Ein Tag im Leben einer hessischen Schulleiterin

Die Friedrich-Ebert-Schule ist die traditionsreichste Ganztagsschule in Deutschland. Wie sieht ein normaler Schultag an dieser gebundenen Ganztagsschule aus Sicht der Schulleitung aus? Helga Artelt ließ sich bei ihrer Arbeit über die Schulter gucken. Sie gibt dabei einen Einblick in die Vielfalt ihres Aufgabengebietes und sie schildert ihre Vision einer Schule, die sich von veralteten Leitbildern verabschiedet und sich Kindern zuwendet, um sie auf die heutige Gesellschaft vorzubereiten.

Online-Redaktion: Wie sieht denn ein ganz normaler Schultag an Ihrer Schule aus?
 
Artelt: Normalerweise bin ich kurz vor halb Acht in der Schule. Ich bespreche mich mit meiner Sekretärin über die anstehenden Termine. Dann gibt es ein Gespräch mit meinem Stellvertreter, der für die Stundentpläne und den täglichen Vertretungsplan zuständig ist. Wir überlegen uns, was es Besonderes gibt, Krankheitsfälle etwa. Außerdem spielen längerfristige Projekte meist eine Rolle. Anschließend gehe ich meist in das Lehrerzimmer und schaue, wer da ist. Danach arbeite ich meine Post ab - täglich fallen ja jede Menge Emails oder Wiedervorlagen an.

Meine Dienstpost beinhaltet die schriftliche Korrespondenz mit den Institutionen, Ämtern, Elternbriefe sowie Einladungen an Kollegen für Konferenzen, Arbeitsgruppen, Gremien und weiteres. Vormittags schaut der Hausmeister - der hier in Frankfurt Schulhausverwalter heißt - bei mir vorbei. Wir sind ja eine Schichtschule und deswegen arbeite ich mit zwei Schulhausverwaltern zusammen. Im späteren Verlauf des Tages habe ich meist Unterricht, der bei uns fast nur in Doppelstunden angeboten wird. Die Sekretärin weiß aber, wo ich während des Unterrichtes anzutreffen bin.

Ich bin aus Überzeugung Lehrerin und arbeite sehr gerne mit den Schülerinnen und Schülern zusammen. Doch durch die Quantität der Aufgaben, die auf den Schulleitungen lasten, sind die aktuellen Unterrichtsverpflichtungen manchmal eher hinderlich für die Erfüllung des Jobs. Nicht selten bekomme ich einen Anruf aus dem Ministerium oder vom Schulträger und dann geht man davon aus, dass ich vollständig verfügbar bin. Auf der anderen Seite erwarten die Schülerinnen und Schüler, dass ich pünktlich in den Unterricht komme. So fühle ich mich häufig hin und her gerissen. Es ist nicht leicht, zu sagen: Ich mache jetzt einen Schnitt und gehe in den Unterricht.

Die hohe Unterrichtsverpflichtung hat aber den Vorteil, dass ich mit dem Alltag der Kolleginnen und Kollegen verbunden bleibe. Sie sind eher bereit, Vorschläge zu akzeptieren und umzusetzen, weil sie wissen, dass ich weiß wovon ich spreche. Außerdem spüre ich die Auswirkungen der "Schulversuche" gewissermaßen am eigenen Leib.

In den Pausen lasse ich mich gerne im Lehrerzimmer sehen, um spontane Gespräche zu führen. Es gibt aber auch täglich fest abgestimmte Termine mit den Kolleginnen und Kollegen, die bis zu einer Stunde dauern. Ruhige Arbeitszeiten gibt es kaum. Früher hatte ich noch Zeit für die konzeptionelle Arbeit oder zum Schreiben von Artikeln. Das erledige ich nun entweder am Wochenende oder zu vorgerückter Stunde in der Schule.

Ein normaler Schultag wird immer durchschossen, durch das, was an unerwarteten Aufgaben und Problemen reinkommt. Wenn also Eltern wegen eines Anliegens bei mir anrufen oder das Kultusministerium bzw. das Schulamt bestimmte Informationen abfragen.

Online-Redaktion: Was bewegte Sie, Schulleiterin zu werden?

Artelt: Schulleiterin wird man ja nicht über Nacht. Als junge Lehrerin habe ich zunächst an einem Landerziehungsheim gearbeitet. Es war ein Gymnasium, und die Schülerinnen und Schüler, die aus der Stadt kamen, verbrachten den ganzen Tag in der Einrichtung. Nach einer 15jährigen Station an in der Ganztagsszene bekannten Hegelsbergschule in Kassel als Pädagogische Leiterin, bin ich als Schulleiterin an diese Integrierte Gesamtschule, die Friedrich-Ebert-Schule, gewechselt.

Sie ist die älteste öffentliche Ganztagsschule in Deutschland. Hier habe ich mich wegen des engagierten Kollegiums sehr wohl gefühlt. Mir gefiel auch, dass die Schule keinen aufgesetzten Ganztagsgedanken verfolgte, weil mal gerade Geld für den Ausbau der Ganztagsschulen zu vergeben war, sondern weil die Mehrheit des Kollegiums wirklich vom Ganztagsgedanken überzeugt ist.
 
Da ich bereits 15 Jahre lang die Funktion einer Pädagogischen Leiterin an einer anderen Gesamtschule inne hatte, war für mich die Schulleitungsarbeit nicht fremd. Mir hat diese Aufgabe sehr gut gefallen, weil sie mit inhaltlich-konzeptioneller Arbeit verbunden war. Als Pädagogische Leiterin hat man allerdings "nur" beratende Funktion. Die eigentliche Verantwortung trägt der Schulleiter oder die Schulleiterin. Er bzw. sie hat das Sagen.

So habe ich mich auf eine Stelle als Schulleiterin beworben. Mein Anspruch war es, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen eine Schule für heutige Kinder zu gestalten. Ich meine damit eine Schule, die sich von veralteten Leitbildern verabschiedet und sich Kindern zuwendet, um sie auf die heutige Gesellschaft vorzubereiten. Dieses Ziel kann man nicht als Einzelkämpferin, sondern nur zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen anstreben. Als Schulleiterin fühle ich mich dem reformpädagogischen Ansatz verpflichtet.

Hier besteht auch - wie sich jetzt herausstellte - ein Anknüpfungspunkt an die Friedrich-Ebert-Schule. Eine Doktorandin hat das Frankfurter Reformprojekt im Zuge ihrer wissenschaftlichen Forschung untersucht. Sie hat dabei die Anfänge der Friedrich-Ebert-Schule und deren Entwicklung mit einer anderen Reformschule in der Stadt verglichen. Unsere Schule war ja eine linksliberale Gründung. Viele reformpädagogische Ansätze wurden bereits in den 1920er Jahren verwirklicht, und an denen können wir heute wieder anknüpfen.

Online-Redaktion: Welches Selbstverständnis haben Sie als Schulleiterin? Sind Sie Leiterin einer Innovationsschmiede, Managerin, Pädagogin oder auch Psychologin?

Artelt: Von jedem bin ich etwas. Mein Selbstverständnis bezieht sich auf alle Fragen. Schulleitung ist ja nicht zu vergleichen mit dem Management eines Industrieunternehmens, das sich auf ein bestimmtes Segment oder Produkt fokussiert und sich im Prinzip dem Gewinndenken verpflichtet fühlt.

Als Schulleiterin bin ich für das Ganze verantwortlicht. Das heißt aber nicht, dass ich alles gleich kann oder gut können muss. Viele Kompetenzen habe ich mir erst im Berufsalltag angeeignet. Für mich ist  das Anregen von Innovationen eine Kernaufgabe, ebenso wie die Personalentwicklung- bzw führung, die ich eigentlich für die wichtigste Aufgabe halte. Gefragt ist aber auch psychologisches Fingerspitzengefühl und last but not least die Unterrichtstätigkeit selber.

Online-Redaktion: Was sind die Aufgabenbereiche einer Schulleiterin und was sollte sie am Besten können?

Artelt: Schulleitungen benötigen eine hohe kommunikative Kompetenz. Man muss zuhören und hinschauen, aber auch Vorschläge von anderen annehmen und schließlich sehr entscheidungsfreudig sein. Es ist unabdingbar, dass man ein gutes (Schulleitungs-) Team hat, damit man sich auf andere verlassen kann, die ihre Bereiche selbstverantwortlich gestalten.

Dazu gehört außer den Managementaufgaben die Pflege der so genannten Corporate Identity zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen sowie den Schülerinnen und Schülern. Beziehungspflege, sowohl hinsichtlich der Eltern wie auch der Schülerinnen und Schüler, ist ein weiterer Aspekt. Wenn ich neue Ideen anrege, muss ich ja Personen gewinnen, um mit ihnen gemeinsam die Prozesse zu initiieren und so Innovationen zu verwirklichen.

Wie bereits erwähnt, spielt die Personalentwicklung eine beteutende Rolle. Personen sind das Wichtigste in der Schule. Man kann geringe Ressourcen das eine oder andere Mal kompensieren, wenn aber die Beziehungsebene komplett gestört ist, kann man das kaum reparieren. Schulleitung bedeutet deshalb für mich in erster Linie, dass man Menschen mögen muss, sowohl Kinder als auch Erwachsene. Und in der Summe ist es gerade die Vielfältigkeit der Aufgaben, die mich an der Schulleitung reizt.

Zur Schulleitung gehört es heutzutage auch, die Einrichtung nach außen zu repräsentieren. Man will ja außerschulische Partner für eine Zusammenarbeit gewinnen oder politische Parteien von den eigenen Konzepten überzeugen. Eine wichtige Aufgabe der Schulleitung ist es, die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen, aber auch neue Finanzierungsquellen aufzutun: vom Sponsoring bis zum Fundraising.

Online-Redaktion: Ende 2005 meinten Sie noch zur Rhythmisierung: "Es gibt immer noch diese Trennung im Kopf zwischen anstrengendem Unterricht und erholsamer Freizeit". Haben Sie das Problem heute gelöst?

Artelt: Gelöst kann man nicht sagen, aber einiges ist besser geworden. Es gibt neue Wege, die wir ausprobieren, allerdings haben wir bislang noch keine ideale Rhythmisierung zustande gebracht. In der großen Mittagspause bieten wir momentan offene Ganztagsangebote an, die keine festen Arbeitsgemeinschaften sind. Man kann je nach Lust und Laune kommen oder weg bleiben. Die Mädchen und Jungen können ihren Interessen nachgehen und sich mit ihren Freunden in der Cafeteria aufhalten oder raus an die frische Luft gehen.

Ich würde aber sehr gerne die parallel zum Unterricht liegenden Fördermaßnahmen ausbauen. Für die jüngeren Schülerinnen und Schülern haben wir eine Sozialpädagogin eingestellt, die Förderunterricht für Kinder mit Migrationshintergrund oder Lese- und Rechtschreibschwäche anbietet, der während der regulären Deutschstunden angeboten wird.

Online-Redaktion: Wieso haben Sie bislang keine Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) bekommen?

Artelt: Obwohl wir mehrere Anträge gestellt haben, sind wir bislang leer ausgegangen. Nun fehlen für die Weiterentwicklung der Schule verschiedene Dinge. Wir bräuchten beispielsweise für unsere individuelle Förderung richtige Lernwerkstätten. Die Stadt Frankfurt hat aber fast alle IZBB-Gelder für die Errichtung von Cafeterien für G 8-Schulen, also Gymnasien mit verkürzter Schulzeit, ausgegeben.
 
Immerhin hat uns die Stadt Frankfurt in Aussicht gestellt, dass wir Gelder aus den Restmitteln des IZBB für unsere Lernwerkstättenentwicklung erhalten. Darauf hoffe ich sehr, da ich es nicht verstehen kann, dass wir als traditionelle Ganztagsschule bislang das Nachsehen hatten.

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