Ein Tag im Leben eines Schulleiters, Teil 2

Sie müssen stets das Ganze im Auge behalten: die Schulleiterinnen und Schulleiter von Ganztagsschulen. Im zweiten Teil des Interviews erläutert Helmut Wagner von der Grund- und Hauptschule Mainz-Mombach, wie die Mittagspause mit dem Nachmittag verzahnt wird, wie Konflikte in produktive Lösungen überführt werden und welche Herausforderungen dabei Tag für Tag zu meistern sind, damit die Teile zu einem Ganzen sich verbinden.

Helmut Wagner

Online-Redaktion: Auf welche wiederkehrenden Probleme muss sich ein Schulleiter einstellen?

Wagner: Stress, Stress, Stress. Wir sind ja eine verbundene Grund- und Hauptschule und die größten Probleme, die wir haben, sind gelegentliche Missverständnisse zwischen Eltern und Schule. Das Anspruchsdenken der Eltern, die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder und deren Verhalten kollidieren gelegentlich mit der schulischen Realität.

Wenn die Schülerinnen und Schüler ab der Hauptschule in die Pubertät kommen, gibt es natürlich Reibeflächen mit den Klassen- oder Fachlehrern, die im Grunde eine klare Richtung vorgeben wollen. Doch viele Jugendliche versuchen, sich darüber hinwegzusetzen. Häufig wird dabei der angenehme schulische Rahmen von den Jugendlichen nicht angenommen. Ungelöste "Fälle" landen dann immer bei der Schulleitung. Alltagsprobleme, die unsere Lehrerinnen und Lehrer betreffen, regele ich grundsätzlich in einem Gespräch mit der betreffenden Kollegin oder Kollegen - also informell.

Online-Redaktion: Wie wird die Mittagspause an ihrer Schule gestaltet?

Wagner: Ich persönlich nutze die Mittagspause ausschließlich für Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern, mit den Schülerinnen und Schülern, mit unserer Sozialpädagogin und mit den an unserer Schule so wichtigen "Jobfüchsin". Hinter dem Namen "Jobfuchs" verbirgt sich eine Sozialpädagogin, die ein Bindeglied zwischen Schule und Betrieben ist. Sie ist eine "berufsbezogene Schulsozialarbeiterin". In der Mittagspause führe ich viele informelle Gespräche, die für mich als Schulleiter ganz wichtig sind.

Von den Kindern, die bei uns bleiben, freut sich der Großteil über die freiwilligen Angebote am Nachmittag. Sie werden während der Mittagspause betreut und können nachmittags in ihre Wunsch-AGs gehen. Unsere Ganztagsschüler begeben sich in die dafür vorgesehenen Gruppen und so geht die Mittagspause fließend in das ganz normale Nachmittagsleben über.

Die Mittagspause allgemein beginnt an unserer Schule in den ersten und zweiten Klassen um 12:00 Uhr, in den Klassen drei und vier um 13:00 Uhr, und die Hauptschule beginnt die Mittagspause um 13:15 Uhr. Um diese Zeit geht das eigentliche Mittagsleben an unserer Schule los. Wer nicht am Ganztag teilnimmt,, geht nach Hause. Viele würden gerne noch bei uns bleiben, weil sie oft zu Hause mehr oder minder sich selbst überlassen sind. Von den Kindern, die bei uns bleiben, gibt es einige, die lieber nach Hause gehen würden, aber der Großteil freut sich über die freiwilligen Angebote am Nachmittag. Sie werden während der Mittagspause betreut und können anschließend in ihre Wunsch-AGs gehen. So geht die Mittagspause fließend in das ganz normale Nachmittagsleben über.

Online-Redaktion: Gibt es eigentlich ein strukturiertes Nachmittagsleben an Ihrer Schule?

Wagner: Die Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen gehen nach dem Unterricht zum Mittagessen, dann folgt eine kurze Spielpause und danach beginnt die Hausaufgabenförderung. Das sogenannte "betreute Nichtstun" schließt sich an - hier  hängen die Kinder erst einmal ab, d. h. sie dürfen - immer unter Aufsicht - frei Spielen oder sich einfach nur hinlegen und ausruhen. Unsere Schule verfügt übrigens über einen "Raum der Stille" zum Ausruhen und Meditieren. Anschließend beginnt die Hausaufgabenförderung. Den Abschluss bilden die vielen Arbeitsgemeinschaften, die die Kinder sich aussuchen konnten und sich jetzt dorthin begeben

Die kleinen Kinder der ersten und zweiten Klasse haben bei uns so genanntes betreutes Nichtstun, d. h. sie spannen erstmal aus, "hängen ab". Anschließend beginnt die Hausaufgabenbetreuung, die wir "Hausaufgabenförderung" nennen und danach verteilen sich die Kinder in die verschiedenen selbst gewählten AGs. Wir haben momentan 35 AGs, wobei die Sport AGs, Fußball, Handball oder Aerobic, die absoluten Favoriten sind. Sehr beliebt sind auch Hip Hop, eine Natur-AG, Kochen, Percussion, Chor, Design oder die Filmschnitt-AG.

Online-Redaktion: Wie wirkt sich das Nachmittagsangebot auf die Qualität des Unterrichtes aus und wie wird der Unterricht auf die Nachmittagsangebote abgestimmt?

Wagner: Wir bedauern es sehr, dass wir keine vollen Ganztagsklassen bilden können. Leider haben wir nicht genug Kinder dazu; unsere GTS stellt also "nur" ein Additivum dar. Aber wir stellen dennoch fest, dass Kinder, die am Nachmittagsangebot teilnehmen, ihre positiven Eindrücke auch den anderen Kindern mitteilen, die nicht am Ganztagsangebot teilnehmen und diese dadurch neugierig machen. Auf jeden Fall bekommen auch so genannte schwierige Kinder durch die Nachmittagsangebote eine höhere Motivation.

Wenn die Hausaufgaben erledigt werden können und das AG-Angebot zufrieden stellt, ist dies die beste Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler für den Ganztag zu motivieren. Auf jeden Fall bekommen auch verhaltensauffällige und Kinder aus schwierigen häuslichen Verhältnissen durch die Nachmittagsangebote eine höhere Motivation.

Online-Redaktion: Wie machen Sie den Eltern die Teilnahme an dem Schulleben schmackhaft?

Wagner: Zunächst arbeiten wir auf der Gremienebene mit den Eltern zusammen, also mit den Klassenelternsprechern und dem Schulelternbeirat. Mindestens einmal pro Monat treffen wir uns und es werden dann schulinterne Angelegenheiten erörtert. Die Eltern werden in diesem Rahmen einbezogen und nehmen am Schulleben teil. Sie üben konstruktive Kritik und helfen mit bzw. organisieren Schulfeste - gemeinsam mit unserem Förderverein. Außerdem finden viele informelle Gespräche mit den Eltern statt. Die Klassenelternsprecher bereiten zusammen mit den Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern auch die Elternabende vor. An unserem jährlichen zentralen Schulfest beteiligen sich die Klassenelterngemeinschaft und der Schulelternbeirat. Außerdem werden die Eltern zu allen Klassenaktivitäten eingeladen: also bei Theaterbesuchen, Ausflügen oder bei Klassenfahrten.

Wenn die Kinder nach Hause kommen, ihre Hausaufgaben gemacht haben und zudem noch positiv über den Ganztag berichten, sind auch die Eltern zufrieden. Dies spricht sich schnell innerhalb der Schulgemeinschaft und der Elternschaft rund - somit ist dies unsere beste Werbung.

Online-Redaktion: Und wie gelingt die Zusammenarbeit mit muslimischen Eltern?

Wagner: Wir haben einen Ausländeranteil von 70 Prozent an unserer Schule und die größte Gruppe sind Muslime, die ursprünglich aus der Türkei kamen. Wir haben glücklicherweise einen Lehrer für muttersprachlichen Ergänzungsunterricht (MU) und einen Diplom-Sportlehrer, der türkischer Abstammung ist, aber in Mainz aufgewachsen ist. Das heißt, er spricht fließend türkisch und deutsch. Diese beiden Lehrer sind unsere Schnittstellen zwischen der Schule und den Eltern.

Insofern können wir viele Probleme, wie zum Beispiel die mangelnde Bereitschaft der Eltern sich für die Schule einzusetzen, lösen. Wir bitten diese beiden Lehrer, die Eltern anzurufen und auch mal zu Hause zu besuchen. Viele Probleme konnten auf diese Weise entschärft werden.

Online-Redaktion: Sie gehören zu der deutsch-französischen Expertengruppe, die regelmäßig zum Thema Ganztagsschule tagt. Gibt es für vergleichbare Probleme in Frankreich und Deutschland gemeinsame Lösungen?

Wagner: Ich war früher zehn Jahren Kontaktlehrer einer Schule in Frankreich. Mir ist in diesem Kontext das Disziplinproblem zwischen Schülerinnen und Schülern und den dortigen Lehrpersonen aufgefallen. Die Problemlösungen in Frankreich erschienen mir oft "institutioneller" und formeller als dies in Deutschland der Fall ist. Es ist wichtig, erst einmal die Entwicklung der Jugendlichen zu beachten und sich darüber klar zu werden, welchen sozialen Hintergrund die Jugendlichen haben. Dabei müssen wir die Fürsorge für die Schülerinnen und Schüler sehr ernst nehmen. Das heißt, Ich muss darüber hinaus die Jugendlichen mit all ihren Problemen zunächst einmal verstehen und annehmen. Dazu gehört, dass ich ihnen zuhöre und letztlich Problemlösungen mit ihnen gemeinsam und den Erziehungsberechtigten entwickeln kann.

Ich bemühe mich, die Jugendlichen mit all ihren Problemen zunächst einmal anzunehmen. Außerdem muss ich ihnen zuhören und Problemlösungen gemeinsam mit ihnen und den Erziehungsberechtigten entwickeln.

Online-Redaktion: Sind die deutschen Schulen zu lasch und die französischen zu streng?

Wagner: Wenn es einigen französischen Schulen vielleicht an Lockerheit oder Entkrampfung fehlte, so haben etliche deutsche Schulen in der Vergangenheit zu viel Freiheit, vermeintliche Toleranz und "Gehen-Lassen" erlaubt. Wie sonst kann man erklären, dass es hierzulande Schulen gab und noch gibt, in denen Lehrerpersonen und Schülerschaft in einem Klima der Angst und des Missverständnisses lebten?

Auch hier gilt: die Mischung macht's! Weder zu "lasch" noch zu "streng", um diese etwas abgenutzten Begriffe zu gebrauchen. Die Schlüsselwörter heißen für mich gegenseitiges Verständnis, Geduld, Zuhören, Ausreden lassen. Falls dies nicht weiter führt, muss man eine klare Richtung vorgeben. Schwierige Schülerinnen und Schüler brauchen faire aber klare und eindeutige "Wegweiser". Sie müssen wissen, dass irgendwann Konsequenzen aus etwaigem Fehlverhalten entstehen.

Um Ihre obige Frage noch einmal aufzugreifen bzgl. "gemeinsamer Lösungen": Es ist wichtig, dass wir uns mit den französischen Kolleginnen und Kollegen - wie bisher - gemeinsam an einen Tisch setzen und mit Schulpraktikern offen und ohne Vorbehalte Schwächen in beiden staatlichen Schulsystemen aufdecken, benennen und versuchen mögliche Lösungsstrategien zu erarbeiten.

Helmut Wagner, geb. 1952, Studium der Erziehungswissenschaften mit den Fächern Englisch sowie Wirtschafts- und Arbeitslehre; einjähriges Auslandsstudium in England und anschließend in einer amerikanischen Elementary and High School; seit 1994 Schulleiter; weitere Aufgaben und Funktionen: Vertreter einer Lehrerorganisation, z. Zt. Mitarbeit in der Arbeitsgruppe des BMBF "Deutsch-Französisches Expertentreffen."

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