Der Leitwolf

Es gibt Schulen, die in großen Umbruchszeiten wie ein Fels in der Brandung stehen. Sie werden von Persönlichkeiten geleitet wie dem Schulleiter und Vorsitzenden des Sächsischen Philologenverbandes Frank Haubitz, der von der "Wende" 1989 bis zum G8-Gymnasium im Jahr 2008 seine Vision von einer Ganztagsschule verwirklicht hat.

Frank Haubitz

Online-Redaktion: Herr Haubitz, wie sieht ein normaler Tag an Ihrer Schule aus?

Frank Haubitz: Mein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr. Zu dieser Stunde trudeln alle in der Schule ein. Dann reagieren wir auf Krankmeldungen von Lehrkräften, die vertreten werden müssen: Das macht meine Stellvertreterin. Der Unterricht beginnt um 7.40 Uhr und endet um 16 Uhr. Als Schulleiter gebe ich selbst Unterricht.

Natürlich habe ich einen hohen Büroaufwand. Dabei geht es um Statistiken, Meldungen, kleine und große Anfragen aus dem Landtag, die ich beantworten muss. Am Nachmittag schaue ich mir an, was im Ganztagsangebot läuft: Förderunterricht, Talente-AGs. Am meisten Spaß macht mir, bei meinen kleinen Schauspielern vorbeizuschauen. Abends finden Elterngespräche und Elternabende statt. Man hat also zehn Stunden zu tun.

Online-Redaktion: An Ihrer Schule gibt es einen Schwerpunkt Naturwissenschaften und einen künstlerischen Schwerpunkt. Wie kam es dazu, und welchen Anteil haben Sie daran?

Haubitz: Meine Aufgabe ist es, diese Schwerpunkte zu implantieren. Man muss die Kollegen davon überzeugen, dass diese Profile für die Schüler wichtig sind. Das hat zwei Gründe. Das naturwissenschaftliche Profil ist traditionell mit dem Standort verknüpft. Schon zu DDR-Zeiten war die Mikroelektronik ein wichtiger Industriezweig in Dresden. Daher haben wir viele Eltern an der Schule, die Ingenieure sind oder zum ingenieurtechnischen Personal gehören – sie legen großen Wert auf eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung ihrer Kinder. Auf diesem Gebiet habe ich besonders geeignete Lehrkräfte. Das hat mit der Historie zu tun: Die Lehrerausbildung in der DDR war meiner Ansicht nach fachlich und methodisch besser als in Westdeutschland.

Wer sich für den Beruf entschieden hatte, tat dies aus Berufung. Die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule wurde direkt auf die Berufspraxis ausgerichtet. Die Methodik hatte eine viel größere Rolle. Es fanden frühzeitig Praktika statt: Ich erinnere mich daran, dass wir eine Gruppe von zehn Studenten waren, einer unterrichtete, während die anderen neun zuschauten. Dann wurde die Stunde ausgewertet. So etwas fand jede Woche in zwei Fächern statt. Mir hat auch gefallen, dass vernünftige Fächerkombinationen vorgegeben wurden. Man konnte sich ausprobieren und wurde dabei intensiv begleitet. Als ich an die Schule kam, hatte ich einen Mentor, der mich hospitierte und mir Tipps gab. So wurde ich in den Fächern Mathematik und Geographie sehr gut auf meine Lehrerlaufbahn vorbereitet.

Die großen Ansprüche, die in den Naturwissenschaften vorhanden sind, werden vom Kollegium geteilt, so dass jeder mitzieht. In den Fachbereichen Deutsch und Musik sieht es etwas anders aus: Dort bekam ich viele neue Lehrkräfte, als ich damals Schulleiter wurde. Sie haben sich gefunden, ausprobiert und dieses künstlerische Profil in vier Jahren von null auf 80 Prozent hochgefahren. Die beiden Fachbereiche ergänzen sich natürlich wunderbar. Unsere Kooperationspartner für den künstlerischen Schwerpunkt sind das Festspielhaus und das Theater der Jungen Generation.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele naturwissenschaftlich begabte Schüler auch herrliche Musiker sind oder traumhafte Schauspieler. Zu DDR-Zeiten hieß es: die "allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit". Lassen wir mal sozialistisch weg, das Ziel ist immer noch gleich: Ich möchte keine Fachidioten heranbilden, sondern die allseitig gebildete Persönlichkeit, die sich im späteren Berufsleben behauptet und diese Gesellschaft mitgestaltet. Das ist das Anliegen, das meiner Meinung nach jeder Lehrer haben sollte.

Online-Redaktion: Warum sind Sie Schulleiter geworden, und welches Selbstverständnis haben Sie als Schulleiter einer Ganztagsschule?

Haubitz: Das ist relativ unkompliziert: Ich war Schüler und habe Lehrer erlebt, die waren überhaupt nicht gut. Daraus resultierte meine Motivation, Lehrer zu werden, es anders zu machen, mit den Schülerinnen und Schülern besser umzugehen. Als Schulleiter wollte ich Leitwolf sein, um ihnen eine bessere Schule, eine Schule, in der das Lernen auch mal Spaß macht, anzubieten.

So bin ich also Lehrer geworden. Ich wollte aber auch bereits vor der Wende Schulleiter werden. Das funktionierte leider nicht, weil ich in einem Gespräch, das man mit mir geführt hat, darauf hingewiesen wurde, dass ich da der Partei beitreten müsse. Den Zusammenhang habe ich damals nicht so richtig verstanden: also, welches Interesse daran besteht, der Partei beizutreten, wenn man eine Schule leiten möchte. 1989 kam die Wende, und die Eltern kamen auf mich zu und sagten: "Du wärst doch der Richtige, übernehme du die Schule!"

Es wurde eine Schulkonferenz einberufen, die sich aus sechs Lehrern und sechs Eltern zusammensetzte, und dann wurde ich gewählt und übernahm die damalige 105. Polytechnische Oberschule. Darauf folgte für mich die schönste Zeit in meinem beruflichen Leben. Ich habe alle Regale in meinem Dienstzimmer ausräumen lassen, es gab keine Vorschriften. Wir haben Bildung aus dem Bauch gemacht. Und das hat wunderbar funktioniert.

Ich hatte damals viele Schulleiterkollegen kennengelernt, aber leider keinen, der mich vorangebracht hätte, weil ich mir sagte, dass es nicht sein kann, dass man sich nur für den Flötenkreis am Nachmittag einsetzt. Das verstehe ich nicht unter Schule leiten. Glücklicherweise kam damals ein Schulleiter auf mich zu – der damalige Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz Durner aus Unterhaching – und sagte: "Komm doch mal runter zu mir und guck dir meine Schule an."

Ich bin ihm dann wie ein treuer Hund eine Woche hinterhergelaufen, habe alle Zettel und Formulare und was es so gab mitgenommen. In diesen 14 Tagen habe ich gelernt, wie man Schule quantitativ leitet. Die Qualität muss jeder selber reinbringen: dazu gehören eigene Ideen und Visionen. Man muss für den Beruf brennen, ansonsten bringt man es lediglich zum Verwalter.

Online-Redaktion: Was ist neben der Qualität heutzutage noch wichtig?

Haubitz: Man muss eine bestimmte Wertestruktur schaffen: Ohne Disziplin und Ordnung läuft keine Schule. Sie muss den Schülerinnen und Schülern Normen vermitteln. Das schafft man nur, indem man sein Kollegium auf seine Seite zieht und feste Regeln vereinbart: Erstens, zweitens, drittens. Innerhalb dieses Rahmens haben sich alle zu bewegen.

Ich glaube, das hat sich in den letzten Jahren unheimlich zum Positiven gewendet: Die Schülerinnen und Schüler haben erkannt, dass hohe Forderungen gestellt werden, und die Lehrkräfte sind fair und stets für sie da. Das geht auf die Grundsatzphilosophie zu Beginn meiner Schulleitertätigkeit zurück, als ich gesagt habe: "Der Lehrer ist für den Schüler da und nicht umgekehrt."

Was damals vielleicht etwas banal klang, haben in der Zwischenzeit alle begriffen. Das macht nun das gute Klima an dieser Schule aus, und das ist traumhaft! Es macht Spaß, hier Lehrer und Schulleiter zu sein, und ich denke, dass auch die Schülerinnen und Schüler hier gerne zur Schule gehen.

Online-Redaktion: Für die Gymnasien ist die Schulzeitverkürzung zu G8 ein wichtiges Thema. Wie kann das gelingen?

Haubitz: Machen wir es mal ganz einfach: Das G8 einzuführen, ist schon eine vernünftige Sache, es ist nur einfach ganz überhastet angegangen worden. In den alten Bundesländern bedeutet es ja einen Paradigmenwechsel. Die Eltern waren es gewohnt, dass die Kinder zum Mittagessen nach Hause kommen. Diesen Hintergrund hätte man bedenken müssen. Ich glaube, hier hätte man den Boden vorher besser pflügen müssen, bevor man die Saat ausbrachte.

Das hat man nicht getan, sondern überhastet eingeführt, und nun stößt man allseitig auf Widerstände, weil eine G8-Umstellung unwahrscheinlich kompliziert ist. Es gibt eine höhere Stundenzahl, und wenn man die KMK-Anforderungen erfüllen möchte, haben die Schüler nun so viel Unterricht, dass das ganze Unternehmen ineffizient wird. 

Wenn ich Kultusminister wäre, hätte ich gesagt, wir fangen in der 5. Klasse an, und dann führen wir das über acht Jahre schön langsam nach oben, es läuft uns doch nichts weg. Lernen soll Spaß machen, muss aber auch manchmal "wehtun" – ich muss schon mal pauken oder etwas auswendig lernen, muss auch mal auf etwas Freizeit verzichten und das Lehrbuch hervorholen.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt dabei die Ganztagsschule? Kommt sie dem G8-Modell entgegen?

Haubitz: Das sowieso. Schule wird in Zukunft nur noch gelingen, wenn ich den Schülerinnen und Schülern den ganzen Tag Angebote unterbreite, die nicht nur etwas mit Schule zu tun haben, sondern mit ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten, mit ihren Interessen und Talenten. Überdies kann ich in einer Ganztagsschule die Schlüsselqualifikationen herausbilden und insbesondere Sozialkompetenzen deutlich stärken. Hierfür sollten mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Zunehmend gehen beide Elternteile arbeiten, und wenn sie zwei oder drei Kinder haben, sind manche privaten Bildungsangebote einfach nicht bezahlbar. Wenn ich von Chancengleichheit rede, meine ich die Ganztagsschule. Ich biete diesen Eltern die fast kostenfreie Möglichkeit, der allseitigen Förderung ihrer Kinder in der Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Sie haben Gelder aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) bekommen. Wofür haben Sie die verwendet?

Haubitz: Vor vier Jahren fehlten uns noch die materiell-technischen Voraussetzungen. Deshalb haben wir mit den Geldern des IZBB das Mobiliar finanziert, um die Atmosphäre an der Schule zu verändern. Man muss in einer Ganztagsschule Lernlandschaften schaffen, damit die Schüler am Nachmittag nicht wieder in ihrem Klassenzimmer sitzen.

Wir brauchen keine goldenen Wasserhähne, sondern Angebote für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler, besonders in den Klassen 5 und 6. Da gibt es die Möglichkeit, in Mathematik, Deutsch und der ersten Fremdsprache Förderunterricht in kleinen Gruppen in Anspruch zu nehmen. Wir brauchen an der Ganztagsschule aber auch Talentförderung oder Arbeitsgemeinschaften, die Außenwirkung haben, wie zum Beispiel unsere tolle Foto-AG, zwei super Chöre, vier Bands und vieles mehr.

Als die materiell-technische Basis vorhanden war, ging es darum, die Nutzung von Honorarverträgen zu erweitern. Ein ganz wichtiger Punkt war hierbei, Leute von draußen in die Schule zu holen. Den Keramikkurs hätte auch meine Kunsterzieherin machen können. Aber wir haben uns eine Keramikerin geholt, so wie unsere Laienspielgruppe und Theatergruppe von einer Theaterpädagogin begleitet werden. Bei den größeren Schülern kamen Fachkräfte vom Theater der Jungen Generation zu uns. Jetzt sind wir dabei, von der Palucca-Schule eine Tanzlehrerin zu engagieren. Für ein Musical muss man nämlich auch tanzen lernen.

Online-Redaktion: Welche Visionen haben Sie?

Haubitz: Die Schule wird zunehmend ein Zufluchtsraum für die Kinder und Jugendlichen sein. Sie muss deshalb Geborgenheit und Berechenbarkeit bieten. Darüber hinaus möchte ich den Schülern Perspektiven aufzeigen und die Möglichkeiten, sich auszuprobieren, erweitern. Mit der Ganztagsschule versprechen wir ihnen: Wenn du dir Mühe gibst, deinen Weg zu finden, steht dir die ganze Welt offen. Die Schule soll nicht bloß der Lernort sein, sondern auch Lebensort für die Schülerinnen und Schüler. Und da wäre es auch schön, wenn dafür ein großzügig konzipiertes Schulgebäude mit einer Zweifeldersporthalle und Rasensportplatz zur Verfügung stünde.

Aber auch ohne das alles weiß ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Schule wird von den Kindern und Jugendlichen angenommen, und es gibt eine sehr angenehme Atmosphäre. Man geht hier sehr fair miteinander um: Man achtet einander und achtet die Werte, die an dieser Schule etabliert wurden.

Online-Redaktion: Wie gewährleisten Sie dabei die Balance zwischen der Leistung und dem Menschen?

Haubitz: Die Leistungsanforderungen sind hoch, aber die Lehrer zeigen dem Einzelnen, was in ihm steckt. Wir zeigen den Schülerinnen und Schülern – auch den schwächsten – im Unterricht, was sie können. Ich verlange als Schulleiter zum Beispiel, dass alle Lehrer zu den Theateraufführungen kommen. Das ist sinnvoll, weil diejenigen, die bei der Theateraufführung eine grandiose Aufführung geben, nicht unbedingt in Mathekursen glänzen.

Bei der Aufführung sieht jeder Lehrer, was für tolle Potenziale in seinen Schülern stecken, und dass sie ihre Stärken eben woanders haben. Schon bin ich als Schulleiter oder Lehrkraft wieder motiviert, diesen Schülern unter die Arme zu greifen, sie zu motivieren: Du schaffst eine Drei. Oder: Du schaffst das Abitur, das kriegen wir hin. Die Ganztagsangebote sind ja nicht nur für Klasse 5 und 6, sondern das geht bis hoch in die 12. Klasse. Und da gibt es eben kostenlose Fördermöglichkeiten in Mathe, damit die Musical-Hauptrolle das Matheabitur schafft.

Online-Redaktion: Worin sehen Sie Ihre größte Errungenschaft als Schulleiter?

Haubitz: Das ist eine schwere Frage: Ich habe im Grunde genommen meinen Lebenstraum verwirklicht. Ich bin nicht so wie meine Lehrer damals, das heißt, wenn es zu spontanen Begegnungen mit meinen Schülern kommt, gehen die nicht auf die andere Straßenseite, sondern sie gehen auf mich zu und grüßen, und viele erzählen mir von sich.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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