Lesetipp: Zurück zur Ganztagsschule

Guido Seelmann-Eggebert hat Zeitkonzepte hessischer Schulen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert untersucht. Heute sei Deutschland „auf dem Weg zurück zur Ganztagsschule“.

Guido Seelmann-Eggebert ist seit 2003 Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes Hessen. Er war Lehrer in Frankfurt am Main und Wiesbaden und zuletzt Rektor einer Gesamtschule in Wiesbaden. Er ist Fachberater für Ganztagsschulen und führt Fortbildungen und Tagungen der lea bildungsgesellschaft der GEW Hessen durch. Auch für die Serviceagenturen „Ganztägig Lernen“ in Hessen und Baden-Württemberg war er tätig. Intensiver kann man kaum in die aktuelle Ganztagsschulentwicklung involviert sein.

Doch „wer nach vorne fahren will, sollte mal in den Rückspiegel gucken“ – mit diesem Zitat eines Bildungsforschers begründet Seelmann-Eggebert nun sein intensives historisches Interesse. Aufhorchen lässt dabei seine pointierte Aussage, Deutschland sei heute „auf dem Weg zurück zur Ganztagsschule“. Denn über viele Jahrhunderte sei an Schulen ganztägig gelernt worden: „An Gymnasien immer, an Elementarschulen immer dann, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort es ermöglichten“ (S. 7). Die Halbtagsschule, wie sie sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, bezeichnet Seelmann-Eggebert wie andere Autoren als „Sonderweg“ Deutschlands und der angrenzenden deutschsprachigen Länder und am Ende sogar als „pädagogische Fehlentwicklung“ (S. 120).

Die Studie ist eine regionale Studie: Es geht um die Entwicklung vom Vor- und Nachmittagsunterricht zur Halbtagsschule in Hessen. Das Besondere sind die vielen abgedruckten Dokumente: Auszüge aus Schulordnungen und vor allem Stundenpläne als Beispiele für schulische Zeitkonzepte von ländlichen und städtischen Schulen. Ausgewertet hat der Autor auch historische Literatur und Zeitschriften.

Die Studie knüpft damit an die wenigen älteren bildungshistorischen Untersuchungen zur Ganztagsschule, die auch immer wieder zitiert werden, an: Joachim Lohmanns Buch von 1965 „Das Problem der Ganztagsschule. Eine historisch-vergleichende und systematische Untersuchung“ und Harald Ludwigs Buch von 1993 „Entstehung und Entwicklung der modernen Ganztagsschule in Deutschland“. Die kleine Broschüre ist ein Ausschnitt aus einer größeren Forschungsarbeit des Autors „zur Entstehung der ‚modernen’ Halbtagsschule vor ca. 150 Jahren in Deutschland“ und zugleich ein anschaulicher Überblick.

Es ist verdienstvoll, dass die noch recht junge Akademie für Ganztagsschulpädagogik nicht nur Publikationen zur Ganztagsschule der Gegenwart herausgibt, sondern, herausgegeben von Volker Titel, auch eine Reihe „Studien zur Schulgeschichte“ begonnen hat.

Wer sich für die Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders interessiert, sei auf die neuere sozialgeschichtliche Studie von Monika Mattes „Das Projekt Ganztagsschule. Aufbrüche, Reformen und Krisen in der Bundesrepublik Deutschland (1955–1982)“ hingewiesen.

Guido Seelmann-Eggebert (2020): Ganztagsschule oder Halbtagsschule? Zeitkonzepte in Hessen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Bd. 2 der Reihe „Studien zur Schulgeschichte“, herausgegeben von Volker Titel. Akademie für Ganztagsschulpädagogik.

Monika Mattes (2015) „Das Projekt Ganztagsschule. Aufbrüche, Reformen und Krisen in der Bundesrepublik Deutschland (1955–1982)“. Köln: Böhlau.
Rezension: https://www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/reb-23131

Eine übersichtliche Kurzinformation über die aktuellen Artikel, Meldungen und Termine finden Sie zweimonatlich in unserem Newsletter. Hier können Sie sich anmelden.

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)