Ein Tag im Leben eines badischen Schulleiters

In den nächsten Jahren kommen mit der Umstellung auf die G 8-Gymnasien etliche Herausforderungen auf Schulen und Gemeinden zu. Da Schulleiter an wichtigen Schnittstellen arbeiten, hängt viel von ihrem Ideenreichtum und ihrer Kompetenz ab. Ein Tag im Leben des Schulleiters Paul Droll zeigt, wie der anstehende Wandel aufgrund des ausgedehnten zeitlichen Rahmens in den Ganztagsschulen besser gemeistert werden kann. So darf in den künftigen Gymnasien nicht nur gebüffelt, sondern auch gestaltet werden, wie das Beispiel des Gymnasiums Achern verdeutlicht.

Paul Droll

Online-Redaktion: Brauchen Schulleiter eine innere Berufung und Lust daran, Dinge in Bewegung zu bringen?

Droll: Die Berufung als Schulleiter hängt davon ab, was an einer Schule geleistet werden muss. Neben soliden Fachkenntnissen braucht man vor allem Motivation. Kommunikation ist eine weitere zentrale Aufgabe eines Schulleiters. Dafür braucht er Überzeugungskraft und rhetorische Fähigkeiten, aber insbesondere sollte er auch emotional überzeugend wirken.

Online-Redaktion: Wie kann man sich den Arbeitstag eines Schulleiters heute vorstellen?

Droll: Ich nehme den gestrigen Schultag als Beispiel. Meine Arbeit beginnt um 7:30 Uhr mit dem Sichten der Post und dem Durchforsten der Lokalzeitung nach bildungspolitischen Themen. Anschließend habe ich ein Gespräch mit dem stellvertretenden Schulleiter und Abstimmungsgespräche mit Verwaltungsmitgliedern. Nach dem Diktieren der Post findet ein Einführungsgespräch mit den Referendaren statt Im Anschluss treffe ich mich mit den Fachabteilungsdirektoren - das ist die Leitungsebene der Schule, die sich einmal in der Woche trifft, um über Schulentwicklung und aktuelle Dinge zu beraten und teilweise auch zu beschließen.

Dann gibt es Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, die besondere Sorgen haben oder irgendwelche Angelegenheiten geklärt haben möchten, wie Teilnahme an Wettbewerben, Auslandsaufenthalte und dergleichen mehr. Bis zwölf Uhr stehen noch zwei Elterngespräche sowie einige Telefonate, unter anderem mit dem Regierungspräsidium, auf dem Plan.

Danach fahre ich ins baden-württembergische Kultusministerium zu verschiedenen Gesprächsterminen. So gibt es im Gymnasialreferat eine größere Gesprächsrunde mit den Vorsitzenden der Direktorenvereinigung Baden-Württemberg, die die anstehenden Veränderungen den Schulleiterinnen und Schulleiter vermitteln müssen. Es wird abgestimmt, was in den nächsten ein bis zwei Jahren an Veränderungen auf die Gymnasien zukommt. Anschließend gehe ich in den Landtag. Dort hört uns der bildungspolitische Ausschuss zu einer wichtigen Frage der Verwaltungsorganisation in Baden-Württemberg an. Auf der Rückfahrt im Zug arbeite ich die angelaufenen Dinge ab und bin gegen 22 Uhr wieder zu Hause.

Online-Redaktion: Welches sind die größten wiederkehrenden Herausforderungen für Sie als Schulleiter?

Droll: Die größten Herausforderungen, die ich zu bewältigen habe, sind bestimmte Fixpunkte im Schuljahr. Im Verwaltungsbereich sind das der Beginn des Schuljahres, die Aufnahme der Schülerinnen und Schüler, Zeugniskonferenzen, Halbjahresinformationen, Vorbereitung und Durchführung von großen Gesamtlehrerkonferenzen, Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern sowie Abschlüsse und Prüfungen.

Weitere Fixpunkte sind: Personalgewinnung, Karriereberatung, Unterrichtsbesuche und dienstliche Beurteilungen. Diese nehmen in Baden-Württemberg weitgehend die Schulleiterinnen und Schulleiter vor.

Online-Redaktion: "Ihr werdet an Eurer neuen Schule sicher bald feststellen, dass ihr hier zu Hause sein könnt", so lauteten Ihre Worte zur Einschulung der Sextaner im September 2007. Woher nehmen Sie das Selbstvertrauen, dass dies gelingt?

Droll: Schule muss ein Lebensort für Kinder und Jugendliche werden, und sie wird es auch. Dort begegnen sich schließlich viele Gleichaltrige, aber auch Ältere und Jüngere. Sie verbringen jeden Tag viel Zeit gemeinsam in der Schule. Deshalb muss die Schule vom Baulichen und der inneren Gestaltung her so eingerichtet werden, dass sich die Schülerinnen und Schüler auch wohlfühlen können. Dazu gehören helle große Räume, Freiflächen und Möglichkeiten des Rückzugs und eine entsprechende Gestaltung des Schulhauses sowie Angebote, die über den Pflichtunterricht hinaus viele Interessen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen.

Die Schülermitverantwortung unterstützt diese Entwicklung, etwa wenn ein Weihnachtsbasar im Hause, eine Fastnachtveranstaltung bzw. der Oberstufenball stattfinden, um nur wenige Beispiele zu nennen. Auch die Gestaltung der Schulräume ist in gewissen Grenzen über die Schülerakademie Kunst durch die Schülerinnen und Schüler möglich.

Online-Redaktion: Was leisten Sie und Ihre Kollegen, damit die Schule den Aufgaben einer Ganztagsschule gerecht wird? Wie verzahnen Sie den Vormittag mit den Nachmittagsangeboten?

Droll: Die Ganztagsschule ist ein Ziel, für das wir noch eine Reihe von baulichen Voraussetzungen brauchen, die noch nicht in dem Umfang geschaffen worden sind. Das ist die Aufgabe der nächsten Jahre und für die Gesellschaft eine große finanzielle Herausforderung, die nicht kurzfristig bewältigt werden kann.

Soweit es möglich ist, haben wir an unserer Schule den Schultag bereits rhythmisiert. Die Lehrerinnen und Lehrer sind nicht nur morgens, sondern weitgehend auch nachmittags in der Schule präsent und stehen alleine durch ihre Anwesenheit für mögliche Kontakte mit den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung. Das ist erforderlich, damit man sich auch außerhalb der Unterrichtszeit besser kennenlernt. Diese Vorteile erkennen auch die Lehrerinnen und Lehrer. Man kann den Anteil an Erziehung, der heutzutage in den Gymnasien sicherlich höher ist, nicht leisten, wenn man nicht informelle Kontakte außerhalb der Unterrichtszeit pflegt.

Dies wird deutlich, wenn man sich die Dimensionen des Gymnasiums Achern vor Augen hält. In unserer Schule arbeiten 115 Lehrerinnen und Lehrer sowie zehn Referendare und zehn Praktikanten. Mit 1600 Schülerinnen und Schülern ist es eine sehr große Schule. Unter diesen Bedingungen als Einzelkämpfer Lehrer sein zu wollen, würde auf keinen Fall zum Erfolg führen, denn dafür ist die Zahl der erforderlichen Vernetzungen viel zu groß. Hinzu kommt die Notwendigkeit, modernen Unterricht mit Projekten und Exkursionen zu gestalten.

Die Vorteile eines Lehrerteams bestehen darin, dass Ideen gebündelt und ausgetauscht werden. Außerdem wird den Schülerinnen und Schülern vorgelebt, was für sie später im Leben wichtig wird, nicht nur im beruflichen Leben. Teamarbeit dient sowohl der Erfolgsorientierung  als auch der emotionalen Bindung der Kinder und Jugendlichen, wie es früher in der Klassengemeinschaft ohnehin üblich war.

Online-Redaktion: Das Gymnasium Achern fordert viel von seinen Schülerinnen und Schülern. Wie fördern Sie die Schwächeren und die besonders Begabten?

Droll: Wir wollen die Schülerinnen und Schüler bestmöglich fördern. Wenn jemand - meist nur vorübergehend - Schwächen zeigt, wird individuell gefördert. Bei fachlichen Schwächen helfen wir mit Förderkursen oder mit der Hausaufgabenhilfe. Wenn Schülerinnen und Schüler "Schwächen" im Bereich der Motivation haben oder psychologische Unterstützung brauchen, gibt es einen Beratungslehrer. Sofern dessen Kompetenz nicht ausreicht, müssen außerschulische Einrichtungen einbezogen werden. Für mich als Schulleiter ist es übrigens selbstverständlich, dass ich viele Stunden in der Woche damit verbringe, mit Eltern und Schülern zu reden, wenn es Probleme gibt. Wir forschen gemeinsam nach Ursachen und zeigen Wege der Verbesserung auf.

Die Förderung der besonders begabten Schülerinnen und Schüler ist ein zentrales Anliegen der Schule. Ein Weg ist die Teilnahme an Wettbewerben, ein anderer sind so genannte Begabtenkurse. Um eine Kombination von Fach- und Sozialkompetenz zu fördern, übernehmen die Oberstufenschüler Lernaufgaben für die Unterstufenschüler. Unsere Hausaufgabenbetreuung wird beispielsweise weitgehend von Oberstufenschülern geleistet, die dafür entsprechend qualifiziert sind. Sie können die Unterstufenschüler sehr gut fördern, da sie den besseren Bezug zu ihren Problemen haben.   

Online-Redaktion: Wie kommen Sie an die erforderlichen Mittel und Partner, um Ihre Schule zu einem Mittelpunkt der Gemeinde zu machen?

Droll: Wenn Schule ein Teil der Bürgergesellschaft sein will, muss sie sich zur Bürgergesellschaft öffnen, wobei diese wiederum die Schule unterstützen muss. Wir können nicht nur darauf warten, staatliche Mittel zu bekommen, sondern die Schulleiter sowie die Mitglieder des Kollegiums und die Eltern müssen verstehen können, dass es wichtig ist, Kontakte zu Vereinen, Firmen und Einzelpersonen zu pflegen. Man muss ihnen eine Vision von Schulentwicklung vermitteln, die so spannend ist, dass sie diese gerne unterstützen. Jede Schule braucht starke Partner, nicht zuletzt auch ein Gymnasium wie unseres. Wenn ich die Sach- und Geldmittel zusammenzähle, die wir erhalten, ist es sicher pro Jahr ein großer sechsstelliger Betrag.

Der Bekanntheitsgrad einer Schule ist ein Türöffner für vieles. Bei der Gewinnung von Personal bekommt man eine größere Auswahl, weil das Interesse an der Schule in der Öffentlichkeit geweckt ist. Allerdings sollte man den Türöffner nicht mit dem Haus verwechseln. Ist das Haus hinter der Tür leer, wird jeder schnell wieder hinausgehen. Der Türöffner hat nur dann einen Sinn, wenn hinter der Tür das vorhanden ist, was man dort vermutet. 

Online-Redaktion: Sie sind auch Berater des Kultusministeriums in Baden-Württemberg. Welche bildungspolitischen Visionen verbinden Sie mit den Ganztagsschulen?

Droll: Der Weg der Gymnasien zu Ganztagsschulen ist allein durch den Unterrichtsumfang vorbestimmt, er ist aber auch eine Konsequenz der Veränderungen in der Gesellschaft. Sie zeigen sich beispielsweise in der Berufstätigkeit beider Erziehungsberechtigter. Hier wächst dem Staat die zusätzliche Aufgabe zu, im Bereich der Erziehung mehr zu leisten als früher. Das geht nur in dem zeitlich ausgedehnten Rahmen einer Ganztagsschule.

Meine Hoffnung besteht darin, dass diese massiven Veränderungen nicht zu einem Kahlschlag im Bereich der Jugend- und Verbandsarbeit führen. Hier gibt es viele und über Generationen gewachsene Strukturen, und ich hoffe, dass es gelingt, ihren Kernbestand durch Kooperationen und Verzahnung der Institutionen zu erhalten. Denn das, was Sportvereine, kirchliche Jugendgruppen über Generationen für die Bildung geleistet haben, ist ein Gut, das wir auf keinen Fall verschleudern dürfen, sondern weiter nutzen und ausbauen sollten.

Online-Redaktion: Wie finden Sie denn als Schulleiter bei der Politik Gehör?

Droll: Als Vorsitzender der Direktorenvereinigung und Mitglied im Landesschulbeirat arbeite ich in Gremien mit, die auch eine Öffentlichkeitswirkung haben. Man hat dort die Möglichkeit, durch Fachkompetenz und Überzeugungskraft in Erscheinung zu treten. Ich kann aber nur beraten, die Entscheidungen treffen die Bildungspolitiker.

Ich habe mit dem Jahr 2020 einen Zielpunkt vor Augen. Bis dahin werden die meisten Schulen in Deutschland ganztägige Angebote haben. Die Gymnasien werden Ganztagsschulen sein. Es wird aber darüber hinaus hoffentlich noch einen Kernbestand von außerschulischer Jugendarbeit geben, der gut mit den Ganztagsschulen verzahnt ist. Die Schulen sollten so ausgestattet sein, dass auch die Ressourcen und Mittel tatsächlich vorhanden sind, um die Pädagogik zu leisten, zu der die Pädagogen fähig sind.

Paul Droll, Jahrgang 1946, Studium der Germanistik, Philosophie, Kath. Theologie. Seit 1986 Leiter Gymnasium Achern, Oberstudiendirektor. Vorsitzender Direktorenvereinigung Südbaden, Mitglied Bundesdirektorenkonferenz, Mitglied Landesschulbeirat, Leiter Führungsseminare für Schulleiter.

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