strukturieren.

Online-Redaktion: Welche sind die Quellen der Zufriedenheit in Ihrem Job? Macht er eigentlich Spaß?

Friedrich: Wenn ich sehe, wie es mit der Kommunikation klappt, und die Leute verstehen, was man selbst will, und ich verstehe, wo die Leute sind und was sie wollen und können, erzeugt dies ein gutes Gefühl. Man muss eine Vision haben und trotzdem realistische Ziele formulieren um zu schaffen,  was wir uns vornehmen. "Am Muthe hängt der Erfolg" sagt Fontane. Und diese Einsicht steht dem Fontane-Gymnasium gut zu Gesicht.

Wenn also der Gesamttenor und die Gesamtbilanz stimmen, ist Schulleitung ein spannender Job - das Potenzial unseres Landes ist nämlich das intellektuelle Know How und auf dessen Entwicklung sollte man viel Hinschmalz drauf verwenden.

Literatur: Schülerrückmeldung über Unterricht. Pädagogik Heft 5/2001.

Ditmar Friedrich, geb. 15. Februar 1953 in Bochum; Studium der Fächer Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie; 2. Staatsexamen 1979; Lehrer von 1979 bis 1993; 1993 bis 1997 Referent im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, seit 1997 Schulleiter; Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik

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