Grundschule Witthauschule. Interview mit Schulleiter Harald Schempp

© Witthausschule Haigerloch

Online-Redaktion: Herr Schempp, wieso ist Ihre Schule mit dem gerade zu Ende gehenden Schuljahr Ganztagsschule geworden?

Harald Schempp: Eigentlich ein wenig zufällig. Wir liegen hier zusammen mit einer Realschule und einem Gymnasium in einem Schulzentrum. Das Gymnasium erhielt einen Vollausbau, und aufgrund des erforderlichen Platzbedarfs sollten auch wir einen Neubau erhalten. Ich hatte mich schon Jahre zuvor für einen grundschulgerechten Neubau stark gemacht - nun war die Zeit reif dafür.

Der Gemeinderat hatte den Neubau bereits beschlossen, als die Nachricht vom IZBB-Programm des Bundes kam. Für mich das Signal, neben dem Neubau gleichzeitig auch den lang gehegten Wunsch nach einem neuen Schulkonzept zu realisieren. Es handelte sich um den idealen Zeitpunkt, um alle Entscheidungsträger von dieser Maßnahme, Ganztagsschule zu werden, zu überzeugen.

Online-Redaktion: War denn Überzeugungsarbeit nötig?

Schempp: Am Anfang gab es seitens der Elternschaft große Vorbehalte. Unsere Schule befindet sich in einer ländlichen Umgebung, und viele waren der Ansicht, dass es keinen Betreuungsbedarf für ihre Kinder gebe. Durch zahlreiche Informationsveranstaltungen gelang es uns, diese Stimmung umzudrehen. Und der Anfangserfolg hat uns dann auch Recht gegeben.

Online-Redaktion: Was hat die Skeptiker denn überzeugt?

Schempp: Letztlich das umfassende Angebot, aber auch das Engagement aller Beteiligten, darunter vieler Eltern selbst. Unser Schultag beginnt um 7.00 Uhr. Die Kinder haben die Möglichkeit zu frühstücken und werden betreut. Diese Betreuung ist den gesamten Schultag über sehr intensiv und wird durch die Unterstützung von Erzieherinnen möglich gemacht. Für die Schülerinnen und Schüler ist das ein runder Tag, der um 16.15 Uhr endet. Die Eltern haben bereits nach kurzer Zeit festgestellt, dass ihre Kinder in der Regel viel ausgeglichener nach Hause kommen. Das entlastet auch die familiäre Situation.

Online-Redaktion: Auch was die Hausaufgaben angeht?

Schempp: Gerade was die Hausaufgaben betrifft. Wir haben diesbezüglich eine Umfrage unter den Kindern und Eltern gemacht. Die Schülerinnen und Schüler haben dabei erklärt, dass sie in der Schule das Gefühl hätten, ihre Aufgaben in Ruhe erledigen zu können - das war zu Hause offensichtlich nicht immer der Fall. Sie haben die Möglichkeit, nach Unterstützung zu fragen, die scheinbar daheim ebenfalls nicht immer gewährleistet war. Die Eltern erkennen diese Vorteile an.

Online-Redaktion: Sie sprachen von einem "lang gehegten Wunsch", Ganztagsschule zu werden. Waren Sie mit der Schule, wie sie bis dahin existierte, unzufrieden?

Schempp: Im Rahmen des Projekts "Verlässliche Grundschule" boten wir schon längere Schulzeiten an, aber das Wesentliche beschränkte sich auf den Vormittag. Die Zeit war knapp. Lehrerinnen und Lehrern wie Schülerinnen und Schülern ging oftmals die Zeit aus. Seit vielen Jahren veranstalteten wir aber auch Projektwochen, in denen sich zeigte, dass ein Mehr an Zeit und Miteinander ein entspannteres Lernen und mehr Möglichkeiten bietet. Das war mit ein Grund für unsere Entscheidung, mehr Zeit miteinander verbringen zu wollen und den Kindern so mehr bieten zu können.

Online-Redaktion: Die Witthauschule ist eine offene Ganztagsschule. Wie viele Schülerinnen und Schüler nehmen am Ganztag teil?

Schempp: 180 Schülerinnen und Schüler besuchen insgesamt unsere Schule, davon sind 100 im Offenen Ganztag. Wir hatten ursprünglich mit der Hälfte der Schülerschaft für den Ganztag kalkuliert. Diese Marke haben wir bereits zwei Monate nach Anmeldeeröffnung erreicht, sodass wir eine Warteliste einführen mussten. Bei 100 Kindern mussten wir dann wirklich Schluss machen. Wäre die Personalsituation günstiger, könnten wir sicher mehr Kinder aufnehmen.

Online-Redaktion: Ist die Personalausstattung denn im Moment ausreichend?

Schempp: Die stellt nach wie vor ein Problem dar. Die Stadt, die auch unser Schulträger ist, hat sich zwar gut eingebracht, so dass wir über drei Erzieherinnen verfügen, die zwei ganze Stellen ausmachen. Daneben haben wir nach dem erfolgreichen Beginn und dem großen Zuspruch auch durch das Amt für Schule und Bildung Unterstützung erfahren, die uns noch mal mit einigen Lehrerstunden helfen konnten. Der wesentliche Teil der Angebote und der Betreuung wird allerdings durch Ehrenamtliche, darunter - wie schon erwähnt - vielen Eltern, geleistet. Insgesamt sind zusätzlich zu den 14 Lehrkräften etwa 25 Personen im Ganztagsbereich beschäftigt. Die Koordination dieser rund 40 Beschäftigten ist anspruchsvoll und erfordert einen erheblichen Mehraufwand.

Online-Redaktion: Besteht ein Kontakt der Nachmittagskräfte zu den Lehrkräften?

Schempp: Es gibt gemeinsame Schulkonferenzen, und wir haben unterschiedliche Kreise und Gremien gebildet. Ein regelmäßig enger Kontakt zwischen Lehrerschaft und Betreuungspersonal ergibt sich durch unser Herzstück im Schultag: Der für alle Kinder tägliche obligatorische, 90-minütige Block "Arbeiten und Lernen", der die herkömmliche Hausaufgabenbetreuung integriert. Darin versuchen wir auch, gezielt zu fördern, zu diagnostizieren und die Rückmeldungen dann direkt an die Klassenlehrerinnen und -lehrer zu geben. Sind erhebliche Lernschwierigkeiten oder Defizite bei einzelnen Kindern eingeschätzt worden, sind wir bestrebt, diese im Rahmen von Einzelbetreuungsmaßnahmen am Vormittag aufzufangen. Für etwa 20 Minuten können diese Schülerinnen und Schüler dann aus dem Klassenverband herausgenommen werden, um spezielle Unterstützung zu erhalten.

Online-Redaktion: Hat sich auch der Vormittag für die Schülerinnen und Schüler geändert, oder ist lediglich am Nachmittag etwas an Angeboten dazugekommen?

Schempp: Der komplette Schulalltag hat sich verändert. Wir haben den Tag neu rhythmisiert, indem wir den 45-Minuten-Takt abgeschafft haben und nun in Blöcken von 90 Minuten arbeiten. Das tut eigentlich allen Kindern gut. Am Vormittag sind zwei größere Pausen vorgesehen, es können aber auch individuelle Pausen, auch Bewegungspausen, eingeschoben werden. Dies betrifft natürlich auch die Regelschülerinnen und -schüler.

Online-Redaktion: Viele Ganztagsschullehrerinnen und -lehrer räumen eine höhere Arbeitsbelastung im Vergleich zur Halbtagsschule ein, zugleich erhöhe sich aber die Arbeitszufriedenheit. Sehen Sie das ähnlich?

Schempp: Durchaus. Auch alle Kolleginnen und Kollegen, die im Ganztagsbetrieb mitarbeiten, bestätigen dies. Sie verbringen mehr Zeit in der Schule, auch zur Vorbereitung der Aktivitäten und für die Absprache mit den Betreuerinnen und Betreuern. Dennoch sind alle damit zufrieden und sehen auch eine Qualitätsverbesserung ihrer Arbeit.

Online-Redaktion: Welche Angebote machen Sie den Kindern am Nachmittag?

Schempp: Wir bieten von Montag bis Donnerstag Arbeitsgemeinschaften an. Nach dem "Arbeiten und Lernen"-Block gibt es am Nachmittag fünf bis sechs parallele Kurse. Die Kinder entscheiden sich auf ein halbes Jahr verbindlich für eine dieser Arbeitsgemeinschaften. Wir versuchen, das Angebot jeden Tag ausgewogen musisch, sportlich und kreativ zu halten. Zu jedem Schulhalbjahr gibt es neue Kursangebote. Integriert sind dabei außerschulische Partner wie die Jugendmusikschule, Fußballschule und muttersprachliche Kurse.

Online-Redaktion: Durch diese Partner kommt die Lebenswelt in die Schule. Erkunden umgekehrt die Kinder auch ihre Umgebung?

Schempp: Ja, die Schülerinnen und Schüler gehen zum Beispiel ins Seniorenheim, um dort etwas vorzutragen. Wir nehmen auch am "Comenius"-Schulpartnerschaftsprogramm teil und hatten gerade Schüler im Austausch in Griechenland.

Online-Redaktion: In Ihrem Schulprogramm liest man, dass die Witthauschule eine "Erziehung mit einer klaren Werteorientierung" anstrebt. Können Sie erläutern, was Sie darunter verstehen?

Schempp: Wir wollen den Kindern ein Gefühl für Demokratie geben und haben daher ihre Mitgestaltungsmöglichkeiten durch die Einrichtung von Morgenkreis, Klassenrat und Schülerversammlung gestärkt. Die schulischen Abläufe sollen den Kindern transparent und offen vermittelt werden. Im einmal wöchentlich stattfindenden Klassenrat können die Kinder anstehende Probleme besprechen und Vorschläge machen. Themen, die alle betreffen, werden in der Montags veranstalteten Schülerversammlung besprochen.

Online-Redaktion: Was haben Sie baulich mit Hilfe der IZBB-Mittel verändern können?

Schempp: Eigentlich alles. Wir konnten ja einen kompletten Neubau hinstellen, wobei uns die IZBB-Mittel einen größeren Spielraum verschafft haben. Die Zusammenarbeit mit den Architekten war optimal. Unser pädagogisches Konzept der Offenheit und der Transparenz wurde aufgegriffen und hervorragend umgesetzt. Erst jetzt verfügen wir über die räumlichen Voraussetzungen, um diesen Ganztagsbetrieb überhaupt durchführen zu können. Beispielweise wäre es uns vorher nicht möglich gewesen, die eben erwähnte Assembly abhalten zu können. Jetzt geht dies problemlos innerhalb unseres offenen Gebäudes mit Sitztreppen. In diesen offenen Bereichen, in der Bibliothek, den Medienecken, der Holzwerkstatt und dem Musikraum finden die meisten Arbeitsgemeinschaften statt. Das Außengelände ist so angelegt, dass die sportlichen Aktivitäten gefördert werden können. Wir verfügen über ein Hallen- und Freibad und haben ein Biotop angelegt. Da bieten sich viele Möglichkeiten.

Online-Redaktion: Welche Wünsche bleiben noch für das kommende Schuljahr?

Schempp: Unser Problem liegt in der Nachhaltigkeit unseres auf recht hohem Niveau stehenden Angebots. Es wird sich zeigen müssen, ob die Finanzierung so gehalten werden kann. Dies hängt letztlich auch von der dauerhaften Unterstützung der Stadtverwaltung ab.

Ansonsten ist der eingeschlagene Weg ein guter. Das "Haigerlocher Modell", wie wir es nennen, hat im weiten Umkreis große Resonanz erfahren. Seit November 2005 empfange ich fast jede Woche ein bis zwei Besucherabordnungen, die sich Vorschläge und Rezepte für ihre eigenen Bestrebungen abgucken möchten. Viele Eltern wollen ihre Kinder an unsere Schule wechseln lassen, stellen sogar Anträge auf Änderung des Schulbezirks und sorgen dafür, dass - nun ja, "Konkurrenz belebt das Geschäft" - andere Grundschulen auch beginnen, am Nachmittag Angebote zu machen. Die Witthauschule ist schon so etwas wie ein Motor der Aufbruchsstimmung in Richtung Ganztagsschule geworden. Wenn man sich dann die anfängliche Skepsis noch mal vor Augen hält, ist diese Entwicklung bemerkenswert.

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