Ein Tag im Leben einer Berliner Schulleiterin

Der Horizont der Victor-Gollancz-Grundschule in Berlin-Frohnau reicht weit. Mit einer chinesischen Partnerschule pflegt sie seit zehn Jahren einen Schüleraustausch. Außerdem nehmen die Kinder an regelmäßigen Videokonferenzen in englischer Sprache mit einer weiteren Partnerschule in Singapur teil. Nachmittags gibt es Chinesisch-AGs und ein umfangreiches kulturelles Angebot. Wie die Grundschule ihren Horizont mit Hilfe der Eltern erweitert hat, schildert die Schulleiterin Gudrun Borchert im ersten Teil unseres Interviews.

Schulleiterin Gudrun Borchert

Online-Redaktion: Wie sieht ein normaler Tag für Sie als Schulleiterin aus?

Borchert: Jeder Tag sieht anders aus. Ich komme früh in die Schule. Meist stehen bestimmte Gespräche an und ich habe noch dies und jenes geplant. Aber es kommt immer anders. Viel Raum nehmen unter anderem die Telefonate mit unserem Förderzentrum für Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf ein.

Häufig fängt ein Tag damit an, dass der Vertretungsplan entworfen werden muss. Im Laufe des Vormittags gebe ich auch Unterricht. Daneben kommen laufend neue Termine hinzu. Nachdem ich zahlreiche Telefonate mit Eltern, dem Schulamt oder mit Schulleiterkollegen geführt habe, kehrt ab mittags Ruhe ein.

Online-Redaktion: Wie wurden Sie auf Ihre Aufgaben vorbereitet?

Borchert: Den Beruf Schulleiter lernt man ja nicht vorab. Man bewirbt sich um eine Schulleiterposition und wird dann eingearbeitet - wenn man Glück hat. Meine Vorgängerin hat mich in die Aufgaben eingewiesen. Da ich zuvor bereits Konrektorin an der Schule war, fiel es mir leichter, mit der Fülle an neuen Aufgaben zurechtzukommen.

Ich bin seit 1998 Schulleiterin an dieser Schule. In den letzten fünf Jahren wurden die Schulen mit Reformen überzogen, auf die ich als Schulleiterin nicht vorbereitet war. Ich musste mich sachkundig machen und bei nicht ausreichend zur Verfügung gestellten Ressourcen  versuchen, die Ansprüche zu erfüllen.

Online-Redaktion: Was reizt Sie an der Arbeit als Schulleiterin?

Borchert: Das eigentlich Spannende meiner Funktion besteht darin, dazu beizutragen, die Kinder in ihren Persönlichkeiten zu stärken und sie dahin zu bringen, dass sie lernen, sich selbstständig zu bilden. Dazu gehört auch, das Profil der Schule mit musikalisch-künstlerischem Schwerpunkt zu stärken. Die Beschäftigung mit Musik oder das Erlernen eines Musikinstrumentes beeinflusst die Kinder nachweislich positiv.

Eine Vielfalt musikalischer AGs und Kooperationen mit Musikschulen stärkt dieses Profil. Dazu gehören auch die jährlichen Großveranstaltungen, in denen von unseren insgesamt 600 Schülerinnen und Schülern bis zu 200 Kinder involviert sind. Vor zwei Jahren haben wir beispielsweise ein chinesisches Märchen als Theatermusical aufgeführt und dadurch unsere Auslandskontakte einer größeren Öffentlichkeit  zur Kenntnis gebracht. Die Musik hatten die Kinder selbst komponiert.

Online-Redaktion: Wie organisieren Sie die Auslandskontakte?

Borchert: Besonders interessant sind für uns als Grundschule die Kontakte nach China und Singapur. Aber wir halten auch Kontakt zu europäischen Grundschulen, da wir seit Jahren am Comenius-Programm teilnehmen, das von der EU unterstützt wird. Oft werden wir gefragt, ob wir bereit sind, eine ausländische Delegation zu empfangen.

Als musikbetonte Schule sind wir dafür in einer guten Ausgangsposition, da wir unsere Gäste auch mit Musik empfangen können.
Der Kontakt nach China begann beim Besuch einer chinesischen Delegation an unserer Schule im Jahre 1997. In der Folge haben wir eine Kooperation mit einer Grundschule in Peking aufgebaut. Die Schüler besuchten sich im Jahr 2000 erstmals gegenseitig, während wir in der Zwischenzeit den Austausch auf kollegialer Ebene vorbereitet hatten. Auf diese Weise lernten wir vorab die Schule und ihr Schulsystem kennen.

Online-Redaktion: Wie funktioniert denn die Verständigung?

Borchert: Anfangs war das ein Problem. Wir konnten kein Chinesisch, und unsere Partner beherrschten damals noch kein Englisch, Deutsch schon gar nicht. Inzwischen bemüht man sich auch in China um Deutsch als Fremdsprache. Jetzt funktioniert der Austausch wunderbar: Jedes Jahr im Mai kommen circa 15 chinesische Kinder für 14 Tage an unsere Schule, während unsere Kinder im Oktober für zwei Wochen nach China reisen. In den chinesischen Schulen gibt es Englisch ab Klasse eins und zusätzlich Deutsch AGs. Wir bieten im Gegenzug Chinesisch-AGs an, so dass die Verständigung dreisprachig vonstatten geht oder mit Händen und Füßen.

Zunächst wurden wir als Schule wegen dieses Kontaktes etwas belächelt. Es hieß, wir würden uns übernehmen. Heute ist das ganz anders, weil China boomt. Nun schaut man mit Respekt auf unsere Schule.

Online-Redaktion: Ihre Schule pflegt sogar Kontakte nach Singapur.

Borchert: Wir sind gerade dabei, die erste reale Begegnung der Kinder mit unserer dortigen Partnerschule zu organisieren. Bislang läuft der Kontakt noch über Videokonferenzen. Die Kinder verständigen sich auf Englisch, und sie sehen sich auf einer riesigen Leinwand, auf die wir per Beamer das Bild vom PC übertragen. Eine dieser Konferenzen war kürzlich auch in einer ZDF-Sendung über Singapur zu sehen. Ein Team des ZDF war mehrere Tage an unserer Schule und hat die Kinder bei ihren Aktivitäten begleitet.

Für die Kinder ist das spannend, denn sie sehen sich erst auf der großen Videoleinwand und dann noch im Fernsehen. Die Videokonferenzen werden von den Englischlehrern vorbereitet: Sie klären mit den Kollegen in Singapur, über welches Thema die Kinder sich austauschen wollen. Das geht ganz toll!

Online-Redaktion: Was erhoffen Sie sich von solchen Auslandskontakten?

Borchert: Mir ist es sehr wichtig, den Kindern einen Blick über den Tellerrand zu eröffnen. Dazu gehörte auch der Kontakt zu einer Schule für Behinderte in Warschau. Als wir die polnischen Kinder zu Gast in unserer Schule hatten, standen unsere Schülerinnen und Schüler vor gewaltigen Aufgaben, da viele körperbehinderte oder sprachbehinderte Kinder ohne ihre Hilfe nicht auskamen, einige saßen sogar im Rollstuhl. Sie haben die Herausforderung sehr gut gemeistert. Ich möchte, dass unsere Schüler einfach die Augen für das Leben öffnen - das ist es, was ich durch die realen Kontakte anstrebe, und dafür habe ich auch die Unterstützung der Eltern und des Kollegiums.

Online-Redaktion: Welche Probleme gibt es an Ihrer Schule?

Borchert: Es gibt beispielsweise ein Problem der Verwahrlosung, das besonders schon bei  den ganz Kleinen, die Entwicklungsverzögerungen haben, deutlich wird, weil die Eltern sich zu wenig um sie kümmern. Diese Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und brauchen emotionale Wärme. In unserem Einzugsgebiet befinden sich zwei sozialpädagogische Heime, deren Kinder wir nur in enger Zusammenarbeit mit den dortigen Erziehern zu positiven Erlebnissen und schulischen Erfolgen führen können. Wir sind also auch als Psychologen gefordert. Je größer die Schule wird, desto schwieriger wird es, auf jedes Kind einzugehen.

Online-Redaktion: Fühlen Sie sich solchen Aufgaben gewachsen?

Borchert: Jede Lehrerin und jeder Lehrer müsste die Fähigkeit besitzen, zu erkennen, wann es einem Kind schlecht geht oder es eine ungute Entwicklung nimmt. Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie sind Teile der Lehrerausbildung. In der Grundschule ist die entsprechende erzieherische Begleitung der Kinder leichter als in der Oberschule, da es ja noch die Klassenlehrer gibt. Diese unterrichten bei uns mindestens zwölf bis 15 Stunden pro Woche in der eigenen Klasse. Sie kennen also ihre Kinder, und sie merken auch, was mit den Kindern los ist.

Nicht immer öffnet sich ein Kind ein- und derselben Person. Wenn die Kollegen an ein Kind nicht mehr herankommen, versuche ich es. Einen guten Zugang zu Kindern mit Problemen haben auch unsere Religionslehrer. So fällt uns eigentlich kein Kind durch, das hoffe ich jedenfalls.

Online-Redaktion: Welche Visionen möchten Sie noch realisieren?

Borchert: Eigentlich habe ich an dieser Schule meine Visionen bereits realisiert. Da ich früher selber Fremdsprachen studiert habe, war mir der Kontakt zum Ausland immer wichtig. Genau diesen Schwerpunkt konnte ich mit Hilfe meiner Kollegen in dieser Grundschule realisieren. Die Fortsetzung der Musikbetonung ist mir ebenfalls ein Anliegen.

Gudrun Borchert, geb. 23. November 1944 in Breslau, aufgewachsen in Berlin, im Schuldienst seit 1968, seit 1970 als Fachseminarleiterin in der Lehrerausbildung acht Jahre lang tätig, ab 1974 Fachbereichsleiterin für Fremdsprachen an einer Gesamtschule für zwölf Jahre, seit 1986 auf eigenen Wunsch tätig an der Grundschule, seit 1992 dort Konrektorin, seit 1998 Schulleiterin. Verwitwet, zwei Kinder.

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