Hertz-Zeit als Kernstück des Ganztagsangebots

Auf Freiwilligkeit bei der Nutzung seines Ganztagsprogramms setzt das Gustav-Hertz-Gymnasium in Leipzig. Kernstück der Angebote ist die Hertz-Zeit an jedem Donnerstagmittag.

Seit 2006 prägen Ganztagsangebote das Schulleben des von 534 Schülerinnen und Schülern besuchten Gymnasiums. Deren Angebote und Ausprägung werden von Dr. Antje Willma und Sybille Pilz koordiniert. Beide sind große Verfechterinnen der selbstständigen und freiwilligen Auswahl und Teilnahme an den Arbeitsgemeinschaften, die sich dem Mittagessen anschließen. Sie werden von außerschulischen Partnern, aber auch Lehrerinnen und Lehrern angeboten. „Es gibt viele Eltern und Schüler, die Ganztagsangebote benötigen und schätzen. Aber es gibt auch jene, die nach Ende des Unterrichts nach Hause wollen, dort ihre Hausaufgaben erledigen und ihre Freizeit losgelöst von schulischen Angeboten gestalten möchten. Wir finden, eine Schule muss den unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung tragen“, sagen sie. Zu den Ganztagsangeboten des Gustav-Hertz-Gymnasiums zählen etwa Kreatives Gestalten, Musical, Chor und Sport ebenso wie Technische AG`s, Schach, Abiturvorbereitung Mathe, Hausaufgabenbetreuung oder Englisch (Cambridge Certificate).

© Thorsten Rickmeyer, Gustav-Hertz-Schule Leipzig

Frei sind zumindest die älteren Jahrgangsstufen auch in ihrer Entscheidung, ob und was sie in der donnerstäglichen Hertz-Zeit, dem Kernstück des Ganztagsangebots dieses Gymnasiums, von 12.45 bis 13.30 Uhr tun. Sie beinhaltet Freizeitmodule, die Spaß machen, wie es die Koordinatorinnen formulieren. Und es gibt Elemente des Förderns und Forderns, in denen Unterrichtsinhalte vertieft werden. Nicht ganz frei sind die Jüngeren. Für die Jahrgangsstufen fünf bis acht ist die Teilnahme an der nach dem Namensgeber der Schule benannten Hertz-Zeit verpflichtend. Sie können „nur“ aussuchen, wofür sie sich anmelden.

Schüler unterrichten Schüler“

Gezwungen wirken weder jüngeren noch die älteren Schüler, denen wir bei der Hertz-Zeit über die Schulter schauen. Im ersten Raum treffen wir Amelie (14) und Fabrice (13). Sie büffeln Französisch. Fabrice möchte unbedingt seine Note in dieser Sprache verbessern. Darum hat er sich dem Programm „Schüler unterrichten Schüler“ angeschlossen. Initiiert wurde das Projekt vom Förderverein der Schule. Das Konzept sieht vor, dass Leistungsstärkere aus den Jahrgängen 9 bis 12 ihre jüngeren Mitschüler unterstützen, an ihren Schwächen zu arbeiten. Pro Stunde erhalten sie dafür vier Euro, die aus Geldern der Sächsischen Jugendstiftung, einem geringen Elternbeitrag und Mitteln des Fördervereins finanziert werden. Der Finanztopf füllt sich unter anderem auch durch das Engagement der Schüler selbst. Sie nehmen seit 2005 am von der Sächsischen Jugendstiftung organisierten „Sozialen Tag“ teil. An ihm arbeiten Schüler in Betrieben in der Region. Der von den Arbeitgebern gezahlte Lohn geht zum einen an soziale Einrichtungen, zum anderen aber auch an den Förderverein, der diese Einnahme zur Finanzierung des Projektes „Schüler unterrichten Schüler“ nutzt.

„Dass die Kinder dabei auch lernen, sich für andere zu engagieren, schätzen wir besonders. Die Förderung der sozialen Kompetenz ist eines unserer größten Anliegen“, heben Dr. Antje Willma und Sybille Pilz hervor. Diese Komponente ihres Engagements ist Amelie mindestens ebenso wichtig wie der kleine finanzielle Anreiz als „Lehrerin“ tätig zu sein. „Warum soll ich anderen nicht helfen, wenn ich etwas gut kann?“, fragt sie und nennt zugleich einen Lerneffekt für sich selbst: „Wenn ich wie hier und heute mit Fabrice etwas bespreche, was ich früher gelernt habe, ist das für mich eine gute Wiederholung und Vertiefung.“ Fabrice freut sich, dass er sich nicht irgendwo eine fremde Nachhilfe suchen muss. Er ist ohnehin überzeugt, dass sich Schüler untereinander erfolgreicher Inhalte erklären können. „Die bringen das oft besser rüber und ältere Schüler können gute Eselsbrücken bauen.“ Während Amelie und Fabrice sich wieder den Französischvokabeln widmen, tagt einen Raum weiter der Schülerrat. Auch er trifft sich jede Woche, plant und organisiert Veranstaltungen. Die Schülerinnen wollen sich engagieren und einmischen. Oder wie Christine sagt: „Wir sind hier, weil wir unsere Schule einfach mitgestalten wollen.“ Während sie und ihre zumeist weiblichen Mitstreiterinnen künftige Aktivitäten erörtern, versammeln sich im eigenen Schülerarbeitszimmer Schulkameradinnen und -kameraden. Sie nutzen die Hertz-Zeit zur Vertiefung von Unterrichtsinhalten.

Architektonische Meisterwerke

Architektur© Thorsten Rickmeyer, Gustav-Hertz-Schule Leipzig

Individualität wird in der von Siegfried Thöner betreuten Gruppe groß geschrieben. „Architekturmodelle“ ist diese Hertz-Zeit überschrieben. Maximal zwölf Schülerinnen und Schüler dürfen mitwirken. Die Nachfrage ist groß. 45 Minuten lang geht es hier äußerst konzentriert und kreativ zu. Architektonische Meisterwerke wie die Oper von Sydney, die Freiheitsstatue oder das Guggenheim-Museum gilt es, aus gestanzten Vordrucken passgenau auszuschneiden und zusammenzufügen. Ein Puzzle der Architektur könnte man es nennen. Catharina (12) hat sich die Oper von Sydney vorgenommen. Seit zwei Jahren belegt sie dafür in der Hertz-Zeit den Kurs von Siegfried Töpfer. „Das ist ganz anders als normaler Unterricht“, sagt sie und man spürt die Begeisterung an der Detailarbeit. Auf die Oper fiel ihre Wahl, weil sie das gesamte Gebäude fasziniert. Basti (11) sitzt eine Reihe weiter und verrät, warum er dabei ist: „Ich will mich zwischendurch einfach einmal handwerklich betätigen.“ Corvin (12) arbeitet am Guggenheim-Museum und kann präzise erklären, worin für ihn der Reiz der Architektur-AG liegt: „Ein Sportangebot zu belegen, wäre für mich sinnlos. Ich spiele ja in meiner Freizeit im Fußballverein. Und vor allem vermisse ich in der Schule ansonsten die Möglichkeit, einmal zu basteln wie wir es in der Grundschule konnten.“ Kunst- und Geschichtslehrer Siegfried Thöner weiß, was den Kindern und Jugendlichen geboten wird: „Sie erhalten Einblicke in Architektur, die wir im Kunstunterricht einer großen Klasse nicht vermitteln können.“ Sybille Pilz ergänzt: „Und jeder sucht sich Sachen raus, die er gestalten will und bestimmt das Tempo selbst. Er hat ja Zeit.“

Die Förderung von Lebenskompetenzen

Während man in der Architektur-Zeit Mädchen und Jungen gemischt antrifft, stoßen wir wenige Räume weiter auf eine reine Mädchengruppe. Sie haben sich für die Teilnahme am Programm „FREE YOUR MIND“ entschieden. Das Schülermultiplikatorenprojekt hat das Ziel, suchtpräventiv an Leipziger Schulen wirksam zu werden. In seinem Mittelpunkt stehen aber nicht ausschließlich Drogen, sondern auch die Förderung der Lebenskompetenzen. Jugendlichen werden vor allem Kommunikationsfertigkeiten, Umgang mit unangenehmen Gefühlen und Entspannungsmöglichkeiten vermittelt. Ziel ist nicht nur die Stärkung der eigenen Kompetenzen. Vielmehr sollen die Schülerinnen und Schüler fit gemacht werden, um als Multiplikatoren gegenüber Mitschülern zu agieren. „Mit dieser Form der Peer-Education haben wir schon häufig erfolgreich Konflikte in der Schule lösen können“, sagt Sybille Pilz.

Geleitet wird der Kurs von Carmen Hildebrand-Kusari. Sie unterrichtet Mathematik. Auf das Projekt stieß sie, als sie sich selbst auf der Suche nach Unterstützung befand. „Als Klassenlehrerin kommt man manchmal an seine Grenzen und weiß mit Situationen schwer umzugehen“, berichtet sie. In ihrem Fall war es eine magersüchtige Schülerin. Carmen Hildebrand-Kusari belegte selbst eine Fortbildung. Dabei wurde ihr bewusst, dass durch ein Programm wie „FREE YOUR MIND“ ausgebildete Schülerinnen und Schüler sie und die Schule bei Problemlösungen bestens unterstützen können.

Dass es in diesem Schuljahr ausschließlich Mädchen sind, die sich für diese Hertz-Angebot entschieden haben, hält die Pädagogin eher für Zufall. In ihrer regulären Klasse überwiegt der weibliche Anteil. Luisa (16) ist eine von ihnen. Schon zum fünften Mal ist sie dabei und weiß, wie sehr sie persönlich von dieser Ausbildung profitiert hat. Zuletzt standen Präsentationsformen auf dem Übungsprogramm. Jedes Gruppenmitglied stellte sich den anderen vor, wurde dabei gefilmt und erhielt von der Runde sein persönliches Feedback. Luisa hat davon viel mitgenommen: „Ich spreche jetzt lauter und bin selbstbewusster.“ Das Engagement für die anderen, das Weitergeben der Erfahrungen und das Helfen in kritischen Phasen sind ihr mindestens ebenso wichtig. Gemeinsam mit der Gruppe fuhr sie in der Freizeit – an Wochenenden – weg. Es wurde eine Entspannungs-CD für Schüler gestaltet und ein Buch mit dem für die Atmosphäre dieser Schule typischen Titel verfasst: „Mitmachen statt rumsitzen“.

Chinesische Sprache und Kultur© Thorsten Rickmeyer, Gustav-Hertz-Schule Leipzig

Die Mehrzahl der an dieser Schule versammelten Gymnasiasten hat das bereits verinnerlicht und auch jene, die der verpflichtenden Teilnahme an der Hertz-Zeit entwachsen sind, nutzen eines der 30 von Lehrkräften betreuten Angebote. Zu ihnen zählen auch Russisch für Anfänger, zahlreiche Sportarten, Gesellschaftsspiele, Filmprojekte, Sprachen, Kochkurse und Geocoaching. Und getragen wird alles vom Leitbild der Schule: Gemeinsam Lernen und Schule gestalten, mit Achtung und Verantwortung handeln, erlebend reifen, so arbeiten wir an der Zukunft.

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