Jenseits von Rütli oder die Suche nach dem Subjekt

Gibt es ein Jenseits von Rütli, wenn es die Schule nur schafft, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen? Mehr als die Befindlichkeit einer Schule drückt Rütli etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus, in der die Schwächsten unter den Schülerinnen und Schülern zunehmend unter die Räder geraten. Die Online-Redaktion stellt drei Hauptschulen in Berlin vor, die den Kollaps durch Mut und Subjektorientierung rechtzeitig abgewehrt haben. Sie gehören heute zu den anerkannten Reformschulen in Deutschland.

Als die Rütli-Schule im Blitzlichtgewitter und dem Scheinwerferlicht der TV-Kameras Anfang April 2006 förmlich zu verbrennen schien, fiel der ZEIT ein eher unscheinbarer älterer Mann mit Rucksack auf, der "langsam  an dem eisernen Schulzaun" entlang ging (Die ZEIT, Nr. 15, 6. April 2006). "Niemand filmt ihn, niemand befragt ihn, niemand beachtet ihn. Dabei ist er in diesem Moment vielleicht die interessanteste Figur rund um die Schule ", so die Zeit-Redakteure Marian Blasberg und Wolfgang Uchatius.

Siegfried Arnz
Siegfried Arnz: der Feuerwehrmann einer Hauptschule, die wie Phoenix aus der Asche wieder auferstand.

Dieser Mann, Siegfried Arnz, der - folgt man den Eindrücken der ZEIT - einem Feuerwehrmann zunächst mehr zu ähneln scheint als einem Schulleiter, hat dazu beigetragen, dass aus dem Schlimmsten, was es in Schuldingen überhaupt gibt, das Bestmögliche wird, etwas, dass Kindern und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft eine Zukunft verspricht.

Nun sitzt er also in der Berliner Senatsverwaltung, ist ausgerechnet für die Hauptschulen des Stadtstaates verantwortlich und soll es vor allem besser richten. Denn Siegfried Arnz hat eine Geschichte zu erzählen, die ein Happy End hat und die er selbst mitgeschrieben hat. Es ist die Geschichte vom scheinbar unaufhaltsamen Niedergang der Werner-Stephan-Schule und von Phoenix, der aus der Asche aufersteht.

Von der verrufensten Schule Berlins ...

Die Schule, die Arnz zehn Jahre lang leitete, galt vor 30 Jahren als die verrufenste Hauptschule in ganz Berlin. "Auf den Stühlen sitzen junge Männer, 16, 17 Jahre alt. Fast volljährig. Aber sie gehen noch in die 7. Klasse. Weiter sind sie nicht gekommen. Nach der Schule dealen sie mit Drogen, einige gehen auf den Strich. Das ist die Wirklichkeit an einer deutschen Hauptschule - aber nicht im Frühjahr 2006. Es war die Wirklichkeit des Jahres 1978 an der Werner-Stephan-Schule im Bezirk Tempelhof".

Was machen die Ausnahmekönner unter den Hauptschulen so anders, dass sie nicht mit "Rütli", sondern mit den besten Reformschulen in Deutschland in Verbindung gebracht werden? Siegfried Arnz versucht an derselben Stelle in der ZEIT eine Antwort: Auch unter "oft brutalen Bedingungen sei es möglich, an Hauptschulen für ein positives Klima zu sorgen. Es komme nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen, Verantwortung zu übernehmen, eine Gemeinschaft zu schaffen".

Vertrauen und Verantwortungsübernahme - sind das die Indikatoren für Reformschulen? Die Werner-Stephan-Schule wagte 1978 einen spielentscheidenden Pass: Sie übertrug den Schülerinnen und Schülern die Verantwortung für wichtige Dinge des Schulalltags wie zum Beispiel das Schlichten von Konflikten durch gewählte Vertrauensschüler. Später entwickelte sie eine Art Masterplan, der auch das Sitzen bleiben oder die 45-Minutenstunde abschaffte. Nun gibt es an der Werner-Stephan-Schule keine Brutalität mehr und keine groben Regelverstöße.

Eine Reformschule im Brennpunkt Berlins im traditionellen Gewand der Rütli-Schule: die Riesengebirgs-Oberschule in Berlin-Schönefeld.© Riesengebirgs-Oberschule mit freundlicher Genehmigung von Achim Stolle

Hauptschule muss also kein Ort des Versagens sein. Ein Blick auf zwei andere Schulen in Berlin, ihres Zeichens Haupt- und Realschulen in Personalunion, fördert ein ähnliches Bild zutage. Sie heißen Riesengebirgs-Oberschule und Heinrich-von-Stephan-Schule und liegen beide mitten in Berlin, in den so genannten Brennpunktbezirken wohlgemerkt.

...zu Ausnahmekönnern?

Überraschende Parallelen kennzeichnen die Werner-Stephan-Schule und die Heinrich-von-Stephan-Schule nicht nur im Hinblick auf den Namen. Wer heute die Heinrich-von-Stephan-Schule in Berlin-Moabit betritt, kommt zunächst aus dem Staunen nicht mehr heraus. In der Pause sieht man Schülerinnen und Schüler, die gutgelaunt die Mülleimer aus den Klassen tragen. Sie scheinen damit beinahe die Treppen hinunterzuschweben. Andere grüßen ebenso freundlich wie ihre Lehrerinnen und Lehrer, denen man untereinander übrigens keinen Rangunterschied ansieht. Es findet unentwegt und beinahe überall ein Austausch statt: an Vertrauen, Teilhabe, Kompetenzen und an Informationen. Die Schülerinnen und Schüler wirken nicht in sich gekehrt, gefrustet, gleichgültig, sondern zuversichtlich, wie man es bei handlungsfähigen Menschen, die Subjekte sind, auch erwarten kann. Überall, wo man hinschaut, gewinnt man den Eindruck, dass die Schule selbst eine Persönlichkeit ist und kein charakterloser, schäbiger Koloss.

Der gewählte Schulleiter, Jens Großpietsch, erklärt dies so: "Bestimmte Regeln und Verhaltensweisen werden von den Schülern und Lehrern erwartet." Man reibt sich spätestens dann die Augen, wenn Großpietsch hinzufügt, dass vor 30 Jahren wirklich nichts mehr ging: Die Schule sollte geschlossen werden: "Anfang der 1980er Jahre hatten wir Messerstechereien. Die Bild sah, wie heute bei der Rütli-Schule, nur Gewalt und Chaos. Wir hatten fast nur noch zwangsüberwiesene Schüler", so Großpietsch zur Lage seiner Schule in einem Interview mit der taz vom 3. April 2006. Entsprach dieser Supergau einer Schule, die vor lauter Problemstau zu explodieren schien, nicht haargenau dem Weg von Arnz' Werner-Stephan-Schule? Gibt es also ein Jenseits von Rütli, wenn es die Schule nur schafft, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen?

Ist Berlin nur der Anfang?

Achim Stolle, der Schulleiter der Riesengebirgs-Oberschule will den Reformoptimismus etwas dämpfen: "Alle Hauptschulen in Berlin haben ähnliche Probleme wie Rütli, nur nicht in dem Ausmaß. Vieles von dem, was Rütli ausmacht, finden wir auch bei uns vor, obwohl unsere Schule an verschiedenen Modellvorhaben teilnimmt."

Die Kernfrage sei, ob die Gesellschaft die Verantwortung für das übernehme, was nach der Schule kommt. Auch Siegfried Arnz sah in der ZEIT die Hauptschulen am Rande des Kollapses: "Sie werden ja nur von zehn Prozent eines Jahrganges besucht." Hauptschulen sind nicht zuletzt für Jens Großpietsch Restschulen: Berlin fokussiere bloß die Probleme, die sich prinzipiell in allen Ballungsgebieten früher oder später zeigen würden. "Die Probleme werden zeitverzögert nach München oder anderswo in die Großstädte ausgreifen", so Großpietsch.

Wenn es an zu vielen Orten gleichzeitig brennt, dann wirken auch die unscheinbaren Helden der Feuerwehr nur wie Statisten. Dass es so viele Hauptschulen betrifft, führt Großpietsch auf drei zentrale Ursachen zurück: Das vielgliedrige Schulsystem habe große Folgen für das Bewusstsein der Bevölkerung: Niemand wolle aus freien Stücken in der untersten Etage des Bildungssystems verwahrt werden. Zweitens sei der Umgang mit Heterogenität in Deutschland negativ, statt positiv besetzt, sodass viele Lehrerinnen und Lehrer der Meinung seien, dass die falschen Schüler vor ihnen säßen. Und drittens sei das Bewusstsein, dass Erziehung eine gemeinsame Aufgabe von Schule und Elternhaus sei, hierzulande unterentwickelt.

"Es ist viel einfacher auf den Fidschiinseln zu unterrichten als in einer Hauptschule", sagt Großpietsch. In der Regel kommen die Lehrerinnen und Lehrer nämlich aus der Mittel- und Oberschicht. Ihr Denken und Fühlen sei überhaupt nicht auf die Lebensprobleme der Hauptschüler eingestellt.

Jenseits der Hauptschule

"Die Hauptschule gehört doch abgeschafft." Wenn Schulleiter, wie Arnz, Großpietsch oder Stolle einmütig mit solchen Bekenntnissen einer Schulform den Marsch blasen, für die sie über Jahrzehnte ihren Kopf hingehalten haben, dann spätestens sollte die Gesellschaft aufmerken und sich auf eine nachhaltige Debatte darüber einlassen, wohin die ungeliebten Hauptschulen rund zehn Prozent der Schülerschaft führen: aufs Abstellgleis, wohin kein Kind gehören darf.

Schon aus Rücksicht auf die Zukunft der Gesellschaft, die sich nicht zuletzt in den Geburtenraten spiegelt. Das Jahr 2005 verzeichnete die niedrigste Geburtenrate seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei ist hinzuzufügen, dass im Jahr 2010 rund die Hälfte der unter 40-jährigen in den Großstädten einen sogenannten Migrationshintergrund aufweisen werden, in den Hauptschulen werden es sogar zwischen 70 und 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler sein.

Eine Grundhaltung, die die Werner-Stephan-Schule, die Heinrich-von-Stephan-Schule und die Riesengebirgs-Oberschule teilen, ist die Kinder- bzw. Schülerorientierung: "Wie lernen die Schülerinnen und Schüler und wie können sie mehr Verantwortung übernehmen?" lautet für Großpietsch die Kernfrage. Der zweite Teil des Beitrags beleuchtet exemplarisch, wie Subjektorientierung und Partizipation verkrustete Schulstrukturen aufbrechen.

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