Zwischen den Schuljahren: Eckard-Vonholdt-Schule Schwalmstadt

In unserer Sommeraktion 2007 berichten Schulleiterinnen und Schulleiter vom Stand der Dinge in ihren Ganztagsschulen. Im sechsten und letzten Teil geht es ins hessische Schwalmstadt (Schwalm-Eder-Kreis). Schulleiter Joseph Nadenau von der Grundschule Eckhard-Vonholdt-Schule erzählt von Auszubildenden in der Küche, Ruhe-AG und "Kochlöffelbande" und davon, warum Schule zu schön ist, um mittags schon vorbei zu sein.

Rathaus von Schwalmstadt-Treysa

Online-Redaktion: Herr Nadenau, wie sieht das Einzugsgebiet Ihrer Schule aus?

Joseph Nadenau: Schwalmstadt ist eine Kleinstadt im ländlichen Raum. Wir sind hier nicht gerade der Speckgürtel Frankfurts, viele Schülerinnen und Schüler kommen aus bildungsfernen Familien.

Online-Redaktion: Seit wann ist die Eckhard-Vonholt-Schule Ganztagsschule?

Nadenau: Unsere Schule ist eine Schule mit pädagogischer Mittagsbetreuung, es gibt also keinen verpflichtenden Nachmittagsunterricht, sondern nur freiwillige Angebote. Diese bestehen seit dem Schuljahr 2002/2003. Wir gehen allerdings weit über die vom Hessischen Kultusministerium geforderten Basisangebote hinaus: Montags bis donnerstags ist unsere Schule von 7.15 bis 16.00 Uhr geöffnet. Am Freitag ist um 13.00 Uhr Schluss. Für dieses Angebot stehen uns zwei Sozialpädagogen zur Verfügung. Allerdings müssen die Kinder nicht für alle vier Tage angemeldet werden, sondern können auch nur ein bis drei Tage am Nachmittag teilnehmen.

Online-Redaktion: Wie gestaltet die Schule den Beginn um 7.15 Uhr?

Nadenau: Ab 7.10 Uhr ist auf dem Schulhof eine Aufsicht, die die Kinder in Empfang nimmt. Ab 7.30 Uhr sitzt der Klassenlehrer in der Klasse für einen offenen Anfang. Der Unterricht beginnt dann um 7.45 Uhr. Schülerinnen und Schüler, die noch keinen Unterricht in der ersten Stunde haben, können ab 7.15 Uhr in die Betreuung gehen. Wir haben dazu extra Räume eingerichtet, in denen sie sich aufhalten können, bis ihr Unterricht beginnt.

Online-Redaktion: Sie haben für die 270 Kinder offenbar genügend Platz. Wie kommt das?

Nadenau: Ursprünglich war unsere Schule eine Haupt- und Realschule. Deren Fachräume konnten wir in Betreuungsräume umbauen. Daneben ist bereits unter der Leitung meiner Vorgängerin der Schulhof mit IZBB-Mitteln völlig neu gestaltet worden. Als ich 2006 die Schule übernahm, reichten mir die baulichen Veränderungen allerdings nicht aus - ich wünschte mir noch eine Bibliothek, eine Mediothek, einen Turnraum und eine Mensa. Ich habe deshalb neue IZBB-Mittel beantragt, die auch bewilligt worden sind. Ab September können die Umbaumaßnahmen in Angriff genommen werden.

Online-Redaktion: Anscheinend wussten Sie schon bei Ihrem Antritt als Schulleiter recht genau, was eine Ganztagsschule braucht.

Nadenau: Ich war 13 Jahre im Auslandsschuldienst in verschiedenen Ländern tätig. Überall blieben die Schüler über den Mittag hinaus in der Schule. Die Schule als Lebensraum - ich kannte das gar nicht anders. Deshalb bin ich an eine Ganztagsschule gegangen - zumal ich wusste, dass dort Menschen arbeiten, die hinter diesem Konzept stehen. Mittags nach Hause gehen? Dafür ist Schule zu schön!

Online-Redaktion: Wann endet der Vormittagsunterricht?

Nadenau: Der Vormittagsunterricht endet um 12.50 Uhr mit der 6. Stunde. Ein Teil der Kinder geht dann nach Hause, die anderen gehen zum Mittagessen. Für Schülerinnen und Schüler, die nur fünf Unterrichtsstunden haben, gibt es das Mittagessen bereits in der 6. Stunde. Es wird also in zwei Schichten gegessen. Nach dem Mittagessen begeben sie sich zur Hausaufgabenbetreuung in die Betreuungsräume.

Online-Redaktion: Haben Sie im Zeitschema des Vormittags etwas verändert?

Nadenau: Wenn im Förderbereich am Vormittag mit Übungsstunden Defizite behoben werden sollen, arbeiten wir klassen- und jahrgangsübergreifend.

Online-Redaktion: Wer bereitet das Mittagessen zu?

Nadenau: Wir kooperieren mit einem Diakoniezentrum. Dort werden Berufshilfekurse durchgeführt, darunter auch der Kurs "Berufspraxis Koch" oder "Fachhilfen im Gastgewerbe". Die dort beschäftigten jungen Leute kochen in einer Ausbildungsküche. Das nutzt also beiden Seiten: Die Diakonie bildet aus, und wir sind die "Kunden". Vorteile liegen auch im für uns günstigen Preis und für die Diakonie in unserer ständigen Rückmeldung, wie uns das Essen geschmeckt hat. Jeden Mittag bewerten die Lehrkräfte das Essen, und einmal im Monat gibt es eine regelrechte Abstimmungswoche, in der die Schülerinnen und Schüler ihre Meinung kundtun.

Gekocht wird außerhalb, die Speisen werden dann in Wärmebehältern angeliefert und durch die Auszubildenden hier ausgegeben. Drei Gerichte stehen zur Auswahl: Neben dem "normalen" Essen noch ein vegetarisches und eins ohne Schweinefleisch. Dabei gilt es, bestimmte Vorgaben einzuhalten: 40 Prozent der Lebensmittel müssen Bio-Produkte sein und größtenteils aus regionalem Anbau stammen.

Online-Redaktion: Wie liegt das Essen preislich?

Nadenau: Bei 2,70 Euro. Zum Essen gehören auch ein Salat und ein Nachtisch, dazu kommt klein geschnittenes Gemüse wie Möhren und Gurken als finger food auf den Tischen. Ebenso stehen Tee und Wasser immer bereit.

Online-Redaktion: Ist das Essen für die Ganztagsschüler verpflichtend?

Nadenau: Ja, das ist eine ganz bewusste Entscheidung seitens der Schule gewesen, um zu umgehen, dass sich manche Eltern aus der Verantwortung stehlen und ihre Kinder mit einem Euro in die Schule schicken. Wenn wir die Kinder schon den ganzen Tag bei uns haben, wollen wir auch erzieherisch tätig sein - da ist ein gesundes Mittagessen ein Bestandteil. Mit der Bezahlung des Essens haben wir im Übrigen nichts zu tun: Die Eltern geben dem Anbieter eine Einzugsermächtigung.

Online-Redaktion: Was hat es mit dem "Besser Esser"-Pass auf sich?

Nadenau: Im 3. Schuljahr veranstalten wir eine Projektwoche, in der verschiedene Stationen und Werkstätten zum Thema Ernährung und Öko-Landbau von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet werden. Die Kinder besuchen auch einen Bio-Hof und bereiten zum Schluss ein gesundes Essen zu. Wenn man alle Stationen durchlaufen hat, erhält man den "Besser Esser"-Pass. Diese Aktion, die Bestandteil unseres Schulprogramms ist, finanziert sich durch Elternbeiträge und den Förderverein.

Online-Redaktion: Wie viele Kinder besuchen die Ganztagsangebote?

Nadenau: Etwa 150 Schülerinnen und Schüler. Jedes angemeldete Kind erhält einen Pass mit Photo. Auf diese Weise behalten wir die Übersicht, ob alle Schülerinnen und Schüler essen. Ist ein Kind krank, muss es von den Eltern bis 8.30 Uhr im Sekretariat abgemeldet werden. Die Zahl der fehlenden Kinder wird dann an die Küche gefaxt.

Online-Redaktion: Wie organisieren Sie die Hausaufgabenbetreuung?

Nadenau: Vom Staatlichen Schulamt haben wir zur Durchführung des Ganztagsangebots eine zusätzliche Lehrerstelle zugewiesen bekommen. Von den 29 Stunden nutze ich einige für die Hausaufgabenbetreuung am Mittag. Dazu helfen noch Schülerinnen und Schüler des benachbarten Gymnasiums, vor allem Mädchen, die Interesse haben, später selbst Lehrerin zu werden und oft einen guten Draht zu den Kindern haben. Alles in allem sind meistens vier Gymnasiasten und eine Lehrkraft anwesend. Vier Räume stehen für diese Hausaufgabenbetreuung zur Verfügung. Ausreichender Platz ist wichtig: Man braucht eine ruhige, entspannte Atmosphäre.

Online-Redaktion: Manche Eltern verwechseln Hausaufgabenbetreuung mit Nachhilfeunterricht...

Nadenau: Wir haben den Eltern schriftlich mitgeteilt, dass es sich um keine Nachhilfe handelt. Sie können nicht davon ausgehen, dass mit der Betreuung alles erledigt ist. Es wäre ja auch fatal, die Eltern hier aus der Verantwortung zu entlassen - sie wüssten gar nicht mehr, was ihre Kinder in der Schule lernen und wo sie stehen. Deshalb sage ich immer: Ihr müsst euch auch kümmern und überprüfen, ob und was die Kinder gemacht haben!

Online-Redaktion: Was folgt auf die Hausaufgabenbetreuung?

Nadenau: Eine Dreiviertelstunde ist Entspannung mit Lesen und Spielen angesagt. Um 14.30 Uhr beginnen die Arbeitsgemeinschaften. Falls die Eltern ihre Kinder vor 16.00 Uhr abholen möchten, haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits Gelegenheit dazu. Unsere Arbeitsgemeinschaften sind aber gut besucht. Wir bieten sportliche, musische und künstlerische Angebote an.

Online-Redaktion: Wie sind die Arbeitsgemeinschaften zustande gekommen?

Nadenau: Das ist mein Job: Klinken putzen, Ohren aufsperren, Antennen einschalten - und jede Gelegenheit nutzen, um nachzufragen, ob jemand nicht vielleicht könnte oder wollte... Der Aikido-Lehrer ist zum Beispiel ein Kollege, der von der Deutschen Schule im japanischen Kobe kam und den ich angesprochen habe, ob er sich vorstellen könnte, etwas aus dem japanischen Kulturkreis in unsere Schule einzubringen.

Online-Redaktion: Was ist mit Vereinen als Kooperationspartner?

Nadenau: Die Sportvereine der Gegend interessieren sich leider überhaupt nicht für Schulen. Ich setze lieber auf Eltern und Lehrer, die ihr Hobby nutzen. Eine Mutter töpfert, eine andere leitet die "Kochlöffelbande", wo gemeinsam gekocht wird. Im Schwimmbad gegenüber habe ich einen Schwimmmeister angesprochen, ob er eine Schwimm-AG leiten könne. Jetzt macht der zwei. Man muss einfach schauen, welche Möglichkeiten direkt vor dem Schultor liegen.

Online-Redaktion: Wie werden diese Einzelpersonen bezahlt?

Nadenau: Das läuft weitgehend ehrenamtlich. Für Materialaufwand springt der Förderverein ein.

Online-Redaktion: Müssen die Schülerinnen und Schüler in den Arbeitsgemeinschaften kontinuierlich anwesend sein?

Nadenau: Eine AG ist kein Robinson-Club. Die Kinder verpflichten sich für ein halbes Jahr und wer von den Eltern für das Ganztagsangebot angemeldet worden ist, der durchläuft das volle Programm von der Hausaufgabenbetreuung über das Mittagessen, die Freizeit bis zu den Arbeitsgemeinschaften. Wir achten darauf, dass die AGs den Kindern gefallen. Wenn gewisse AGs nicht so toll laufen, ist es meine Aufgabe, den Kollegen zu fragen, ob er demnächst nicht mal etwas Anderes anbieten kann. Die Arbeitsgemeinschaften sind kein Selbstzweck, sondern sollen ja auch etwas bewirken: Mit einem Hörclub oder einer Ruhe-AG erreiche ich etwas. Oder die Aikido-AG: Anfangs sind hier die wildesten Jungs - und nach einem halben Jahr führen sie die strengen Bewegungen konzentriert durch - das sind doch Entwicklungen. Das ist überhaupt das Reizvolle am Nachmittag: Hier erlebt man die Schülerinnen und Schüler ganz anders.

Online-Redaktion: Bekommt das denn auch ihr Kollegium mit?

Nadenau: Ja, natürlich. Durch die Hausaufgabenbetreuung brauche ich nicht die gesamten zusätzlich zugewiesenen 29 Stunden auf, sondern lege sie auf das Lehrerkollegium um. Ein gewisser Anteil meiner Kolleginnen und Kollegen arbeitet auch nachmittags.

Online-Redaktion: Wie sah es mit Widerständen gegen Nachmittagsschichten aus?

Nadenau: Man muss den Stundenplan so gestalten, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht den Eindruck haben, verheizt zu werden. Das kann durchaus passieren, wenn ich jemandem Unterricht von der ersten bis zur sechsten Stunde, Mittagessen- und Hausaufgabenbetreuung und eine Arbeitsgemeinschaft vor die Nase setze. Stattdessen kommt die eine bei Nachmittagsarbeit eben morgens später, oder ein anderer hat eine längere Mittagspause. Natürlich ist es auch bei uns stressig, aber wenn der Schultag herum ist oder das Schuljahr endet, dann weiß man wenigstens, warum man fertig ist. Es ist eine andere Art des Arbeitens.

Eckhard-Vonholdt-Schule
Grundschule mit Vorklasse
270 Schülerinnen und Schüler
19 Lehrerinnen und Lehrer

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