Grund- und Regelschule Milda. Interview mit Schulleiter Carsten Krüger

Online-Redaktion: Herr Krüger, wie ist Ihre Ganztagsschule organisiert?

Carsten Krüger: Unsere Freie Grund- und Regelschule ist eine staatlich anerkannte, zweizügige Ganztagsschule in freier Trägerschaft. Uns besuchen rund 310 Schülerinnen und Schüler. Wir sind eine gebundene Ganztagsschule, das heißt, dass es einen Unterrichtsblock gibt, der bis 14.30 Uhr dauert, dann schließen sich Arbeitsgemeinschaften an, die über eine Stunde gehen. Der Schultag ist gegen 16 Uhr beendet - außer Freitags, wo wir nur bis 13 Uhr Unterricht haben.

Unser Einzugsgebiet ist relativ gemischt, wir liegen recht ländlich im Großraum Jena. Die Schülerinnen und Schüler rekrutieren sich so je zur Hälfte aus der Stadt und aus den ländlichen Gemeinden. Viele unserer Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher sowie außerschulischen Fachkräfte kommen aus diesen Gemeinden und verfügen über ganz gute emotionale Brücken in die Familien der Kinder hinein, kennen deren Hintergründe und Lebenswelten.

Eine Klasse ist etwa 25 Kinder stark und wird durch ein Lehrerteam von fünf bis sechs Kolleginnen und Kollegen begleitet. Die Gruppe - Lehrer wie Schüler - bleibt von der 5. bis zur 10. Klasse zusammen. Die Teams decken auch die meisten Fächer ab, lediglich Fächer wie Chemie oder Musik werden durch andere Lehrerinnen und Lehrer - wir nennen sie "Einflieger" - unterrichtet.

Online-Redaktion: War das für die Lehrerinnen und Lehrer eine große Umstellung, im Team zu arbeiten?

Krüger: Für die meisten nicht, wir hatten ein relativ junges Kollegium. Bei der Zusammensetzung der Teams haben wir darauf geachtet, dass die Mischung aus erfahrenen und frisch aus dem Referendariat dazu gekommenen Kolleginnen und Kollegen stimmte. Für viele war es auch entlastend, den Unterricht nicht alleine zu Hause im Kämmerchen planen zu müssen, sondern die Projekte und Unterrichtseinheiten gemeinsam im Team zu entwickeln. Es gab sehr viel Gestaltungsspielraum, alles war relativ offen. Wir haben kein Lehrerzimmer, sondern die Teams sitzen jeweils in kurzer Entfernung zum Klassenraum zusammen, frühstücken auch gemeinsam und sind im ständigen Kontakt mit den Kindern.

Online-Redaktion: Wie ist die Entwicklung zur Ganztagsschule verlaufen?

Krüger: 1996 gab es aus der Schule heraus eine Initiative, eine Ganztagsschule zu gründen. Die politische Stimmung war damals recht gut, sodass wir unter zwei Bedingungen grünes Licht erhielten: Es durfte das Land nicht wesentlich mehr kosten, und die Inhalte der Thüringer Lehrpläne mussten verwirklicht werden. Eine kleine Gruppe aus dem Kollegium hat dann ein Konzept entwickelt. Wir starteten schrittweise mit einem Jahrgang und bauten die Ganztagsschule so nach und nach auf, was wesentlich besser ist, als eine Schule auf einen Schlag völlig umzukrempeln. Wir konnten damals ein leer stehendes Gebäude beziehen und haben in den vergangenen Jahren drei weitere errichten können.

Online-Redaktion: Haben Sie sich für diese Art der Schulorganisation Anregungen von außerhalb geholt?

Krüger: In der Gründungsgruppe gab es natürlich auch ein bisschen Schulfrust, sodass ein Konsens darüber bestand, wie man Schule eigentlich nicht wollte. Daraufhin haben wir Wunschgedanken formuliert, wie unsere Schule aussehen sollte. Diese Wünsche haben wir mit weiteren Konzepten angereichert und für unsere Zwecke angepasst, zum Beispiel haben wir uns die Konzepte der Max-Brauer-Schule in Hamburg, der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden oder der Jenaplanschule hier in Thüringen näher angeschaut. Unser Konzept ist kein Dogma oder ein starrer Rahmen, sondern wir entwickeln es ständig, fast täglich weiter.

Online-Redaktion: Hat das Ganztagsschulkonzept denn den Schulfrust vertrieben?

Krüger: Die zeitliche Belastung ist immens höher, aber der in Halbtagsschulen auf den Vormittag komprimierte Leidensdruck fällt dafür hier geringer aus. Das liegt auch daran, dass die Teams aus innerer Begeisterung die Schule weiterentwickeln und niemand groß mitgezogen oder überzeugt werden muss. Die Gelassenheit wächst auch: Wenn die Teams merken, dass in bestimmten Bereichen bei den Kindern und Jugendlichen noch Defizite bestehen, hängen sie einfach zu einem Thema noch eine Projektwoche dran. Sie besitzen da völlige Autarkie in der Planung. Sie verfügen darüber hinaus über eigene kleine Budgets, mit denen sie auch Ausflüge finanzieren können, um Unterrichtsinhalte praktisch und anschaulicher zu gestalten. Das tangiert den restlichen Schulbetrieb überhaupt nicht, weil ja keine Vertretungsstunden für die mitfahrenden Lehrerinnen und Lehrer organisiert werden müssen. Daher gibt es bei uns auch keine Vertretungspläne. Krankmeldungen werden einfach durch das Team aufgefangen.

Online-Redaktion: Welche institutionelle Klammer hält denn die Teams zusammen?

Krüger: Es gibt die Freitagsrunden, zu denen von 13 bis 15 Uhr noch mal alle zusammen kommen. Dort werden die die gesamte Schule betreffenden Dinge besprochen. Einen Teil in diesen zwei Stunden nimmt die so genannte Pädagogische Tagesschau ein. Dann können Kolleginnen und Kollegen, die von einer Tagung oder Fortbildung kommen, allen von diesen berichten oder auch mal Gedanken weiterspinnen und Innovationen vorantreiben.

Online-Redaktion: Wovon profitieren die Schülerinnen und Schüler am meisten?

Krüger: Gute Methodik gibt es auch an anderen Schulen. Ich denke, dass Schülerinnen und Schüler an unserer Schule am meisten von der selten gewordenen emotionalen Wärme und Sicherheit profitieren, die wir mit diesen Teams in ihrer personellen Konstanz zu verkörpern suchen. Wenn bei manchen Kindern Leistungseinbrüche auf Grund von persönlichen und familiären Problemen drohen, kann dieses verlässliche soziale Umfeld das besser auffangen.

Online-Redaktion: Zeigt sich dies auch in den Schulleistungen?

Krüger: In den ersten drei Jahren mussten wir eine "dialogische Schulaufsicht" über uns ergehen lassen: Wir liefen als Schulversuch, das Schulamt begutachtete uns und der Lehrstuhl Erziehungswissenschaft der Universität Jena begleitete uns. In Vergleichsarbeiten lagen wir über dem Schnitt. Wir beteiligen uns heute an Kompetenztests und lassen uns extern über das Thünes-Programm der Bertelsmann-Stiftung evaluieren. Durch Fragebögen an Lehrer, Schüler und Eltern, die von der Universität ausgewertet werden, erhalten wir eine externe Rückmeldung über die Schulqualität und -entwicklung.

Online-Redaktion: Spiegelt sich Ihre Arbeit auch in der Öffentlichkeit, z. B. in veränderten Anmeldezahlen wider?

Krüger: Obwohl wir keine große Werbung machen, gibt es trotzdem immer eine sehr hohe Nachfrage nach unseren Plätzen, besonders in der jetzt neu gegründeten Grundschule, die sich mittlerweile im zweiten Jahr etabliert hat und pro Jahrgang mit 15 Kindern arbeitet. Auf diese 15 Plätze melden sich bis zu 60 Kinder an. Im Regelschulbereich liegt das Verhältnis bei 80 Anmeldungen für 55 Plätze.

Wir organisieren Infoveranstaltungen und Elternabende, zu denen auch die Kinder eingeladen sind. Die Auswahl erfolgt dann über Einladungen der Kinder, bei denen deren Zeugnisse eine weniger große Rolle spielen als der Eindruck, den wir von ihnen gewinnen: Wie ist ihr Sozialverhalten, was bringen sie mit, passen sie gut zusammen? Die Zeugnisse dienen eher dazu, für die Klasse 5 möglichst eine Drittelung mit Kindern zu erreichen, die vom Notenschnitt für Gymnasium, Real- oder Hauptschule geeignet sind.

Online-Redaktion: Gehen Sie auf die unterschiedlichen Kompetenzen und Interessen der Kinder ein?

Krüger: Im Nachmittagsbereich gibt es nicht nur Arbeitsgemeinschaften, sondern auch Trainings-AGs sowohl für Hochbegabte wie auch für Kinder, die etwas mehr Zeit benötigen. Wir mussten dazulernen, was Förderung eigentlich meint: Manchmal hilft es den Schülerinnen und Schülern mehr, wenn man sie indirekt stärkt, als wenn man endlos mit ihnen Mathe paukt. Bei uns gibt es zum Beispiel eine kleine Schüler GmbH, die in unserem Backofen Brot backt, dieses im Dorf verkauft und auch kleinere Veranstaltungen organisiert. Das hat einige Schülerinnen und Schüler in ihrem Selbstbewusstsein derart gestärkt, dass sich dies auch auf ihre schulischen Leistungen ausgewirkt hat. Es lohnt sich, diesen Umweg zu gehen.

Online-Redaktion: Welche Arbeitsgemeinschaften stehen den Jugendlichen zur Verfügung?

Krüger: Es gibt jeden Tag etwa 25 AG-Angebote für die Schülerinnen und Schüler, beispielsweise Natur- und Umweltgestaltung, Seidenmalerei, Keramik und sehr viele Sport-AGs wie Tennis, Fechten, Judo und Reiten. Da wir ein Präsenzarbeitszeitmodell eingerichtet haben, das die Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet, von 8 bis 16 Uhr in der Schule anwesend zu sein, werden die meisten AGs durch das Kollegium durchgeführt. Das ist schön, weil die Kinder die Lehrer dann auch mal aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen. Dazu kommen noch Eltern und auch Rentnerinnen und Rentner aus dem Dorf.

Online-Redaktion: Wie organisieren Sie das Mittagessen?

Krüger: Es gibt einen externen Anbieter, der das Essen anliefert. In unserem schönen Speisesaal gibt es die Möglichkeit, aus drei Mahlzeiten - eine davon immer Salat - zu wählen. Das Essen wird von zwei Frauen aus dem Dorf ausgegeben, die ein echtes Herz für die Kinder und einen wunderbaren Draht zu ihnen haben. Sie nehmen deren Sorgen und Nöte auf, das ist wie so ein kleiner Beichtstuhl - die sind ganz wichtig. Wir bestehen darauf, dass diese Frauen weiterbeschäftigt werden, auch wenn der Anbieter - wie bisher einmal geschehen - wechseln sollte. Die Schülerinnen und Schüler können sich auch nach draußen ins angrenzende Amphitheater, das Eltern mitgebaut haben, reinsetzen, um dort zu essen. Nebenan gibt es noch ein Schülercafé, wo man sich einen Saft mixen oder ein Müsli anrühren kann.

Online-Redaktion: Bieten Sie auch während der Ferien Betreuung an?

Krüger: Ja, im Grundschulbereich - da kann Ihnen meine Kollegin Katja Ender, die als Sozialpädagogin in der Grundschule arbeitet, etwas mehr zu sagen.

Katja Ender: In vier der sechs Wochen biete ich eine Ferienbetreuung an, wobei jede Woche unter einem anderen Thema stehen wird. In der ersten Woche geht es um Natur: Da werden wir eine große Bank aus Weidenruten bauen, diese mit Erde füllen und darauf Gras säen. In der zweiten Woche ist das Thema Filz. Wir gehen auf einen Bauernhof und schauen uns Schafe an. Dann waschen und kämmen wir Wolle und filzen gemeinsam mit einer Filzerin daraus Tierfiguren. In der dritten Woche geht es um Ton. Die Kinder glasieren und brennen mit einer Töpferin Kacheln, die dann für unser neues Schulgebäude verwendet werden. In der letzten Woche wollen wir mit einer Fotografin dann eine camera obscura bauen. Geplant ist auch, alle unsere Aktivitäten und Ergebnisse zu dokumentieren.

Online-Redaktion: Herr Krüger, was wird das kommende Schuljahr bringen?

Krüger: Wir haben IZBB-Mittel beantragt und 500.000 Euro erhalten, mit denen das älteste Haus unserer Anlage umgebaut wird, um Räume für den Ganztagsbereich zu gewinnen. Diese Arbeiten laufen schon, damit sie zum Start des kommenden Schuljahrs abgeschlossen sind. Im Oktober feiern wir dann unser zehnjähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass wird eine Projektwoche mit einem Zirkus stattfinden.

Unsere große Vision, die das thüringische Schulgesetz auch zulässt, ist ein Bildungsstandort, der ein Angebot von Klasse 1 bis 13 macht, sodass alle Kinder so lange wie möglich zusammen bleiben und nicht wechseln müssen.

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