Ein Tag im Leben eines deutschen Schulleiters

Wie sieht ein Tag im Leben eines Schulleiters an einer Ganztagsschule aus? Welche Probleme und welche Gestaltungsspielräume sind das tägliche Brot von Schulleitern? Die Online-Redaktion befragte Helmut Wagner von der Grund- und Hauptschule Mainz-Mombach über seinen Arbeitstag. Lesen Sie den ersten Teil des Interviews.

Helmut Wagner

Online-Redaktion: Brauchen Schulleiter Charisma, ja ein gewisses Pathos?

Wagner: Wir sollten Schule nicht zu sehr formalisieren. Schule heißt auch innere Teilnahme, Schule sollte mit Pathos betrieben werden, denn Schule ist ein Beruf und der Schwerpunkt dabei liegt m. E. auf Berufung. Gute Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich für den Job berufen, oder sie lassen es besser bleiben.

Online-Redaktion: Ein Schultag, man könnte auch sagen, jeder Augenblick an einer Ganztagsschule steckt voll Überraschungen: wie war die letzte Stunde?

Wagner: Wir haben in Mainz kühles Wetter, es lag gestern sehr viel Schnee auf dem Schulhof. Der ist nun komplett zugeeist. Die Sekretärin wurde mehrmals gefragt, ob sie die Kinder nach Hause schicken könnte, die völlig durchnässt ins Sekretariat kommen. Ich musste mehrere Eltern anrufen und habe über das Intercom alle Klassen darauf hingewiesen, bitte nicht über den Schulhof zu rennen. Daran haben sich natürlich etliche Kinder nicht gehalten, sie mussten hochkommen.

Dann musste ich mit dem Megaphon über den Schulhof laufen und Kinder vom Teich wegholen, die beinahe dort reingefallen wären. Anschließend kamen zwei Hauptschüler hoch: sie hatten nasse Schuhe und Strümpfe - ich musste die Eltern anrufen, damit sie die Kinder abholen. Bei mehreren Grundschülern wiederholte sich dieser Vorgang.

Online-Redaktion: Wenn es einen ganz 'normalen' Schultag an der Grundschule Mainz-Mombach gibt, wie sieht der konkret aus?

Wagner: Ein ganz normaler Schultag heißt für mich: aufstehen morgens um sechs Uhr, Fahrt zur Schule. Um 7:30 Uhr bin ich in Mainz. Dann führe ich das erste Gespräch mit der Konrektorin und einigen Kollegen, die von sehr weit anreisen (teilweise 120 Kilometer). Sie tun dies übrigens deshalb, weil ihnen das Schul- und Arbeitsklima an unserer Ganztagsschule sehr gut gefällt.

Mit der Konrektorin schaue ich gemeinsam über den Stundenplan und versuche diesen zu aktualisieren, da Kollegen erkrankt sind, sich auf Fortbildung befinden, Klassenausflüge machen oder unaufschiebbare Elterngespräche haben. Es kommen die ersten Anrufe von Eltern, die ihre Kinder entschuldigen. Das geht meistens nach 7:30 Uhr los.

Die ersten Eltern kommen schon kurz vor acht Uhr, sei es um ihre  Kinder persönlich zu entschuldigen oder um mit mir oder einem Lehrer zu sprechen. Etwa zur gleichen Zeit kommt der Hausmeister zu mir und wir besprechen verschiedene Probleme, die anstehen. Kurz vor acht Uhr kommt auch die Sekretärin in den Dienst, klärt ebenfalls Probleme. 7:55 Uhr: es klingelt - Aufatmen.

Einige Lehrerinnen und Lehrer haben zu dieser Zeit bereits im Sekretariat ihre Probleme ausgeschüttet. 8:00 Uhr, zweites Klingeln: nun müssen alle in ihren Klassen sein. Das ist nicht der Fall, einige Schülerinnen und Schüler halten sich trotzdem noch auf dem Schulhof auf: ich schaue runter und sorge dafür, dass die Kinder in die Klassen gerufen werden. Um 8:05 sind die Kinder in ihren Klassen, alles ist im grünen Bereich. Um diese Uhrzeit schalte ich auch meinen Computer ein und habe gewöhnlich 15 bis 20 EPOS-Mails (elektronische Post für Schulleitungen) im Posteingang. Die Bearbeitung dieser elektronischen Post dauert rund 30 Minuten. Anschließend sichte ich noch die Mails, die zur Schulleitung über die Mailadresse der Stadt Mainz kommen: da kommt eine ganze Menge zusammen.

Um ca. 9:00 Uhr bearbeite ich die Dienstpost: wir werden zweimal beliefert. Einmal über die normale Post und einmal über die Stadt Mainz, die die Post von allen 53 Schulen durch einen Mitarbeiter des Schulamtes ausliefert.

Dann nehme ich die ersten Anrufe vom Schulamt entgegen: die ADD (das ist die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion/ frühere Bezirksregierung) ruft an: es sind erste Probleme zu klären.

Häufig finden erste Gespräche mit meiner Konrektorin bereits um 8:30 Uhr statt: wir diskutieren den Tagesablauf, arbeiten an Schulprojekten. Außerschulische Mitarbeiter, die uns Mitteilungen über bestimmte Schülerinnen und Schüler reingeben erwarten Lösungen und Antworten. 9:30 Uhr: Aufatmen, große Pause ich gehe ins Lehrerzimmer und führe entspannte Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, die auch private Dinge betreffen. Die Pause ist beendet, wir haben 9:50 Uhr, ich unterrichte Englisch in Klasse 9; wenn der Unterricht um 10:35 zu ende ist, führe ich wieder Elterngespräche.

Zum Beispiel Schlichtung zwischen Elterninteressen und Lehrererwartungen bzw. zwischen Ansprüchen und unterrichtlichen Erwartungen der Kinder. Um 11:00 Uhr findet ein Gespräch mit Vertretern der Firma Apetito statt. Das ist unser Caterer, der häufig bei uns zu Gesprächen ist. Es hat ein Problem mit Eltern gegeben: türkische Eltern haben sich beschwert, weil in dem Essen Substanzen von Schweinefleisch enthalten sein sollen. Andere Eltern bemängeln, das Essen sei entweder zu hart oder zu weich. Der Caterer verspricht Abhilfe. Um 11:10 Uhr Gespräch mit der Konrektorin, in dem die nächste Zeugniskonferenz und Dienstbesprechung vorbereitet wird. Das dauert in der Regel eine dreiviertel Stunde, also bis ca. 12:00 Uhr. Damit ist der Vormittag fast geschafft.

Mit dem Mittagsessen ab 12 Uhr beginnt dann die Ganztagsschule. Zu mir kommen Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule der ersten und zweiten Klasse, um bestimmte Probleme zu besprechen. Dabei werden Verhaltensauffälligkeiten von Schülerinnen und Schülern thematisiert, die Kinder werden dann zur Schulleitung zitiert.

Im Grunde wird von mir erwartet, dass ich mit diesen Kindern über ihre Schwierigkeiten rede. Das tue ich sehr gerne: ich zeige auch den größten Troublemakern, dass sie bei mir Respekt genießen und dass sie von mir als Menschen angenommen werden. Denn viele Kinder, die wir haben, bekommen zuhause nicht viel Zuwendung und Liebe geschenkt und dann wäre es genau das Falsche, wenn ich als Schulleiter kein Verständnis für sie aufbringe.

Sehr häufig gibt es Gespräche mit dem Jugendamt, in denen wir uns über schwierige Familienverhältnisse unterhalten und dabei  versuchen zu helfen, dass die Kinder in der Schule gezielt gefördert werden können.

Um 13:00 Uhr habe ich 15 Minuten Zeit, um einen Besuch in der Kantine zu unternehmen. Um 13:15 eine Überraschung: unsere Hauptschule wurde Sieger beim Wettbewerb "Idee-Fix" der Stadt Mainz. Aushang an das Schwarze Brett, um die Kollegen darüber zu informieren. Um ca. 13:20 Uhr ruft ein außerschulischer Mitarbeiter an, um mitzuteilen, dass er nicht kommen kann. Was tun?

Ich unterhalte mich mit der Konrektorin, um eine Vertretung zu organisieren. Zu 99 Prozent gelingt es uns, eine Ersatzperson zu rekrutieren. Um 13: 30 Uhr wird die Dienstpost erneut gesichtet und bearbeitet. Ich schreibe also Antwortmails und Briefe an die ADD, Schulelternbeirat, an Eltern. Um 14:00 Uhr wieder ein Elterngespräch: wir haben fast jeden Tag solche Gespräche. 14:30 findet ein Gespräch mit dem Personalrat statt: Planung der nächsten Dienstbesprechung und auch der Gesamtkonferenz. Um 15:00 kommen die ersten außerschulischen Mitarbeiter zu mir, um die Schlüssel abzuholen und die Räume der AGs aufzusuchen.

In kurzen Gesprächen mit ihnen berichten sie, was geklappt hat und was nicht. Sie bitten mich um Hilfe, die sie mir oft schriftlich ins Fach legen. Ab 15:10 Uhr verfasse ich den nächsten Elternrundbrief, sichte die Dienstpost und mittendrin kommen einzelne Schülerinnen und Schüler aus den AGs und tragen mir Probleme vor (entweder kleine Verletzungen, oder auch AG-Ergebnisse, d.h. der Schulleiter darf das köstliche, selbstgebackene Shortbrett kosten oder die noch dampfende Pizza). Ab 16:00 Uhr bringen die ersten außerschulischen Mitarbeiter die Schlüssel zurück und berichten aus ihren Arbeitsgemeinschaften. Ich frage die meisten außerschulischen Mitarbeiter, wie die Arbeit in den AGs verlaufen ist und wie sie sich fühlen oder ob es irgend etwas gibt, was man beanstanden könnte. Die meisten sind dankbar über die Möglichkeit, sich bei mir auszusprechen.

Wenn alle Schlüssel wieder an ihrem Ort hängen noch ein kurzer Blick auf den Schulhof, ein letztes Gespräch mit dem Hausmeister, und dann verlasse ich die Schule. Trotz aller täglichen Herausforderungen: ich freue mich auf den nächsten Tag, auf diese Schule mit diesen Schülerinnen und Schülern und diesen Kolleginnen und Kollegen.

Online-Redaktion: Was ist die Aufgabe eines Schulleiters in Deutschland, was sollte er am besten können?

Wagner: Ein Schulleiter sollte ein Pädagoge und gleichzeitig ein Organisator sein. Außerdem Schlichter, Psychologe, also eine Art Seelsorger, der sich alles anhört: so fühle ich mich oft.

Ohne diese - hoffentlich geglückte - Kombination ist es schwer eine Schule auf Erfolgskurs zu bringen und zu halten. Und ganz nebenbei gesagt: ein Schulleiter muss auch Vorbild sein, in jeder Hinsicht. Den Anspruch habe ich an mich selbst und habe ihn auch an andere Lehrerinnen und Lehrer sowie an Schulleitungen. Ganz wichtig ist auch ein kooperativer Umgang mit Eltern, mit den Kolleginnen und Kollegen und den Schülerinnen und Schülern.

Helmut Wagner, geb. 1952, Studium der Erziehungswissenschaften mit den Fächern Englisch sowie Wirtschafts- und Arbeitslehre; einjähriges Auslandsstudium in England und anschließend in einer amerikanischen Elementary and High School; seit 1994 Schulleiter; weitere Aufgaben und Funktionen: Vertreter einer Lehrerorganisation, z. Zt. Mitarbeit in der Arbeitsgruppe des BMBF "Deutsch-Französisches Expertentreffen."

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