"Alle für einen, einer für alle"

Die Hauptschule "Insel Schütt" ist eine der ersten beiden Schulen mit Ganztagsbereich in Mittelfranken. Von Klasse fünf bis neun hat die Schule neben der Regelschule Ganztagsklassen aufgebaut, die die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler und die bessere Einbindung der Eltern ermöglichen. Damit die Hauptschüler nicht auf das gesellschaftliche Abstellgleis geschoben werden, macht sich Schulleiter Dieter Schultze in einem Gespräch mit der Online-Redaktion dafür stark, "dass wir uns alle mehr anstrengen". Sein Lieblingsslogan zur Erreichung dieses Ziels lautet "Zeit für mehr", so Schultze im Rahmen unserer Reihe "Ein Tag im Leben eines Schulleiters".

Dieter Schultze

Online-Redaktion: Welches Selbstverständnis haben Sie als Schulleiter: Sind Sie Manager, Moderator, Pädagoge?

Schultze: Die Funktion des Schulleiters beinhaltet mit Sicherheit alle Bereiche, die Sie aufgezählt haben. Manchmal bin ich aber auch als Seelentröster gefragt. In meiner Zuständigkeit für Schulentwicklung fällt ebenfalls, dass der Schulleiter Ideen und Anregungen aus dem Kollegium aufgreift und die Weichen stellt, damit sich Umsetzungsmöglichkeiten auftun. Das ist übrigens eine sehr wichtige Aufgabe.

Online-Redaktion: Hat sich Ihre Aufgabe durch die Ganztagsschule verändert?

Schultze: Ja, denn durch den Ganztagsbereich ist das Schulgebäude bis in den Nachmittag hinein belebt. Dadurch hat der Schultag eine andere Qualität bekommen. Der Ganztagsbereich stellt uns oft vor eine Güterabwägung und wir fragen uns, was können wir leisten und was überfordert uns als Schule oder wo macht es Spaß etwas Neues anzufangen?

Online-Redaktion: Wie sieht denn ein ganz normaler Schultag an Ihrer Hauptschule aus und wie gestalten Sie die Übergänge an der Schnittstelle Grundschule/Hauptschule?

Schultze: Wir teilen uns das Gebäude mit einer Grundschule, sie ist aber verwaltungstechnisch selbstständig. Viele Grundschüler übernehmen wir nach der vierten Klasse in die Hauptschule. Die meisten Kinder und Jugendlichen kommen aber von den umliegenden Schulen zu uns.

Einen ganz normalen Schultag muss man erleben, den kann man nicht so leicht schildern. Mein Schultag fängt früh an, er beginnt häufig mit einem kurzen Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen. Da wir über sehr offene Verwaltungsräume verfügen, ist die Kommunikation sehr gut und die Berufszufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen, die ja viel mit gelungener Kommunikation zu tun hat, nimmt zu. Mir ist es als Schulleiter sehr wichtig, nicht abgehoben über den Dingen zu stehen.

Zu einem normalen Schultag gehören die Telefonate mit den Eltern oder den jeweiligen Ämtern der Stadt Nürnberg. Im Laufe eines Tages kommen Schülerinnen und Schüler zu mir, die durch Fehlverhalten aufgefallen sind und mit denen ich ein ernsthaftes Wort sprechen muss. Es überwiegen aber die positiven Neuigkeiten, weil wir viel mit Lob arbeiten. Wir sind der Meinung, dass es pädagogisch sinnvoller ist, erwünschtes Verhalten zu verstärken als unerwünschtes Verhalten zu bestrafen. Die positiven Rückmeldungen bestärken uns in unserem Vorgehen, sie wirken natürlich auf das Schulklima zurück.

Meiner Meinung nach wird die Schulatmosphäre nicht zuletzt durch unser gut harmonierendes Kollegium geprägt. Es funktioniert wie die Mannschaft der Handball-Weltmeister nach dem Motto: Alle für einen, einer für alle. Zusammenhalt überwindet Einzelkämpfertum.

Online-Redaktion: Wie wirkt sich das positive Schulklima denn auf die Zusammenarbeit mit anderen Professionen aus?

Schultze: Das ist ein Schwachpunkt in Bayern, dass die Schulen kaum die Möglichkeit haben, über ihre Schulgrenzen hinaus zu schauen. Schulkooperationen werden von der Schulaufsicht nicht gefördert, so wie es auch kein Benchmarking gibt, also einen professionellen Vergleich mit der Arbeit anderer Schulen. Die Einzelschulen sollten sich aber als Netzwerke zusammentun, um Synergieeffekte zu erzielen.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat die Mittagspause an Ihrer Schule?

Schultze: Wir haben das große Glück, dass neben unserer Schule die Mensa der Universität liegt. Hier dürfen wir mit unseren Ganztagsklassen zu Mittag essen. Die Mensa erstreckt sich über drei Stockwerke und es werden jeden Tag über 2.500 Essen ausgegeben. Wir sind dort Gäste und müssen darauf achten, dass unsere Schülerinnen und Schüler sich ordentlich benehmen.

Insgesamt bin ich sehr zufrieden, denn die Küche ist auf alle Kulturen ausgerichtet. Die Kinder werden in der Mittagspause von den Lehrerinnen und Lehrern begleitet. In der gebundenen Ganztagsschule ist es wichtig, dass die Lehrkräfte mit am Tisch sitzen. Ich halte das für einen wichtigen pädagogischen Baustein unserer Ganztagsklassen, der zu einem besseren Schulklima beiträgt. Der Vorteil dabei ist, dass auf diese Weise die kleinen oder großen Probleme der Schülerinnen und Schüler besprochen werden. Einen Beleg für die Akzeptanz dieser Begegnungen am Mittagstisch sehe ich darin, dass die Mittagspause von den Schülerinnen und Schülern gerne wahrgenommen wird. Die Kommunikation ist aber keine Einbahnstraße: Schülerinnen und Schüler erfahren auch private Dinge ihrer Lehrerinnen und Lehrer.

Online-Redaktion: Was muss eine Hauptschule als Ganztagseinrichtung organisatorisch leisten, um die Räume zu planen und welche Rolle spielen dabei Mittel aus dem IZBB?

Schultze: Die Schulen in Bayern - mit Ausnahme all jener, die erst vor kurzen gebaut wurden - eignen sich in der Regel nicht für einen Ganztagsbetrieb. An unserer Schule existiert nicht einmal eine Aula. Außer den Klassenzimmern gibt es noch ein paar Fachräume, eine Turnhalle und einen öden Pausenhof. Deshalb müssten bauliche Maßnahmen erst mehr Raum schaffen, damit man als Schüler seine Pausen nicht am Schreibtisch abhalten muss.

Uns fehlen für die Schülerinnen und Schüler ein Ruheraum und ein Spielraum, so dass der Ganztagsbetrieb in den Klassenzimmern stattfindet. Genau für diese Zwecke gibt es die IZBB-Mittel. Doch obwohl wir in Nürnberg eine der ersten Schulen waren, die die Anträge auf Förderung gestellt haben, sind bislang keinerlei Mittel geflossen.

Die beantragten Gelder sind für den Umbau eines ehemaligen Schwimmbads vorgesehen. Daraus sollten eine Bibliothek, ein Ruheraum und EDV-Räume hervorgehen. Wir haben bereits Architekten herangezogen, die die Pläne für dieses Projekt bereits entworfen haben, doch bislang können wir noch nicht an die Umsetzung gehen.

Bei einer gebundenen Ganztagsschule müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen. Wir haben den Ganztagsbetrieb ja freiwillig aufgebaut, weil wir dachten, dass das eine gute Sache ist. Doch wie erkläre ich unseren Schülerinnen und Schülern und deren Eltern, die den Aufbau der Ganztagsschule miterlebt haben, dass sich nach fünf Jahren nichts getan hat und wir unter denselben Bedingungen arbeiten wie zu Beginn? Diese Schülerinnen und Schüler werden nun schon im Sommer aus der Schule entlassen.

Online-Redaktion: Welche Schwerpunkte wurden im Bereich Europa bzw. Deutsch-Französische Zusammenarbeit entwickelt?

Schultze: Wir haben keine europäischen Comenius-Kontakte, nur die Grundschule hat eine Deutsch-Französische Zusammenarbeit aufgebaut und bietet etwa 100 Kinden und Jugendlichen am Nachmittag entsprechende Angebote wie Französischunterricht. Da unsere Schule aber viele Schülerinnen und Schüler hat, die Franzosen oder Halbfranzosen sind, bieten wir etwa 100 Kindern und Jugendlichen am Nachmittag entsprechende Angebote wie Französischunterricht.

Ansonsten tut sich unsere Schule schwer damit - außer an Projekttagen, wo es um Europa geht - einen europäischen Schwerpunkt zu entwickeln. Das hängt auch mit dem Status der Eltern zusammen, die aus sozialen Gründen nicht in der Lage sind, Schülerinnen und Schüler aus europäischen Partnerschulen Übernachtungsmöglichkeiten zu stellen. Wir sind eben eine Brennpunktschule begleitet von Arbeitslosigkeit der Eltern, Alleinerziehenden, schlechten Wohnverhältnissen, Alkoholproblemen.

Online-Redaktion: Wie gelingt es Ihnen, die Eltern in das Schulleben einzubinden?

Schultze: Da muss man unterscheiden: Im Ganztagsbereich ist der Kontakt zu den Eltern recht gut. Im Halbtagsbereich sind wir nicht so erfolgreich. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die an unserer Schule aus 30 Nationen kommen, liegt bei knapp 50 Prozent. Doch die multikulturelle Zusammensetzung der Schülerschaft ist nicht unser Problem. Die Eltern, deren Kinder den Ganztagsbereich besuchen, merken, dass wir sie und ihre Kinder ernst nehmen und deshalb sind sie auch schulinteressierter.

Online-Redaktion: Haben sich die schulischen Leistungen Ihrer Schülerinnen und Schüler durch den Ganztagsbereich verbessert?

Schultze: Ich denke ja, denn auf einem Kongress der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft wurden vor zwei Jahren die Ergebnisse einer Befragung zu den Ganztagsklassen vorgestellt. Dort präsentierte der Präsident der Arbeitgebervereinigung in Bayern, Rodenstock, vier positive Ergebnisse. Die Ganztagsklassen trügen demzufolge dazu bei, dass viele Beteiligte am Schulleben zufriedener seien: die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer und vor allem die Schülerinnen und Schüler. Hinzu käme, dass deren Schulleistungen besser geworden seien. Was will man denn mehr?

Wenn man fragt, woher diese Zufriedenheit kommt, erinnere ich an den hervorragenden Slogan ,Zeit für mehr' des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutschen Kinder und Jugendstiftung (DKJS). Darin ist alles zusammengefasst. Die Ganztagsschule hat einfach mehr Zeit für die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen.

Online-Redaktion: Womit würden Sie gerne Ihr Lebenswerk als Schulleiter krönen?

Schultze: Ich bin gerne Lehrer und Schulleiter - in letzter Zeit aber etwas weniger, aufgrund verwaltungstechnischer Veränderungen. Im Kern ist die Hauptschule für mich aber ein krankes Kind. Ob man sie abschaffen kann, weiß ich nicht, aber ich würde es schön finden, wenn es soweit käme, dass man sich als Schülerin oder Schüler einer Hauptschule nicht schämen muss.

Es darf nicht sein, dass die Hauptschüler stigmatisiert werden, wie wir das mit der Rütli-Schule in Berlin erlebt haben. Die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule bekommen zwar von zuhause aus oft wenig mit, so dass es nicht jedem leicht fällt, sie zu schätzen. Sie haben aber das Recht zu sagen: ich bin wer, ich bin ein Mitglied der Gesellschaft, das man auch schätzen muss. Wir müssen uns alle mehr anstrengen, damit die Hauptschüler nicht zum Abfallprodukt der Gesellschaft werden.

Online-Redaktion: Werden Sie den Schülerinnen und Schülern auch im Ruhestand erhalten bleiben?

Schultze: Das ist beamtenrechtlich nicht vorgesehen. Ich habe Freunde, die in ganz anderen Jobs arbeiten, und die nach dem offiziellen Ausscheiden ihrer Firma mit einem kleinen Beratervertrag erhalten bleiben. Doch als Lehrer wird man nicht gefragt, sondern in Pension geschickt. Von dem Know-how, das in mir steckt, will dann keiner mehr was wissen. Aber schließlich gehe ich ja auch freiwillig mit beinahe 63 Jahren in den Vorruhestand.

Dieter Schultze, geboren am 21.11.1944, seit 1968 Lehrer, 9 Jahre Konrektor und 17 Jahre Rektor.

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