Ganztagsschulen müssen Partizipation befördern

Was heißt Partizipation und welchen Beitrag leistet sie zum Demokratieverständnis? www.ganztagsschulen.org sprach mit Ketie Saner (SV Bildungswerk) und Vincent Steinl (Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.).

Online-Redaktion: Was hat Sie, Herr Steinl, als Schüler, und Sie, Frau Saner, als Schülerin motiviert, sich in der Schule zu engagieren?

Vincent Steinl: Ich wollte einen Beitrag dazu leisten, dass meine Schule zu einem Ort wird, den alle gerne besuchen, den Schülerinnen und Schüler mitgestalten. Und dabei habe ich schnell festgestellt, dass ich für mich persönlich selbst sehr viel mehr lerne, wenn ich beispielsweise ein Seminar für die Schülerinnen und Schüler organisiere, als wenn ich im Unterricht sitze. Und vielleicht darf man es ja gar nicht sagen, aber ich habe mich über jede Freistunde gefreut, die ich mir nehmen konnte, wenn ich mich für Schülerbelange engagierte.

Porträt Ketie Saner

Ketie Saner: Es gab viele Sachen, die mir speziell in meiner Schule, aber insgesamt auch am deutschen Bildungssystem, nicht zusagten. Ich wollte etwas ändern. An meiner Schule etwa war das Gebäude in schlechtem Zustand, es gab alte Tische, miese Toiletten. Leider aber waren Schülerbeteilung und Ideen von uns, wie man die Situation verbessern könnte, nicht wirklich gefragt. So konnte ich nicht viel bewirken. Insgesamt am Bildungssystem kritisiere ich den großen Druck auf Schülerinnen und Schüler, etwa durch Noten. Dadurch lernt man nicht, was man möchte, sondern nur auf die Klausur hin. Den Stoff kann man dann, hat ihn nächste Woche aber wieder vergessen. Man lernt nicht nachhaltig. Die Motivation ist nicht, weil man lernen möchte, sondern, weil man eine Note bekommt. Ich engagiere mich jetzt im SV Bildungswerk auch, um möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu ermuntern, sich einzumischen.

Online-Redaktion: An welchen Entscheidungen sollten denn Schülerinnen und Schüler beteiligt werden?

Steinl: Bislang wird Partizipation allzu häufig auf das Mitwirken in den üblichen Gremien wie Schulkonferenz oder Schülervertretung reduziert. Meine Vision ist, dass solche Gremien gar nicht mehr erforderlich sind, wenn die Partizipation schon bei jedem Einzelnen und in jeder Klasse beginnt.

Saner: An allen Entscheidungen, die sie betreffen. Angefangen bei der Frage, was man lernen möchte. Sie sollten gefragt werden, in was für einem Raum sie lernen wollen, wie das Gebäude aussehen sollte und wie gelernt wird.

Online-Redaktion: Noch einmal nachgehakt bei Vincent Steinl: Wie soll Schule ohne solche Gremien konkret gestaltet werden können?

Steinl: Die Schule ist so ein kleiner Raum, da braucht man eigentlich keine Repräsentationsdemokratie. Ich bin überzeugt, dass eine gelebte Demokratie auf allen Ebenen wirksamer ist als derlei Gremien. Es geht um Feedback-Kultur, Raum für Deliberation und für Konfliktlösung, die Möglichkeit zur Verantwortungsübernahme usw. Noch sind diese Gremien wichtig, weil dort zumindest in einem kleinen Kreis Schülerideen diskutiert werden können. Aber nach und nach setzt sich an vielen Schulen das Bewusstsein für Partizipation durch.

Online-Redaktion: Plädieren Sie dafür, dass Schülerinnen und Schüler schon in die Gestaltung des Unterrichts eingebunden werden?

Porträt Vincent Steinl

Steinl: Ja sicher. Unterricht ist schließlich das Kerngeschäft von Schule. Wobei ich, offen gesagt, das Wort Unterricht am liebsten durch Lernen ersetzen würde. Der Begriff Lernen betont das eigenständige Aneignen von Kompetenzen und Wissen. Da sollten diejenigen, um die es geht, mehr Einfluss haben. Es ist doch lernpsychologisch klar: Lernen ist ein aktiver Prozess. Heute geht im Unterricht noch zuviel an den Schülerinnen und Schülern vorbei. Es bedarf einer Umstrukturierung hin zu stärkerer Individualisierung. Eigentlich sollte ein Klassenrat selbstverständlich sein, der sich mit den Belangen der Schülerinnen und Schüler beschäftigt und gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern auch das „Wie“ des Lernens abstimmt.
 
Saner: Auf jeden Fall. Aber das ist in unserem jetzigen System schwer. Vieles ist durch den Lehrplan vorgegeben. Aber es gibt einen Spielraum, zum Beispiel bei der Unterrichtsgestaltung. Bei uns war das oft noch Frontalunterricht. Das kam bei uns nicht an. Und auch für die Lehrer kann es doch nicht spannend sein, fünf mal 45 Minuten zu erzählen, und keiner hört wirklich zu. Spannender wären auch für Schülerinnen und Schüler, wie auch für Lehrerinnen und Lehrer, andere Lernmethoden, die dann eben auch Methoden sind, bei denen man als Lernende etwas selbst machen kann. Wobei es für eine Methodenvielfalt natürlich auch Phasen des Zuhörens geben kann.

Online-Redaktion: Woran scheitert Schüler-Partizipation bislang?

Steinl: Wie schon erwähnt, bin ich überzeugt, dass es viele gute Ansätze gibt. Da wo Beteiligung gelingt, liegt es oft an starken Erwachsenen, die Schule und Unterricht beteiligungsorientiert gestalten. Beteiligung muss gelernt sein. Oft haben Lehrerinnen und Lehrer Angst, dass Räume, die sie öffnen, von den Schülerinnen und Schülern ausgenutzt werden. Mitunter höre ich auch das Argument, dass Schülerinnen und Schüler gar keine Lust hätten, sich zu engagieren. Das stimmt manchmal sogar, und dennoch halte ich es für eine Ausrede. In dem ersten Kapitel der Schulgesetze der Länder steht, dass Schule die Aufgabe hat, zur Demokratie zu erziehen. Wenn das aber der Auftrag ist, sind Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet, Demokratie zu ermöglichen. Ich halte es für ganz wichtig, dass junge Menschen lernen, sich zuzuhören, die Meinung der anderen zu akzeptieren, sich auseinanderzusetzen und eine gemeinsame Entscheidung zu finden und zu tragen.

Saner: Ich glaube, Partizipation scheitert an vielen Dingen. In vielen Fällen aber an Lehrerinnen und Lehrern und oft auch Schulleitungen, die nicht bereit sind, darauf einzugehen und bereit sind, andere Meinungen zu akzeptieren und neue, vielleicht auch ungewöhnliche Dinge, die von Schülerinnen und Schüler kommen, aufzunehmen. Außerdem wird  Partizipation in den Schulgesetzen kein hoher Stellenwert beigemessen. Sie ist, wie Vincent schon gesagt hat, meist nur in ein paar Gremien vorgesehen, in denen die Schülerinnen und Schüler nur durch einige wenige vertreten werden. Wirkliche Schülermitwirkung müsste schon in jeder Klasse beginnen und müsste einen höheren Stellenwert im Bewusstsein der Lehrkräfte und der Schulleitungen bekommen.

Online-Redaktion: Haben Ganztagsschulen eine besondere Chance, Partizipation zu verwirklichen und zur Demokratie zu erziehen?

Schüler beim Ganztagsschulkongress

Steinl: Ganztagsschulen haben auf jeden Fall eine besondere Verpflichtung, die Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung des Lernens und des Lebens an der Schule zu beteiligen, denn immerhin verbringen diese in einer Ganztagsschule noch mehr Lebenszeit  als in einer Halbtagsschule. Aber ich bin mir sicher, dass an einer Ganztagsschule die zusätzlichen Zeiten und die damit einhergehende Schulentwicklung Partizipation befördern können.

Saner: Dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit in der Schule verbringen, wird es umso wichtiger, dass sie sich auch an der Gestaltung des Schullebens beteiligen können. Durch den Ganztag wird es für Schulen aber auch einfacher, Zeiträume zu finden, in denen Partizipation und Demokratie erfahrbar werden – wie zum Beispiel in einem Klassenrat.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat Partizipation für das Demokratieverständnis von Jugendlichen?

Steinl: Wenn ich als junger Mensch erfahre, dass Einmischung und meine Meinung gefragt sind, wenn ich merke, dass ich etwas verändern kann, dann stärkt das meine Bereitschaft, mich demokratisch zu verhalten. Ich erinnere mich an ein großes Projekt einer Bremer Schule, in dem sich Schüler im Vorfeld einer Wahl durch unterschiedlichste Aktionen dafür stark gemacht haben, dass jüngere Menschen zur Wahl gingen. Sie hatten Erfolg. Wenn einem etwas nahe geht, geht man auch zur Wahl. Schule hat den Auftrag, die demokratische Handlungskompetenz des Einzelnen zu fördern und zu stärken. Dafür setzen wir uns als Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) immer wieder ein.

Saner: Insbesondere an der Schule hat Partizipation großen Einfluss auf das Demokratieverständnis. Wenn ich feststelle, dass das, was ich sage, gehört wird und dass ich etwas verändern kann, sind das positive Erfahrungen mit der Demokratie. Langfristig lernt man dadurch, wie demokratische Prozesse ablaufen. Wenn ich das schon in der Schule positiv erfahre, dann habe ich später eine größere Motivation, mich in demokratische Prozesse einzubringen.

Online-Redaktion: Wie gelingt das Miteinander aller an Schule Beteiligten?

Schülerinnen und Schüler diskutieren

Steinl: Da hat sich eine Menge getan. Es ist heute nicht mehr grundsätzlich so, dass die Pädagoginnen und Pädagogen das Mitwirken der Schülerinnen und Schüler als unerhörte Einmischung und diese wiederum „den Lehrer“ grundsätzlich als Gegner betrachten. Da haben die Aktivitäten des SV-Bildungswerks, der DeGeDe, aber auch vieler anderer Institutionen und Projekte einiges bewirkt.

Nach wie vor aber erleben wir täglich in Schulen unterschiedlichste Formen der Beschämung. Da werden Schüler bewusst missachtet, wenn sie aufzeigen. An vielen Schulen gibt es keine Kultur der Leistungsrückmeldung, sondern stattdessen immer noch simple Zensuren – und manchmal noch einen hämischen Kommentar dazu. Auch so etwas ist demokratiefeindlich. Dabei ist es doch toll, was Kinder heute oft aus ihrer Familie und den Kindertagesstätten an demokratischer Erfahrung mit in die Schule bringen: Sie achten sich, lassen sich ausreden, bringen Positionen ein.

Online-Redaktion: Widerspruch. Erfahren heute nicht viele Kinder Grenzenlosigkeit und halten sich nicht an demokratische Spielregeln?

Steinl: Das ist für mich kein Widerspruch. Es stimmt, Kinder müssen heute in unsicheren Zeiten häufig auch ohne klare Werte klarkommen. Hier die entsprechenden Lerngelegenheiten zu schaffen, Werte zu vermitteln, einen Raum zu schaffen, in dem Konflikte ausgetragen und gemeinsame Regeln vereinbart werden, ist aus meiner Sicht die vornehmste Aufgabe der Schulen. Wenn Kinder und Jugendliche erfahren, etwas bewirken zu können, wenn sie Gelegenheit bekommen, Verantwortung zu übernehmen und wenn sie in dem, was sie tun, wahrgenommen werden, werden sie in ihrer demokratischen Persönlichkeit gestärkt.

Saner: Es gibt großartige Schulen in Deutschland, auf die trifft alles Negative, was ich bisher gesagt habe, nicht zu. Aber bei den meisten gelingt das Miteinander von Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler noch nicht. Wenn der Lehrer oder die Lehrerin die Person ist, die mich bewertet, ist es schon schwierig, ein positives Verhältnis aufzubauen. Eine Feedback-Kultur, die weggeht von einer einseitigen Beurteilungs- und Bewertungskultur, hin zu gegenseitigem Austausch und Rückmeldung, würde da sehr viel helfen.

Zur Person:
Vincent Steinl war vor seinem Studium der Techniksoziologie und Architektur Schülersprecher an einem bayerischen Ganztagsgymnasium. Nach der Schulzeit gründete er das Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung e.V. (SV Bildungswerk), das er fünf Jahre aufgebaut und geleitet hat und mit dem er beispielsweise die qualifizierte und selbstbewusste Beteiligung der Schülervertreterinnen und -vertreter am jährlichen Ganztagsschulkongress mit ermöglicht hat. Seit 2008 ist er Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V., wo er sich weiter für die Stärkung von Partizipation an Schulen engagiert.

Ketie Saner hat 2012 an einem Münchner Gymnasium Abitur gemacht. Von 2008 bis 2011 war sie im Münchner Schülerbüro e.V., in der StadtschülerInnenvertretung München und der LandesschülerInnenvereinigung e.V. (LSV) aktiv. Seit 2012 gehört sie dem Vorstand des SV Bildungswerk an.  

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)