Schulgeist der Ganztagsschule: PAGS an!

Die PAGS Külsheim ist ein Haus des Lernens. „Wir haben immer alle Schülerinnen und Schüler erreicht“, resümiert Schulleiter Udo Müller aktuell, aber es gilt für die Gemeinschaftsschule und gebundene Ganztagsschule insgesamt.

Papierflieger
Eine Schulgemeinschaft hält zusammen© PAGS

Es geht ein Papierflieger auf Reisen... Auf der Homepage der Pater-Alois-Grimm-Schule (PAGS) in Külsheim grüßt gefühlt die ganze Schulgemeinschaft in einem 13 Minuten langen Video „ihre“ Schülerinnen und Schüler und schickt einen Papierflieger mit guten Wünschen von einem zum anderen: „Bleibt gesund, ihr seid mit Abstand die besten Kids, wir freuen uns auf euch!“

Der fantasievolle und witzige Film stellt die Gemeinschaft in der baden-württembergischen „Gemeinschaftsschule“ ganz groß heraus. „Wir haben ein wirklich sehr engagiertes Kollegium“, freut sich Schulleiter Udo Müller, „und die Shutdown-Situation zusammen mit den Eltern sehr gut gemeistert.“ Am Anfang habe es noch gehakt – „die Sachen, die funktioniert haben, waren nicht datenschutzkonform, und die, die datenschutzkonform waren, haben nicht funktioniert“ –, aber bereits da hätten die Kolleginnen und Kollegen mit viel Kreativität über diverse Videokonferenz-Plattformen „alle Register gezogen, um mit den Schülern in Kontakt zu bleiben“.

Alle packen im Schulgarten Hortis PAGSis mit an© PAGS

Teilweise haben die Lehrkräfte die Aufgaben als Pakete vor die Haustüren der Familien gelegt und wieder eingesammelt. Das Wesentliche: „Wir haben immer alle Schülerinnen und Schüler erreicht.“ Inzwischen sind einzelne Jahrgänge in geteilten Klassen wieder in der Schule, und ab dem 16. Juni sollen alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 1 bis 10 im wechselnden Wochenrhythmus zurückkehren.

Rund 470 Kinder und Jugendliche besuchen die zwei- bis dreizügige Gemeinschaftsschule im ländlich geprägten Main-Tauber-Kreis an der Grenze zu Bayern, aus dem auch Schülerinnen und Schüler an die PAGS kommen. „Die Kinder und Eltern entscheiden sich ganz bewusst für unser Konzept „Haus des Lernens“ und nehmen dafür auch einen längeren Schulweg auf sich“, berichtet Udo Müller. „In der Sekundarstufe kommen zwei Drittel unserer Schülerinnen und Schüler nicht aus Külsheim.“

Kommune chartert Buslinie für den Ganztag

Fahrradtour
Alpencross der Mountainbike-Gruppe bis zum Gardasee© PAGS

Die Primarstufe ist noch nicht als Ganztagsschule organisiert, erst ab der 5. Klasse lernen die Schülerinnen und Schüler ganztägig. Aber die Stadt hat in der Grundschule ein Betreuungsangebot bis 15.30 Uhr organisiert. Und auch in der Grundschule lernen die Kinder bereits mit Lernplänen verschiedener Niveaustufen, was sich dann nahtlos in der Sekundarstufe fortsetzt. „Da leisten die Grundschullehrerinnen quasi Mehrarbeit, denn im Bildungsplan von Baden-Württemberg wird die Differenzierung mit bis zu drei Niveaustufen nicht ausdrücklich verlangt“, sagt der Schulleiter anerkennend.

Schon vor der Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg 2012/2013 hatten sich die Stadt Külsheim und die Pater-Alois-Grimm-Schule, damals eine Grund-, Haupt- und Werkrealschule, auf den Weg zu einer inklusiven Schule aufgemacht. Im Schuljahr 2009/2010 wurde zunächst in den Klassen 5 und 6 das Modell der Schweizer Lernhäuser eingerichtet. Gestärkt werden sollte das eigenverantwortliche Lernen der Schülerinnen und Schüler.

© PAGS

In Zusammenarbeit mit der Stadt als Schulträger wurden die Räumlichkeiten der Schule verändert. In „Input“-Räumen führen die Lehrkräfte die Unterrichtsinhalte ein, legen die Lernziele fest und überprüfen das Erreichte. Dann entstanden die Lernateliers, das erste im ehemaligen Hallenbad. Bis heute ziert daher – neben Zitaten wie „Zwar weiß ich viel, doch möchte’ ich alles wissen“, „Wissen ist Macht und „Geist ist geil!“ – die Inschrift „Nicht vom Beckenrand springen“ die Wand dieses Lernateliers.

Und die PAGS wurde Ganztagsschule. An vier Wochentagen lernen die Schülerinnen und Schüler seitdem im gebundenen Ganztag bis 15.30 Uhr. Probleme mit den Busfahrtzeiten im ländlichen Raum hat die PAGS nicht. „Wir haben eine tolle Kommune im Rücken, die sogar eine separate Buslinie gechartert hat und finanziert“, erzählt Udo Müller. Im Laufe der Jahre entstanden neue Räumlichkeiten wie die Mensa, neue Klassenräume, neue Nawi- und Technikräume und ein erweiterter Verwaltungsbereich.

Individuelles Lernen in den Lernateliers

In den Lernateliers mit bis zu 80 Arbeitsplätzen mit PC-Ausstattung arbeiten die Schülerinnen und Schüler selbstständig an Aufgaben. „Jede Schülerin und jeder Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 10 hat neben seinem Arbeitsplatz im Klassenraum noch einen weiteren im Lernatelier“, berichtet Schulleiter Müller. „In den Lernateliers ist die Beziehung der Kolleginnen und Kollegen zu den Schülerinnen und Schülern anders, sie sind Lernbegleiter von Lernpartnern. Der respektvolle Umgang ist dabei ganz wichtig, und daher haben wir auch feste Regeln, wie man sich im Lernatelier zu verhalten hat.“

Schulleiter Udo Müller
Schulleiter Udo Müller begrüßt die Erstklässler© PAGS

Die für die differenzierten Aufgabenstellungen entwickelten Materialien sind laut Udo Müller „in einem steten Wandel begriffen“, das heißt, sie werden immer wieder an die Lerngruppen angepasst. In Absprache mit den Lehrerinnen und Lehrern, die hier Lernbegleiterinnen und -begleiter sind, finden die Schülerinnen und Schüler ihre Niveaustufen. Sieht die Lernbegleitung, dass Jugendliche in den letzten Wochen gut gearbeitet haben, ermutigt sie zu einer neuen Niveaustufe. Umgekehrt kann die Lernbegleitung abbremsen, wenn sie wahrnimmt, dass der Schüler überlastet ist. „So kann es zum Beispiel sein, dass ein Kind in der Klasse 6 in Deutsch auf Gymnasialniveau arbeitet und in Mathematik auf Hauptschulniveau oder umgekehrt“, so der Schulleiter.

Für die Lehrkräfte gibt es keine festgelegten Präsenzzeiten an der PAGS. „Wir wissen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen von sich aus unglaublich engagiert sind“, ist Udo Müller überzeugt. „Sie nehmen sich gegenseitig an die Hand, unterstützen neue Kolleginnen und Kollegen und treffen sich auch privat in ihrer Freizeit, um zusammenzuarbeiten.“

„PAGS an, leg los, gib Gas, hab Spaß!“

© PAGS

Ein entscheidender Faktor, der zum Gelingen des Lernens beiträgt, ist für den Schulleiter die Zeit – und damit die Ganztagsschule. „Die Beziehungsebene ist das A und O, und dafür braucht man Zeit. Wir Erwachsene sitzen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern in der Mensa beim Essen. Da finden Gespräche statt, die so im Unterricht nicht stattfinden können. Neben dem Unterricht haben wir eine Fülle von Angeboten im sogenannten TIP-Block – Themen, Interessen und Projekte. Das ist ein bunter Blumenstrauß vom Reiten und Schwimmen über Kochen und Basteln bis zum Hip-Hop.“

Während die eine Hälfte der Klasse gerade in der Individuellen Lernzeit im Lernatelier sitze, besuche die andere Hälfte ein TIP-Angebot, klettere an der Kletterwand, fahre Mountainbike oder werkele im Schulgarten. „Hier finden gruppendynamische Prozesse statt, die unglaublich wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind. Die Schüler übernehmen Verantwortung und setzen eigene Ideen um. Sie lernen hier fürs Leben. Ohne die Ganztagsschule könnten wir unseren Schulgeist nicht erhalten“, ist Udo Müller überzeugt.

Fechten
Fecht-AG in Kooperation mit dem FC Külsheim© PAGS

Das Schulmotto der Pater-Alois-Grimm-Schule lautet: „Pags an, leg los, gib Gas, hab Spaß!“ Wer viel lernt, darf auch mal Pause machen, und in der Mittagszeit hilft dabei „sPAGat“, das „super-Pausen-Aktivitäts-Gestaltungs-animations-team‟. Schülerinnen und Schüler aus den 8. und 9. Klassen haben sich hier zusammengefunden, um jüngeren Mitschülerinnen und Mitschülern ein spielerisches Angebot zu machen – als „Spagat“ vom Vor- in den Nachmittag. In der in die Mensa integrierten Spieliothek sind viele Spiele zum Ausleihen untergebracht, neben Brettspielen auch Spielzeuge für Außenaktivitäten wie Einrad, Futsal oder Diabolo.

An der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen orientieren

Selbstverständlich ist auch das Thema Digitalisierung in den Fokus gerückt. Schulleiter Udo Müller ist sicher, dass hier zukünftig ein Fokus der Schulentwicklung liegen wird. „Wir sind dank der Unterstützung unseres Schulträgers bereits sehr gut ausgestattet. Alle Kolleginnen und Kollegen haben ein Tablet. Alle Räume verfügen über einen Beamer.“ In einigen Lerngruppen wurden bereits E-Books getestet, vielleicht als Nachfolger für das gedruckte Lehrbuch.

Goethe würd's gefallen: Individuelles Lernen im Lernatelier© PAGS

„Wenn künftig auch alle Schülerinnen und Schüler mit Tablets arbeiten, wird das die Kommunikation zwischen den Lehrkräften, Schülern und Eltern erleichtern.“ Die Jahrgänge, die jetzt in die Schule kommen, seien mit digitalen Medien groß geworden, betont der Schulleiter, eine Realität, die man nicht ausblenden könne. Die Schule müsse sich an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen orientieren.

„Es geht nicht mehr allein um Wissen“, ist Udo Müller überzeugt. „Es geht auch um andere Kompetenzen, gerade wenn man sich die Welt in den letzten Jahren anschaut. Die Generation, die jetzt in der Schule ist, muss darauf vorbereitet werden, es anders zu machen als wir Erwachsenen. Wir brauchen Menschen, die kreativ denken, die Verantwortung übernehmen wollen, die die Klimakrise jetzt angehen und die nicht immer die Verantwortung auf die nächste Generation abwälzen.“

Hortus Pagsis – Ort des Lebens, der Ruhe und der Herausforderung

Weidenzaun
Bau des Weidenzauns am Schulgarten© PAGS

Ein Beitrag für Natur und Klima ist der Schulgarten Hortus Pagsis. Im vergangenen Jahr wurde er im bundesweiten Schulwettbewerb zur nachhaltigen Landwirtschaft und Ernährung „Echt kuh-l“ ausgezeichnet. Vor fünf Jahren war das Gelände noch eine Wiese. Dann übernahm jede Klasse einen Teil des Schulgartens. Jede Schülerin und jeder Schüler von Klasse 1 bis 10 war an irgendeiner Stelle im Garten beschäftigt. Eine Gruppe bastelte zum Beispiel den Weidenzaun, eine andere baute einen Backofen im Garten, eine weitere hob den Teich aus. Aus dem Schulgarten wurde ein „ein Ort des Lebens, der Ruhe aber auch der Herausforderung in der Natur“.

Letztes Jahr stellte Lehrer und Mitinitiator Rainer Häffner den Schulgarten auf dem Bundesschulgartenkongress während der Bundesgartenschau in Heilbronn vor. Bei der Gelegenheit erläuterte er dem Publikum das Thema „Schülerinnen und Schüler planen ihren eigenen Schulgarten“. Schulleiter Udo Müller weiß zu schätzen, welche Bedeutung Hortus Pagsis für die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung hat: „Heute ist der Schulgarten ein zusätzliches Klassenzimmer für alle möglichen Fächer, von Religion über Kunst bis zur Mathematik.“

 

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